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Helga Maria Wolf

Kinderpiele #

Wenn das Wetter wieder wärmer wird, freuen sich die Kinder, dass sie im Freien spielen können. Vor 200 Jahren erschienene, illustrierte Bücher zeigen, wie die "Kinder-Belustigungen im Freien" aussahen. Dazu schrieb der Historiker Hubert Kaut: "Seit J. J. Rousseau Ende des 18. Jahrhunderts seinen Ruf 'Zurück zur Natur' verkündet hatte, propagierten auch viele Pädagogen in Wort und Bild für die Kinderwelt das gleiche Ziel. Die Kleidung wurde reformiert und passte sich den neuen Bestrebungen nach viel Aufenthalt im Freien an. Sie wurde von den Fesseln der sklavischen Nachbildung der Erwachsenenmode befreit. Viele Spiele wurden entwickelt, um die neu gewonnene Eroberung der Natur für die Kinder interessanter zu gestalten."

Wenn sich auch diese Bestrebungen an bürgerliche und adelige Familien wandten, so waren doch die Spielgeräte in Stadt und Land ähnlich: Bälle, Kugeln, Puppen, Büchsen, Steckenpferde, Reifen, Bausteine, Kreisel oder Windräder bildete Pieter Bruegel d. Ä. schon 1560 auf seinem "Kinderspielbild" ab. Bei Kraft- und Geschicklichkeitsspielen, wie sie eher Jugendliche pflegten, stand der Wettbewerb im Vordergrund - eine Einübung für das spätere Berufsleben. Rollen aus der Welt der Erwachsenen wurden spielerisch vorweggenommen, wenn sich Buben als Reiter und Soldaten fühlten, während ihre Schwestern Puppen versorgten.

Einfaches Spielzeug konnten die Kinder selbst basteln, wie so genanntes Naturspielzeug aus Tannenzapfen, Kastanien oder Zweigstücken, die in der Phantasie zu Haustieren wurden. Kochlöffel und Tuch genügten zur Herstellung einer "Fetzenpuppe". In Nürnberg lassen sich seit dem 15. Jahrhundert professionelle "Dockenbauer" (Puppenmacher) nachweisen. Spielzeug, das dort Handwerker als Nebenerwerb produzierten, nannte man "Nürnberger Tand". Es kam aus den Werkstätten zünftischer Tischler, Metallgießer, Hafner und Drechsler. 1852 staunte der deutsche Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl über den Katalog eines Großhändlers, der 12.000 Warennummern umfasste: "Bei jeder Nummer war eine kurze Beschreibung der Ware … daß der auswärtige Spielwaren-Krämer … nur die Nummer des Katalogs zu nennen braucht, um gerade das Geschöpf zu erhalten, für das sich die Jugend seines Landstädtchens am meisten interessiert."

Österreich war zunächst auf solche Importe angewiesen. Spezialisierte Geschäfte für Spielwaren gab es kaum. Man kaufte sie bei Wanderhändlern oder auf dem Christkindlmarkt. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann Holzspielzeug aus dem Grödnertal (Südtirol) Bedeutung. Mechanische Drehbänke steigerten die Produktion. Die Hersteller gründeten Niederlassungen und belieferten die Detailhändler nach kolorierten Katalogen. Darin fand man unter anderem "klingende Spielwaren", Räuchermännchen, bemalte Holzware, verschiedene Puppen und ihre Bestandteile. Die Erzeugung erfolgte in arbeitsteiliger (Heim-) arbeit, besonders während des Winters. 1872 gründete der Direktor des Wiener Kunstgewerbemuseums, Rudolf Eitelberger, in Südtirol eine Fachschule für Holzgewerbe, die sich auch auf die Spielzeugherstellung auswirkte.

Neben dem aus Nürnberg und Gröden eingeführten Spielzeug gab es in Wien seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eine eigene Produktion. Drechsler stellten aus Ahornholz Tiere und Puppen her, die sie in Spanschachteln verkauften. In Türnitz (Niederösterreich) bestand um 1830 eine Fabrik von "Drechsler- und sogenannten Nürnberger und Berchtoldsgadner Waren" aus Bein, Horn, Metall und Holz. Ihr Besitzer, Anton Fritz, hatte in der Wiener Innenstadt ein Geschäft mit Schaufenstern, die Groß und Klein mit Interesse betrachteten. Auf dem Gebiet der "Manndlbogen" und Papiertheater war die Firma Trentsensky berühmt. 1825 verlegte sie erstmals das "Große Theater" nach den Entwürfen bekannter Theatermaler. Es bestand aus der Bühne, 44 Dekorationen und Kulissen und rund 100 Bogen mit Figuren und Versatzstücken. Fünf Jahre später folgte das kleinere "Mignontheater" für bestimmte Bühnenwerke, wie "Ali Baba", "Freischütz" oder "Hamlet". Man kaufte die Einzelteile entweder fertig, oder die Kinder konnten sie selbst ausschneiden, aufkleben und dann das Stück aufführen. Hubert Kaut erinnerte sich an den "unnennbaren Zauber" solcher Vorführungen: "Sie gehörten später zu den schönsten Kindheitserinnerungen, die oft über manche Schwierigkeiten des Erwachsenendaseins hinweghalfen."

Wer nicht über ein solches Theater verfügte, half sich mit geselligen Rollenspielen. Auch solche sind schon auf dem Bruegel-Bild zu erkennen, wie das Nachahmen von Taufe, Hochzeit, Prozession, Familie, Kaufmann, Reiterkampf oder König. Bruegel malte fast 80 Kinderspiele. Leopold Schmidt fand in seiner "Volkskunde von Niederösterreich" zahlreiche Ähnlichkeiten. Er beschäftigte sich auch mit Liedern, Reimen und Sprüchen der Kinder, wie Auszählreime und Schnellsprechverse, etwa: "Koa kloans Kind / kann koan kloan Kind / koan Kindskoch kochn". Er verweist darauf, dass Bewegungselemente wie Wiegen, Glockenläuten, Kniereiten, Wasserpumpen etc. an der Entstehung von Kinderreimen maßgeblich beteiligt waren. "Zu vielen derartigen Spielen gehört die Aufteilung auf zwei Rollenträger, es entsteht ein Gesprächsspiel. ... Bei größeren Bewegungsspielen entstehen dann Reigenlieder, die Zeile für Zeile abwechselnd gesungen werden."

"Das rhythmische Element lebt vor allem dort, wo man bei der kindlichen Arbeit zählen muß, etwa bei den Bastlösereimen", führte Schmidt aus. "Wenn man die Rinde vom 'Felberpfeiferl' abklopft, tut man das mit einer bestimmten Anzahl von Schlägen." Das kann nur am Beginn der schönen Jahreszeit durchgeführt werden, so lange die Rinde der Weidenzweige jung ist. Aus Tirol überlieferte Ludwig Hörmann von Hörbach vor mehr als einem Jahrhundert die Herstellung und die dazu gesungenen Lieder. Diese handelten - analog zur Herstellung der Maipfeife - in vielen Strophen von einer Katze, der man den Balg abzieht. "Zuerst macht man in das abgeschnittene Stämmchen, das womöglich ohne 'Augen' sein soll, in der Länge der Pfeife zwei Ringe und schält außerhalb dieser Ringe die Rinde ab. Dann dreht man das Messer um, fasst es mit Daumen und Zeigefinger an der Klinge und klopft mit dem flachen Messerrücken das stehengebliebene Stück Rinde auf dem Knie so lange ab, bis es sich vom Holz löst." Danach schnitt man Löcher ein, wodurch beim Hineinblasen Töne entstanden. Der Brauch war fast vergessen, jetzt bemüht man sich in der Wachauer Gemeinde Lengenfeld (Niederösterreich) um seine Revitalisierung. Eltern haben angeregt, eine Bastelstunde der Volksschule im Freien abzuhalten, wo ältere Männer ihnen und den Kindern zeigen, wie man Felberpfeiferl schnitzt.

Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2015