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Stegreifspiel#

Stegreif (ahd. Stegareif, mhd. Stegereif) war die Bezeichnung für eine Art Steigbügel, die vom Sattel herabhängende Riemenschlinge (Reif - Strick) zum raschen Aufsteigen des Reiters. Im 17. Jahrhundert entstand die Formulierung "aus dem Stegreif" für rasch entschlossene Handlungen. Spontanes Agieren ist beim improvisierten Schauspiel Grundlage, deshalb der Name Stegreifspiel für das "Spiel ohne gelernten Text und szenische Erprobung".

  Schon in der griechischen Antike gab es Stegreifkomödianten. Die Phylaken ("Schwätzer") als gewerbsmäßige Spaßmacher traten in burlesken Kostümen und mit karikierenden Masken auf. Die Römer nannten ihre Clowntruppen "Mimus". Atellanenspiele erinnerten an das Städtchen Atella, dessen Einwohner als einfältig galten. Sie gaben Anlass zu witzigen Geschichten und Schauspielen. Im 16. und 17. Jahrhundert reisten Truppen der italienischen Commedia dell' Arte durch die Lande. Sechs bis zwölf Personen bildeten das Ensemble der Stegreifstücke mit feststehenden Typen: Liebespaar (Isabella und Florindo) - Diener Arlecchino (Harlekin) mit schwarzer Maske und Flickenkostüm - Pedrolino (Pierrot) - Bauern (Brighella und Truffaldino) - Pantalone, ein komischer Alter in türkischer Kleidung - Dottore (Arzt) als Parodie der Wissenschaftler - Lügner Capitano (Kapitän) - Pulcinella und seine Dienerin Columbina. 

Im Wiener Biedermeier erschienen Hanswurst, Kasperl, Staberl und Thaddädl in Parodien bekannter Theaterstücke. Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg gab es in Wien 30 Stegreifbühnen. Sie spielten fast jedes Genre: Mittwochs und samstags Lustspiele, sonntags Singspiele, donnerstags Operetten. Die Schauspieler verkörperten jeweils einen bestimmten Typus, wobei der Liebhaber am populärsten war. Die Darsteller mussten sich selbst um Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme kümmern. In den Programmen traten Clowns, Akrobaten und Zauberer auf. 

Die Tschaunerbühne in Wien 16, Maroltingergasse 41, existiert seit 1909. Fast ein halbes Jahrhundert war Karoline Janousek-Tschauner (1919-1991) die Prinzipalin. Das Zirkuskind trat schon als kleines Mädchen auf. Ihre Großmutter bestimmte sie zur Nachfolgerin der Stegreifbühne, die in Ottakring in der Kendlerstraße, Ganglbauergasse und Maroltingergasse bestand. "Die Tschauner" war ein privat geführtes Volkstheaterunternehmen mit großem Risiko, da die Vorführungen im Freien nur bei Schönwetter stattfinden konnten. Das Wetter schadete zudem der Bühnenkonstruktion, und oft gab es mehr Mitwirkende als Zuschauer. 1986 fiel der letzte Vorhang. Das Wiener Volksbildungswerk übernahm das Pawlatschentheater. Nach kompletter Erneuerung spielt nun die "Original Wiener Stegreifbühne" seit 1991. In der Saison 2015 (Juni bis September)gibt es zwei Schwerpunkte, "Stegreif Klassik" bringt "Altbewährtes, Vergessenes und Wiedergefundenes", und "Tschauner reloaded", zeigt sich "jung modern und voller Schwung". Dazu kommen Konzerte, Kabarett und Kinderprogramme. Als Spezialität gilt das Tschauner-Menü "Knackwurst oder Schmalzbrot mit einem Gspritzten oder Bier", das bei den Vorstellungen konsumiert wird.


Quellen:
Pressemappe 1992, Folder 2015
Tschauner