Sternsingen - Austria-Forum : ABC zur Volkskunde Österreichs

Sternsingen#

Sternsingen

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts gingen Schüler und Lehrer mit dem Stern um. Dabei standen sie in Konkurrenz zu den Neujahrsansingern, die ebenfalls auf Heischegang waren und Glück wünschten. Manche Gruppen trugen einen geschnitzten, drehbaren Stern, in dessen Mitte sich das segnende Christkind befand. Ein Innsbrucker Ratsprotokoll gebot 1552: „Das Sternsingen soll man nicht gestatten, dieweil es ein Schmarotzerey.“ Um 1600 war der Brauch im Rheinland bekannt, seit dem frühen 17. Jahrhundert auch in den Niederlanden. Erfahrungsgemäß gerieten rivalisierende Gruppen einander in die Haare. Generelle Verbote kamen erst im Zuge der Aufklärung. Mit der Einführung der allgemeinen Volksschule hatten Schüler und Lehrer den Heischegang nicht mehr nötig, andere Sozialgruppen traten an ihre Stelle. Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) widmete den Dreikönigssingern ein heiteres Epiphaniasgedicht: “Die heilgen drei Könige mit ihrem Stern, die essen und trinken, und zahlen nicht gern ...” Im 19. Jahrhundert waren Bettelgänge weit verbreitet. Wohlhabende Gegenden kannten das Sternsingen nicht. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Revitalisierung. In den dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts berichtete der geistliche Volksbildner Leopold Teufelsbauer (1886-1946), in Niederösterreich bemühten sich "heimatsinnige Priester und Lehrer, diese Sitte wieder aufleben zu lassen." Durchschlagenden Erfolg hatte ein Jahrzehnt später eine städtische Privatinitiative. 1946 ging der Wiener Beamte Franz Pollheimer (1900-1986) mit seinen Kindern für den Wiederaufbau des Stephansdoms und die Renovierung der Piaristenkirche sternsingen. Kostüme, die teilweise noch aus dem Carltheater stammten, fanden sich im Theaterfundus der Piaristen. Die positive Aufnahme ermutigte die Familie, sich über die Nachbarschaft hinaus zu wagen. Die Buben sangen beim Hochamt, das Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955) zelebrierte und waren anschließend seine Gäste im erzbischöflichen Palais. 

Seit 1955 organisiert die katholische Jungschar die Dreikönigsaktion, die inzwischen an sechster Stelle der österreichischen NGOs steht. 2013 erbrachte sie Exakt 15.362.103,17 Euro. 85.000 Kinder tun mit, allein in Wien waren 2013 rund 4500 "Könige" unterwegs. Dabei fiel auf, dass man in der Werbung auf den "Mohr" verzichtete. Das Schwerpunktprojekt war "Bildung gegen Armut" in Äthiopien. Manche Gruppen verzichteten auf die traditionellen Lieder und brachten ihr Anliegen in Reimform vor. Auf dem Informations- und Dankprospekt fand man den Spruch: Ein frohes Herz an vielen Tagen, dass euch and're Menschen Nettes sagen. Gesundheit und Freude am Leben, dazu gehört auch das selbstlose Geben. Gottes Segen und 2013 unter gutem Stern wünschen wir euch von Herzen gern. Caspar, Melchior und Balthasar. Als Motto hat sich das Hilfswerk der katholischen Jungschar "Sternsingen. Wir setzen Zeichen für eine bessere Welt" gewählt. Zum Brauch gehören Besuche bei Prominenten, wie Bundespräsident, Minister und Kardinal.

Inzwischen ist der neue Heischebrauch in vielen Ländern etabliert: Zum 55. Mal waren 2012 rund 500.000 Sternsinger/innen in Deutschland unterwegs. In Südtirol trägt die Katholische Jungschar die Aktion. Seit 1995 organisiert sie die zweitgrößte Kinderorganisation der Slowakei, eRko, dort mit 26.000 Kindern. In der Schweiz und in Liechtenstein führt das Kinder- und Jugendmissionswerk von Missio Schweiz-Liechtenstein das Dreikönigssingen durch. In Tschechien gehen seit dem Jahr 2000 rund 50.000 Freiwillige, vor allem Kinder, sternsingen. Sternsinger/innen sind auch in vielen anderen Ländern unterwegs - allerdings nicht landesweit organisiert. Unter anderem in Belgien, Frankreich, Slowenien, Ungarn und Polen.


Quellen: Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2006. S. 60 f.
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich,. Horn 1981. Bd 2 / S. 179.
Leopold Teufelsbauer: Jahresbrauchtum in Österreich. Wien 1935. S.32
Kinder in der Josefstadt. Wien 2011. S. 57 f.
Helga Maria Wolf: Weihnachten. Kultur & Geschichte. Wien 2005. S. 279 f.
Epiphanias
Informationen der Dreikönigsaktion 2011 und 2012

Bild: Sternsinger der Dreikönigsaktion, Steinakirchen (Niederösterreich) um 2000

« Diese Seite wurde am Donnerstag, 17. September 2009, 16:23 von Wolf Helga Maria erstellt, zuletzt geändert am Mittwoch, 20. März 2013, 16:29 von Wolf Helga Maria (Version 32).
Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Sternsingen
operated by Logo TU Graz

Tagcloud #

Werbung
Das Grazer Stadtportal
Das Internet ist global, die Bedürfnisse der Menschen sind regional

Europäische Rundschau
Die Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte

Andreas-Unterberger.at
Das nicht ganz unpolitische Tagebuch

content company:Styria
Großer österr. Medienkonzern