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Tiroler Fasnacht#

Tiroler_Fasnacht

Die Fasnacht im Tiroler Oberland rotiert. Die langwierigen Vorbereitungen, die den Großteil der männlichen Bewohner beanspruchen, sind nicht jedes Jahr möglich. In Axams rangeln die Wampeler alle zwei Jahre, in Imst tanzen die Schemen jedes vierte, in Nassereith treten die Scheller jedes dritte Jahr auf. Wer die Schleicher in Telfs versäumt, muss fünf Jahre warten. Die auffälligen Maskengestalten zählen zu den Schönperchten. Sie haben in mehreren Gemeinden Nachahmer gefunden. Bezüglich der Ursprungsfrage steht heute fest, dass nicht der geringste kontinuierliche Zusammenhang zwischen Fasnacht und germanisch-heidnischen Kulten hergeleitet werden kann. Vielmehr spielte in der mittelalterlichen Theologie der Narr als Gottesleugner eine Rolle. Ehe die vorösterliche Bußzeit begann, sollten den Gläubigen die Sünden, verkörpert durch verschiedene Narrenfiguren, vor Augen geführt werden.

In Axams steht am unsinnigen Donnerstag (vor dem Faschingsonntag) das Wampelereiten auf dem Programm. Das "von alters her" gepflegte Kampfspiel taucht erstmals 1848 in einem Polizeiprotokoll auf. Nach kriegsbedingter Unterbrechung wird es in dem im westlichen Mittelgebirge über Innsbruck gelegenen Dorf seit 1967 durchgeführt. Zwei Gruppen stehen einander gegenüber: Die Wampeler in roten Hosen und mit Heu ausgestopften weißen Leinenhemden und die Reiter. Die Wampeler - mit einem roten, kurzen Rock über der Hose und einem breiten Ledergürtel sowie mit einem kurzen Holzstock ausgestattet - ziehen in gebückter Haltung durch den Ort. Die „Reiter“ versuchen, die Wampeler umzustoßen und auf den Rücken zu legen, um deren weißes Hemd zu beschmutzen. Der Stock hilft den Wampelern, das Gleichgewicht zu halten und Angriffe abzuwehren. Nach mehreren Runden durch den Ort wird am Abend beim Dorfwirt der beste Wampeler mit dem saubersten Rücken gekürt. Begleitet wird das Axamer Wampelerreiten von sogenannten ‚Banden‘, die während der Fastnacht verkleidet von Gasthaus zu Gasthaus ziehen, um zu musizieren, zu tanzen und Dorfbegebenheiten zu persiflieren. Der Kampf zwischen Wampeler und Reiter erfolgt nach festen Regeln. Beim Angriff darf sich der Reiter nur von hinten nähern. Steht ein Wampeler mit dem Rücken zu einem Haus, einer Wand, einem Zaun oder einem Brunnen, so darf er nicht angegriffen werden. Spätestens an den eigens eingerichteten „Kampfzonen“ treffen die Gegner aber aufeinander. Sieger ist jener Wampler, dem es gelingt, sein weißes Hemd so sauber wie möglich zu halten. Das Axamer Wampelerreiten steht seit 2016 auf der UNESCO Liste des Immateriellen Kulturerbes (Kategorie:Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste).

Alle vier Jahre findet im Axams zusätzlich ein großer Fastnachtsumzug statt, bei dem auch Tuxer, Flitscheler, die Boarischen, der Bojazzl und andere regionale und für Tiroler Fasnächte typische Figuren vertreten sind. Originell ist hierbei der Axamer Bock - ein lebender Ziegenbock. Dieser wird vom sogenannten ‚Goaßer‘ geführt, der einen kuriosen Vorfall aus der Dorfchronik rezitiert. Die ‚Bluatigen‘ treten in unregelmäßigen Abständen unvorhergesehen auf. Burschen in Badehosen beschmieren sich mit Tierblut und behängen sich mit Tiergedärmen, um anschließend brüllend durch das Dorf zu laufen und das Publikum zu erschrecken. Diese Gruppe ist organisatorisch nicht in das Fastnachttreiben eingebunden. In Axams steht am unsinnigen Donnerstag (vor dem Faschingsonntag) das Wampelereiten auf dem Programm. Das "von alters her" gepflegte Kampfspiel taucht erstmals 1848 in einem Polizeiprotokoll auf. Nach kriegsbedingter Unterbrechung wird es in dem im westlichen Mittelgebirge über Innsbruck gelegenen Dorf seit 1967 durchgeführt. Zwei Gruppen stehen einander gegenüber: Die Wampeler in roten Hosen und mit Heu ausgestopften weißen Leinenhemden und die Reiter. Diese kommen aus dem Publikum und müssen die ständig herumtänzelnden Wampeler mit einem Ruck auf den Rücken legen. Die dritte Gruppe des Maskenzugs, die Tuxer, peitscht den Kontrahenten den Weg frei.

Der Imster Fasnacht und dem Schemenlauf ist ein eigenes Museum gewidmet. Das Wort "Schemen" taucht erstmals in einer Klosterhandschrift aus dem 13. Jahrhundert im Sinne von "Gespenst" auf. Im Museum erfährt man, dass der Hofprediger Abraham a Santa Clara (1644-1709) anno 1683 ein Schemenlaufen beobachtete. Dieses läßt sich urkundlich bis 1597 zurückverfolgen. Im 19. Jahrhundert trugen Künstler zur Erhaltung des Umzugs bei. Die Hauptfiguren heißen Roller und Scheller. Die Roller sind jugendliche Masken mit einem Kopfputz aus Spiegeln, Kunstblumen, Flitter und Federn. Ihre Kleidung besteht aus einem weißen, reich verzierten Hemd, schwarzer lederner Kniehose, weißen Handschuhen und einem Gürtel mit 40 Glöckchen. Die Masken der Scheller zeigen Männergesichter mit Schnurrbärten. Sie sind ähnlich gekleidet, tragen aber schwerere Glocken und reicheren Kopfputz. Roller und Scheller tanzen mit bestimmten Schritten und Sprüngen. Weitere traditionelle Figuren der Imster Fasnacht sind Bär und Bärentreiber, Hexen, "Kübelemajen", Mohren- und Engelspritzer, Ruassler, Türken, Vogler, Karrner, Sacknerinnen als Ordnungshüter, Altfranken mit Dreispitz sowie "Laggescheller und –roller", ein altes lächerlich wirkendes Paar, das die Hauptfiguren parodiert. Besonders eindrucksvoll sind sattelschlepper-große Wagen mit der Nachbildung historischer Gebäude und Szenerien, die durch den Ort fahren.

Die MARTHA-Dörfer nördlich von Innsbruck (Mühlau, Arzl, Rum, Thaur und Absam) haben ihren Brauch "Mullen und Matschgern" in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufnehmen lassen - und durch diese gemeinsame Aktivität frühere Konkurrenzhaltungen überwunden. (Ab-)Mullen nennt sich ihre Art der Ehrbezeugung, bei der sich der Brauchträger eine Person aus der Menge aussucht, deren Schulter reibt und sie mit der Hand auf den Rücken schlägt. Matschgern wird vom Wort Maske abgeleitet. Hexen, Melcher, Spiegeltuxer, Zaggler und Zottler bilden die wichtigsten Umzugsgestalten. In Arzl sind die Singesler die Hauptfigur. Sie tragen - wie die Imster Scheller - einen verzierten Kopfschmuck und einen Gürtel mit hell klingenden Glocken ("Singesen") Die dazu gehörende "weibliche" Roller-Figur hat keine Glocken. Weitere Maskengestalten sind die Burstallzurfer (Holzarbeiter), Bären und Bärentreiber. Das Singeslerlaufen in Arzl wurde 1913 erstmals inszeniert. 1957 konstituierte sich ein Fastnachtsverein, der 1983 wieder einen Umzug veranstaltete. In Thaur tragen die Altar- oder Spiegeltuxer zur Zillertaler Tracht eine Larve mit Schnurrbart und einen hohen Kopfputz (Altar), den Spiegel, Federn und Kunstblumen zieren. Rund 400 Mitwirkende zählt dieser Brauch, zu dem auch andere bekannte Faschingswesen wie Reiter, Altweibermühle und spielhafte Szenen gehören.

In Nassereith wurde das Maskentreiben 1740 erstmals erwähnt. Das Nassereither Schellerlaufen ist für seine ausdruckstarken Holzmasken und die farbenfrohen, gestickten Seidengewänder der Figuren im "schönen Zug" bekannt. Rund 300 Männer nehmen aktiv daran teil. Die Hauptmasken nennen sich Scheller, Roller, Kehrer, Spritzer, Sackner, Schnöller und Kübelemaje, dazu kommen Hexen, Karner und aufwändig gestaltete Festwagen. Ein Höhepunkt ist der Auftritt des Bärentreibers, der den Bären zum Purzelbaumschlagen veranlasst. Wilde Bären waren mit ihren Bärentreiber im Mittelalter und der Neuzeit eine Jahrmarktsattraktion. Vermutlich als Nachahmung dieser Wanderartisten kam die Figur des Bären und des Bärentreibers, die auch in höfischen Festzügen erschien, in die Tiroler Fasnacht. Seit 2008 zeigt das "Fasnachtshaus" 450 Holzmasken und bietet umfangreiche Informationen über den Brauch.

In Telfs reichen die schriftlichen Quellen zur Fasnacht bis 1571 zurück. Den Auftakt bildet das Naz-Ausgraben nach dem Dreikönigstag, am Faschingdienstag wird das Symbol wieder begraben. Einer Fülle von Bräuchen - wie Esel einholen, Umzüge der Sonnenträger und wilden Leute, Bäreneinfangen - folgt am Sonntag der Umzug mit zahlreichen Figuren und Wagen. Die Kerngruppe sind die Schleicher mit ihren riesigen Kopfbedeckungen, prächtigen bunten Gewändern, Schellen und Gesichtsmasken. 1894 organisierte der damalige Bürgermeister Josef Pöschl die Telfer Fasnacht neu.

Von den 16 Tiroler Nennungen bei der Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe der Österreichischen UNESCO-Kommission bezieht sich ein Viertel auf die Bräuche zur Faschingszeit. Die Antragsteller betonen, dass es sich "um ein lebendiges Element der Volkskultur, welches fortwährend neu gestaltet wird" handelt: "Die einzelnen AkteurInnen üben den Brauch mit großer Leidenschaft aus und identifizieren sich damit."


Quellen: 
Helga Maria Wolf: Österreichische Feste & Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003. S.40 f .
Ethnologie Innsbruck
Imst
Nassereith
Telfs
Thaur
Tirol 2010
Kulturerbe
Axams

Bild: Die Imster Masken vor ihrem großen Auftritt. Foto: Helga Maria Wolf, 2004