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Volkskunde#

Riehl
W. H. Riehl.
Bild von Franz Hanfstaengel, gemeinfrei. Aus: Wikicommons unter CC

Der Bezeichnung "Volkskunde" begegnet man zuerst 1782 in einem Reisemagazin. 1858 sprach Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) von "Volkskunde als Wissenschaft". Erst Journalist, später Ordinarius für Kulturgeschichte und Statistik, Direktor des bayerischen Nationalmuseums und Generalkonservator, war er methodisch bahnbrechend und machte sich für die Feldforschung stark. Riehl gilt als Vordenker und Begründer der Europäischen Ethnologie/Volkskunde, doch sind seine konservativen und subjektiven Generalisierungen umstritten. Inzwischen ist die wissenschaftliche Disziplin zum Vielnamenfach geworden.

"Volkskunde" ruft verschiedene Assoziationen wach, z. B. romantische, aber auch ideologisch belastete. Die Wissenschaft, die sich vor zwei Jahrhunderten entwickelte, hat daher heute verschiedene Namen, wie empirische Kulturwissenschaft, Kulturanthropologie oder Europäische Ethnologie (EE). Diesen Titel führt auch das Wiener Institut. Von den drei Universitätsinstituten (Graz, Innsbruck, Wien), die in Österreich Volkskunde/EE als akademische Disziplin in Forschung und Lehre repräsentieren, ist das Wiener das jüngste. 1961 unter Richard Wolfram (1901-1995) gegründet, nahm es im Wintersemester 1964/65 den Betrieb auf. Den Interessen des Institutsleiters entsprechend, stand im ersten Jahrzehnt Brauch-, Glaubens- und Tanzforschung im Vordergrund, zusätzlich die Arbeiten am Österreichischen Volkskundeatlas. Die Emeritierung Wolframs erfolgte 1972. Sein Nachfolger, Károly Gaál (1922-2007 - 1975 o. Univ. Prof.), verlagerte die inhaltliche Ausrichtung zu einer "vergleichenden Sach- und Sozialvolkskunde", die sich in ortsmonographischen Forschungen und verstärkter Berücksichtigung wirtschaftshistorischer Faktoren dokumentierte. A. o. Prof. Helmut Paul Fielhauer (1937-1987) beschäftigten gegenwarts- und alltagsorientierte Fragestellungen nach Tübinger Vorbild, die auch in Österreich zu einer Umstrukturierung des Faches führten. Damals übernahm die Volkskunde auch die Oral History-Methode der Historiker. Im Sinne einer "Geschichte von unten" sollten "Zeitzeugen" vom Forscher möglichst unbeeinflusst erzählen, wie sie geschichtliche Ereignisse erlebt hatten. Dies passte gut zur Alltags- und Arbeitergeschichte. Inzwischen sind Zweifel an der Methode aufgetaucht, weil (zu) viel Subjektives in die "Ego-Histoire" einfließt. 1994 -2008 forcierte Konrad Köstlin (* 1940) als Ordinarius die Weiterentwicklung der Fachtradition als vergleichende Kulturwissenschaft in historischer und sozialer Dimension. 2000 erfolgte die Umbenennung in "Institut für Europäische Ethnologie". Seit 2009 steht Brigitta Schmidt-Lauber (* 1965) dem Institut vor. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Stadt- und Regionalforschung, populäre Kulturen, Ethnizität und Migration, Erzähl- und Biographieforschung, Kultur der Emotionen und Geschlechterforschung.

Diese Beispiele zeigen, wie breit das Forschungsfeld des Faches ist. "Bei allen Unterschieden … besteht ein gemeinsames Interesse daran, Kultur in der Vielfalt ihrer Bedeutungen und Praktiken vor dem Horizont europäischer Geschichte und Gesellschaft auszuleuchten und … in globalen Zusammenhängen zu betrachten" , formuliert der Berliner Kulturwissenschafter Wolfgang Kaschuba (* 1950) 2013 erschien die grundlegende Einführung "Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften" des deutschen Ethnologen Dieter Kramer (* 1940). Er schreibt: "EE gehört zu den Kulturwissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten erfolgreich expandierten. … Hervorgegangen ist sie aus der Volkskunde. in Empirie und Theorie beschäftigt sie sich mit Kulturprozessen in den Milieus geschichteter (segmentierter, hierarchisch gegliederter) Gemeinschaften von hoher Komplexität in Vergangenheit und Gegenwart, vor allem in Europa." Der Autor, der die EE als "Kulturwissenschaft des Alltags" würdigt, zeigt, wie das Fach sowohl für die Kulturwissenschaften als auch für die aktuellen Herausforderungen des politischen und kulturellen Lebens wichtige Beiträge leisten kann.

Der traditionelle Kanon

Traditionelles Bild von 'Volkskunde'. Postkarte, 19. Jh. Gemeinfrei
Traditionelles Bild von "Volkskunde". Postkarte, 19. Jh. Gemeinfrei

Bei der Abgrenzung der Forschungsfelder hatte es die alte Volkskunde leichter. Es gab den sogenannten Kanon, der sich - modern gesagt - an den Grundbedürfnissen orientierte. Als der Museumsdirektor Arthur Haberlandt (1889-1964) in den 1950er Jahren sein Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs herausgab, erschien es in zwei Bänden. Der erste (1953) behandelt die materielle Kultur (Sachkultur), der 1959 gedruckte "andere Teil" umfasst u. a. Bräuche, populäre Religiosität, Lieder, Tänze, Erzählungen und Spiele - das vom Autor so genannte "volkstümliche Geisteserbe". Wie damals üblich, lag der Fokus auf ländlichen Traditionen.

* Arbeit, Berufe, Geräte: Weidewesen (Hirten und Halter). Feldwirtschaft, Mohn, Imkerei, Flachs und Hanf, Weinbau, Waldwirtschaft
* Siedlung: Siedlungsformen, Flurform
* Haus und Hof: Typen, Kasten und Stadel, Heizung, Beleuchtung, Küche, Stube, Möbel, Zäune, Garten
* Nahrung: Brei und Brot, festliches Gebäck, Fleisch und Wurst, Speisefolgen, Getränke
* Kleidung: Trachten, Schmuck
* "Volkskunst": Brauchkunst, Textilien, Keramik…
* Gesellschaft: Zechen, Zünfte, Bruderschaften, Schützengesellschaften, Burschenverbände
* Populäre Religiosität ("Volksfrömmigkeit"): magisch, mythisch, kirchlich, Heiligenverehrung, Wallfahrt
* Heilkultur: Bauerndoktoren, Wender, Beschwörung und Segen
* Bräuche: im Jahreslauf, im Lebenslauf
* Erzählungen: Märchen, Sagen, Legenden, Schauspiele, Witze, Rätsel, Sprüche
* Musik: Lieder, Tanz
* Recht: Rechtswahrzeichen und -gebärden, Grenzbegehung

Standardwerke

Bild 'Volkskunde3'

Der langjährige Direktor des österreichischen Museums Leopold Schmidt (1912-1981) schrieb 1935 mit seinem "Aufriss" "Wiener Volkskunde" die erste Stadtethnologie. Er war ein überaus gelehrter und produktiver Forscher und Publizist. Seine 1966 erschienene zweibändige Volkskunde von Niederösterreich ist bis heute eine wertvolle und ernst zu nehmende Quelle geblieben.

Ein Standardwerk der volkskundlichen Lexika ist das 10-bändige Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (HDA) von den Schweizern Eduard Hoffmann-Krayer und Hanns Bächtold-Stäubli 1927–1942 herausgegeben. Die ungeheure Materialfülle - 600.000 Zettel im Stichwortkatalog - macht es zur unerschöpflichen Fundgrube. 1986 wurde es als Reprint aufgelegt, 2006 als CD, Teile sind im Internet abrufbar. Im Vorwort zum Reprint schrieb der Würzburger Ethnologie-Professor Christoph Daxelmüller von der oft verhängnisvollen Breitenwirkung des "popularisierten und manchmal auch verzerrten HDA", meinte aber letztlich: "Wer sorgfältig mit ihm umzugehen weiß, wird es weiterhin mit Gewinn benutzen können."

Etwa gleichzeitig (1936) mit dem HDA erschien das Wörterbuch der deutschen Volkskunde, begründet von Oswald A. Erich und Richard Beitl. Die letzte, 3. Auflage, stammt aus dem Jahr 1974. Obwohl im Vorwort auf die Bearbeitung und neue Stichworte hingewiesen wird, wirkt vieles veraltet. So wird u.a. die heute abgelehnte Grimm'sche Kontinuitätstheorie verteidigt.

An dieser Stelle muss betont werden, dass die Volkskunde sich vielfach in der NS-Ideologie als nützlich erwiesen hat. Manche dieser Meinungen sind noch immer (oder schon wieder) populär, obwohl sich die Wissenschaft längst davon verabschiedet hat. Beim Gebrauch gewisser Vokabel - wie "Volk", "uralt" etc. - ist wegen ihrer geschichtlichen Belastung größte Vorsicht geboten, man sollte sie möglichst vermeiden. Der deutsche Ethnologe Dieter Kramer schreibt: "Verbrannt und unbenutzbar sind alle Verbindungen mit Volk." und: "Die alte 'Volkskunde' bezieht sich auf das 'Volk' der Ständegesellschaft, in der das 'Volk' mit fließenden, aber z.B. in Kleiderordnungen usf. festgeschriebenen Gesetzen unterschieden werden kann von anderen Ständen."

1959-1979 publizierte die Österreichische Akademie der Wissenschaften den Österreichischen Volkskundeatlas. Haus- und gerätekundliche Aspekte, Gehöft und Siedlung, Flur, Tracht, Volkskunst, Nahrung, Brauch, soziale und religiöse Volkskunde und Erzählungen wurden in 177 Verbreitungskarten und acht Kommentarbänden dokumentiert. Mit diesem Werk erlebte die traditionelle, durch einen ländlich-bäuerlich Kulturbegriff geprägte Volkskunde in Österreich einen letzten Höhepunkt.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckte der Tourismus (wieder einmal) die so genannte Volkskultur. Es erschienen viele Bücher mit schönen Bildern, 1983 speziell auf die österreichische Fremdenverkehrswerbung zugeschnitten, Mitfeiern ! Festland Österreich von der späteren Grazer Ordinaria Edith Hörandner (1939-2008, Ord. 1986-2007). Das Buch bietet einen Überblick über die damaligen Schaubräuche in allen Bundesländern. Nach einer Generation zeigt sich, wie vieles inzwischen dazugekommen ist.

In den frühen 1990er sollte Volkskunde in Österreich als Handbuch für Studierende erscheinen. Zielsetzungen waren, auf Theorien, Methoden und die Geschichte des Faches in Österreich einzugehen, den (damaligen) Stand einer zeitgemäßen Kultur- und Gesellschaftswissenschaft zu dokumentieren und die sich wandelnden und erweiterten Forschungsfelder sowie Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Die Arbeiten verzögerten sich, nach 20 Jahren erschien kein Buch (es hätte über 700 Seiten umfasst), sondern eine CD mit dem Untertitel "Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca", hg. vom öst. Fachverband für Volkskunde. Dabei war den Herausgebern klar, "einen bereits selbst zur Fachgeschichte gewordenen Forschungsstand" zu veröffentlichen.