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Helga Maria Wolf

Lieder im Lauf des Jahres#

Lieder, Instrumentalstücke und auch Tänze zählen zu den wichtigsten Brauchelementen. Kein Feiertag im Jahreslauf kommt ohne Musik aus, wobei die Funktionen ebenso vielfältig sind wie die Ausführenden und Inhalte. Oft hat man die selbe Melodie mit geistlichen, profanen, parodistischen oder politischen Texte unterlegt. Andererseits gab es Lieder als Festkalender, wie "Das guldein Fingerlein" des als Mönch von Salzburg bekannten mittelhochdeutschen Liederdichters. Die Anfänge der Strophen ergeben den Namen "Jhesus". Franz Magnus Böhme überliefert in seinem "altdeutschen Liederbuch" einen "Bauernkalender" aus der Zeit um 1520. Die erste der 27 Strophen knüpft an eine bekannte Bauernregel an: "Matheis bricht 's Eis", doch geht es darin nicht nur um Heiligenfeste. Der Verfasser des 1877 erschienenen Liederbuchs meinte, "manche gar zu starke Ausdrücke fortlassen zu müssen". Unter den 660 Liedern, die der deutsche Musikwissenschaftler in dem Werk veröffentlichte, finden sich auch Brauchtumslieder, die Leopold Schmidt in seiner "Volkskunde von Niederösterreich" zitiert.

Das bürgerliche Neujahr fällt in den Weihnachtsfestkreis. So sang man in Thernberg zur Biedermeierzeit "Ein Kind gebor'n zu Bethlehem, des freuet sich Jerusalem", das sich schon um 1320 in einer Prager Handschrift findet und von dem viele Varianten exisiteren. Im St. Oswalder Weihnachtsspiel (Oberösterreich) heißt es, dass dazu "gemessenen Schrittes" ein Reigen um die Krippe getanzt wurde. Böhme übertitelt es "Wiegenlied am Christkrippelein". Das erinnert an die Lieder zum Kindelwiegen (wie "Resonet in laudibus" des Mönchs von Salzburg, 14. Jahrhundert), das als Brauch seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Zum Jahresbeginn passen geistliche wie weltliche Weckrufe ("Wachet auf, ihr Christen") und gesungene Glückwünsche. Schmidt schreibt, dass Angehörige bestimmter Berufe, Burschen oder Mädchen, einzeln oder in Gruppen, solche Wünsche entboten. Als "ältere Form des Liedes" nennt er ein 12-strophiges Heischelied, das junge Weinviertlerinnen dem "Herrn" und der "Frau" darbrachten. Dem "Herrn" sollte das neue Jahr u.a. Hemd, Rock und Schuhe bescheren, der "Frau" außerdem Haube, Wiege "und den bekannten mythischen Tisch mit dem formelhaften Fisch und dem realer gemeinten Glas Wein".

Zugleich mit den Neujahrssängern waren die Sternsinger mit Dreikönigsliedern unterwegs, die sich vom 16. bis ins 20. Jahrhundert kaum verändert haben. In den 1930er-Jahren berichtete der geistliche Volksbildner Leopold Teufelsbauer, in Niederösterreich bemühten sich "heimatsinnige Priester und Lehrer, diese Sitte wieder aufleben zu lassen." Nach einer zunächst privaten Initiative 1946 in Wien, zeichnet seit 1955 die Katholische Jungschar für die Dreikönigsaktion verantwortlich. 2009/10 waren 85.000 Sternsinger/innen in ganz Österreich unterwegs und sammelten Spenden in Höhe von 13,851.060 Euro.

Leopold Schmidt fand in Niederösterreich einige spätbarocke Sebastianslieder. Im benachbarten Burgenland ziehen um den 20. Jänner weiß gekleidete Jugendliche mit Kreuz, Pfeil und Bogen durch Neckenmarkt. Sie singen: "Mit dem Pfeile jämmerlich, schießen tödlich wir auf dich…"

Hingegen stand der Umzugbrauch des Lichtmesssingens im Semmeringgebiet im Zusammenhang mit der Steiermark. Ein Ansingelied aus Pottschach mit 39 Strophen ähnelt den Wünschen der Neujahrslieder. Auch Böhmes Beispiel für einen Lichtmessgesang (Graz, 1602) enthält unterschiedliche Neujahrswünsche für verschiedene Stände, wie Priester, Edellleute, Bauern oder Jungfrauen. Er bemerkt, dass dies Geistliche und Chorknaben beim Einsammeln von Kerzen- und Wachsspenden sangen. Der Dank dafür gipfelt im Wunsch: "Wir wünschen das Glück wohl in das Haus, das Unglück fahr zum Giebel hinaus!"

Der nächste Sing- und Heischetermin war der Fasching, wo Burschen als Faschingnarren verkleidet, durch Niederösterreichs Dörfer zogen. Diesmal waren die Gaben meist Krapfen und Geselchtes. In die gleiche Brauchzeit fiel das Sommer- und Winterspiel. Es erhielt sich in abgelegenen, im 16. Jahrhundert durchwegs protestantischen, Landesteilen bis Mitte des 19. Jahrhunderts als vorbarockes Brauchspielgut.

Die Gegenreformation schuf Fastenlieder für den "kirchlichen Volksbrauch" (Schmidt). Das älteste Flugblatt dieser Art stammt aus Krems, anno 1687. Für die verschiedenen Tage der Karwoche gab es spezielle Lieder, in denen die Betrachtung der Passion im Mittelpunkt stand. Am Abend des Karsamstags wandelt sich die Trauer in Freude, in der Kirche bricht der Osterjubel aus. Das bekannteste Lied der Auferstehungsfeier "Christ ist erstanden" stammt wohl aus dem 12. Jahrhundert. Noch älter ist die Ostersequenz (Victimae paschali laudes), des geistlichen Dichters Wipo (+ um 1050). Sie preist die Auferstehung in einer beeindruckenden Mischung aus Gesang, Lyrik und Schauspiel. Der weltliche Brauch am höchsten kirchlichen Feiertag ist das Eierheischen der Ratscher, die mit liedartigen Sprüchen um ihren Ratscherlohn bitten. Übrigens gab es (im Rheinland) auch das Heischen um ein Pfingst-Ei. Franz M.Böhme überliefert den Text als "Uralter Pfingstreigen" in der Variante "Frau, gib zu Pfingsten uns das Ei, wir schlagen 's in der Pfann entzwei".

Der Mai als wichtigster Frühlingsmonat ist "von verschiedensten Singbräuchen durchwoben": Tanzlieder, Ansingelieder, geistliche Meyen, Gesänge zu Ehren der Muttergottes, des hl. Florian, des hl. Johann Nepomuk, Vierzeiler zum Maibaumumschneiden, Pfingstkönigreigen, Kirchenlieder zur Fronleichnamsprozession, Kinderlieder beim Holzsammeln für das Johannesfeuer…

Für den Sommer berichtet Schmidt von Wallfahrtsliedern, Kirtagsbräuchen und "Schnittergsangln" auf den Kornfeldern. Bei der Weinlese war die Begleitung durch Dorfmusikanten üblich, die bis 1848 von der Grundherrschaft dafür bestellt wurden. Die Weinhüter, welche die reifen Trauben zu bewachen hatten, holten sich mit Hüterliedern ihren Lohn, wie aus Nußdorf an der Traisen berichtet wurde. Als Besonderheit gilt das Gstanzlsingen beim Perchtoldsdorfer Hüterumzug. In der "heilige(n) Martininacht, da wird der Most zu Wein gemacht". Martinslieder sind schon vom Mönch von Salzburg überliefert. "Martein, lieber herre, nu lass uns fröhlich sein…" und im 16. Jahrhundert besang man die Martinigans. Auch die Herbstheiligen Koloman (13. Oktober) und Leopold (15. November) kamen zu musikalischen Ehren. In Eisgarn fand Schmidt ein Kolomanlied. In den 1970er-Jahren berichtete der niederösterreichische Volkskundler Werner Galler vom "offiziellen Brauchtum" des Leopoldisingens sowie Leopoldimusiken, -tänzen und -kränzchen.

Weihnachten ist heute das wahrscheinlich am meisten besungene Fest. Das klassische "Stille Nacht" und ähnliches dringt aus zahllosen Lautsprechern der Konsumtempel, und manche Familien versuchen es auch selbst unter dem Christbaum. Leopold Schmidt schrieb: "Von der Adventzeit an beginnt das vorweihnachtliche und weihnachtliche Singbrauchtum, das … weitgehend von der Barockzeit, von ihren Einführungen und ihrem Liedgut abhängig ist." Dazu zählte er u.a. Dialoge beim Herbergsuchen, weihnachtliche wie populäre Kirchenlieder, Hirten- und Krippenlieder, die man bei der Mette hören konnte. Ein bis ins 19. Jahrhundert besonders bekanntes begann: "O Gott, du Herr der Zeit ! So ist ein Jahr verstrichen…"