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Helga Maria Wolf

Musik#

Eberhard Kummer: Kindlwiegen, Klosterneuburg 2013. Foto: Helga Maria Wolf
Eberhard Kummer: Kindlwiegen, Klosterneuburg 2013. Foto: Helga Maria Wolf

Neurobiologen haben herausgefunden, dass Musik auf doppelte Weise angenehm wirkt. "Sie stimuliert das körpereigene Belohnungssystem durch Ausschüttung von Dopamin und schaltet Strukturen der Angst ab," weiß der deutsche Psychiater Manfred Spitzer. Dies legt nahe, "dass Musik einen deutlichen Beitrag zu unserem geistigen und körperlichen Wohlbefinden leistet".

Niederösterreich "war ein Land, das von Volkslied und Volksmusik geradezu überquoll, in dem man einfach viel und gern sang und musizierte", stellte Leopold Schmidt in seiner "Volkskunde von Niederösterreich" fest. "Das alte Liedgut war in hohem Ausmaß in das Jahres- und Lebensbrauchtum eingeordnet … im dauernden Wandel, nach den wechselnden geschichtlichen Bedingungen." Im höfischen Bereich pflegten die Babenberger - das österreichische Markgrafen- und Herzogsgeschlecht herrschte von 976 bis 1246 – Lieder und Tänze. Bekannt sind Mai- und Sonnwendreigen, doch gab es wohl schon um die erste Jahrtausendwende auch andere "liedverwandte Stücke". Nach dem Tod Herzog Leopold VI. (1176-1230) klagten die Wiener: "Wer singet uns nu vor zu Wienn auf dem chor … Wer singet uns nu raien, wer zieret uns nu die maien ?"

Im volksmusikalischen Bereich haben wir fast keine schriftlichen Quellen, die ersten sind Geißlerlieder (Hugo von Reutlingen, 1349), Lieder vom Kindelwiegen (ab 1350), einzelne Gesänge der Sammlung des "Mönch von Salzburg" sowie die Schilderung eines Bauerntanzes, wobei die Bauern zu ihrem eigenen Gesang tanzten. Daneben gab es Heldensänger, die allein oder zu zweit auftraten und ihre Erzählungen mit Saiteninstrumenten begleiteten. Das in diesem Zusammenhang immer wieder zitierte Nibelungenlied ist aufführungstechnisch schwierig einzuordnen. Sicher gab es neben dem höfischen Vortrag der geschriebenen (gedichteten) Fassung auch Heldensänger, die diesen und andere Sagenstoffe auswendig, oder den Text im Augenblick erfindend, darboten.

Keinesfalls dürfen die Spielleute vergessen werden, die vor Bauern, Kleinbürgern und Handwerkern aufspielten und ihre Lieder sangen, oder als so genannte "bekannte Spielleute" am Hof und im kirchlichen Bereich tätig waren. Interessant ist auch, dass unter den geistlichen und weltlichen Musikdokumenten des Mittelalters der Großteil der Melodien Textunterlegungen hat. Daraus kann man ableiten, wie wichtig das Singen im Mittelalter war. Instrumentale Tanzmusik ist, in wenigen Einzelfällen, erst ab 1400 dokumentiert.

Bis zum 16. Jahrhundert blieben die Quellen spärlich. Das änderte sich durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern (Johannes Gutenberg, Mainz, um 1450). In Niederösterreich richtete der Geistliche Myllius (Müller) 1521 in Schrattenthal eine Druckerei ein. Er verfasste, druckte und verlegte geistliche Gesänge in der Mentalität des Mittelalters. Eine weitere Zäsur brauchte die Reformation (Martin Luther, Wittenberg, 1517). Um 1570 waren mehr als drei Viertel der Bewohner Niederösterreichs evangelisch. Seit den 16. Jahrhundert sind gedruckte Ansingelieder bekannt, mit denen arme Schüler zu Terminen wie Weihnachten, Neujahr und Dreikönig heischen gingen. "Vielfach scheinen derartige Umzugs- und Singbräuche Einführungen der protestantischen Schulmeister gewesen zu sein", schreibt Schmidt. Auch der deutsche Kirchengesang gewann an Bedeutung. Die Ausführung dürfte aber nicht sehr ansprechend gewesen sein. In einem Bericht von 1579 heißt es polemisch, die Kirchenbesucher von St. Veit an der Triesting schrieen und brüllten so entsetzlich, dass den Priester Furcht, Zittern und Entsetzen befiel.

Mit der Ausweisung der evangelischen Prediger und Lehrer durch Kaiser Ferdinand II. (1578-1637) im Jahr 1627 erreichte die Gegenreformation einen Höhepunkt. Alle Meistersingerschulen wurden geschlossen. Neue, katholische Lieder waren gefragt. 1648 erschien das große Gesangbuch "Geistliche Nachtigal der Catholischen Teutschen". Herausgeber, zum Teil auch Dichter und Komponist, war David Gregor Corner (1585-1648), Abt des Benediktinerklosters Göttweig und Rektor der Universität Wien. René Clemencic, der mit seinem Ensemble eine CD mit Corners Weihnachtsliedern aufgenommen hat, schreibt: "Von der Macht und Zauberkraft der guten Musik zutiefst überzeugt, war Corner sicher, die katholischen Christen durch diese Weisen und Worte im rechten Glauben zu stärken und zu erhalten. Für seine Auswahl hat er nahezu alle in seiner Zeit verfügbaren katholischen Gesangbücher verwendet ." Die Wirkung war beträchtlich. Das Medium der Flugblattdrucke, oft generationenlang vom selben Satz hergestellt, erwies sich ebenfalls als breitenwirksam. Leopold Schmidt spricht von einer "Barockisierung des Volksgesanges durch das Flugblattlied."

Auch das weltliche Volkslied des 18. und 19. Jahrhunderts wurde durch Flugblätter verbreitet. Neben sentimentalen Liedern wie "Ich hab' ein kleines Hüttchen nur" beeinflussten Theaterlieder den Volksgesang. "So leb denn wohl, du stilles Haus", aus Ferdinand Raimunds Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (Musik Wenzel Müller, 1828) zählt zu den populärsten "volksbekannten Kunstliedern". Auch das Mundartlied war in der Wiener Spätromantik beliebt. Anerkannte Poeten und Gelegenheitsdichter begannen, sich dem "Volkston" zu nähern. Es war die Zeit der Entdeckung der Alpen, der Alm-, Jäger- und Wildschützenlieder. Zum "Eigenwuchs des Landes" zählt Schmidt u.a. bergbäuerliche Lieder des Südens, Jodlerlieder des Schneeberggebietes, Landlerlieder des Mostviertels, ländliche Parodien und Spottlieder.

Im ausgehenden 18., und mehr noch im 19. Jahrhundert, setzte die städtisch-bürgerliche Volksliedpflege ein, die zu traditionellen Überlieferungen neue Liedarten hinzufügte. 1837 bemerkte der Schriftsteller und Literaturkritiker Ignaz Jeitteles (1783-1843): "Der eigentliche Charakter dieser Volksmelodien wurde meistens von jenen, die sie sammelten, verwischt, weil sie bessern und angeblich veredeln wollten, statt die Töne, wie sie der wandernde Musikant spielte oder die Bauerndirne sang , genau und unverändert niederzuschreiben." "Wie von selbst ergab sich eine vom Städter beabsichtigte Spiegelung des Landlebens in den 'Liedern im Volkston', die der bürgerliche Dichter und Komponist im naturnahen Schwärmen für 'Land und Leute', für die 'Lieder zur Laute' und für den vielerorts entstehenden 'Männerchor' schuf. So begann am Ende des 18. Jahrhunderts eine Produktionswelle volkstümlicher Liedgattungen, die bis in die Gegenwart anhält," schreiben die Musikethnologen Walter Deutsch und Gerlinde Haid, und weiter: "Im Gegensatz zum volkstümlichen Lied, dessen Kennzeichen es ist, größte 'Popularität' zu erreichen, ist das Volkslied regional gebunden und erreicht in den seltensten Fällen eine größere Verbreitung."


Literatur:
René Clemencic: Weihnachts- und Hirtenmusik aus dem alten Österreich (CD, Wien 2001)
Walter Deutsch, Gerlinde Haid, Herbert Zeman: Das Volkslied in Österreich. Wien 1993
Gerhard Kilger (Hg.) Musik als Glück und Nutzen für das Leben (Katalog zur Ausstellung "macht musik") Köln 2005
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich, Horn 1972

Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2012