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Helga Maria Wolf

Wallfahrt: Weg und Ziel#

Kleines Andachtsbild aus Mariazell, gemeinfrei

Seit mehr als einem Jahrtausend bestehen in Niederösterreich Wallfahrtsorte. Die ersten Pilger besuchten die Gräber des hl. Koloman in Melk, des hl. Altmann in Göttweig und des hl. Leopold in Klosterneuburg. Dies entsprach ganz der Tradition, die seit dem 7. Jahrhundert überall im christlichen Europa Wallfahrtsorte zu Reliquien entstehen ließ. Schon zuvor waren die Gräber als heiligmäßig verehrter Personen Ziele hilfesuchender Gläubiger gewesen.

Koloman, ein irischer Pilger, befand sich um die Jahrtausendwende auf dem Weg ins Heilige Land. Bei Stockerau wurde er 1012 wegen seiner fremdländischen Kleidung als Spion verdächtigt, gefoltert und gehängt. Der Kult breitete sich rasch aus, nachdem Markgraf Heinrich I. anno 1014 die Gebeine in das Stift Melk bringen ließ. Koloman war 1244 bis 1663 der Landespatron Österreichs. Altmann (1015-1091) war Bischof von Passau. Im Konflikt zwischen Kirche und Staat um die Rolle der weltlichen Herrscher bei der Amtseinsetzung von Bischöfen und Äbten unterstützte er Papst Gregor VII. bei der Absetzung Kaiser Heinrich IV. Als dieser wieder an die Macht kam, flüchtete Altmann in das 1070 von ihm gegründete Stift Göttweig. Hier wirkte er trotz seiner Absetzung durch den Kaiser bis zum Lebensende als Bischof. Von seinem Grab in Göttweig wurden Gebetserhörungen berichtet. Die berühmteste Grablege ist aber jene des Landespatrons. Der Babenberger Leopold III. (um 1075 - 1136) regierte 1095-1136 als Markgraf und heiratete 1106, in zweiter Ehe, die verwitwete Kaisertochter Agnes (+ 1143). Beide gründeten 1114 in Klosterneuburg ein Säkular-Kanonikerstift, das 1133 die regulierten Augustiner-Chorherren übernahmen. Sie schrieben eine Generation nach dem Tod des Stifters eine Chronik und begannen mit der Ausspeisung armer Leute an seinem Todestag. 1323 gab es ein Verzeichnis mit Gebetserhörungen an seinem Grab. Eine päpstliche Ablassurkunde von 1326 lässt auf häufige Wallfahrten schließen.

Ablasswesen, Reliquien- und Bilderkult waren Hauptkritikpunkte der Protestanten. Sie machten um 1570 in Niederösterreich 75 bis 80 % der Bewohner aus. Dadurch kam das Wallfahrtswesen zum Erliegen. Umso größeren Aufschwung erfuhr es duch die Rekatholisierungsmaßnahmen der Gegenreformation im konfessionellen Zeitalter. Die barocken Frömmigkeitsformen standen, gefördert durch das Kaiserhaus, im Zeichen des bewussten Eintretens für die katholische Kirche. Damals entstanden die bedeutendsten Niederösterreichischen Wallfahrtsorte wie Maria Taferl, Maria Dreieichen oder Mariahilfberg bei Gutenstein. Zusammen mit den wieder belebten zählte das Bundesland damals rund 500 Wallfahrtsziele, zu denen ein- oder mehrtägige Prozessionen führten, 2008 waren rund ein Zehntel davon aktiv. (Liste der Wallfahrtstermine von Franz Groiß in: Denkmalpflege in Niederösterreich, Band 38).

Die Aufstellung neuer Kultgegenstände - wie des Dreifaltigkeitsbildes, das 1614 über dem Zeichenstein in der seit dem Mittelalter besuchten Wallfahrtskirche am Sonntagsberg angebracht wurde -, Ursprungslegenden und Mirakel trugen zur Popularität bei. Die Förderung von Nahwallfahrten lag im Interesse der Landesfürsten. In Niederösterreich machten sie Maria Taferl - nach Mariazell der zweitgrößte Wallfahrtsort Österreichs - zum Landesheiligtum, das auch Mitglieder des Kaiserhauses besuchten.

Den größten Wallfahrtszuzug verzeichneten die Kirchen an den Gedenktagen der Heiligen. Berühmt ist bis heute der "Leopolditag", der 15. November, wo die Männer- und die Ministrantenwallfahrt zahlreiche Teilnehmer nach Klosterneuburg führen. Einige Tage davor, am 6. November, steht der hl. Leonhard im Kalender. Leonhard von Limoges, († 559/620), war ein fränkischer Adeliger, der sich für das Einsiedlerleben entschied. Als Bauernheiliger erfreute er sich vor allem in Bayern und Österreich größter Popularität. Der "bayrische Herrgott" gilt als Löser feindlicher Ketten, wohl wegen des Gleichklangs seines Namens im Französischen (Lienard) mit Lien (Fessel). Aus türkischer Gefangenschaft Gerettete opferten in den Leonhardskirchen ihre Ketten. Manche Gotteshäuser waren mit (Vieh-)Ketten umspannt. Die Schmiede an der Eisenstraße errichteten ihm Kapellen und Bildstöcke. Das Patronat als Pferdeheiliger wurde mit Leonhardiritten, Pferdesegnungen oder Reiterspielen begangen. Die Pfarrkirche in St. Leonhard am Walde im Mostviertel heißt "Fiakerkirche", weil sie seit 1826 Ziel der Wallfahrt der Wiener Fiaker ist. 1908 stifteten sie sogar einen Altar, später fanden sich auch Taxifahrer als Pilger hier ein.

Die Pfarrkirche von Unterolberndorf, einer Katastralgemeinde von Kreuttal im Weinviertel, ist dem hl. Leonhard geweiht. Hier gab es noch in den 1980er- Jahren einen Opfergang mit Wachsvotiven. Univ. Prof. Helmut Fielhauer hat dies 1969 in einem wissenschaftlichen Film dokumentiert. Er zeigt das Geschehen am 6. November und am folgenden Sonntag. Am Leonharditag fanden sich mehrere Pilgergruppen ein. Dem Kreuzträger und einigen Männern folgten etliche älter wirkende Frauen. Der Pfarrer und zwei Ministranten mit Fahnen begrüßten die Angekommenen. Bei der Kirche war ein Tisch aufgebaut, an dem sie weiße, naturfarbene und rote Wachsvotive erwerben konnten. Die Pferde, Rinder, Schweine, Häuser, menschlichen Figuren und Körperteile, wie Herzen oder Beine, waren dazu bestimmt, dass man sie am Altar ablegte. Nach einiger Zeit kamen Buben mit großen Schachteln, holten die Votivgaben und brachten sie wieder zum Verkaufstisch. Die Kirche besitzt eine Leonhardsreliquie in einem Reliquiar, das der Pfarrer den Gläubigen zum Kuss reichte. Danach gingen sie hinter dem Hochaltar in die Kirche zurück. Während sich am eigentlich Festtag der Andrang in Grenzen hielt, war der folgende Leonhardisonntag ein großes Ereignis. Die Pilger kamen mit Autobussen und eigenen Autos, die Blasmusik spielte, mehrere Standl boten Spielzeug, Devotionalien und heiße Würstel an. Für die religiöse Handlung war an der Außenseite der Kirche ein Altar samt Opferstock aufgestellt.Während die Besucher dort beteten und ihre Votivgaben ablegten, kamen standig die Buben mit den Schachterln, damit dem Verkäufer die Ware nicht ausging. Der Pfarrer segnete in der Folge einige aufgestellte Traktoren, Autos und deren Besitzer. Dann predigte er auf einer improvisierten Kanzel im Freien der Menschenmenge.

Im Zuge der Josephinischen Reformen, die schon 1772 unter Maria Theresia begannen, wurden mehrtägige Wallfahrten und Bruderschaften verboten und Kirchen abgerissen, wie die beim Brünnl von Schöngrabern errichtete Wallfahrtskirche. 1778 mit enormem Aufwand fertig gestellt, musste sie schon fünf Jahre später demoliert werden. Während der romantischen Bestrebungen im 19. Jahrhundert, zu deren Galionsfigur der spätere Wiener Landespatron Klemens Maria Hofbauer wurde, kam auch das Wallfahrten wieder zu Ehren.

Eine völlig neue Qualität erreichte es im 20. und 21. Jahrhundert. Nun machen sich viele, vor allem jüngere Menschen, wieder zu Fuß auf den Weg. Ihre Motivation ist nicht nur religiöser Art. Persönliches Erleben - Meditation, Selbsterfahrung, Grenzen spüren - Sport und Gemeinschaft gewinnen an Bedeutung. Touristische Initiativen kommen diesem Trend entgegen. Ein Netz von 17 spirituellen Wanderwegen durchzieht Österreich. In Niederösterreich sind mehrere Etappen des Jakobsweges nach Santiago de Compostela in Spanien, der meistbesuchten Pilgerstätte Europas, als Kulturweg ausgewiesen. Dazu zählen Informationstafeln, Nächtigungsmöglichkeiten, Raststellen und Trinkbrunnen. Doch auch traditionelle Routen werden nach dem Motto "gehen und in sich gehen" neu entdeckt, wie die alte "Via Sacra", die mit den Stationen Heiligenkreuz, Hafnerberg, Lilienfeld, Annaberg, Joachims- und Josefsberg , zur "Magna Mater Austriae" nach Mariazell führt.

Erschienen in "Schaufenster Kulturregion" November 2015