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Wanderhändler, Gottscheer#

Gottscheer

In der Krain (Kranjska), einer Landschaft in Slowenien, befand sich die deutsche Sprachinsel Gottschee (Kočevje). Sie umfasst ein Gebiet von 850 km², zwischen dem Flüsschen Krka im Norden bis zum Grenzfluss Kolpa im Süden (zwischen Slowenien und Kroatien). Die Krain war ein Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie, nach ihr wurden die Gottscheer „Kraner“ (Krainer) genannt. Friedrich III. (1415-1493) verlieh ihnen schon 1469 zur Linderung der Not nach den Türkenkriegen ein Hausierpatent für Vieh, Leinwand und andere Waren. Es wurde bis in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts zwei Dutzend Mal erneuert. Die Bauern zogen im Winter - von Oktober bis zur Zeit der Aussaat - handelnd in die Nachbarländer. 

Um 1612 unternahmen 300 bis 400 Händler „Saumfahrten und Kaufmannschaften“. Bis ins 17. Jahrhundert brachten sie Leinen und Holzwaren wie Löffel, Schüsseln, Teller, Siebe und Schachteln in die damals wichtigen Adriahäfen Buccari (Bakar, Kroatien) und in das 15 km entfernte Fiume (Rijeka). Als Rückfracht nahmen die Gottscheer Salz, Getreide und Südfrüchte mit. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten sie den Südfrüchtehandel fast bis zum Monopol gesteigert. Sie lieferten Olivenöl („Baumöl“) bis an die Moldau und in die Walachei. In Wien profilierten sich einige Familien im 19. Jahrhundert als Großhändler, die Südfrüchte an Wanderhändler weiterverkauften, oder waren Inhaber von Delikatessenläden. 

Um 1900 arbeiteten in Wien 300 Gottscheer als Maronibrater. Bevor der Wanderhandel - durch den Aufschwung moderner Transportmittel - stagnierte, bestand eine umfangreiche Warenliste: Austern, Calamari (Tintenfisch), Datteln, Edelkastanien, Feigen, Granatäpfel, Haselnüsse, Johannesbrot, Kapern, Limonen, Lorbeerblätter, Mandeln, Margaranten (Äpfel), Muscheln, Olivenöl, Pomeranzen (Bitterorangen), Reis, Sardellen, Schildkröten, Wein aus Draga an der kroatischen Riviera, Weinbeeren und Zitronen. Trotz der Modernisierung gaben die Krainer den Hausierhandel nicht auf. Sie verlegten sich auf Klein- und Kurzwaren wie Haarspangen, Kämme und Bänder, die sie im Bauchladen trugen.

Viele gingen als „Ausspieler“ mit bunt verpackten Zuckerwaren und Obst zu den Heurigen. Bei Spielen wie „Grad oder ungrad“ konnte man diese Waren gewinnen. Dabei brauchte der Spieler, der einen kleinen Einsatz leistete, nur zu raten, ob er anschließend eine gerade oder ungerade Zahl aus den Spielmarken ziehen würde. Die Chance stand auf jeden Fall 50:50.


Quellen: 
Karl Markus Gauß - Kurt Kaindl: Die unbekannten Europäer. Salzburg 2002. S. 50 f.
Otto Krammer: Wiener Volkstypen. Wien 1983. S. 23
Othmar Pickl: Die einstige Sprachinsel Gottschee. In: Reininghaus: Wanderhandel in Europa. Dortmund 1993. S. 91-99 f.

Bild: Gottscheer Wanderhändler in Wien. Foto: Otto Schmidt, um 1880