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Helga Maria Wolf

Wandern#

Wienerwald-Wanderer, Anfang 20. Jh. Slg. Wolf
Wienerwald-Wanderer, Anfang 20. Jh. Slg. Wolf

„Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern! Das muss ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein, …“ reimte der deutsche Dichter Wilhelm Müller vor fast 200 Jahren. Franz Schubert vertonte den Text in seinem Liederzyklus „Die schöne Müllerin“.

Die Romantik trügt. Handwerksgesellen bestimmter Zünfte mussten wandern. Die Walz oder Gesellenwanderung war eine Etappe ihres Lebensweges vom Lehrling, über den Gesellen zum Meister. Darauf verweist die letzte Strophe: „Herr Meister und Frau Meisterin, lasst mich in Frieden weiter ziehn…“ Die „Tippelbrüder“ legten weite Strecken, oft quer durch Europa zurück. In der fremden Stadt mussten sie sich nach einem Arbeitsplatz umsehen, fanden sie einen, blieben sie mindestens ein halbes Jahr beim Meister. Gutes Betragen vorausgesetzt, erwarben sie nach einigen Jahren das Recht, ein Meisterstück anzufertigen. Doch auch dieses war keine Garantie, eine eigene Firma eröffnen zu dürfen. Die Niederlassungsrechte waren beschränkt. Die Heirat mit der Witwe oder Tochter eines Meisters bot eine gewisse Chance, zum angesehenen Bürger aufzusteigen. Wandernde Gesellen standen – wie auch andere „Fahrende“, Schausteller usw. – nicht in gutem Ansehen. Auch sonst waren die Zünfte, die vom Mittelalter bis Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden, voller Regeln und Rituale, denen sich die Mitglieder zu beugen hatten. Sie halfen den Gesellen aber auch. Ein Mitglied begleitete den Neuling bei der Stellensuche. Fand sich nichts, erhielt er einen Beitrag zum Weiterziehen. Hatte er seinen Meister gefunden, wurde er mit derben Späßen und Trinkgelagen in die Gemeinschaft der Gesellen aufgenommen. Er legte den Geselleneid auf die Zunftlade ab, in der man seine Dokumente verwahrte. Dazu zählte die „Kundschaft“, ein Arbeitszeugnis auf einem mit der Ortsansicht gezierten Dokument. Ohne diese Urkunde fand er keinen neuen Arbeitsplatz. Die Verhältnisse müssen oft so unerträglich gewesen sein, dass sie Handwerksburschen zum „Entlaufen“ zwangen. Um die Situation der wandernden Gesellen zu verbessern, gründete der gelernte Schuhmacher und spätere Priester Adolph Kolping (1813-1865) Gesellenvereine. Diese boten in eigenen Häusern Quartier, unterstützten die Ausbildung, boten Hilfe im Krankheitsfall und auch Geselligkeit. Kolping wurde 1991 vom Papst selig gesprochen, der Heiligsprechungsprozess dauert noch an.

„Handel und Wandel“ ist mehr als ein Reimpaar. Seit ältesten Zeiten waren Händler und Abenteurer auf den Fernstraßen, wie der Seidenstraße, unterwegs, um Luxusgüter nach Europa zu importieren. Weniger edel waren die Waren, die Wanderhändler in Stadt und Land vertrieben, meist Lebensmittel oder Gegenstände des alltäglichen Bedarfs, aber auch manches, was darüber hinausging. So beklagten die Behörden, dass Wanderhändler Bäuerinnen und Mägden Dinge aufschwatzten, die diese angeblich gar nicht benötigten. Zugleich waren die Hausierer wandernde Nachrichtenagenturen, die Neuigkeiten aus weit entfernten Gegenden in die entlegensten Dörfer brachten. Die Versorgung der Stadt Wien mit Südfrüchten, Haushalts- und Spielwaren lag in vorindustrieller Zeit überwiegend in den Händen der vagierenden Händler. Der Kupferstecher Johann Christian Brand (1722-1795) hat sie in seinen Kaufrufserien verewigt, sogar die Wiener Porzellanmanufaktur erwählte die oft bettelarmen Leute zum Motiv. Die ältesten Privilegien reichen in das 15. Jahrhundert zurück. Sie sollten den Einwohnern wirtschaftlich benachteiligter Gebiete ein bescheidenes Einkommen verschaffen. Dazu zählten die “Krainer“ aus der deutschen Sprachinsel Gotschee (Kocevje) in Slowenien, die Vieh, Leinwand und Südfrüchte verkaufen durften. Seit dem 19. Jahrhundert hatten (Süd-)Tiroler das Privileg, Produkte ihrer Heimarbeit, wie Schnitzereien, Handarbeiten oder Teppiche ambulant zu verteiben. Die niederösterreichischen Vertreter dieser Vertriebswege waren die „Bandlkramer“ und Uhrenhändler aus dem Waldviertel.

Während für die Angehörigen aller dieser Gruppen das Wandern weniger Lust als Last waren (sie beförderten ihre Waren über weite Strecken zu Fuß), entdeckten bürgerliche Kreise im 19. Jahrhundert die Reize der Landschaft für sich. Der bekannteste unter ihnen war wohl der Hofkammerbeamte Joseph Kyselak, der „Skizzen einer Wanderung nebst einer romantisch-pittoresken Darstellung mehrerer Gebirgsgegenden und Eisglätscher“ veröffentlichte, die er 1825 unternommen hatte. Doch verewigte er sich nicht nur literarisch, sondern hinterließ seinen Namenszug auch auf etlichen der besuchten Objekte, am liebsten an schwer zugänglichen Stellen, wie Felswänden. Zwei Jahre vor ihm schrieb der Hofschauspieler Johann Anton Friedrich Reil „Ein Tagebuch für Freunde österreichischer Gegenden“. Reil gilt als einer der Entdecker des Waldviertels. Bald entstand eine Fülle an Reiseliteratur, subjektive Schilderungen, wissenschaftliche Berichte, baedekerartige Aufzählungen. Von besonderer Bedeutung waren die drei Bände „Wiens Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise“, die der Geograph Adolf Schmidl zwischen 1835 und 1839 herausgab. Der Wirtschaftshistoriker Wolfgang Häusler, der Reils Buch nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten neu ediert hat, nennt Schmidls Werk „in seiner Art noch heute nicht überholt“. Er meinte, „dass in der Brust dieser Wanderer zwei Seelen wohnten – der Aufklärer und der Romantiker“. Kritisierte der josephinisch gesinnte Aufklärer die Rückständigkeit der Landeskultur, so schwärmte der Romantiker von den pittoresken Szenerien.

Ein ganz altes Motiv zum Wandern ist die Wallfahrt. Angehöriger aller Völker beschreiten ihre spezifischen „Wege zur Kraft“. In Österreich ist es traditionell die Via Sacra, die von Wien über Niederösterreich zum steirischen Heiligtum Mariazell führt. Bekannte Etappenziele sind Perchtoldsdorf, Maria Enzersdorf, Mödling, Hinterbrühl, Gaaden, Heiligenkreuz, Hafnerberg, Kleinmariazell, Kaumberg, Lilienfeld, Annaberg und Josefsberg. Inzwischen ist Österreich von einem Netz unzähliger Pilger- und spiritueller Wege durchzogen. In den 1980er Jahren wurde der Jakobsweg nach Spanien wieder entdeckt. 2.777 km trennen Wien von Santiago di Compostela. 2011 zählte man dort 180.000 Pilger. Der Europarat erklärte 1987 den Weg zum ersten europäischen Kulturweg. EU, Länder, kirchliche und touristische Institutionen wirken zusammen, um ihn weiter populär zu machen. So führt eine 162 km lange Teilstrecke von Mikulov/Nikolsburg in Tschechien durch das Weinviertel (Drasenhofen, Mistelbach, Großrußbach Stockerau) nach Krems und Mautern an der Donau, wo sich die Anschlussstelle zum österreichischen Jakobsweg entlang der Donau befindet.

Der Grazer Volkskundler und Journalist Wolfgang Wehap widmete 1995 der „Gehkultur“ seine Magisterarbeit. Darin zählt er noch viele Aspekte der Fortbewegung zu Fuß auf, wie Vaganten und Fahrende, Marsch und Protest, Promenieren, Spazieren und Flanieren, moderner Nomadismus. Er beobachtete, dass Fußgänger in der Autogesellschaft an den Rand gedrängt wurden. In der Zwischenzeit hat sich eine Trendwende angebahnt. Mediziner empfehlen Gehen zum Stressabbau. In Städten gibt eigene Fußgängerbeauftragte, allein in Wien werden 28 % aller Wege zu Fuß zurückgelegt. Gehen schärft die Wahrnehmung, man entdeckt Dinge, an denen man üblicherweise achtlos vorbeifährt. Viele Menschen üben Wandern, Walken und Laufen als Sport aus. So ist das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust.

Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2013