Ziegel#

Ziegel

Aus Lehm gebrannte "Backsteine" verwendeten die Römer für Wände, Dächer und ihre Hypokausten-Fußbodenheizung. In Wien bestanden in der Gegend von Hernals römische Ziegelöfen. Im späten 8. Jahrhundert ließen Klöster die Kreuzgänge mit Hohlziegeln decken. Die Mönche betrieben eigene Ziegeleien, die sie meist an Ziegelbrenner verpachteten. Diese bildeten im Mittelalter einen eigenen Gewerbezweig. Burgen und Herrenhäuser erhielten eine feste Deckung aus Dachziegeln, während die meisten Wohnhäuser - feuergefährdet - bis ins 16. Jahrhundert mit Stroh und Schindeln das Auslangen fanden.

Mittelalterliche keramische Bodenfliesen - in teppichartiger Zusammenstellung - sind heute wertvolle Museumsstücke. In Klosterneuburg (Niederösterreich) gelang dem Archäologen Johannes Wolfgang Neugebauer (1949-2002) in den neunziger Jahren ein Sensationsfund. In der Kapelle des ehemaligen Weinlesehofes des Dom- und Hochstiftes Passau kamen 1.238 figural verzierte und glasierte Bodenfliesen aus dem 14. Jahrhundert zu Tage, die in Anzahl und Erhaltungszustand in Europa einzigartig sind. 

Mit der in Wien im 16. Jahrhundert einsetzenden Bautätigkeit stieg der Bedarf an Mauerziegeln, die billiger waren als der bisher verwendete Stein, auch die Zahl der Ziegeldächer nahm zu. In der Barockzeit verzierte man keramische Platten mit Modeln oder brachte mit einem "Kamm" Muster auf. Damals dauerte das traditionelle Arbeitsjahr des Zieglers von Josefi (19. März) bis zum Gallustag (16. Oktober). Man erfreute sich an originellen Inschriften und Firstziegeln in Form von Reitern, Vögeln, Masken oder Kreuzen. 

Vor der Zweiten Türkenbelagerung (1683) bestanden in den Wiener Vorstädten einige Ziegeleien, an die Bezeichnungen wie Laimgrube, Ziegelofengasse oder Zieglergasse erinnern. Danach stieg die Nachfrage sprunghaft an und neue Abbaugebiete wurden erschlossen. Mit einem kaiserlichen Erlass aus dem Jahr 1757, die Ziegelöfen aus den Vorstädten zu entfernen, begann die Industrialisierung auf dem Wienerberg (Wien 10). Die anfangs im Staatsbesitz befindliche Produktion kam an Alois Miesbach (1791-1857). 1855 besaß der Industrielle neun große Ziegeleien mit 4.700 Beschäftigten und 30 Kohlenbergwerke mit über 2.300 Bergleuten. Sein Neffe Heinrich Drasche (1811-1880) wandelte den Betrieb auf dem Wienerberg 1869 in eine Aktiengsellschaft um. 1873 betrieb sie acht Ziegelwerke und produzierte jährlich 200 Millionen Ziegel. Diese trugen sein Monogramm (HD) und den kaiserlichen Doppeladler. Anfangs bemühte sich Drasche um Sozialeinrichtungen für die Arbeiter. Nach seinem Tod wurden die Bedingungen schlechter und um die Jahrhundertwende als kapitalistische Ausbeutung angeprangert. Die Arbeiter und Arbeiterinnen aus Tschechien ("Ziegelböhm") erhofften sich in Wien bessere Lebensbedingungen, fanden aber schlechte Ein- und Unterkünfte. Der Arbeitstag war lang (bis zu 14 Stunden), Kinderarbeit üblich. Der Lohn wurde im Trucksystem bezahlt (mittels Marken, die in firmeneigenen Betrieben eingelöst wurden). Der sozialdemokratische Politiker Viktor Adler (1852-1918) nannte die Ziegelarbeiter "die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint". 1895 traten erstmals Tausende von ihnen in einen Streik. Sie erreichten 15 % höhere Löhne, den Elfstundentag und soziale Verbesserungen. 

In Wien besteht seit 1973 ein Ziegelmuseum. Sein Ziel ist die Dokumentation aller österreichischen Ziegelöfen und ihrer Erzeugnisse sowie der Ziegelzeichen. Derzeit umfasst die Sammlung 13.000 Mauer- und Dachziegel, Chamottematerial, Mosaikplatten und Ofenkacheln sowie Modelle (römischer Ziegelofen, Ringofen, Tunnelofen).


Quellen:
Karl Brunner, Petra Schneider (Hg.): Umwelt Stadt. Wien 2005. S. 484
Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992-1997. Bd. 5/S. 702 f.
Hildegard Lange: Der Ziegel als Sammelobjekt. In: SammlerJournal. Schwäbisch Hall 1979. S. 692f.
Klosterneuburg Stadtmuseum 
Wiener Ziegelmuseum

Bild: Gestempelte Ziegel aus verschiedenen Fabriken. Foto: Alfred Wolf