unbekannter Gast

Alfred Wolf#

9 Wege im 9. #

5. AUF BESUCH IN "NEU-WIEN"#

Weg: U-Bahn-Station Schottentor-Universität - Wasagasse - Berggasse - Jörg-Mauthe-Platz - Berggasse - Türkenstraße - Hörlgasse - Erwin-Ringel-Park - Kolingasse - Schlickplatz - Peregringasse - Maria-Theresien-Straße - U-Bahn-Station Schottentor-Universität

Foto: Doris Wolf, 2010; Maria-Theresien-Straße

Die Rolltreppe der U-BAHN-STATION SCHOTTENTOR-UNIVERSITÄT befördert uns an das Licht der Welt in die Maria-Theresien-Straße. So befinden wir uns schon in der Mitte von "Neu-Wien". Als beim Ärar das Geld für den Kasernenbau knapp wurde, entschloss sich die Militärverwaltung, Grundstücke zu verkaufen und versteigerte Teile des Glacis zwischen der Berggasse und der Türkenstraße, sowie zwischen der Rossauer Lände und dem Beginn der Währinger Straße. Vier Jahre vor der Anordnung Kaiser Franz Josephs, die Stadtbefestigung zu schleifen (1857), entstand "Neu-Wien" als Probegalopp für die Ringstraßenzone. Zunächst parzellierte und kassierte die zuständige Militärverwaltung als Baublock 9 jenen Teil des Glacis zwischen Währinger Straße, Berggasse und Rossauer Lände, wobei südlich davon Platz für die Anlage der Ringstraße gelassen wurde. Diese Innere Stadterweiterung war in einem solchen Umfang etwas bis dahin noch nie Dagewesenes und wurde von Anfang an von den Zeitungen kritisch kommentiert. Sie begann am 3. Juli 1853.

Wir wenden uns nach links und beginnen unseren Spaziergang bei der Wasagasse, die nach Gustav Prinz Wasa benannt ist. Der Sohn des schwedischen Königs musste 1809 auf den Thron verzichten und im Exil leben. Er diente in der Österreichischen Armee und erwarb in der später nach ihm benannten Gasse zwei neu parzellierten Grundstücke (Nr. 2 und Nr. 4). 1860 kaufte er das drei Jahre zuvor erbaute Palais Wasagasse 12 / Türkenstraße 7, das er 1873-1877 bewohnte. Nordwärts blickend, denken wir daran, dass die stille Gasse schon nächst der Strudlhofstiege begonnen hat und eine ideale Fußgeherverbindung zur Stadt bildet. Die Verbauung dieser alten "Quergasse" im stadtnahen Teil entspricht der Ringstraßenzone.

Foto: Doris Wolf, 2010; Wasagasse 2 / Maria-Theresien-Straße 7

Es ist fast selbstverständlich, auch hier Gebäude zu sehen, die von Heinrich Ferstel stammen, wie WASAGASSE 2 / MARIA-THERESIEN-STRASSE 7. Der Bankier Max Weiß-Wellenstein ließ es sich auf einem Grundstück bauen, das er von Prinz Wasa gekauft hatte. In Neorenaissance-Formen prunkend, besitzt das ursprünglich dreigeschoßige Miethaus eine triumphbogenartige Portalzone über der sich - "Florenz in Wien" - zwei männliche Gestalten befinden. Franz Melnitzky hat sie Michelangelos Mediceergräbern nachempfunden. Melnitzky war für die künstlerische Ausschmückung zahlreicher Bauten seiner Zeit verantwortlich, wie Bahnhöfe und Brücken. Er schuf auch die Karyatiden im Goldenen Saal des Musikvereins und auf dem Alsergrund die Figurengruppen auf dem Harmonietheater, der Sigl'schen Fabrik, des Städtischen Armenversorgungshauses und des Bürgerversorgungshauses.

WASAGASSE 4 / KOLINGASSE 8 zeigt gleichfalls reichen figuralen Schmuck und ein repräsentatives Stiegenhaus.

Im alten Haus Wasagasse 3 / Kolingasse 6 verbrachte der berühmte Chirurg Theodor Billroth seine letzten fünf Lebensjahre, nachdem er von seinem Haus in der Alser Straße 20 hierher übersiedelt war.

Im Nachbarhaus KOLINGASSE 4 wohnte Alfred Grünwald, einer der erfolgreichsten Librettistern des "silbernen" Zeitalters der Wiener Operette. 1921 begann die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Emmerich Kalman. Im folgenden Jahr wurde Grünwalds Sohn Heinz Anatol geboren, der in den 1980-er Jahren als Henry Grunwald Botschafter der USA in Österreich war. 1938 war die Familie nach Paris emigiert und gelangte über Casablanca und Lissabon 1940 in die USA.

WASAGASSE 6 / KOLINGASSE 7, ist wieder ein Ferstel-Haus. Über dem Portal des streng historistisch gehaltenen Gebäudes stehen auf Säulen weibliche Gestalten, die vier der sieben Freien Künste symbolisieren.

Foto: Doris Wolf, 2010; I. Chemisches Institut, Wasagasse 9
Foto: Doris Wolf, 2010; Wasagymnasium; Wasagasse 10

Unser Weg führt nun zu zwei Monumentalbauten des Architekten, nach dessen Plänen das Umfeld der Votivkirche parzelliert wurde --> 4. "Um den Dom des Alsergrundes". Links, WASAGASSE 9, sehen wir die Rückfront des Ersten Chemischen Instituts im Neorenaissance-Stil und rechts, WASAGASSE 10, das Wasagymnasium (BG 9).

Blockartig umfasst das Gymnasium auch TÜRKENSTRASSE 4 und HÖRLGASSE 3. Das ehemalige k.k. Maximilians-Gymnasium plante Ferstel als Pendant zum Ersten Chemischen Institut in Sichtziegelbauweise. Ein großes Stiegenhaus erschließt die Schule, deren Korridor ursprünglich Büsten berühmter Griechen und Römer zierten. In dem markanten Gebäude war 1938-1945 die Gauleitung der NSDAP Niederdonau (Niederösterreich) untergebracht, die lieber hier residierte, als in ihrer Gauhauptstadt Krems. Daher als "Deutsches Eigentum" von den Sowjets nach 1945 beschlagnahmt, erhielt es die Kommunistische Partei zugewiesen. Während dieser Zeit erinnerte man sich an den Versuch, in Österreich eine Räterepublik zu errichten und ließ an der Seite zur Hörlgasse eine Tafel mit nachstehendem Text anbringen: "Am 25. Juni 1919 fielen an dieser Stelle zwanzig revolutionäre Arbeiter und Kommunisten als Opfer der Reaktion im Kampfe für Freiheit und Sozialismus". Diese Tafel wurde bei einer Renovierung entfernt, doch beim Schultor in der Wasagasse erinnert eine Reihe anderer an prominente Absolventen: Felix Braun, Erwin Chargaff, Erich Fried, Jakob Hegner, Karl Landsteiner, Richard Maux, Friedrich Torberg. Stefan Zweig. Im Foyer widmete die Schule zwei Gedenktafeln: Ihren im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und Vermissten sowie den 300 Studierenden und Lehrkräften jüdischer Herkunft, die in der NS-Zeit verfolgt oder ermordet wurden.

TÜRKENSTRASSE 7 / WASAGASSE 12 erhebt sich 1857-1860 erbaute Palais des Prinzen Wasa, dem die Gasse ihre Benennung verdankt.

WASAGASSE 15 / BERGGASSE 6 wohnte der Jurist und Schriftsteller Theodor Herzl, der die Zionistische Weltorganisation initiierte. Die 1948 erfolgte Gründung des Staates Israel geht auf Herzls Ideen zurück.

Die steil zum Donaukanal abfallende Berggasse bildete durch Jahrhunderte die Grenze der Vorstädte Alservorstadt und Rossau gegen das Glacis. Ihrer Aussicht wegen waren die Häuser der heute ungeraden Nummern der Berggasse als Wohnstätten geschätzt. So besitzt die Gasse am Rande von Neu-Wien in den alten Häusern Nr. 1 bis 17 Zeitzeugen des Biedermeier.

Foto: Doris Wolf, 2010; Berggasse 3

BERGGASSE 3 steht das Palais Odescalchi aus dem Jahr 1825, im Besitz der Stadt Wien, unter Denkmalschutz. Es ist ein repräsentatives, viergeschoßiges Biedermeierhaus mit dreiachsigem Mittelrisalit. Die platzelgewölbte Einfahrt, die man durch das originale Holztor betritt, ist mit Holzsstöckeln gepflastert. Im Hof sieht man die zeittypischen geschlossenen Pawlatschengänge. Der Nationalökonom Karl Menger wohnte hier. Er war ein Lehrer des Kronprinzen Rudolf, Universitätsprofessor für Politische Ökonomie in Wien und erwarb sich in der Kommission zur Einführung der Goldwährung in Österreich-Ungarn 1892 Verdienste.

Gegenüber war BERGGASSE 2 / WÄHRINGER STRASSE 16 ein "süßes" Haus, es stand Jahre hindurch im Eigentum der k. u. k. Hofzuckerbäcker-Familie Christoph Demel. Ein bekannter Mieter war der Schriftsteller Ludwig Doczy (Pseudonym Dux), der zugleich Diplomat, Journalist, Staatsbeamter und Übersetzer war. Sein bekanntes Werk ist das Libretto zur Strauß-Operette "Ritter Pázman". Die Nähe der Universitätsinstitute veranlasste wohl den Dermatologen Otto Kren, hier zu wohnen. Sein Interesse galt der Heilung von Hauttuberkulose und Krankheiten der Mundschleimhaut.

Foto: Doris Wolf, 2010; Berggasse 5

Foto: Doris Wolf, 2012; Berggasse 5

BERGGASSE 5 hieß ein 1825 errichteter, mehrachsiger Biedermeierbau "Zum Schweizer", dann "Zum silbernen Brunnen". 1890 erhielt die beliebte Restauration gleichen Namens eine neue Attraktion: Der im Hoftrakt errichtete Speisesaal mit großen, verglasten Rundbogenöffnungen und üppigem Stuck lockte viele Gäste an. Heute steht das Objekt denkmalgeschützt im Eigentum der Stadt Wien.

Im Vorgängerbau des Hauses Berggasse 7 / Wasagasse 16-18 wohnte Jakob Degen, der eine Flugmaschine konstruierte. Als Mechaniker der Nationalbank schuf er 1825 die Grundlage des fäschungssicheren Banknotendoppeldrucks.

Beim Eckhaus BERGGASSE 11 / LIECHTENSTEINSTRASSE 19, in dem Universitätsinstitute untergebracht sind, verlassen wir die Alservorstadt und begeben uns in die Rossau.

BERGGASSE 13 / LIECHTENSTEINSTRASSE 18 gehörte durch fast 100 Jahre der Alt-Alsergrunder Steinmetzfamilie Wasserburger. Ein Hausbewohner war Felix Salten (eigentlich Siegmund Salzmann), der zahlreiche Erzählungen, Novellen und Romane schrieb und mit der Tiergeschichte "Bambi" Weltruhm erlangte.

BERGGASSE 15, mit einem der hier charakteristischen Schmiedeeisen-Balkons und jetzt grün gefärbelter Fassade entstand 1833, im Geburtsjahr des Schriftstellers, Dramatikers und Lyrikers Ferdinand von Saar, der hier seine Jugendjahre verbrachte. Der feinsinnige Poet gilt als bedeutendster realistischer Erzähler seiner Zeit.

Foto: Doris Wolf, 2010; Palais Festetics, Berggasse 16

Schon durch seine Breite fällt unter den gleichförmigen Bauten das gegenüber liegende Palais Festetics, BERGGASSE 16, auf. Das für seine Ringstraßenpalais bekannte Architektenteam Johann Romano und August Schwendenwein baute es 1858 für Eugénie Gräfin von Festetics-Erdödy. 40 Jahre später zog die k. u. k. Exportakademie - Vorläufer der Wirtschaftsuniversität - in das Palais ein und blieb dort bis 1916. Auch das Österreichische Handelsmuseum mit reichen Exponaten aus dem Orient, war darin untergebracht. Seit 1950 im Besitz der Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Wien, wurde das unter Denkmalschutz stehende Palais 1961 umgebaut. Über das Treppenhaus mit Säulenstiege und Schmiedeeisengittern erreicht man in der Beletage vier Prunkräume, die im Stil des Neobarock und mit Bildern (u.a. von Johann Ender und Carl Moll) ausgestattet sind.


Foto: Doris Wolf, 2010; Philippinen-Hof, Berggasse 17

Der Philippinen-Hof, BERGGASSE 17, erinnert nicht an die Inselgruppe im Pazifik, sondern an Philippine Schreiber, die das repräsentaive Wohnhaus 1904 errichten ließ. Das Eingangstor trägt ihr Monogramm "PS". Im Vorgängerbau, einem Biedermeierhaus, wohnte der Hofschauspieler Heinrich Anschütz, der mit Ludwig van Beethoven und Franz Schubert befreundet war.







Foto: Doris Wolf, 2010;Berggasse 19

BERGGASSE 19 ist eine weltweit bekannte Adresse geworden: Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie lebte 1891-1938 mit seiner Familie hier. Die 17-bändige Gesamtausgabe seiner Werke erschien 1940-1952 in London. Das Sigmund-Freud-Museum würdigt sein Wirken. Zuvor hatte Viktor Adler, Arzt und Gründer der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, bis 1889 im geerbten Haus Berggasse 19 gewohnt und praktiziert. Dann entstand das repräsentative Miethaus als Frühwerk des Schweizer Architekten Hermann Stierlin, das sich nun im Besitz der Stadt Wien befindet.

Wir überqueren den so genannten Porzellanstern, gebildet aus Porzellangasse, Berggasse und Schlickgasse. Der "Stern" entstand schon zur Biedermeierzeit, als von ihm zwei Alleen über die freie Fläche des Glacis zum Neutor und zum Schottentor führten. 1991 erhielt die Kreuzung ihre offizielle Bezeichnung als JÖRG-MAUTHE-PLATZ. Der Schriftsteller und beliebte Wiener Kulturstadtrat Dr. Jörg Mauthe - er wohnte Rooseveltplatz 11/ Günthergasse 1 - besaß Berggasse 27 sein Büro.

Foto: Doris Wolf, 2010; Berggasse 21 / Porzellangasse 1

BERGGASSE 21 / PORZELLANGASSE 1, stand seit 1819 das Gatterbauer'sche Kaffeehaus. In diesem vornehmen Etablissement führte eine Wendeltreppe zum Spielsalon im 1. Stock. Von seinem Balkon reichte der Blick weithin zur Stadt. 1896 erfolgte ein Neubau, in dem sich die Kaffeehaustradition fortsetzte. Betrat man durch das mit überlebensgroßen Atlanten ausgestattete Portal das Lokal, war man vom Reichtum seiner Ausstattung überrascht, der mit jedem der Ringstraße konkurrieren konnte. Auch hier im Café Rahn führte eine Treppe nach oben zu den Spiel- und Billardsälen. Später hieß es Café City. Dessen Besitzer, der Theaterenthusiast Gustl Goldmann, eröffnete darin 1934 das Kabarett ABC (Alsergrunder Brettl City), zu dessen Autoren und Schauspielern bekannte Künstler wie Fritz Eckhardt, Karl Farkas, Fritz Grünbaum, Ernst Hagen, Josef Meinrad, Jura Soyfer, Friedrich Torberg, Hans Weigel oder Hugo Wiener zählten. (1935/36 spielte das ABC im Café Arkaden, Wien 1, Universitätsstraße 3.) 2010 bis 2013 befand sich in den Räumlichkeiten ein Einrichtungshaus, das im historischen Ambiente einen stilvollen Rahmen fand.

Foto: Doris Wolf, 2010; Serviten-Hof, Berggasse 25 / Servitengasse 2

Der historische Serviten-Hof BERGGASSE 25 / SERVITENGASSE 2 steht seit 1904 an Stelle des Hauses Rossau Nr. 1. Es hieß "Zum roten Krebsen" und gehörte dem Krebsenrichter, der wie ein Marktkommissär darauf zu achten hatte, dass nur frische Ware auf den Markt kam. Zudem versorgte er die kaiserliche Hoftafel mit speziellen "Solokrebsen".

Die Berggasse, nach der Anhöhe des "Ochsenbergl" der Schottenpoint so benannt, bildete mit ihren ungeraden Hausnummern die Grenze der Rossau zum Glacis. Hier, wo die Berggasse eben auf der Donauterrasse verläuft, verdient sie eigentlich diesen Namen nicht mehr. In früheren Zeiten, als die Donauschifffahrt wesentlich zur Versorgung der Stadt beitrug, befanden sich da die Einkehrgasthöfe am Wasser. Weil die Berggasse die Holzlagerstätte auf dem Glacis begrenzte, hieß dieser Teil die Holzstraße.

Als die Häuser noch Namen statt Nummern trugen, begann hier in der Berggasse ein "Rossauer Tiergarten", der bis zum Donaukanal reichte. Nicht weniger als neun benachbarte Häuser führten Tiernamen zu ihrer Bezeichnung. In vielen befanden sich Gasthöfe, die von Angehörigen bestimmter Berufsgruppen frequentiert wurden. Neben Berggasse 25 "Zum roten Krebs" hießen Berggasse 27 "Zum goldenen Hirsch", Berggasse 29 "Zum goldenen Löwen", Berggasse 31 "Zum weißen Rössel", Berggasse 33 "Zum goldenen Adler". Berggasse 35 / Hahngasse 4 "Zum weißen Hahn" war die Herberge der Seiler und Seifensieder. Berggasse 39 "Zum schwarzen Bären" kehrten die Donauschiffer aus der Wachau und aus Passau ein. Auch im Neubau befindet sich ein Restaurant, das sich aber "Zum braunen Bären" nennt. Berggasse 41 trug das Schild "Zum goldenen Bären". Berggasse 43 / Rossauer Lände 5 "Zum goldenen Lamm", hier verkehrten die Schiffer aus Greifenstein und St. Johann im Mauerthale (Gemeinde Rossatz-Arnsdorf). Es ging lustig zu, wenn die Volkssänger ihre Kunst zum Besten gaben, gepascht, gedudelt und getanzt wurde. Gegenüber dem "Goldenen Lamm", befand sich seit 1418 ein Zollamt, das man "Lampelmaut" nannte. Hier wurden Abgaben auf alle Waren eingehoben, die per Schiff donauabwärts nach Wien kamen. Angebaut war das Gasthaus, später Hotel "Zur Stadt Linz". Zufällig befindet sich die Summerstage für moderne Nachtschwärmer und Genießer am Lido von Wien fast dort, wo diese Gaststätten standen.

Im Haus Berggasse 31 gründeten Franz Singer und Ottokar Franz Ebersberg (Pseudonym O. F. Berg) 1872 das "Illustrierte Wiener Extrablatt", das bis 1928 erschien. 1882 erfolgte ein dreistöckiger Neubau für die Druckerei. 1904 war die Erste Wiener Zeitungsgesellschaft Eigentümer, 1952-1960 die Verlagsgesellschaft Elbemühl.

Foto: Doris Wolf, 2010; Fernsprech-Betriebsamt, Berggasse 35 / Hahngasse 4

BERGGASSE 35 / HAHNGASSE 4 stand der Einkehrgasthof "Zum weißen Hahn", an den der Gassenname erinnert. An Stelle des Hauses erhebt sich seit 1902 das Fernsprechbetriebsamt der Post. Sein - inzwischen verkürzter - 37 m hoher Turm, der zur Abspannung von 450 Leitungsdrähten diente, bildete ein Pendant zum Turm des Polizeigebäudes Berggasse 43. Eine Besonderheit des Postgebäudes ist seine Fundamentierung, die wegen möglicher Änderungen des Grundwasserspiegels aus einer 50 cm starken Betonwanne besteht. Architekt des Telefonzentrale war Franz Neumann. Trotz seiner konservativen Grundeinstellung bewies er beachtliche Innovationskraft und war überzeugt, "dass die Formen der Vergangenheit konsequent fortentwickelt und weitergebildet werden müssen, damit die Architektur zu zeitgemäßen Formulierungen gelangt".


Foto: Doris Wolf, 2012; Berggasse 34

BERGGASSE 34 / ROSSAUER LÄNDE 3 / TÜRKENSTRASSE 35 / HAHNGASSE 2 wurde 1957 die Pensionsversicherungsanstalt der Arbeiter errichtet. Das Bürohaus bestand aus einem 12-stöckigen Hauptgebäude und zwei 6-stöckigen Seitentrakten. Die Pläne verfasste Franz Schuster, der in den 1920er- Jahren als Chefarchitekt des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen wirkte. Als 2003 die Pensionsversicherungsanstalten der Arbeiter und der Angestellten fusioniert wurden, stand das Gebäude mit knapp 20.000 m² Nutzfläche leer. 2007 erwarb es die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, die es der Universität Wien vermietete. Im Studienjahr 2013/14 soll der Betrieb für die Institute der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften mit 2500 Studierenden beginnen. In der "Uni Wien Rossau" sind u. a. 650 Arbeitsplätze für Wissenschaftler, mehrere kleine und vier große Hörsäle (drei mit 200 Plätzen und einer mit 400 Plätzen), Seminarräume und eine dreigeschoßige Bibliothek geplant.

Ehem. Tandelmarkt, Slg. Alfred Wolf

An Stelle des ehemaligen Versicherungsgebäudes erstreckte sich der Tandelmarkt. Nächst der Rossauer Kaserne gelegen, war er das "Einkaufszentrum des kleinen Mannes". 135 Händler mit 200 Ständen bemühten sich auf dem größten Flohmarkt der Stadt, ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen. Der Tandelmarkt war eine Wiener Spezialität, um nicht zu sagen eine Sehenswürdigkeit. Literaten wie der "Hans Jörgel" oder Alexander Roda Roda (eigentlich Alexander Sándor Rosenfeld) beschrieben ihn. Durch Jahrhunderte zur Wanderschaft gezwungen, fanden die Händler 1864 schließlich in der Rossau ihr Zuhause. Architekt Heinrich Förster plante die basarartige Halle mit tiefen Kellern, die als Lagerräume dienten, bei Überschwemmungen jedoch so tief unter Wasser standen, dass man mit einem Kahn darin fahren konnte. In der Faschingszeit gab es oft Feste in den unterirdischen Gewölben. Eine eigene Genossenschaft vertrat die Interessen der Hallentrödler, die stolz darauf waren, 1928 alle Raten, die sie für den Erwerb ihres Grundstücks zu zahlen hatten, abgestattet zu haben. Seit dieser Zeit gab es zahlreiche Kaufangebote für ihr zentral gelegenes Objekt. Auch ein Gemeindebau, geplant von Erich Leischner, sollte gegenüber der Rossauer Kaserne entstehen. Den 70. Jahrestag der Gründung feierte man mit einer Messe in der Servitenkirche und anschließend beim "Silbernen Brunnen" in der Berggasse 5. Das 80-jährige Bestandsjubiläum ging im Bombenhagel 1944 unter. Ein Großbrand zerstörte die Halle und damit die Existenz der Hallentrödler, die 1952 ihre Ruine verkauften.

Die Türkenstraße, die wir nun bergauf gehen, erinnert an die beiden Türkenbelagerungen Wiens, 1529 und 1683. Auch sie wurde als "Neu-Wien" aufgeschlossen. Einige Hausbesitzer gehörten dem Hochadel an, ein Umstand, der für die Qualität der Wohnungen spricht. Als einstige Glacisfront ist die Seite der ungeraden Nummern mit repräsentativen Balkons und Erkern geschmückt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Türkenstraße 25 / Schlickgasse 1

Besonders markant ist das fünfgeschoßige Mietpalais TÜRKENSTRASSE 25 / SCHLICKGASSE 1. Sein Bauherr war Franz Heinrich Graf Schlick, der auf allen Schlachtfeldern seiner Majestät gekämpft hatte. Nach ihm ist die Schlickgasse benannt, die zum gleichnamigen Platz führt. Die Benennung nach dem General wird manchmal verwechselt mit dem Wissenschaftler Friedrich Albert Moritz Schlick. (Der deutsche Physiker und Philosoph, der den Wiener Kreis des Logischen Empirismus begründete, wurde in der Wiener Universität von einem ehemaligen Studenten erschossen.) Das Palais Schlick entstand 1856-1858 nach Plänen von Carl Tietz. Der Ringstraßenarchitekt plante u.a. die Fabrik von Georg Sigl in der Währinger Straße 59. Charakteristisch für das Palais Schlick sind sein runder Turm an der Straßenecke, der im 4. Geschoß Karyatiden und darüber die Wappenkartusche des Bauherrn trägt, die Balkons mit Kriegerbüsten und die Einfahrt mit militärischen Emblemen. Den Feldherrn störte nicht, dass sich an Stelle seines Bauplatzes noch wenige Jahre zuvor der Rabenstein befunden hatte. Das Wiener Hochgericht bestand aus einer aufgemauerten Plattform, auf welcher der Scharfrichter das Hängen, Köpfen, Rädern und Brandmarken praktizierte. Das grausige Spektakel lockte jedesmal Mengen von Zuschauern an. Der Rabenstein bestand seit dem Mittelalter, 1850 wurde er abgetragen. Der Galgen war schon 1747 auf den Wienerberg versetzt worden.

Foto: Doris Wolf, 2010; Türkenstraße 19

TÜRKENSTRASSE 19, das Palais Khevenhüller-Metsch, ist fürstlich ausgestattet. Die Architekten Romano und Schwendenwein bauten es - wie das Palais Festetics - 1858. Kunsthistoriker sprechen hier von einer "frühhistoristischen Interpretation des barocken Wiener Palaistyps". Über dem Portal, unter dem Balkon, halten zwei Löwen eine Wappenkartusche. In dem Palais hat die Gesellschaft für Musiktheater ihren Sitz. Durch die Aufführung von Barockopern setzte sie bei den SPECTACVLVM-Festspielen (1977-1993) in der Jesuitenkirche (Wien 1) wesentliche Impulse zur kulturellen Belebung der - damals im Sommer noch "toten" - Wiener Innenstadt.




Foto: Doris Wolf, 2010; Türkenstraße 17

Das Mietpalais Ludwig Bauer, TÜRKENSTRASSE 17, zeigt gleichfalls reichen figuralen Schmuck. Erker akzentuieren das zweite und dritte Geschoß, den Abschluss bilden Putten, die einen Schild halten. Es ist ein Werk von Franz Neumann, der als Mitarbeiter des Dombaumeisters Friedrich Schmidt mit diesem die Arkadenhäuser beim Rathaus plante und u.a. die Telefonzentrale in der Rossau, die Kuffner-Sternwarte und Villen auf dem Semmering baute.

Das Palais Wimpffen, TÜRKENSTRASSE 15, ist wieder ein Werk von Romano und Schwendenwein aus dem Jahr 1856. 1878 umgebaut und in jüngster Zeit mit Dachwohnungen ergänzt, zeigt es eine schlichte Fassade mit Mittelbalkon. Bauherr war der Administrator der Ersten Oesterreichischen Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft, Victor Graf Wimpffen. 1917 waren die israelitische Humanitätsvereine "Wien" und "Eintracht" seine Besitzer.

TÜRKENSTRASSE 6 / LIECHTENSTEINSTRASSE 11, erinnert eine zum 10. Todesstag enthüllte große Gedenktafel daran, dass es sich um das Wohn- und Sterbehaus des Germanisten und Theaterwissenschaftlers Eduard Castle handelt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Türkenstraße 11 / Liechtensteinstraße 13

Foto: Doris Wolf, 2012; Türkenstraße 11 / Liechtensteinstraße 13

TÜRKENSTRASSE 11 / LIECHTENSTEINSTRASSE 13, war das Wohn- und Sterbehaus des Dichters Friedrich Hebbel. Seit 1845 in Wien ansässig, schuf er hier seine bekanntesten Dramen wie "Agnes Bernauer" (1851), "Gyges und sein Ring" (1854) und "Die Nibelungen" (1860). Das Hofburgtheater stiftete die Gedenktafel mit Reliefkopf.

Die charakteristische Mitte dieses Häuserblocks bildet TÜRKENSTRASSE 9, das Haus Bösendorfer aus dem Jahr 1858. Ignaz Bösendorfer war k. k. Hof- und Kammerklavierfertiger. Sein Sohn Ludwig Bösendorfer baute vor dem Schottentor ein Geschäftshaus mit einem weiträumigen Stiegenhaus und der Fabrik im Hintertrakt. Seine Klaviere erlangten Weltruhm. Türkenstraße 9 wohnte Gustav Kaiser, der erste klinische Radiologe. Wie sein Nachfolger Guido Holzknecht erlitt er durch die damals noch nicht erforschten X-Strahlen schwere Verletzungen an Händen und Armen. 2010 ist das Gebäude, wie das rechte Nachbarhaus, im Besitz der Kommunalkredit Austria AG. Sie hat den Platz vor dem Rundbogenportal und Mittelerker mit modernen Kunstwerken gestaltet und beide Häuser mit einer Licht-Installation verbunden, welche die Hausecke im 3. Stock mit einem hervor ragenden, nachts leuchtenden Blickfang betont. An der Ecke zur Liechtensteinstraße steht eine Steinstele.

TÜRKENSTRASSE 5 / WASAGASSE 11 ist ein 1857 erbautes, fünfgeschoßiges Miethaus. Terrakottadekor in den Giebelfeldern, Mittelbalkon und Rundbogenportal beleben die Fassade. Eine gewölbte Einfahrt führt zum Hof.

Foto: Doris Wolf, 2010; AAI, Türkenstraße 3

TÜRKENSTRASSE 3 war 1885-1924 die Evangelisch-Theologische Fakultät untergebracht, 1875-1913 die Physikalischen Institute der Universität Wien. Elf prominenten Mitgliedern widmete die Österreichische Physikalische Gesellschaft im Jahr 2000 eine große Marmortafel. Während der Besatzungszeit befand sich der Wiener Stadtschulrat in dem Haus, nun das Afro-Asiatische Institut (AAI). Es wurde 1959 von Kardinal Franz König als entwicklungspolitisches Bildungshaus gegründet. Diesem Auftrag folgend, versteht es sich als Haus des Dialogs der Kulturen und Religionen. Rund 100 Studierende finden im StudentInnenheim eine "Heimat auf Zeit". Das AAI bietet Raum für eine hinduistische Gemeinde, eine buddhistische Gruppe, eine Moschee, mehrere asiatische und afrikanische christlichen Gemeinden.

In der Währinger Straße angekommen, wenden wir uns, vorbei am Ersten Chemischen Institut, stadtwärts der Hörlgasse zu. Nach dem Wiener Bürgermeister Josef Georg Hörl benannt, wurde sie zwanzig Jahre nach den ersten Bauten von Neu-Wien eröffnet. Der Straßenzug ist einerseits auf die Votivkirche, andererseits auf die Rossauer Kaserne ausgerichtet. Die einheitlich fünfgeschoßigen Häuser zeigen deutlich das Vorrücken der Verbauung gegen den 1. Bezirk. Sie blieben im Zweiten Weltkrieg nicht von Entsetzen und Tod verschont. Eine Bombe, die in den Luftschutzkeller des Hauses HÖRLGASSE 6 / WASAGASSE 7 einschlug, tötete 28 dort Zuflucht suchende Bewohner.

Das gegenüber liegende Haus HÖRLGASSE 8 / WASAGASSE 8, war derart zerstört, dass es abgetragen werden musste. An der Ecke des Neubaus zeigt ein modernes Hauszeichen Fischer und Schiffer der Rossau.

Foto: Doris Wolf, 2010; Rudolfs-Hof, Hörlgasse 15 / Schlickplatz 5 / Türkenstraße 14

Das wohl interessanteste Bauwerk ist HÖRLGASSE 15 / SCHLICKPLATZ 5 / TÜRKENSTRASSE 14. Der Rudolfs-Hof stammt von Theophil Hansen, dessen Hauptwerk in Wien das Parlament ist. 1872 für den Ersten allgemeinen Beamtenverein entworfen, enthält das "Beamten-Familienhaus" in damals geradezu revolutionärer Bauweise 42 Wohnungen. Zwischen zwei glasüberdachten Pawlatschenhöfen befindet sich das Stiegenhaus mit zweiläufiger Treppe. Stiftungstafeln im Vestibül erinnern an das Protektorat des Kronprinzen Rudolf bei diesem Bau. Der ursprünglich nach ihm benannten Kaserne kehren wir auf dem Schlickplatz vorerst den Rücken, um sie später genauer zu betrachten.

Vielleicht passt in die Erinnerung an die Monarchie die Erwähnung der beliebten Schauspielerin Johanna Matz, die durch Filme der k.u.k. Zeit bekannt wurde. Sie verbrachte ihre Jugend SCHLICKPLATZ 4. Die Pläne zu dem Gebäude mit späthistoristischer Fassade und elegantem Stiegenhaus stammen vom Architekten des Maria-Theresien-Hofes, Ludwig Tischler.

Foto: Doris Wolf, 2010; Erwin-Ringel Park

Die freie Fläche davor wurde 1858 als Defilierplatz bestimmt. Jetzt heißt der in mehrere Teilflächen gesplittete 4200 m2 große Park nach Erwin Ringel. Seit 1999 erinnert ein Denkmal an den Psychiater und Tiefenpsychologen, der die "österreichische Seele" erforschte. Er arbeitete auf dem Alsergrund (Severingasse 3) und baute 1948 das erste Selbstmordverhütungszentrum Europas auf. 2009 erfolgte die Umgestaltung des Erwin-Ringel-Parks und der Bau einer Gärtnerunterkunft.

Die Kolingasse ist eine Allee, an der wir zunächst bergauf, dann wieder bergab wandern werden. Zahlreich sind die Prominenten, die hier in Ringstraßennähe wohnten. Dieser mißachteten Prachtstraße des Bezirks gebührte eine Aufwertung als "Sigmund-Freud-Avenue". Sie wirkt freudlos - und wieso heißt sie "Gasse" mit einer Breite von 40 m ? Mit 106 Ahorn- und Platanenbäumen sollte sie einst die Siegesallee der Monarchie werden. Den Namen erhielt sie nach der Schlacht bei Kolin im Siebenjährigen Krieg (1756-1763). 20.000 Tote bedeckten das Schlachtfeld in Böhmen, 3.000 Deserteure liefen zu den Österreichern über. Sie wollten "lieber unter Österreichern leben als unter Preussen sterben". Doch das alles ist schon lange her und niemand wird sich heute darüber Gedanken machen, dass in der Blickachse im Park vor der Votivkirche als Siegessäule das Tegetthoffdenkmal aufgestellt werden sollte.

Foto: Doris Wolf, 2010; Kolingasse 19 / Schlickplatz 3

KOLINGASSE 19 / SCHLICKPLATZ 3 ließ sich ein Bergwerksbesitzer 1871/72 erbauen. Das monumentale Eckhaus besitzt fünf Geschoße. In der Kolingasse ist ein Mittelrisalit ausgebildet, ab dem 3. Geschoß sind hohe Säulen angebracht, im 4. stehen nicht weniger als zehn Karyatiden. Später kam das Gebäude in den Besitz der Fürsten Liechtenstein, nach dem Zweiten Weltkrieg war es als Studentenhaus mit seiner Mensa bekannt. Das Theater "Studio der Hochschulen“, das im dritten Stock seine Heimat fand, brachte in fünfeinhalb Jahren 70 Inszenierungen heraus. Zum Ensemble zählten u. a. Herbert Fux, Erich Neuberg, Helmut Qualtinger, Kurt Sobotka und Bibiane Zeller. 1950 kündigte die Hausinhabung das verschuldete Unternehmen. 2010 gehört das Haus zum Imperium der Volksbanken, das hier im Bereich der Peregringasse etliche Objekte besitzt.

Der Häuserblock KOLINGASSE 14-16 / LIECHTENSTEINSTRASSE 2-4 / PEREGRINGASSE 1-3 / MARIA-THERESIEN-STRASSE 13-15 liegt in der Kernzone des Wiener Weltkulturerbe-Gebiets der UNESCO. Kolingasse 14 wurde 1871 errichtet und 1985 ausgehöhlt. Ein Vierteljahrhundert später erfolgte die Abbruchgenehmigung für das nach dem Eingriff nicht mehr erhaltenswerte Objekt. Als "Volksbank AG Headquarters" entstand 2008-2010 ein Neubau als Stahlbetonkonstruktion in Skelettbauweise mit vorgehängter Glasfassade. Er steht in Verbindung mit der Konzernzentrale, die ebenfalls generalsaniert wurde. Alte und neue Gebäudeteile erhielten einen gemeinsamen Hof und ein Dachgeschoß.

Der Verlauf der Kolingasse entsprach anfänglich nicht genau dem heutigen und wurde erst mit dem Bau ihrer repräsentativen Gebäude auf den Haupteingang der Rossauer Kaserne (ursprünglich Kronprinz Rudolf-Kaserne), SCHLICKPLATZ 6, ausgerichtet. Obgleich als Defensionskaserne vor allem gegen Innere Unruhen gebaut, sollte sie mit der Franz-Josephs-Kaserne (heute etwa Postsparkasse und Umgebung), und dem Arsenal ein Festungsdreieck bilden. Im Handbillett, das die Schleifung der Stadtmauer bestimmte, schrieb Kaiser Franz Joseph 1857: "… und hat diese Kaserne 80 Wiener Klafter (ca. 150 m) von der Augarten-Brücke abwärts entfernt … zu liegen zu kommen." Sie wurde jedoch oberhalb dieser auf dem Areal Schlickplatz 6, Maria-Theresien-Straße 21-23, Türkenstraße 22 und 22a, Rossauer Lände 1 errichtet.

Foto: Doris Wolf, 2010; Rossauer Kaserne

1864 erfolgte der Baubeginn, 1870 zogen die ersten Truppen ein. Auf 30.000 Holzpfählen in der Schwemmschotterzone errichtet, besitzt die Rossauer Kaserne eine Gesamtlänge von 270 m und eine Breite von 140 m. Mit ihren acht Türmen und drei Höfen ist sie ein Spätwerk des romantischen Historismus. Die romantische Seite des Sichtziegelbauwerks wird durch die Turm- und Zinnenmotive betont, die realistische durch kasemattenartige Geschützstände beiderseits der Hauptportale im Osten und Westen. Die Kaserne bot Platz für 2.400 Soldaten und 390 Pferde, sowie Wohnungen für 99 Offiziere und 43 für Familien von Unteroffizieren. Die Meinung, die Erbauer Oberst Karl Pilhal und Major Karl Markl hätten auf die WCs vergessen, ist auf eine sensationelle Berichterstattung zurückzuführen, die Latrinen befanden sich in Turmbauten in den äußeren Höfen. Der Belag der Kaserne wechselte oft, und es gab nur wenige Einheiten der k.u.k. Monarchie, welche die Rossauer Kaserne nicht von innen kannten. Meist waren es Soldaten aus den Kronländern, denn es entsprach einem alten militärischen Konzept, bei inneren Unruhen fremdsprachige Truppen gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. Im Zweiten Weltkrieg war die Anlage des Flakturmes 3 in der Rossauer Kaserne geplant. Danach erhielten Einheiten der österreichischen Polizei das durch Bombenangriffe schwer getroffene Objekt zum Wiederaufbau, die in der Nachkriegszeit dabei schier Unmögliches leisteten. So schien es selbstverständlich, dass sie die neuen Hausherren wurden. 1972 begann nach einigem Zeitungsgeplänkel der "16-jährige Krieg um die Kaserne". Es war ein Kampf der Argumente. Für und wider von Sachverständigen beider Seiten, Demolierer gegen Erhalter, wogte unentschieden hin und her, bis eine heute nicht mehr bestehende Großbank ihre Abbruchpläne aufgab und ihr Rechenzentrum an der Überbauung des Franz Josefs-Bahnhofs errichtete. Auch die Variante, Universitätsinstitute unterzubringen, war nach der Widmung des Alten Allgemeinen Krankenhauses als Campus nicht mehr spruchreif. Gemischt für Wohnen, Einkaufen und Unterhaltung sollte der Komplex genutzt werden, doch das Ministerium für Landesverteidigung hatte ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Das große Interesse der Wiener am Schicksal der Rossauer Kaserne lässt darauf schließen, dass das ursprünglich als Trutzburg verschrieene Gebäude in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zum geistigen Allgemeingut der Stadtbewohner avancierte. Zumeist lag der Grund im dort untergebrachten Verkehrsamt und bei den Führerscheinprüfungen. Dazu kam ein gewisser Gewöhnungseffekt und die Sorge, wieder ein Stück des vertrauten "Alt-Wien" zu verlieren. Nun befindet sich im Trakt an der Rossauer Lände das Bundesministerium für Landesverteidigung, den mittleren Trakt, unter dem eine Tiefgarage gebaut wurde, nutzt die Gemeinde Wien und im Trakt am Schlickplatz sind Dienststellen der Bundespolizeidirektion Wien (Wega, Verkehrsabteilung, Verkehrsleitzentrale) und des Bundesministeriums für Inneres (u.a. Cobra-Einsatzkommando und Entminungsdienst) untergebracht. Im Haupttrakt der Kaserne befindet sich die über zwei Geschoße reichende Kapelle "Zur hl. Elisabeth". Die prächtige Ausstattung erinnert an englische Kapellen im Tudorstil.

Fotoaus Wikipedia; Ailanthus-Spinner

Die Götterbäume (Ailanthus altissima) in der und rund um die Kaserne haben zur Ansiedlung des Ailanthus-Spinners (Samia cynthia) geführt. Er ernährt sich von den Blättern und aus seinem Kokon lässt sich Seide produzieren, weshalb der Baum in Wien schon 1856 eingeführt wurde. Die Raupen werden bis 12 cm lang, die Flügelspannweite des Falters kann bis 16 cm betragen. Er schlüpft Ende Juni, doch lebt er nur drei Nächte.

2008 wurde der Carl-Szokoll-Platz - an der Rossauer Lände von der Maria-Theresien-Straße entlang der Hauskante der Rossauer Kaserne bis zum Eingangstor - nach einer der führenden Persönlichkeiten des militärischen Widerstandes gegen das NS-Regime benannt. Szokoll leitete in Wien die "Operation Walküre", die eine Beseitigung von Adolf Hitler plante. 1945 bereitete der Major die kampflose Übergabe Wiens an die Rote Armee vor. Nach Kriegsende war er Verleger, Produktionsleiter bei Filmfirmen und Filmproduzent, wobei er mit Franz Antel (Komödien und "Der Bockerer") zusammenarbeitete.

Foto: Doris Wolf, 2010; Rossauer Kaserne mit Deutschmeisterdenkmal

In der Mitte der Front zur Maria-Theresien-Straße steht das Deutschmeister-Denkmal. Vor der Kulisse der Kaserne, die hier wie ein italienisches Kastell wirkt, stürmt der Fähnrich des Wiener Hausregiments gegen die Ringstraße vor. Es ist das erste Denkmal Wiens, das keinen Feldherrn, sondern eine Mannschaft ehrt. Auch die Reliefs an beiden Seiten des Sockels zeigen den einfachen "Grenadier von Landshut" oder den "treuen Kameraden". Zum 200-jährigen Bestand des k. u. k. Infanterieregiments Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 wurde es 1906 aus Spenden der Wiener Bevölkerung errichtet. Doch erst seit 1921 lagen die Deutschmeister in dieser Kaserne, vier Jahre später richteten sie im Trakt hinter dem Denkmal ihr Museum ein. So führte die Rossauer Kaserne die Bezeichnung Deutschmeisterkaserne und der Platz davor heißt Deutschmeisterplatz.

Wir überqueren wieder einen Teil des Erwin-Ringel-Parks und stehen vor dem Haus SCHLICKPLATZ 1 / MARIA-THERESIEN-STRASSE 19. Es ist ein fünfgeschoßiges monumentales Miethaus mit Neorenaissance-Fassade. Ein Eckrisalit betont die Lage zum Schlickplatz. Wir wenden uns an dieser Seite bergwärts. "Unsere" Seite gehört zum Alsergrund, die gegenüber liegende schon zur Inneren Stadt.

Die 65 m kurze Peregringasse ist nach dem Heiligen Peregrinus Laziosi aus dem Mittelalter benannt, der in der nahen Servitenkirche verehrt wird. --> 9. "Im Oberen Werd"

Foto: Doris Wolf, 2010; Maria-Theresien-Straße 11 / Liechtensteinstraße 1

Gegenüber bemerken wir schon von weitem das Portal des Hauses MARIA-THERESIEN-STRASSE 11 / LIECHTENSTEINSTRASSE 1. Nach Bombentreffern neu erbaut, besitzt es seither der ÖGB (Gewerkschaft der Gemeindebediensteten - Kunst, Medien, Sport, freie Berufe). Plastiken von Josef Riedl, eine männliche und eine weibliche Figur aus dem Arbeiterstand, machen dies deutlich.

Nun sind es nur noch 230 m bis zum Endpunkt, der U-BAHN STATION SCHOTTENTOR-UNIVERSITÄT.






Personendaten:
--> Doppelklick auf den Familiennamen führt zur Biographie (falls im Austria-Lexikon vorhanden)

Adler, Viktor (1852-1918), Politiker; Anschütz, Heinrich (1785-1865), Schauspieler; Antel, Franz (1913-2007), Filmregisseur; Beethoven, Ludwig van (1770-1827), Komponist ; Billroth, Theodor (1829-1894), Arzt; Bösendorfer, Ignaz (1796-1859), Unternehmer; Bösendorfer, Ludwig (1835-1919), Unternehmer; Castle, Eduard (1865-1959), Germanist; Degen, Jakob (1761-1848), Erfinder; Demel, Christoph ( 1859-1887), Unternehmer; Doczy, Ludwig (1845-1919), Schriftsteller; Ebersberg, Ottokar F. (1833-1886), Journalist; Eckhardt, Fritz (1907-1995), Schauspieler; Ender, Johann (1783-1875), Maler; Fall, Leo (1873-1925), Komponist; Farkas, Karl (1893-1971), Schauspieler; Ferstel, Heinrich (1828-1883), Architekt; Festetics-Erdödy, Eugénie (1815-1883), Gräfin; Förster, Heinrich (1832-1889), Architekt; Franz Joseph I. (1830-1916), Kaiser; Freud, Sigmund (1856-1939), Arzt; Fux, Herbert (1927-2007), Schauspieler; Graf, Alexander (1856-1931), Architekt; Grunwald Henry (1922-2005), Diplomat; Grünbaum, Fritz (1880-1941), Schriftsteller; Grünwald, Alfred (1884-1951), Schriftsteller; Gustav Wasa (1799-1877), Prinz ; Hagen, Ernst (1906-1984), Schauspieler; Hansen, Theophil (1813-1891), Architekt; Hebbel, Friedrich (1813-1863), Dichter; Herzl, Theodor (1860-1904), Schriftsteller; Hitler, Adolf (1889-1945), Politiker; Holzknecht, Guido (1872-1931), Arzt; Hörl, Josef G. (1722-1806), Politiker; Kaiser, Gustav (1871-1956), Arzt; Kalman, Emmerich (1882-1953), Komponist; Kren, Otto (1876-1937), Arzt; Laziosi, Peregrinus (1265-1345), Heiliger; Leischner, Erich (1887-1970), Architekt; Mauthe, Jörg (1924-1986), Politiker; Meinrad, Josef (1913-1996), Schauspieler; Melnitzky, Franz (1862-1876), Bildhauer; Menger, Karl (1840-1921), Nationalökonom; Moll, Carl (1861-1945), Maler; Neuberg, Erich (1928-1967), Regisseur; Neumann, Franz (1844-1905), Architekt; Pilhal, Karl (1822-1878), Oberst; Qualtinger, Helmut (1928-1986), Schauspieler; Riedl, Josef (1884-1965), Bildhauer; Ringel, Erwin (1921-1994), Arzt; Roda Roda, Alexander (1872-1945), Schriftsteller; Romano, Johann (1818-1877), Architekt; Rudolf (1858-1889), Erzherzog; Saar, Ferdinand (1833-1906), Schriftsteller; Salten, Felix (1869-1945), Schriftsteller; Schlick, Albert M. (1789-1862), Philosoph; Schlick, Franz H.(1789-1862), Feldherr; Schmidt, Friedrich (1825-1891), Architekt; Schreiber, Josef (1817-1879), Industrieller; Schreiber, Philippine (1868-1923); Schubert, Franz (1797-1828), Komponist; Schuster, Franz (1892-1972), Architekt; Schwendenwein, August (1817-1855), Architekt; Sigl, Georg (1811-1887) , Industrieller; Singer, Franz (1828-1886), Journalist; Soyfer, Jura (1912-1939), Schriftsteller; Szokoll, Carl (1915-2004), Widerstandskämpfer; Stierlin, Hermann (1859-1941), Architekt; Tietz, Carl (1782-1874), Architekt; Tischler, Ludwig (1840-1906), Architekt; Torberg, Friedrich (1908-1979), Schriftsteller; Wasserburger, Anton (1790-1841), Unternehmer; Weigel, Hans (1908-1991), Schriftsteller; Wiener, Hugo (1904-1993), Schriftsteller; Wimpffen, Victor (1834-1897), Kapitän; Zweig, Stefan (1881-1942), Schriftsteller.

© Text: Prof. Ing. Alfred Wolf, Wien (2010), aktualisiert von Helga Maria Wolf (2012), Fotos: Doris Wolf. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren