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Alfred Wolf#

9 Wege im 9.#

2. IM KLINIKVIERTEL#

Weg: U-Bahn-Station Alser Straße - Hernalser Gürtel - Kinderspitalgasse - Zimmermanngasse - Alser Straße - Hebragasse - Kinderspitalgasse - Alser Straße - Spitalgasse - Mariannengasse - Höfergasse - Spitalgasse - Nadlergasse - Lazarettgasse - Pelikangasse - Gerda Matejka-Felden-Park - Gilgegasse - Lazarettgasse - Walter-Beck-Platz - Lazarettgasse - Mariannengasse - Mauthnergasse - Zimmermannplatz - U-Bahn-Station Alser Straße

Unsere Exkursion beginnt bei der STATION ALSER STRASSE der U6. --> 1. "Über-Blick von der U-Bahn"

Foto: Doris Wolf, 2010; Hygiene-Institut, Kinderspitalgasse 15

Foto: Doris Wolf, 2012; Hygiene-Institut, Kinderspitalgasse 15

Nur wenige Schritte den HERNALSER GÜRTEL hinauf, erreichen wir an seiner Ecke bei Nr. 28 zur KINDERSPITALGASSE 15 einen blockhaften viergeschoßigen Bau. Schon weithin sichtbar kündet ein Vordach von der besonderen Bedeutung dieses Gebäudes. Es könnte sich dabei um einen repräsentativen Regenschutz für Hotelgäste handeln. Betritt man das großzügige Foyer, das mit seinem neobarocken Dekor und den Doppelsäulen beiderseits des Aufgangs zum Treppenhaus prunkt, ist durchaus Ähnlichkeit mit einer Hotelhalle gegeben. Doch hier handelt es sich um das Entrée des Hygieneinstituts (Institut für Hygiene und angewandte Immunologie der Medizinischen Universität Wien). Es wurde 1905 -1908 nach Plänen von Ludwig Tremmel in einem Übergangsstil vom Neobarock zum Jugendstil erbaut und zeigt den letzten Glanz der imperialen Bauweise der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt. Bei seiner Eröffnung waren auf 3000 m² verbauter Grundfläche das Hygienische Institut mit der allgemeinen Untersuchungsanstalt für Lebensmittel, das Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie und das staatliche serotherapeutische Institut untergebracht. Seiner Bestimmung entsprechend war das Gebäude nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet. Reformschiebefenster, elektrische Beleuchtung, Abfallverbrennung, Heizungs- und Lüftungsanlage sollten zugleich Studien- und Demonstrationsobjekte sein. 2012 kontrastiert die Hauptfassade zur frisch renovierten weißen Gürtelseite des Gebäudes.

KINDERSPITALGASSE 10 / ZIMMERMANNGASSE 10 biegen wir rechts in diese ab. Georg Zimmermann war Ehrenbürger von Hernals. Charakteristisch für das Eckhaus sind sein Turm und die Reliefs weiblicher Gestalten an der Fassade. Eine Gedenktafel erinnert an den Lyriker und Dramatiker Jura (Jurij) Soyfer. Er schrieb für das sozialdemokratische Parteikabarett und war ein viel gespielter Autor des "Kabarett ABC". --> 9. "Im Oberen Werd"

Foto: Doris Wolf, 2012; Ehem. Postamt, Zimmermanngasse 4-6

Bis März 2012 befand sich das Postamt 1095, ZIMMERMANNGASSE 4-6. Es wurde als Telegraphendirektion für Wien, Niederösterreich und das Burgenland in neoklassizistischen Formen 1920 errichtet. An seiner Stelle befand sich das Tor der Hernalser Linie samt Mautamt und Linienkapelle. Diese bestand von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1886 und war, wie fast alle Kapellen bei den Linientoren, dem hl. Johannes Nepomuk geweiht. 1828 ließ sie ein Kirchenvater namens Binder renovieren und eine Inschrift zu Ehren des Heiligen anbringen. Aus den ersten Buchstaben jeder Zeile ergab sich der Name Binder. Die Umgestaltung der Hernalser Linie, bei der für die Gleise der Pferdestraßenbahn Platz geschaffen wurde, bedeutete das Ende des kleinen Gotteshauses.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alsergrund-Wappen am Haus Zimmermanngasse 2 / Alser Straße 48

Das gegenüber liegende Haus ZIMMERMANNGASSE 2 / ALSER STRASSE 48, musste nach Bombentreffern abgetragen und neu erbaut werden. Nach der Fassadenrenovierung kommt nun das in den Nachkriegsjahren als Hausschmuck angebrachte keramische Bezirkswappen wieder zur Geltung. Es zeigt die Siegel jener sieben Vorstädte, die den Alsergrund ergaben. Zur Zeit der Eingemeindung (1850) war er der 8. Bezirk, nach der Abtrennung Margaretens von der Wieden (1862) wurden die Bezirke neu nummeriert und der Alsergrund ist seither der 9. Das Keramikrelief zeigt die namensgebende Alservorstadt in der Mitte, in der oberen Reihe Michelbeuerngrund, Himmelpfortgrund und Thurygrund, in der unteren Reihe Lichtental, Althangrund und Rossau. Das Wappen des Michelbeuerngrundes (hier eine Elster) wurde 1988 durch jenes des Stiftes Michaelbeuern ersetzt.

Die nach dem Alsbach benannte Alser Straße ist die älteste Straße im Bezirk, doch floss der Bach zu keiner Zeit durch sie. Die Römer benutzten sie als Zufahrtsstraße zu ihren Ziegeleien in Hernals. Obwohl schon 1211 als "Alsaerstrazze" erwähnt, erlangte sie erst nach der Zweiten Türkenbelagerung (1683) ihre Bedeutung als Verkehrsweg Richtung Wienerwald. Die (vordere) "Alstergasse" wurde zur Hauptstraße der Vorstadt und führte daher auch den Namen "Alsergrund Hauptstraße". Mit der Bezirkseinteilung 1862 verlor die Alservorstadt 154 Häuser an die Josefstadt. Solcherart amputiert, wurde die Hauptstraße zur Grenzstraße.

Wir biegen in die Hebragasse ein. Ferdinand Hebra begründete die moderne Dermatologie. Er gab einen Atlas der Hautkrankheiten heraus, dessen System Jahrzehnte hindurch Geltung behielt. Hebras erneuerte Terminologie entstand aus experimentellen und pathologisch-anatomischen Forschungsergebnissen. Am Haus HEBRAGASSE 1 erinnert eine Gedenktafel an den Schauspieler Emmerich Arleth, einen Förderer des Wiener Liedes.

HEBRAGASSE 3, die Rückseite des ehemaligen Postamtes, zeigt eine ähnliche Gestaltung wie die Hauptfassade.

Foto: Doris Wolf, 2010; Hebragasse 9

Die palaisartigen Miethäuser HEBRAGASSE 7 und 9 wurden um 1900 in Formen des Neobarock bzw. der Neorenaissance erbaut.

Die Benennung der Kinderspitalgasse (wie auch der nahen Mauthnergasse und der Mariannengasse) haben mit der Krankenanstalt zu tun, die heute als "St. Anna" für ihre Kinderkrebsforschung bekannt ist. Dieses erste Kinderspital Europas wird die letzte Station unseres Spaziergangs bilden.


Foto: Doris Wolf, 2010; Dreilauferhaus, Alser Straße 38

Das Haus KINDERSPITALGASSE 1 teilt als Nr. 38 die ALSER STRASSE und steht an dieser exponierten Stelle stets im Blickpunkt der Passanten. Die überlebensgroße Figurengruppe auf dem Giebel, nächtens angestrahlt, weist auf den seit 1778 bestehenden Namen "Dreilauferhaus" hin. Viktor Tilgner, einer der besten Bildhauer der Ringstraßenzeit, schuf die Figuren. Die Laufer waren herrschaftliche Diener. Ihre Aufgabe bestand darin, den Sänften und Kutschen der Adeligen voraus zu eilen, um Platz zu schaffen. An prächtigen Kopfbedeckungen ließen sich die Laufer schon von weitem erkennen, und ihre "Zepter" waren Stäbe, mit denen sie den Verkehr teilten. Diese Vorläufer der heutigen Verkehrseskorte von prominenten Politikern wurden durch die Revolution 1848 abgeschafft. Das alte Dreilauferhaus, dessen Hausschild sich im Bezirksmuseum Alsergrund befindet, bot vielen Bewohnern Platz. Neben Studenten waren es oft Buchdrucker und Schriftsetzer der nahe gelegenen Offizinen. Der Verfasser von über 120 Volksstücken und 100 Romanen, Anton Langer, wohnte hier. Er gründete das "Arena-Theater" in Hernals und gab das satirische Wochenblatt "Constitutioneller Hans-Jörgel" heraus. Der Schriftsteller Ludwig Anzengruber wurde im alten Dreilauferhaus geboren. Als Volksaufklärer und Sozialreformer konzentrierte er sich in seinen Stücken auf die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen in einer meist dörflichen Umwelt. Spätere Prosatexte wie das "Märchen des Steinklopferhanns" (1884) sind bereits dem Naturalismus zuzurechnen.

Die Alser Straße zur Stadt gehen, heißt ein Prominentenlexikon aufschlagen. ALSER STRASSE 36 / BRÜNNLBADGASSE 1 wurden die Schauspielerinnen Liane Haid und Grit Haid geboren. Die Tänzerin Liane war ab 1921 einer der bekanntesten Stummfilm-Stars, ihre jüngere Schwester kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ein "Musikhaus Haid" befindet sich auch 2012 im Haus.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 32
ALSER STRASSE 32 entstand 1910 mit secessionistischer Fassade, ein Werk des Villen-Architekten Arnold Hatschek. Unter dem Dachausbau glänzen ein Jahrhundert später die Metallteile des Mittelerkers in frischem Grün und Gold. Hier wohnte Karl Friedrich Gsur, ein Portrait- und Landschaftsmaler von dem das Wandgemälde "Wiener Sagen" im Rathauskeller stammt. Die Genossenschafts-Druckerei, die sich zuvor hier befunden hatte, stellte 1889-1893 die Arbeiterzeitung her.

Das 1887 mit drei Höfen erbaute Haus ALSER STRASSE 30 kann auf eine große Tradition zurückblicken. Im alten Haus bezog der damals 22-jährige Ludwig van Beethoven sein erstes Wiener Quartier, ein Parterrezimmer beim Buchdrucker Strauß. Anton Strauß, der als Schriftgießer und Buchdrucker in den Napoleonischen Kriegen eine Felddruckerei führte, war der Kompagnon von Joseph Vinzenz Degen, dem späteren ersten Direktor der 1804 gegründeten Hof- und Staatsdruckerei. Seit 1858 befand sich im alten Haus die evangelisch-theologische Fakultät, die 1885 in die Türkenstraße 3 übersiedelte.


Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 28

Das Haus ALSER STRASSE 28 aus dem Jahr 1901 zeigt eine monumental gegliederte Fassade. Durch die dekorativ gestaltete Eingangshalle führt ein ovaler Stiegenaufgang, von Atlanten flankiert, aufwärts. Zudem besitzt das für den Hautarzt Moritz Kaposi errichtete Gebäude einen Hof mit Gartenanlage. Kaposi zählte mit seinem Lehrer Hebra zu den hervorragenden Dermatologen der Wiener medizinischen Schule. Er vereinigte pathologisch-anatomische Erkenntnisse mit den Errungenschaften der Chemie, Bakteriologie und Hygiene. Sein Name erlangte durch die Immunschwächekrankheit AIDS und das damit verbundene "Kaposi-Sarkom" traurige Berühmtheit. Im Haus starb der Professor für Kinderheilkunde Theodor Escherich, der die wissenschaftlichen Grundlagen der Säuglingsernährung schuf. Er forcierte die Ausbildung von Kinderpflegerinnen, war Begründer der Reichsanstalt für Mutter- und Säuglingsfürsorge und Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Kinderforschung. Escherich baute die Kinderspitäler in Wien aus und erweiterte seine Klinik im Allgemeinen Krankenhaus um eine Säuglings- und Neugeborenenabteilung.

Zu den Merkwürdigkeiten des alten Hauses Alser Straße 28 (wie auch bei Nr. 24 und 16) zählte im 19. Jahrhundert die Verpflichtung des jeweiligen Besitzers, jährlich 8 Gulden zur Beleuchtung der Straße beizusteuern. In diesem Haus wohnte der Maler Jakob Alt, der Vater von Franz und Rudolf Alt. Er verwendete als erster Künstler die damals neue Technik des Steindrucks (Lithographie) bei Portraitdarstellungen. Gemeinsam schufen Jakob und Rudolf Alt im Auftrag des Kaisers Ferdinand I. zwischen 1830 und 1849 rund 170 "Guckkastenbilder". Diese Meisterwerke der Aquarellkunst des Biedermeiers zeigen Veduten und Landschaften aus den Alpenländern, Italien und Dalmatien. Zu den prominenten Bewohnern zählte auch Eugen Oberhummer. Der Professor für historische und politische Geographie bereiste die Welt, beginnend in Südeuropa und später Nord- und Mittelamerika. Durch seine interdisziplinäre Methodik leistete er namhafte Beiträge zur Altertumsforschung. Seine Bedeutung liegt in der Auswertung geschichtlicher und religiöser Quellen für das Verständnis der Geographie. Das Bezirkspolizeikommissariat befand sich ebenfalls seit 1840 im alten Gebäude.

Das historische Interesse am anschließenden Haus ALSER STRASSE 26 liegt in der Person von Dr. med. Gabriele Possanner. Die erste Ärztin Österreichs starb hier 1940. Sie promovierte zunächst in der Schweiz und erreichte 1897 nach dreijährigen Bemühungen die Nostrifizierung ihres Doktordiploms in Österreich. Ihre Praxis befand sich in der Günthergasse 2. 1928 wurde ihr der Titel Medizinalrat verliehen. Durch ihre Zielstrebigkeit trug sie wesentlich dazu bei, Frauen den Weg zum Medizinstudium zu ermöglichen. Alser Straße 26 (wie auch 8), wohnte der Schriftsteller, Dichter und Kabarettist Peter Hammerschlag (Pseudonym Peter Mahr). Er war Mitbegründer des ersten Wiener Kellertheaters "Lieber Augustin".

Alser Straße 24 / Pelikangasse 1, © Salzer Holding GmbH

Das Hauszeichen von ALSER STRASSE 24 / PELIKANGASSE 1, "Zum goldenen Pelikan" gab der Seitengasse ihren Namen. Der Pelikan als Symbolgestalt der Mutterliebe ist als Hauszeichen in Wien nicht selten anzutreffen, hier dient er seit 1862 zur Benennung der Verkehrsfläche. Zuvor nannte man sie Zwerchgasse oder Alserbachgässel. Noch früher hieß sie Bergsteig, da sie in ihrem unteren Teil nach Westen, quer zum Hang des Alsbachs abbog. Das Eckhaus Pelikangasse 1, das bis in die Mariannengasse 19 reicht, ist als Salzer-Hof bekannt. Hier begann die Geschichte einer der bedeutendsten Buchdruckereien der Donaumonarchie. 1805 übernahm der langjährige Druckereileiter Georg Ueberreuter das renommierte Unternehmen des Johann Thomas Trattner, in dem die späteren Kaiser Joseph II. und Leopold II. und Erzherzog Karl Josef Mitte des 18. Jahrhunderts in der Buchdruckerkunst unterwiesen wurden. 1866 verkaufte Georg Ueberreuters Nachfahre Carl die Buchdruckerei, Schriftgießerei und Verlagsbuchhandlung an den Papierfabrikanten Matthäus Salzer. 1826 war die Firma des Matthäus Salzer protokolliert worden. Sein Interesse galt der Papiererzeugung, die er mit der Errichtung einer Fabrik in Ebenfurth, Niederösterreich, und der Gründung einer Baumwollspinnerei im gleichen Ort 1840 und 1845 erweiterte. Schon 1842 wurde in Stattersdorf, Niederösterreich, die erste Papiermaschine aufgestellt. Mit dem Kauf der Ueberreuterischen Buchdruckerei erfolgte 1866 die Verlagerung auf Schriftgießerei und Buchdruck. Das Kombinat von Papiererzeugung, Schriftgießerei, Satz und Druckwesen machte sich bezahlt. 1896 wurde als neues Druckereigebäude der Salzer-Hof errichtet. Ein Jahr später entstand die Buchbinderei für den Krakauer Kalender. Der Initiative und dem unerschütterlichen Optimismus der jeweiligen Inhaber ist es zu danken, dass die Firma krisenhafte Zeiten überlebte und trotz Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder erstand. Solcherart wie der Vogel Phönix aus der Asche wäre dieser, an Stelle des Pelikans, das Symbol eines Unternehmens, dessen Wahlspruch "Durch Fleiß und Beharrlichkeit zum Ziel" sich oft bestätigte. 2012 gab der Verlag den Standort Wien auf und übersiedelte nach Berlin.

ALSER STRASSE 22 / PELIKANGASSE 2 war gleichfalls ein Haus nach einem Vogel benannt und darin eine Druckerei beheimatet. Zufällig befindet sich auch 2012 darin ein "Medienhaus". Das Gebäude hieß seit 1697 "Zur Elster", 152 Jahre lang bestand das gleichnamige Gasthaus mit einem geräumigen Tanzsaal, Garten und Kegelbahn als eines der ältesten seiner Art im 9. Bezirk. Aus dem Bierhaus wurde schließlich ein Papiermagazin. Die Buchdruckerei begann mit Leopold Sommer, der 1842 das Haus erwarb und den großen Garten mit einem Betriebsgebäude verbaute. Es war die zweckmäßigste Privatdruckerei ihrer Zeit in Wien. Eine Dampfmaschine setzte erstmals sieben Schnellpressen in Bewegung. 1848 gab Sommer die erste nicht von der Regierung beeinflusste Zeitung heraus, was zur Aberkennung des Titels k. k. Hofbuchdruckerei führte. 1868 nahm er seinen Stiefsohn in die Firma, die seither auf Leopold Sommer & Comp. lautete. 1884 errichtete man den vierstöckigen Neubau, den sechs Jahre später Michael Hainisch erwarb. Hainisch war der erste Bundespräsident der Republik Österreich, danach Bundesminister für Handel und Verkehr. Das Haus blieb bis 1950 im Eigentum seiner Familie.

Alser Straße 20, Slg. Alfred Wolf

Das alte Haus ALSER STRASSE 20 stand im Besitz berühmter Ärzte. 1797 erwarb es der Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, Johann Peter Frank. Der Begründer der Hygiene als selbstständige Wissenschaft genoss als Mediziner internationales Ansehen. Patienten aus den höchsten Gesellschaftskreisen frequentierten seine Praxis. Sein Privathaus in der Alser Straße war ein Mittelpunkt des musikalischen Lebens, und Ludwig van Beethoven sein ständiger Besucher. Das einstöckige Gebäude mit klassizistischer Fassade trug im Giebelfeld ein Relief mit Genien, die das von einem Lorbeerkranz umgebene Portrait eines bärtigen Mannes hielten. Phantasievoll brachte man die alte Darstellung mit Theodor Billroth in Verbindung, der das Haus von 1876 bis 1889 besaß. Wie eine Gedenktafel am Neubau kündet, führte der große Chirurg 1881 erfolgreich die erste Magenresektion durch. Und wieder wurde die Wohnung des Arztes zu einem Treffpunkt der Hausmusik: Bei den berühmten Brahmsabenden trafen sich die beiden nach Wien zugewanderten Norddeutschen Johannes Brahms und Theodor Billroth. Der nächste Hausherr war Friedrich Siemens, der eine einstöckige Fabrik für Gasgeräte zubaute. Er erwirkte 1906 die Demolierungsbewilligung und ließ im folgenden Jahr den bestehenden vierstöckigen Neubau errichten, der in der Familie blieb und 1924-1932 als Firmensitz der Friedrich Siemens AG aufscheint.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 18

Das Haus ALSER STRASSE 18 führte bis zum secessionistischen Neubau aus dem Jahr 1904 (wie Nr. 32 von Arnold Hatschek) die Bezeichnung "Zur heiligen Dreifaltigkeit". Es war das Sterbehaus Ferdinand Schubert, Bruder des Komponisten Franz Schubert, und von Johann Gabriel Seidl, Archäologe, Schriftsteller und Dichter. Von Seidl stammte der Text zur Volkshymne, des so genannten Kaiserliedes "Gott erhalte...", den er 1854 verfasste. Im dreistöckigen Neubau wohnten der Pionier der österreichischen Radiologie, Guido Holzknecht, und der Operettenkomponist Emmerich Kálmán. Zu dessen bekanntesten Werken zählen "Die Czardasfürstin" und "Gräfin Mariza".

Die anschließenden Grundstücke Alser Straße 16 bis 6 reichten mit ihren Gärten von der vorderen Als(t)ergasse bis zur unteren (oder hinteren) Als(t)ergasse, der heutigen Mariannengasse 11 bis 3. Teilweise entstanden darauf Durchhäuser.

ALSER STRASSE 16 war ein Durchhaus zur Mariannengasse 11. Eine Besonderheit des alten Hauses war sein polygonaler Turm, der den Dachfirst überragte. Ab 1713 besaß es durch 40 Jahre der Ire Guilemus O'Kelly de Agrim, "des hl. röm. Reiches Ritter, Kaiserl. Wappenkönig". Er war zudem Hofpoet und Professor der Geschichte, Philosophie und Heraldik an der Landschaftsakademie, Alser Straße 2. --> 4. "Um den Dom des Alsergrundes" 1875 wurde der vierstöckige Neubau samt einem Glassalon errichtet und mit dem neun Jahre älteren Bau in der Mariannengasse verbunden. Der Salon ist verschwunden, der Durchgang gekappt, doch im Stiegenhaus des Straßentraktes befindet sich eine klassisch wirkende weibliche Figur. Mariannengasse 11 errichtete 1866 Josef Leiter sein Wohnhaus und die Werkstätte zur Erzeugung chirurgischer Instrumente. 50 Beschäftigte fertigten hier seine weltweit bekannten Operationsgeräte und Instrumente für Elektro-Endoskopie. 2012 dient es als Asylantenheim der Caritas.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 14

ALSER STRASSE 14 führt als Durchhaus zur Mariannengasse 9. Nächst der Direktion des Städtischen Elektrizitätswerks gelegen, nannte man es scherzhaft "Beamtenlaufbahn". Der im 19. Jahrhundert mehrfach umgebaute Besitz wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben schwer getroffen, so dass 1948 der linksseitige Hoftrakt abgetragen werden musste. 2012 präsentiert sich der Hof bei Mariannengasse 9 mit modernen Zubauten. Das alte Haus trug den Namen "Zu den sechs Krügen". Sein Erstbesitzer, Peter Rosenbüchler, war 1704 ein "Erdener Geschirrhändler". Das Hausschild befindet sich im Bezirksmuseum Alsergrund.

Das Althaus ALSER STRASSE 12 "Bey Jesus, Maria und Josef" erfuhr eine Namensverkürzung "Zur heiligen Familie". Von einem "Fleischhacker" errichtet, blieb es durch Jahrzehnte im Besitz von Angehörigen dieses Berufes, was sich im Bau einer Eisgrube, von Stallungen und einer Wagenremise dokumentierte, bis 1865 der Neubau erfolgte. Auch er ist ein Durchhaus, zu Mariannengasse 7.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 10

Das Miethaus ALSER STRASSE 10 hat an seiner späthistoristischen Fassade in der Höhe des ersten Stockwerks eine Mauernische mit der barocken Sandsteinplastik einer Pietá. Das Gebäude an der Rückseite (Mariannengasse 5) kam wie das Nachbarhaus (Mariannengasse 3) in den Besitz der Neuen Reformbaugesellschaft, die es von Wilhelm Holzbauer für neuzeitliche Nutzung umbauen ließ. ALSER STRASSE 8 "Zum Tiger" zeigt dessen Darstellung an der Fassade. Die Berufsbezeichnung einer Mitbesitzerin des Vorgängerbaues im Jahre 1795 lautete: "k.k. Bankal Gefällen Administrations Aktuars Ehegattin". 1800 erwarb der Pharmazeut Carl Julius Unruh das Haus, das bis zum Neubau 1881 im Besitz von Apothekerfamilien blieb. Er war Schätzmeister im Gremium, wirkte über zwei Jahrzehnte in dessen Ausschuss und hatte als Bürger von Wien viele Jahre das Amt des Äußeren Rates und Gerichtsbeisitzers inne. 1812 wurde hier Rudolf Alt geboren. Seine mehr als 1000 Aquarelle, darunter 100 Ansichten des Stephansdoms, sind zugleich von hoher künstlerischer Qualität und topographischem Wert. Schon über 80 Jahre alt (er wurde 93), war der Maler Gründungsmitglied und Ehrenpräsident der Secession.

Foto: Doris Wolf, 2010; Alser Straße 8

Die Tiger-Apotheke übersiedelte, durch den Neubau bedingt, 1882 nach Alser Straße 12, doch die lebensgroße Figur der Raubkatze blieb das Wahrzeichen von Nr. 8. Der neue Hausbesitzer war Leopold Schrötter von Kristelli, weltweit der erste Dozent der Laryngologie und ein Pionier der Endoskopie der Atemwege. Besondere Verdienste erwarb er sich auf dem Gebiet der Kehlkopfchirurgie und im Kampf gegen die Lungentuberkulose durch die Errichtung von Lungenheilanstalten und sein soziales Engagement für die Kranken. Im Haus starb der Komponist Karl Goldmark, dessen Oper "Die Königin von Saba" 1875 zum Welterfolg wurde.

Das Haus ALSER STRASSE 6 bildet die Ecke zur SPITALGASSE 1. Ein Drittel ihrer Länge führt diese entlang der Westseite des alten Allgemeinen Krankenhauses, nach dem sie 1797 ihren Namen erhielt. Eine Besonderheit dieses Teils der Spitalgasse bildete der Straßenbelag. Aus Lärmschutzgründen verwendete man Holzstöckelpflaster mit etwa 10 mal 10 cm großen Würfeln aus imprägniertem Holz. Die gut gemeinte Absicht, dadurch den Verkehrslärm vor dem Spital zu dämpfen, führte bei Nässe zu Straßenglätte, die oft zu Unfällen Anlass gab. Das repräsentative Eckhaus wurde 1903 von Franz Neumann d. J. erbaut. Der Schüler des Dombaumeisters Friedrich Schmidt stammte aus einer renommierten Baumeisterfamilie, war Gemeinde- und Stadtrat von Wien. Heute zählt man ihn zu den produktivsten und innovativsten Baukünstlern seiner Zeit. Eckbauten, auch im 9. Bezirk, wie die Telephonzentrale in der Berggasse 35 / Hahngasse 4, scheinen seine Spezialität gewesen zu sein. Im Haus wohnte, in der Nähe seiner Wirkensstätte, Moritz Benedikt, Neurologe, Elektrotherapeut und Nervenpathologe, der durch 45 Jahre die Abteilung für Nervenheilkunde an der Poliklinik (Mariannengasse 10) leitete. Im März 1945 wurde das Haus von Bomben getroffen und im April bei Erdkämpfen schwer beschädigt. Erst 1948 konnte sein Wiederaufbau erfolgen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Spitalgasse 1b / Mariannengasse 1

SPITALGASSE 1b / MARIANNENGASSE 1 verbrachte Viktor E. Frankl seit seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1945 die meiste Zeit seines Lebens, in unmittelbarer Nähe zur Poliklinik, deren Neurologische Abteilung er ein Vierteljahrhundert lang leitete. Ausgehend von der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers entwickelte er einen eigenständigen Ansatz, für den er den Doppelbegriff Logotherapie und Existenzanalyse prägte. Zwei Gedenktafeln sind ihm an dem Haus gewidmet, in dem sich jetzt das Viktor-Frankl-Zentrum Wien befindet. Es wurde im Jahr 2004 als Informations- und Forschungsstätte für Logotherapie und Existenzanalyse gegründet. Zentrales Anliegen des Zentrums ist die Pflege und Verbreitung der Lehre von Viktor E. Frankl und der von ihm begründeten humanistischen sinnorientierten Psychotherapie. Zuvor wohnte der Chirurg Dominik Pupovac, Primarius an der Wiener Poliklinik, durch 24 Jahre in dem Haus. 1863 war es der Firmensitz der Straßenbahngesellschaft Carl Schaeck-Jaquet & Co, eines von Österreichern geleiteten Schweizer Unternehmens. Die Firma baute 1865 die erste Wiener Pferde-Straßenbahnlinie auf der zunächst einspurigen, 4 km langen Strecke vom Schottentor über die Alser Straße nach Hernals.

Foto: Doris Wolf, 2010; Spitalgasse 3 / Mariannengasse 2

Ein an der Ecke SPITALGASSE 3 / MARIANNENGASSE 2 gelegenes Gasthaus führte in seinem Schild einen schwarzen Adler, der 1719 bis 1900 dem Haus seinen Namen gab. Ein Teil der Mariannengasse hieß danach "Schwarze Adler Gasse" oder "Adlergasse". Seit 1753 besaßen Gastwirte das Haus und seit 1844 war das Gewerbe grundbücherlich festgelegt. 1856 wird von einem Gasthaussalon und diversen Trakten, die mit einem Glasgang verbunden waren, berichtet. In dem Lokal befand sich ein Lesezimmer des Arbeiterbildungsvereins Alsergrund. 1900 wurde der jetzige Bau errichtet. In der Einfahrt verweist eine ornamental gestaltete Inschrift auf den Eingang zur Küche. Eine Marienstatue, die ursprünglich an der Hausecke stand, kam im Hausflur des Neubaues zur Aufstellung. Hier wohnte Fritz Demmer. Als Chirurg war er Primarius und Leiter verschiedener Spitäler in Wien. Im Ersten Weltkrieg richtete er erstmals eine mobile Feldchirurgie ein. Sein Hauptanliegen war die gründliche Fachausbildung junger Ärzte. Er schrieb 115 wissenschaftliche Publikationen und führte 1927 die erste Meniskusoperation durch. Seit 1854 befand sich hier die Firma Heinrich Esterlus, die für ihre Spezialanfertigungen - wie heizbare Betten für Krankentransporte - bekannt war. 1878 lobte man auf einer Fachausstellung die "herrliche Collection von Apparaten und Geräthschaften zur Krankenpflege". Der k. u. k. Hoflieferant konstruierte für einen Erzherzog einen speziellen Katapultsitz, der sich im Bezirksmuseum Alsergrund befindet. Die Familie Esterlus nahm aktiven Anteil an der Gründung der Freiwilligen Feuerwehr auf dem Alsergrund, ebenso wie an der des Wiener Sportklubs.

Im Haus Mariannengasse 4 hatte seit 1774 durch 20 Jahre der "k.k. illyrische Hofbuchdrucker und Buchhändler" Josef Kurzbeck seine Offizin. Er druckte vor allem Bücher in hebräischer und griechischer Sprache. Wie damals allgemein üblich, schnitt und goss er seine Lettern selbst. Er war Konkurrent von Johann Trattner, dessen Erzeugnisse er durch besseres Papier, schönere Schrift und auch durch mäßigere Preise übertraf. Geadelt, erhielt er von Kaiserin Maria Theresia eine goldene Gnadenkette, da er für die Herstellung aller seiner Werke in orientalischen Sprachen keinerlei Staatsmittel benötigt hatte. Ein anderer Hoflieferant war Friedrich Wiese, Ehrenhauptmann des k.k. priv. Gardegrenadier Corps in Prag, der auf der Liegenschaft 1863 ein einstöckiges Haus baute. Er war der Gründer der österreichischen Panzerkassenfabrikation. Das ganze Gebäude mit Nebentrakten war für die Erzeugung von feuerfesten Kassen eingerichtet. 20 Bohrmaschinen, 91 Schraubstöcke, elf Ambosse, drei Blasbälge und ein Walzwerk gehörten zum Inventar der Fabrik, die 1906 an die Gemeinde Wien verkauft wurde.

Diese errichtete ein Jahr später MARIANNENGASSE 4-6 das erste Direktionsgebäude der 1899 gegründeten Firma "Gemeinde Wien Städtisches Elektricitätswerk" (seit 1998 Wienstrom GmbH), das schon bald erweitert werden musste. In der mit Marmor verkleideten Eingangshalle befindet sich eine reliefgeschmückte Gedenktafel für sechs Betriebsangehörige, die Opfer des Faschismus wurden. Im alten Haus Mariannengasse 6 / Höfergasse 2 hatte 1844 Ada Christen als Christiane Frederik, später Breden, das Licht der Welt erblickt. Die Schriftstellerin zählte zu den bedeutendsten Frauen ihrer Zeit. In Erzählungen, mit denen sie die bürgerliche Leserschaft schockierte, übte sie Sozialkritik und beeinflusste die frühen Naturalisten. In ihrem Salon trafen sich prominente Literaten, wie ihr Förderer Ferdinand von Saar. Als Mitbegründerin des Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen verschaffte Ada Christen diesen Anerkennung und materielle Unterstützung.

Foto: Doris Wolf, 2012; Vienna Policenter, Mariannengasse 8-10 / Höfergasse 1
Foto: Doris Wolf, 2012; Ehem. Poliklinik, Mariannengasse 8-10 / Höfergasse 1

Bevor wir in die abzweigende Höfergasse einbiegen, gilt unser Blick noch dem Eckgebäude MARIANNENGASSE 8-10 / HÖFERGASSE 1 und 1a, der ehemaligen Poliklinik. In dem Spital starben u.a. der Radiologe Guido Holzknecht und der Komponist Hermann Leopoldi (eigentlich Hermann Kohn). Die Mariannengasse war im 19. Jahrhundert für zwei Krankenanstalten bekannt, die flächenmäßig fast gleich groß waren und jede etwa in der Ausdehnung dem 8. und 9. Hof des alten Allgemeinen Krankenhauses entsprachen. Doch waren sie in ihren Programmen grundverschieden. Während das Sanatorium Loew zahlungskräftigen Patienten vorbehalten blieb, wurde in der Poliklinik unentgeltlich geholfen. Allein 1910 kamen 71.000 Patienten in ihre Ambulanz. Zielsetzung der von zwölf Dozenten gegründeten ersten Poliklinik Europas war es, die Behandlung Unbemittelter mit der Praxis junger Ärzte zu verbinden. Sie galt zur Zeit ihrer Errichtung (1890) als mustergültig für Spitalsbauten. Schon die aufwändige Schaufront kündete von der Bedeutung der Anstalt: Majolikaportraits zeigten die Köpfe berühmter Mediziner, ein Stockwerk höher waren Tafeln mit den Namen weiterer Kapazitäten angebracht. Architekt war Andreas Streit, der sich als Gemeinderat in der Wiener Kommunalpolitik engagierte.

Foto: Doris Wolf, 2012; poli.life, Mariannengasse 8-10 / Höfergasse 1

Foto: Doris Wolf, 2012; Baumhaus im Viktor-Frankl-Park

Für die Poliklinik plante der Ringstraßenarchitekt hohe Räume mit übergroßen Fenstern und Zimmer für vier bis sechs Patienten. Prominente Mediziner wirkten hier: Hans Hebra war Primarius für Dermatologie. Der Laryngologe Johann Schnitzler zählte zu den Begründern, sein Sohn, der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler, war sein Assistent. Therapie und Pflege galten als besonders fortschrittlich. Die 1904 eingerichtete Radiologie, die erste selbstständige Abteilung dieser Art in der österreichisch-ungarischen Monarchie, wurde 1962 mit einem Aufwand von einer Million Schilling erneuert. Das Spital überstand den Bombenhagel vom 5. November 1944 und wurde bis 1951 wieder aufgebaut. In den folgenden Jahrzehnten standen Renovierung oder Neubau zur Debatte, bis 1998 die Schließung erfolgte. 2004 kaufte die Competence Investment AG die Liegenschaft. 2008 begannen die Abbrucharbeiten. Das Projekt besteht aus sechs Gebäuden (Mariannengasse 8, 10, 12, Höfergasse 1a und 7a und dem kurz zuvor eröffneten Vienna Competence Center Ecke Lazarettgasse/Pelikangasse) sowie dem 3.900 m² großen öffentlichen Viktor-Frankl-Park. Die Investitionen lagen bei 52 Mio. €. Vier große Neubauten enthalten unter dem Namen "poli.life" 136 Miet- bzw. Eigentumswohnungen. Der denkmalgeschützte Hauptbau wurde als "Vienna Policenter" für Büros und Ordinationen revitalisiert. Dort hat seit 2012 auch die Prisma-Unternehmensgruppe, die das Projekt entwickelte, ihren Wiener Firmensitz.

Foto: Doris Wolf, 2010; Höfergasse 2-12

Die Höfergasse bietet ein gutes Beispiel für die urbane Entwicklung des 9. Bezirks. Sie wurde 1794 an Stelle eines großen Gartens des k.k. Arsenal- und bürgerlichen Tischlermeisters und Hoftischlers Wilhelm Höfer angelegt. Zuvor hatten sich Lust- und Ziergärtner bemüht, das zum Alsbach abfallende Grundstück im barocken Stil zu kultivieren. Wie unwirtlich die Gegend war, zeigt ein Ratschlag des Magistrats, die "Gestätte" den Gewährnehmern unentgeltlich zu überlassen, das Erdreich abzugraben und "den diesfälligen neuen Weg wandelbar herzustellen". Noch heute ist der Niveauunterschied zwischen Lazarettgasse und Höfergasse vor dem Haus HÖFERGASSE 2-12 deutlich. Zur Rechten wird der Seitentrakt des E-Werks (Wienstrom GmbH) sichtbar. Von Josef Bittner 1925 entworfen, zeigt er expressionistische Elemente und ist durch zweigeschossige Erker gegliedert. Der stets steigende Energieverbrauch bedingte auch die Vergrößerung der Verwaltung. So expandierte das Stromimperium nach allen Seiten von der Höfer- zur Rummelhardt- und Spitalgasse, sogar mit einer Brücke zum jüngsten Bau im einstigen Krowotendörfel.


Ehem. Krowotendörfel, Slg. Alfred Wolf

Foto: Doris Wolf, 2012; Höfergasse 7a

Diese unter dem Niveau der Lazarettgasse gelegene Ansiedlung bestand aus armseligen Hütten. Hier wohnten vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Slowaken, von den Wienern "Krowoten" genannt. Die meisten waren Hausierer mit Spielzeug und hölzernen Haushaltsartikeln, andere trieben als Gemüseslowaken Handel. An Sonntagen besuchten sie korporativ die Frühmesse in der Kapelle des nahen städtischen Versorgungshauses "Zum blauen Herrgott", Spitalgasse 23. Die Bachrandsiedlung erstreckte sich bei der Abzweigung der Lazarettgasse von der Spitalgasse westlich bis zur Pelikangasse. Ihren Mittelpunkt bildete die (noch erkennbare) platzartige Erweiterung der Höfergasse bei der Rummelhardt- und Nadlergasse. Die nördliche Begrenzung war der Alsbach. Ursprünglich verlief diese auf halber Höhe des Uferhanges, der zwischen HÖFERGASSE 7 und 12 noch zu erkennen ist. Als Aufbauachse der kleinen Siedlung erstreckte sich die Nadlergasse von der Spitalgasse zur damals noch nicht begradigten Pelikangasse, die bei Lazarettgasse 23-25 als "Bergsteig" den Uferhang querte. Schräg gegenüber, Ecke Rummelhardtgasse und Höfergasse, lag das Gasthaus "Zum grünen Tor", im Volksmund "Zur blutigen Hacke" genannt.

Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Klinikviertel weiter ausbreitete und Neubauten entstanden, war es mit dem Krowotendörfel vorbei. Die wesentlichste Veränderung entstand im Zuge der Neuverbauung von Spitalgasse 13, 15 und 17 im Jahr 1932 durch die Anlage der Rummelhardtgasse zwischen Spitalgasse und Höfergasse. Bei den Bauarbeiten stieß man auf eine Pestgrube aus 1679 und fand die Habseligkeiten der darin Begrabenen. Es befand sich hier der Lagerplatz der Steinmetzwerke Hauser. Das Unternehmen der Alsergrunder Patrizierfamilie konnte auf eine lange Tradition zurückblicken. Bald nach Adaptierung des Großarmenhauses zum Allgemeinen Krankenhaus etablierte sich in seiner Nähe eine Firma, die Grabsteine erzeugte. Ihr Gründer, Aloys Ignatz Hauser, war Mitglied des Äußeren Rates der Stadt Wien, Grundrichter der Alservorstadt und Armenbezirksdirektor. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, war er Inhaber der Goldenen Salvatorverdienstmedaille. In drei Ehen brachte er es zu elf Kindern. Sein Enkel, Eduard Hauser, gilt als Begründer der modernen Steinmetzindustrie. Er lieferte das Baumaterial für 40 Kirchen der Monarchie und mehr als 1.000 Bauten der Ringstraßenzeit. Der Werkplatz besaß einen von zwei mächtigen Pylonen flankierten Eingang, über den sich das Firmenschild spannte. Der kleine Handwerksbetrieb hatte sich durch vier Generationen zu einem der bedeutendsten Unternehmen Österreich-Ungarns entwickelt.

Auf den "Hausergründen" hatte sich Spitalgasse 3 und auf den Nebenparzellen ein großer Garten befunden, von dem Teile abgetrennt und darauf um 1850 die Häuser Spitalgasse 5 bis 13 gebaut wurden. 1980 von der Gemeinde Wien angekauft, richtete sie SPITALGASSE 5-9 das Kundendienstzentrum der Wienstrom GmbH darin ein. Nach der Eröffnung des Kundenzentrums Spittelau im Frühjahr 2012 wurde das bisherige aus der Spitalgasse abgesiedelt, die Räumlichkeiten sollen der Universität zur Verfügung gestellt werden.

Foto: Doris Wolf, 2012; Spitalgasse 11

SPITALGASSE 11, gleichfalls auf abgeteiltem Gartengrund 1846 erbaut, finden wir wieder Angehörige der Familie Hauser im Grundbuch. 1898 wurde ein Wohnhaus zur Unterbringung von 60 bis 80 geistlichen Krankenpflegerinnen (Herz-Jesu-Schwestern) errichtet. Seine Spezialität war ein 45 m langer, 1,36 m schmaler und nur 2,10 m hoher unterirdischer Verbindungsgang zu ihrer Arbeitsstätte im Allgemeinen Krankenhaus. Der Ausstieg befand sich in einem sechseckigen, grünen Holzpavillon im 1. Hof. Seit 1977 war das Kriseninterventionszentrum im "Nonnenwohnhaus" untergebracht. Es wurde 2008 nach langer Leerstehung besetzt und polizeilich geräumt. 2012 präsentiert es sich als Eigentumswohnhaus, vom Keller bis zum ausgebauten Dachgeschoß vorbildlich revitalisiert.



Die Ausdehnung der zusammenhängenden Grundstücke wird bei den Nummern Spitalgasse 13 bis 19 deutlich, die zu Beginn der 1930er- Jahre von der Porr AG angekauft und neu verbaut wurden. Auf dem Werkplatz Spitalgasse 15 / Rummelhardtgasse 1 befand sich das Atelier von Theodor Stundl, dem Schöpfer des "lauschenden Mädchens" des Schubertbrunnens. Der Bildhauer schuf die Figur angesichts zahlreicher Grabsteine vor seinem Atelier. Auch die Gestalt des Schubertbrunnens hat ein Pendant auf dem Hietzinger Friedhof. Eine monumentale kauernde figur in Gruppe 5 diente als Beispiel für das "lauschende Mädchen" des Brunnens - der Künstler brauchte für dieses nur die Haltung der Hände zu verändern. Schon 1905 hatte er einen knienden Frauenakt geschaffen. Sein eigenes Grab auf dem Grinzinger Friedhof (inzwischen heimgefallen) zierte die Plastik "Mutter mit Kind" aus Carraramarmor.

Foto: Doris Wolf, 2010; Spitalgasse 15 / Rummelhardtgasse 1

Foto: Doris Wolf, 2010; Spitalgasse 17 / Rummelhardtgasse 2

Die Fassade des Hauses SPITALGASSE 15/ RUMMELHARDTGASSE 1 ziert in der Höhe des ersten Stockwerks ein athletischer Jüngling. Die Darstellung schuf Hanna Gaertner. Da bald nach der Erbauung aus der österreichischen Demokratie der katholische Ständestaat wurde, fand man die nackte Gestalt anstößig. Man funktionierte sie um und bekleidete sie mit einem Lendenschurz. Außerdem bekam die Figur ein Kind auf die Schulter gesetzt und wurde quasi als heiliger Christophorus umgepolt. Doch fehlen dessen wesentlichen Attribute, das bärtige Gesicht, der wehende Mantel, der gewaltige Stock und die Andeutung des Wassers, durch das der Riese geschritten war. Auch die Namensgebung war politisch. Stadtrat Karl Rummelhardt hatte als christlich-sozialer Kommunalpolitiker gewirkt.

Die Gebäude auf den Hausergründen gehören zu den wenigen, die in der Zwischenkriegszeit errichtet wurden. Seit ihrer Erbauung 1931, und schließlich SPITALGASSE 17 im Jahr 1959, stellten sie einen freundlichen Akzent gegenüber der langen, grauen und unansehnlichen Front des Allgemeinen Krankenhauses dar. Im Unterschied zu den damals zahlreich errichteten Gemeindebauten boten diese Häuser höheren Wohnkomfort, der sich in dem für Wien neuen Wohnungstyp der Garconnieren manifestierte - eine für die im nahen Krankenhaus Tätigen interessante Alternative.

Ein unscheinbares krummes Gässchen, zuvor Zwerchgasse genannt, ist die Nadlergasse. Sie entstand auf einem vom Alsbach abgezweigten Mühlbach, der eine Nadel-Schleif- und Poliermühle mit Wasser versorgte. Sie erzeugte ab 1776 Nähnadeln in der Lazarettgasse 13.

Foto: Doris Wolf, 2010; Nadlergasse 1

Nadlergasse 1 bis 3 gehörte ebenfalls zum Lagerplatz der Firma Hauser und wurde 1959 mit 21 Eigentumswohnungen verbaut. Nadlergasse 1, bis Spitalgasse 17 reichend, befand sich das "Gemainer Stadt Wienn neuerbautes Gießhaus", welches von 1781 bis 1818 bürgerlichen Stuck- und Glockengießern gehörte. Später bildete es die Rückseite des Hauser'schen Verwaltungsgebäudes. Das Glockengießerhaus stand vier Meter über dem Niveau der Gasse. Ihm gegenüber lag jedoch das Haus NADLERGASSE 4, ein Durchhaus zu LAZARETTGASSE 7, einen Meter tiefer. Abgänge und Rampen wiesen auf die mehrmalige Hebung der Lazarettgasse hin, wodurch die niedrigen Häuschen unter deren Niveau zu liegen kamen. Das Lazarett, nach dem die Gasse benannt ist, stand an dem, dort Siechenals genannten, Lauf des Alsbaches. Der Kupferstich von Folbert Alten-Allen (1686) bezeichnet den 1657 erbauten Kontumazhof als "Neues Lazarett".

LAZARETTGASSE 1 / SPITALGASSE 21a erhebt sich seit 1882 ein repräsentatives Eckhaus. Im alten Haus befand sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine private Schießstätte des Hausbesitzers, wobei der Hang des Alsbachs als Kugelfang diente. Die Anlage wurde von Amts wegen geschlossen.

Das 1932 erbaute Garconnieren-Haus LAZARETTGASSE 9 hatte prominente Bewohner: den Schauspieler Anton Edthofer, der jahrzehntelang zu den Stützen des Ensembles des Theaters in der Josefstadt zählte, Inge Konradi, die über 50 Jahre Mitglied des Burgtheaters war und am Max-Reinhardt-Seminar lehrte, sowie den Musikwissenschaftler Erich Schenk.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lazarettgasse 11 / Höfergasse 18 / Nadlergasse 8

Im damals neuen Haus LAZARETTGASSE 11 / HÖFERGASSE 18 / NADLERGASSE 8 befand sich 1912 das Atelier des Malers Egon Schiele (Drei Jahre zuvor hatte er vorübergehend in der Alserbachstraße 39 gelebt.)

Ebenso war LAZARETTGASSE 13 / HÖFERGASSE 13 im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht nur für seinen Stil, sondern auch als Kopfbau von Bedeutung. Mit den beiden Eckhäusern begann hier die großstädtische Verbauung, die erst am Ende des Jahrhunderts abgeschlossen wurde.

1958-1960 baute die Gemeinde Wien auf den ehemals zur Poliklinik gehörenden Gründen LAZARETTGASSE 13 a-c ein Wohnhaus. Seine Eingänge sind mit bunten Mosaiken von Emmi Ferjanz und von Karl Hauk geschmückt.


Foto: Doris Wolf, 2010; Lazarettgasse 13a-c

Die Lazarettgasse weiter gehend, folgen wir dem alten, darunter gelegenen Lauf des Alsbachs aufwärts. Manche Vorschriften von anno dazumal klingen heute kurios und waren doch einst von der Notwendigkeit diktiert. So die mehrfach angesprochene fürstlich Liechtenstein'sche Wasserleitung, die von Hernals zum Sommerpalais des Fürsten führt und ein absolutes Tabu bei Bauarbeiten darstellte, ebenso wie die Freihaltung eines Treppelweges entlang des Bachlaufs.

LAZARETTGASSE 19 / PELIKANGASSE 16-18 erhebt sich an Stelle der 1998 geschlossenen Herzstation der Poliklinik das Vienna Competence Center. Seit 2004 bietet es als Büro- und Laborstandort auf 5.800 m² Raum für Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Medizin, Biomedizin und Medizintechnik. Dabei sind private Firmen ebenso vertreten, wie die Medizinuniversität oder die Akademie für orale Implantologie. Unter dem modernen Gebäude verbirgt sich eine Tiefgarage mit 63 Stellplätzen. Nach Fertigstellung des Projekts Policenter/poli.life ist es in dieses einbezogen und der Durchgang zum dahinter gelegenen Viktor-Frankl-Park möglich.

Eine historische Reminiszenz bilden die Häuser PELIKANGASSE 12 und 14, in denen der Schriftsteller Hermann Günther Meynert und sein Sohn Theodor Meynert, einer der berühmtesten Nervenärzte seiner Zeit, wohnten. Als Neurologe und Psychiater erforschte er die Anatomie und Physiologie des Zentralnervensystems und beschritt neue Wege der anatomischen Diagnostik in der Psychiatrie. Ab 1870 leitete er die Niederösterreichische Landesirrenanstalt. --> 3. "Vom neuen zum alten AKH"

In der Pelikangasse, die wir nun überqueren, befinden wir uns im Zentrum des Klinikviertels. Die Neubauten der medizinischen Einrichtungen haben ihr Gesicht völlig verändert. Die Pelikangasse führt als einzige von der einstigen Hauptstraße der Alservorstadt hinab zum Lauf des Alsbachs. Der Sack der Gilgegasse, wo sich die Volksschule der Alservorstadt befand, geöffnet und ein grüner Durchgang zur Pelikangasse geschaffen. Gemeinderat Karl Gilge, Besitzer des nahen Brünnlbades, schuf 1860 die erste Kaltwasserheilanstalt. Mit ihr begann die Entwicklung des Klinikviertels "Am Alserbach" im Schatten des Allgemeinen Krankenhauses, zwischen dem Krowotendörfel und dem Augustiner-Bachweingarten, heute etwa Zimmermannplatz.

Foto: Doris Wolf, 2010; Wiener Privatklinik, Pelikangasse 9-15

Der wichtigste Wegbereiter des Klinikviertels war Anton Loew, der hier in 24 Jahren elf Grundstücke kaufte, um auf dem 11.900 m² großen Areal eine Privatkrankenanstalt zu errichten. Die verbaute Fläche betrug 4.550 m², die Gartenfläche 7.350 m. 1906 hatte Loew das 1887 errichtete Gebäude Pelikangasse 15 als Frauenheilanstalt seinem Imperium einverleibt. Das Sanatorium war in der Monarchie für seine moderne Entbindungsanstalt bekannt. Am 19. Oktober 1929, eine Woche vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, die 30 Millionen Arbeitslose forderte, erwarb die amerikanische S. Canning Childs-Stiftung um 100.000 Golddollar die Anstalt. Die Schwerpunkte des Hauses lagen in den Bereichen Chirurgie, Innere Medizin und Urologie. 1941 ging diese Ära zu Ende. 1944 wurde der Operationssaal von Fliegerbomben schwer getroffen und Spitalstrakte zerstört. Der Wiederaufbau begann gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs, diese Arbeiten waren 1959 mit der Neugestaltung der Straßenfassade abgeschlossen. 1987 wurde das Gebäude grundlegend renoviert und gehört seither zu den exklusivsten Privatkliniken Europas. Seit 1995 fungiert als Betreibergesellschaft die Wiener Privatklinik Betriebs-Ges.m.b.H. & Co KG. 2005 erfolgte die Erweiterung auf zwei Gebäudeteile, die durch eine Glasbrücke verbunden sind. Das Krankenhaus erstreckt sich seither zwischen PELIKANGASSE 9-15 und LAZARETTGASSE 21.

Foto: Doris Wolf, 2010; Privatklinik Goldenes Kreuz, Lazarettgasse 16

In der LAZARETTGASSE 16 befindet sich seit 1913 auf einem zuvor zum Brünnlbad gehörenden Grundstück die Krankenanstalt Goldenes Kreuz. Der 1893 in Abbazia (Opatija, Kroatien) gegründete Verein zum Bau von Staatsbeamten-Kurhäusern übersiedelte 1900 nach Wien, nachdem er solche schon in den Kronländern der Monarchie errichtet hatte. Im Ersten Weltkrieg diente das "Goldene Kreuz" als Lazarett. 1919 wurde es, zu Ehren der Stifter, der Geschwister "Heinrich und Therese Wieser'sches Staatsbeamtenspital" genannt, wieder eröffnet und erhielt eine Entbindungsanstalt. Mit rund 1000 Babies jährlich ist es die größte private Geburtenstation Österreichs, bisher haben dort rund 62.000 Kinder das Licht der Welt erblickt. Gedenktafeln erinnern an die beiden Stifter, den Chefarzt Walter Stadler und Kaiser Franz Joseph. 1977 erfolgte eine Vergrößerung durch Ankauf des Nachbarhauses Lazarettgasse 18. Die jüngste Innenrenovierung erfolgte nach Feng-Shui-Prinzipien. Warb die Privatklinik "Goldenes Kreuz" bisher mit dem Slogan "das Besondere neben dem Allgemeinen", so hat sie in ihrem Jubiläumsjahr 2009 das neue Leitbild "positiv, innovativ, kooperativ" formuliert.

LAZARETTGASSE 20 eröffnete 1898 die Fango-Heilanstalt, in der man sich mit heißem vulkanischem Schlamm behandeln lassen konnte. Thermalbäder und Schlammpackungen sollten u.a. bei Erkrankungen des Bewegungsapparats, der Verdauungs- und der Atmungsorgane helfen. Die Heilanstalt bestand bis 1976.

Wir kommen nun zum Walter-Beck-Platz, er trägt seit 2000 seinen Namen nach dem letzten Besitzer des Brünnlbades. In dieser Gegend ist schon 1391 eine heilkräftige Quelle überliefert, die man "Goldbrünnl" nannte. 1777 ergab eine Analyse, dass das Wasser u. a. Ocker, Schwefel und Salze enthielt. Ab 1795 entwickelte sich ein Kurbetrieb, der mit Gastein verglichen und von Ferdinand Raimund in seinem Stück "Der Diamant des Geisterkönigs" literarisch verewigt wurde.

Foto: Doris Wolf, 2010; Ehem. Brünnlbad, Borschkegasse 4

1898 erhielt das Brünnlbad einen Neubau in der BORSCHKEGASSE 4. Neben der Schwimmhalle mit einem 10 x 15 m großen Bassin standen ein Dampfbad und 40 Wannenbäder zur Verfügung. Das Wasser kam aus einem 160 m tiefen Brunnen. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, war das Bad von 1946 bis 1955 wieder in Betrieb und wurde 1957 verkauft. Ein Kabelwerk verwendete es nach Überplattung des Bassins als Werkstätte und Lager. 1980 erwarb es die Stadt Wien, um darin eine medizinisch-technische Akademie einzurichten; die mit den benachbarten Neubauten verbunden ist.

LAZARETTGASSE 22 / BORSCHKEGASSE 1 dominiert ein an drei Seiten frei stehendes, fünfgeschoßiges Miethaus den Platz. 1895 erbaut, weist es eine reich gegliederte Fassade mit Sichtziegeln und neobarockem Dekor auf. In zwei Nischen befinden sich Figuren.

Foto: Doris Wolf, 2010; Borschkegasse 8

BORSCHKEGASSE 6 trägt die Aufschrift "Borschke-Hof" und präsentiert sich mit renovierter Fassade, während das daneben befindliche Miethaus BORSCHKEGASSE 8 einen bedauerlichen Anblick bietet. Das 1898 erbaute schmale, dreigeschoßige Gebäude weist reichen secessionistischen Dekor auf.

Ab der Borschkegasse erstreckten sich, westlich des Alsbaches gegen den Linienwall zu, Ziegelgruben in einer Dichte wie sonst nirgends in Wien. 1760 gab Maria Theresia Order, die Ziegeleien aus der Stadt zu entfernen. 1819 begann dann Alois Miesbach auf dem Wienerberg in großem Rahmen mit der Produktion, die sein Neffe Heinrich Drasche im folgenden halben Jahrhundert ausweitete.



Foto: Doris Wolf, 2012; Lazarettgasse 27

LAZARETTGASSE 27 befand sich die Knaben-Bürgerschule der Alservorstadt. Seit 1963 ist das Haus als Künstlerische Volkshochschule bekannt. Initiatorin und erste Direktorin war Gerda Matejka-Felden, an die eine Gedenktafel erinnert. Ihr großes Anliegen war der gleiche und freie Zugang zur Kunst. Ein ganztägiges Kursangebot (wochentags 9 Uhr bis 22 Uhr) ermöglicht die direkte und egalitäre Kunstausübung für unterschiedlichste Zielgruppen, wobei 80 erfolgreiche Kunstschaffende als Lehrbeauftragte tätig sind. 2012 wurde die Feuermauer vom belgischen Street Art Künstler ROA bemalt, er ist bekannt für seine großformatigen "Murals" von Tieren. Der anschließende Gerda-Matejka-Felden-Park leitet zur Pelikangasse, die man über Stiegen erreicht.


MARIANNENGASSE 16-20 / PELIKANGASSE 5 war das Hauptgebäude des Sanatorium Loew. Die Architektur geht auf die vielseitigen Architekten Ludwig Schöne und Ludwig Richter, die mehrfach in der Rossau bauten, zurück. Zwei Gedenktafeln erinnern an prominente Patienten, die im ehemaligen Sanatorium verschieden sind: der Burgschauspieler Josef Kainz und der Komponist Gustav Mahler. Auch der Arzt und Politiker Viktor Adler und der Charakterdarsteller Alexander Girardi starben hier. Im Zweiten Weltkrieg richtete die Deutsche Luftwaffe darin ihre "Tintenburg", das Luftgaukommando XVII/IV A, ein. 1960 kam das Gebäude an die Verwaltung der Österreichischen Bundesbahnen. 2012/13 wird es, wie geplante Neubauten im Gerda-Matejka-Felden-Park, für medizinische Einrichtungen umgestaltet. Die WPK Health Services GmbH & Co KG plant ein Ordinationszentrum und Röntgenordinationen.

Die großen, nun mit modernen Bauten besetzten, Parzellen Mariannengasse 30 und 30a lagen einst am Rand des verbauten Gebietes. Fern dem Häusergewirr der Vorstadt und deren Lärm lebte man hier im Hause "Zum kleinen Mohren", nach einer eingemauerten Skulptur auch "Mohrenköpferlhaus" genannt, in einer ländlichen Idylle. Zwei Maler scheinen dies sehr geschätzt zu haben: der zeitweilige Hausherr von Mariannengasse 30, Franz Zoller "kayserl. und königl. Accademie Mahler", welcher die Fresken der Lichtentaler Kirche malte, und später die Malerfamilie Alt. Jakob Alt hat in einem meisterlichen Aquarell den Blick aus seinem Fenster Richtung Dornbach festgehalten. Es zeigt die Aussicht vom Ecktrakt Brünnlbadgasse 8 auf die Gärten der Häuser Brünnlbadgasse 9 und Lazarettgasse 37. Die seltsam anmutende Streckenführung der Brünnlbadgasse, welche bei deren Nr. 9 zweimal um die Ecke der Mariannengasse verläuft, lässt sich damit erklären, dass diese zunächst hier endete. In jener Gegend (Brünnlbadgasse /Lazarettgasse 26) betrieb 1765-1796 Georg Fischenthaller eine vom Alsbach betriebene Mühle. Auf seinem Firmenschild aus dem Jahr 1765 (im Wien Museum) wirbt der Diskonter von anno dazumal: "Georg Fischenthaller Mühlermeister am Alster Bach verkauft alhier Mehl und Griß das Achtl vor ein Kreuzer Wohlfeiller als auf den Markt".

Altes St. Anna-Kinderspital, Slg. Alfred Wolf

Mariannengasse 32 steht auf einem am Alsbach gelegenen Grundstück, das seit 1681 dem Konvent der Augustiner-Barfüßer gehörte. Sie hatten darauf eine Kapelle und einen Weingarten, der als "Bachweingarten" bezeichnet wurde. 1789 wurde er zum Religionsfonds eingezogen und öffentlich versteigert. Die ruhige, klimatisch günstige Lage und die gute Luft aus Dornbach waren mit ein Grund, hier 1847/48 ein Kinderspital zu erbauen. Straßennamen erinnern an Personen, die sich darum verdient machten, so die Mariannengasse an die populäre Kaiserin Maria Anna. Die Gemahlin von Kaiser Ferdinand I. war eine bedeutende Stifterin.

Die nur 65 m lange Mauthnergasse trägt ihren Namen nach Ludwig Wilhelm Mauthner, dem Gründer des Kinderspitals. Im Josephinum zum Militärarzt ausgebildet, widmete er sich Zeit seines Lebens nicht nur als Professor der Pädiatrie, sondern auch den sozialen Belangen der Kostkinder und Waisen. Die nun nach diesem Volksarzt benannte Verkehrsfläche hieß zunächst Annagasse (die Anstaltskapelle war St. Anna geweiht), später Ludwiggasse nach dem Gründer, bis sie 1888 zum Vornamen auch dessen Familiennamen erhielt.

Foto: Doris Wolf, 2010; St. Anna-Kinderspital, Kinderspitalgasse 6 / Hebragasse 6

Das St. Anna Kinderspital, jetzt KINDERSPITALGASSE 6 / MAUTHNERGASSE 1 / ZIMMERMANNPLATZ 9 und 10, HEBRAGASSE 6 wurde schon nach wenigen Jahren (1853) bis zur Mariannengasse erweitert, 1877 aufgestockt und erhielt 1893-95 zwei neue Pavillons. 1944 erlitt es einen Bombentreffer und musste für ein Jahr geschlossen werden. Nach dem Wiederaufbau hat es sich international einen hervorragenden Ruf in der Behandlung von Blut- und Tumorkrankheiten bei Kindern und Jugendlichen erworben. Rund 365 MitarbeiterInnen, darunter mehr als 50 ÄrztInnen, und psychosoziale Teams wirken in acht Stationen, mehreren Ambulanzen und einer Tagesklinik. Eltern ist es möglich, Tag und Nacht bei ihren Kindern im "St. Anna" zu bleiben. Das Spital ist eine gemeinnützige GmbH, die zu 100% im Eigentum des Österreichischen Roten Kreuzes, Landesverband Wien, steht. 2010 wurde das St. Anna Kinderspital in Bezug auf Forschung und Lehre eine Abteilung der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde.

In jüngster Zeit erfolgten Zubauten der St. Anna Kinderkrebsforschung auf dem Zimmermannplatz. Dadurch ergab sich die Umgestaltung des Platzes, auf dem sich früher ein Markt befunden hatte. Leider fiel dem Umbau der an der Ecke zur Hebragasse befindliche secessionistische Küchenpavillon zum Opfer. Er war 1908 vom Architekten der Volksoper, Franz Krauß, als Kinderschutzstelle des Vereins für Säuglingsschutz errichtet worden. Zum Gabriele-Possanner-Park - zur Erinnerung an die erste Frau, die an der Universität Wien in Medizin promovierte - kam nach dem Umbau 2009 der Heinz-Heger-Park. Heinz Heger ist das Pseudonym von Josef K., der als Homosexueller in ein Konzentrationslager deportiert wurde und den "rosa Winkel" tragen musste. K. lebte am Zimmermannplatz 1.

Die Garage Zimmermannplatz bietet 206 Stellplätze. Der Zimmermannplatz, über den wir zu unserem Ausgangspunkt, der U-Bahn-Station Alser Straße, zurück kommen, gehörte bis zum Jahre 1905 zu Hernals. Bei der Ecke des Platzes Nr. 8 und Lazarettgasse 39 verlief einst, dem Linienwall folgend, die Grenze zwischen der Alservorstadt und dem Vorort Hernals. 1894 wurde der Wall geschleift und 1905 die getrennten Gebiete vereinigt.

Personendaten:
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Adler, Alfred (1870-1977), Arzt; Adler, Viktor (1852-1918), Politiker; Alt, Franz (1821-1914), Maler; Alt, Jakob (1789-1872), Maler; Alt, Rudolf (1812-1905), Maler; Alten-Allen, Folbert (1635-1715), Kartograph; Anzengruber, Ludwig (1839-1889), Schriftsteller; Arleth, Emmerich (1900-1965), Schauspieler; Beck, Walter (1897-1955), Unternehmer; Beethoven, Ludwig van (1770-1827), Komponist; Benedikt, Moritz (1835-1920), Arzt; Billroth, Theodor (1829-1894), Arzt; Bittner, Josef (1879-1945), Architekt; Brahms, Johannes (1833-1897), Komponist; Christen, Ada (1844-1901), Schriftstellerin; Degen, Joseph V. (1762-1827), Buchdrucker; Demmer, Fritz (1884-1967), Arzt; Drasche, Heinrich (1811-1880), Industrieller; Edthofer, Anton (1883-1971), Schauspieler; Escherich, Theodor (1857-1911), Arzt; Esterlus, Heinrich (1825-1890), Unternehmer; Ferdinand I. (1793-1875), Kaiser; Frank, Johann Peter (1745-1821), Arzt; Frankl, Viktor (1905-1997); Franz Joseph (1830-1916), Kaiser; Freud, Sigmund (1856-1939), Arzt; Gilge, Karl (1834-1888), Politiker; Girardi, Alexander (1815-1918), Schauspieler; Goldmark, Karl (1830-1915), Komponist; Gsur, Karl F. (1871-1939), Maler; Haid, Grit (1897-1938), Schauspielerin; Haid, Liane (1895-2000), Schauspielerin; Hainisch, Michael (1858-1940), Politiker; Hammerschlag, Peter (1902-1942), Schriftsteller; Hatschek, Arnold (1865-1931), Architekt; Hauk, Karl (1898-1974), Künstler; Hauser, Aloys (+ 1836), Unternehmer; Hauser, Eduard (1840-1915), Unternehmer; Hebra, Ferdinand (1816-1880), Arzt; Hebra, Hans (1847-1902), Arzt; Heger, Heinz (1915-1994); Höfer, Wilhelm (1721-1811), Unternehmer; Holzknecht, Guido (1872-1931), Arzt; Johannes Nepomuk (um 1350-1393), Heiliger; Joseph II. (1741-1790), Kaiser; Kainz, Josef (1858-1910), Schauspieler; Kálmàn, Emmerich (1882-1953), Komponist; Kaposi, Moritz (1837-1902), Arzt; Karl Josef (1745-1761), Erzherzog; Konradi, Inge (1924-2002), Schauspielerin; Krauß, Franz (1865-1942), Architekt; Kurzbeck, Josef (1736-1792), Buchdrucker; Langer, Anton (1824-1879), Schriftsteller; Leiter, Josef (1830-1892), Unternehmer; Leopold II., (1747-1792), Kaiser; Leopoldi, Hermann (1888-1959), Komponist; Loew, Anton (1847-1907), Arzt; Mahler, Gustav (1870-1911), Komponist; Maria Anna (1803-1884), Kaiserin; Maria Theresia (1717-1780), Kaiserin; Matejka-Felden, Gerda (1901-1984), Malerin; Mauthner, Ludwig W. (1806-1858), Arzt; Meynert, Hermann G. (1808-1895), Schriftsteller; Meynert, Theodor (1833-1892), Arzt; Miesbach, Alois (1791-1857), Industrieller; Neumann, Franz d.J. (1844-1905), Architekt; Oberhummer, Eugen (1859-1944), Geograph; Possanner, Gabriele (1860-1940), Ärztin; Pupovac, Dominik (1869-1929), Arzt; Raimund, Ferdinand (1790-1836), Dichter; Richter, Ludwig (1855-1925), Architekt; Rummelhardt, Karl (1872-1930), Politiker; Saar, Ferdinand (1833-1906), Schriftsteller; Salzer, Matthäus (1799-1878), Fabrikant; Schenk, Erich (1902-1974), Musikwissenschaftler; Schiele, Egon (1890-1918), Maler; Schmidt, Friedrich (1825-1891), Architekt; Schnitzler, Arthur (1888-1893), Arzt, Schriftsteller ; Schnitzler, Johann (1835-1893), Arzt; Schöne, Ludwig (1845-1935), Architekt; Schrötter, Leopold (1837-1908), Arzt; Schubert, Ferdinand (1794-1859), Lehrer; Seidl, Johann G. (1804-1875), Dichter; Siemens, Friedrich (1826-1904), Industrieller; Sommer, Leopold (1812-1902), Buchdrucker; Soyfer, Jura (1912-1939), Schriftsteller; Stadler, Walter (1914-1981), Arzt; Strauß, Anton (1775-1827), Buchdrucker; Streit, Andreas (1840-1916), Architekt; Stundl, Theodor (1875-1934), Bildhauer; Tilgner, Viktor (1844-1896), Bildhauer; Trattner, Johann (1717-1798), Buchdrucker; Tremmel, Ludwig (1875-1946), Architekt; Ueberreuter, Georg (1765-1836), Buchdrucker; Unruh, Carl J. (1760-1832), Apotheker; Wiese, Friedrich (1843-1882), Unternehmer; Zimmermann, Georg (1827-1896), Politiker; Zoller, Franz (1726-1778), Maler.

© Text: Prof. Ing. Alfred Wolf, Wien (2010), aktualisiert von Helga Maria Wolf (2012), Fotos: Doris Wolf. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren