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Vom Erzherzog zur scientific community - Die Technik in Graz - TUGraz 200 Jahre - Bilder, Bücher, Videos

Vom Erzherzog zur scientific community#

Von Marcus Ludescher und Josef W. Wohinz


Menschen prägen die Technik-Entwicklung#


Wenn man sich die Frage stellt, was eigentlich die Technik in Graz als Institution ausmacht, so können darauf Antworten in verschiedener Richtung abgegeben werden. Eine universitäre Einrichtung wie die Technik in Graz kann beispielsweise charakterisiert werden anhand der erbrachten Dienstleistungen in wissenschaftlicher Forschung und Lehre oder durch Aufzählung der verfügbaren Einrichtungen in Infrastruktur und Organisation. Verallgemeinert ist festzustellen, dass eine geschichtliche Entwicklung nicht in überindividuellen Strukturen und Prozessen allein abgebildet, noch auf eine zeitliche Abfolge von Ereignissen und Einzelpersonen reduziert werden kann. Sie ist immer beides, und das Ganze ist - um es mit einem Gemeinplatz zu sagen - immer mehr als die Summe seiner Teile. Das gilt sowohl für die Weltgeschichte als auch für die Geschichte einer Institution.

In diesem Beitrag geht es um die biographische Dimension der Geschichte der Technik in Graz. Gerade an einer Universität kommt den Menschen, die hier forschen, lehren und studieren, ganz besondere Bedeutung zu. Sie sind es, die der toten Infrastruktur Leben "einhauchen". Im folgenden werden daher Menschen porträtiert, die an der Grazer Technik gewirkt haben und die nicht an anderer Stelle dieses Buchs behandelt werden: Georg Göth, Friedrich Mohs, Wilhelm Engerth, Josef Herr, Karl Scheidtenberger, Friedrich Reinitzer, Friedrich Emich, Fritz Kohlrausch, Robert Honold, Friedrich Schmiedl, Luis Trenker, Martha Spiera und Hedwig Katschinka. Selbstverständlich handelt es sich hier um eine von den Autoren getroffene Auswahl, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.


Männer der ersten Stunde#

Aufgrund der historischen Gegebenheiten erscheint es naheliegend, diese Darstellung mit der Person Erzherzog Johann’s - dem Gründer des Joanneums - zu beginnen. Seiner besonderen Bedeutung entsprechend, wurde dies in einem eigenen Beitrag bereits vorweggenommen. Nach dem eigentlichen Gründungsakt verfolgte Erzherzog Johann die weitere Entwicklung mit großem Interesse (siehe dazu: Karner, Stefan /53/, S. 231ff.). Dennoch war von Anfang an klar, dass diese weitere Entwicklung durch dafür bestellte Personen bestimmt werden sollte.


In dieser ersten Phase sind zu erwähnen:

  • Ludwig Crophius, Edler von Kaiserssieg, Abt zu Rein, als erster Studien-Director für die Jahre 1827-1861
  • Georg Haltmeyer, als Vice-Director für die Jahre 1846-1858
  • Georg Göth, als Vice-Director für die Jahre 1858-1861 und als Studien-Director für die Jahre 1861-1865
Georg Göth
Georg Göth (Bild: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)


Gerade das Beispiel des zuletzt genannten Georg Göth (1803-1873) zeigt, wie stark in dieser Anfangsphase der Einfluss von Erzherzog Johann ausgeprägt war.

Georg Göth, geboren am 29. Dezember 1803 in Reindorf bei Wien, studierte Mathematik an der Universität Wien. Er machte eher erfolglose Versuche als wissenschaftlicher Schriftsteller und kam durch die Übernahme einer Hauslehrerstelle in Gußwerk bei Mariazell mit Erzherzog Johann in Kontakt.

Er wurde dessen Privatsekretär und Archivar und folgte 1841 einer Berufung zum Professor der Elementar-Mathematik an die Technische Lehranstalt des Joanneums.

In der weiteren Folge bekleidete er auch die Funktion des Vice-Directors und des Studien-Directors. Seine Hauptwerke sind in einer geographisch-statistisch-topographischen Beschreibung des Herzogtums Steiermark (1836 begonnen, aber unvollendet) und in der Darstellung: "Das Joanneum in Gratz, geschichtlich dargestellt zur Erinnerung an seine Gründung vor 50 Jahren (1861)" zu sehen.

Friedrich Mohs
Friedrich Mohs: Büste im Hof des Joanneums (Foto: H. Tezak)


Des weiteren ist hier Friedrich Mohs zu erwähnen. Er erblickte das Licht der Welt am 29. Jänner 1773. Im Jahre 1811 wurde Friedrich Mohs an die neugegründete Anstalt mit dem Auftrag berufen, die Steiermark in geognostischer Hinsicht zu untersuchen. Er wurde von Erzherzog Johann persönlich bezahlt, und durch seine Anwesenheit sollte die Anerkennung des Joanneums in der Wissenschaftswelt bewusst gefördert werden.


Friedrich Mohs war seit 1811 Leiter des mineralogischen Kabinetts und von 1813 bis 1817 Professor der Mineralogie.

In das Jahr 1812 fällt auch die Entwicklung der nach ihm benannten Mohs’schen Härteskala über Härte und spezifisches Gewicht der einfachen und zusammengesetzten Mineralien. Im Jahre 1817 nahm er eine Berufung als Berg- und Commissionsrath und Professor für Mineralogie an die königlich-sächsische Bergakademie in Freiberg an.

Er verstarb am 29. September 1839.





Pioniere des Eisenbahnwesens und der Feldmesskunst#

Im Warteraum des Bahnhofs Semmering kann man auf einer Gedenktafel folgenden Satz lesen: "Durch die Eisenbahnen verschwinden die Distanzen, die materiellen Interessen werden gefördert, die Cultur wird gehoben und verbreitet."

Dieser Ausspruch stammt von Carl Ritter von Ghega, dem Erbauer der Semmeringbahn, der ersten grossangelegten Gebirgsbahn der Welt. Er verdeutlicht, welche Symbolkraft das neue Verkehrsmittel Eisenbahn für die Menschen um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte.

Die Eisenbahn war für die einen Hoffnungsträger für wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fortschritt, bei anderen löste sie eher ambivalente Reaktionen aus. Einen Eindruck davon vermittelt Peter Roseggers Schilderung seiner ersten Eisenbahnfahrt von Semmering nach Mürzzuschlag: Der "Dampfwagen", der mit "mächtigem Schnauben und Pfustern" auf der "eisernen Straße" über die schwindelerregenden Viadukte dahinbraust, um plötzlich im Berg zu verschwinden, wird als unheimlich erlebt (Rosegger, Peter). Vom fahrenden Zug aus verschwimmen die Details - Häusermauern, Bäume, Telegrafenstangen fliegen vorbei. Die im Vergleich mit der Postkutsche hohe Fahrgeschwindigkeit - zeitgenössische Mediziner befürchteten bleibende körperliche Schäden für die Reisenden - veränderte die gewohnte Wahrnehmung von Raum und Zeit und formte den in die Ferne gerichteten, "panoramatischen" Blick (nach Wolfgang Schivelbusch) auf die Landschaft. Die Geschichte der Eisenbahn im 19. Jahrhundert ist daher weit mehr als eine Chronologie kühner technischer Leistungen. Sie ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie sich technischer, sozialer und mentaler Wandel gegenseitig bedingten und beeinflussten.

Der Eisenbahnbau prägte Generationen von österreichischen Ingenieuren. Die erste mit Dampflokomotiven betriebene Eisenbahnlinie in Österreich wurde (als erster Abschnitt der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn) 1837 eröffnet und verlief zwischen Floridsdorf und Deutsch-Wagram. Der volle Ausbau des Eisenbahnnetzes fiel jedoch erst in die Zeit nach 1848: 1850 konnte man von Wien aus bereits Budapest erreichen, 1857 folgte die Strecke nach Triest und ein Jahr später jene nach Linz. Im folgenden sollen drei Ingenieure vorgestellt werden, die im Laufe ihres Lebens mit dem Projekt "Eisenbahn" direkt oder indirekt - sei es als Forscher oder Praktiker - in Verbindung standen und an der Technik in Graz gewirkt haben:

  • Wilhelm Engerth
  • Josef Herr
  • Karl Scheidtenberger


Nachdem 1851 die erste Teilstrecke der Semmeringbahn von Payerbach nach Eichberg fertiggestellt worden war, wurde ein Lokomotivtest durchgeführt. Vorausgegangen war eine öffentliche Ausschreibung, an der sich Hersteller aus Bayern, Belgien und Österreich, die Lokomotivfabriken Maffei in München, Günther in Wiener Neustadt, Cockerill in Seraing, und die Wien-Raaber-Bahn unter der Leitung von J. Haswell beteiligt hatten. Insgesamt wurden vier Prototypen auf Herz und Nieren geprüft. Obwohl jeder den Mindestanforderungen entsprach und in der Lage war, eine Zuglast von mindestens 140 Tonnen mit einer mittleren Geschwindigkeit von 11,4 km/h zu befördern, waren die erzielten Resultate dennoch unbefriedigend. Für den Dauerbetrieb auf einer Gebirgsbahn schien keine der getesteten Lokomotiven geeignet zu sein.


In Anbetracht der raschen Baufortschritte am Semmering gerieten die Verantwortlichen allmählich unter Zeitdruck. Aus diesem Grund wurde im Handelsministerium in der Abteilung für Eisenbahnbetriebs-Mechanik ein eigenes Konstruktionsbüro geschaffen, mit dessen Leitung der frühere Professor für Mechanik an der Technischen Lehranstalt des Joanneums in Graz, Wilhelm Engerth, betraut wurde.

Engerth beschrieb die ihm gestellte Aufgabe folgendermaßen: Das Ziel bestand darin, "eine Lokomotive zu konstruieren, welche in ihrer Leistung stärker ist, als die auf ebenen Bahnen üblichen, zur Durchfahrung scharfer Kurven wo möglich geeigneter als die bekannten Maschinen ist, und bei welcher das Adhäsionsgewicht möglichst vergrößert und mit ihrer Leistung in Einklang gebracht wird" (Engerth, S. 87).

Lokomotive der Staatseisenbahn
Wilhelm Engert: Die Lokomotive der Staatseisenbahn über den Semmering (Archiv: M. Ludescher)

Engerth löste das Problem, indem er den Tender, der bei den damals üblichen Lokomotiven mit seiner Tonnenlast an Kohle als toter Ballast mitgeschleppt wurde, in die Lokomotive integrierte. Anstatt die Zuglast unnötig zu erhöhen, half der Tender nun mit, die Räder gegen die Schienen zu pressen und dadurch den Reibungswiderstand zu optimieren. Das Resultat war eine besonders leistungsfähige und kurvenbewegliche dampfbetriebene Zugmaschine. Die ersten Lokomotiven dieses Typs wurden in Belgien und Deutschland gefertigt und gingen Ende 1853 in Betrieb. Die Zahnradkupplung zum Antrieb der beiden Tenderachsen wurde allerdings wegen zu rascher Materialabnützung wieder entfernt, die Kraftübertragung lief ausschließlich über die vorderen drei Achsen.


Wer war nun dieser Wilhelm Engerth?

Wilhelm Engerth
Wilhelm Freiherr von Engerth (Foto: Bildarchiv ÖNB Wien)

Wilhelm Engerth wurde am 26. Mai 1814 in Pleß in Preußisch-Schlesien als Sohn eines aus Österreich stammenden Kunstmalers geboren. Nach der Realschule bildete er sich im Baufach am Polytechnischen Institut in Wien aus; nach einigen Jahren Berufspraxis begann er Maschinenbau zu studieren. 1840 bekam er eine Assistentenstelle an der Lehrkanzel für Maschinenkunde bei A. v. Burg. 1844 wurde er, im 30. Lebensjahr stehend, zum Professor der Mechanik an der Technischen Lehranstalt am Joanneum berufen, doch war die Lehrkanzel bereits fünf Jahre später wieder vakant. Engerth ging nach Wien, wo er - wie bereits erwähnt - im Ministerium für Handel und Gewerbe mit Fragen des Eisenbahnwesens bzw. Lokomotivbaus befasst war. 1855, ein Jahr nach der Eröffnung der Semmeringbahn, trat er als technischer Zentraldirektor für Zugförderungs- und Werkstättenwesen in die Dienste der soeben gegründeten Staatseisenbahngesellschaft, wo er - zuletzt in der Funktion eines stellvertretenden Generaldirektors - bis zur Pensionierung blieb.

Neben der inhaltlichen Beschäftigung mit eisenbahntechnischen Fragen (so setzte er sich in den 1870er Jahren mit seiner ganzen Autorität für die spätere Linienführung der Arlbergbahn ein), fungierte Engerth auch als Organisator und Preisrichter bei diversen internationalen Industrieausstellungen, unter anderem in London 1851, München 1854 und in Wien 1873. Als Befürworter der Donauregulierung konstruierte er die Absperrung von Wien-Nußdorf, die das Eindringen von Hochwasser und Eisschollen in den Donaukanal verhindern sollte. Mehrfach ausgezeichnet, manifestierte sich die gesellschaftliche Anerkennung der Verdienste dieses Ingenieurs in seiner Herrenhausmitgliedschaft und Erhebung in den Freiherrenstand. Wilhelm Freiherr von Engerth starb am 4. September 1884 in der Nähe von Baden.



Josef Philipp Herr
Josef Philipp Herr (Foto: Bildarchiv ÖNB Wien)
Einige Wochen nach Wilhelm Engerth verstarb der Geodät und Astronom Josef Herr am 30. September 1884 in Hinterbrühl bei Wien. Herr war ein vielseitig interessierter und gebildeter Mann.

Geboren am 18. November 1819 in Wien, fielen Ausbildung und Berufseinstieg in die Zeit des Vormärz: Gymnasium, Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie an der Universität Wien, Promotion zum Dr. phil. (1845); anschließend drei Jahre Besuch von Vorlesungen am Wiener Polytechnikum.

Erste Berufserfahrungen konnte Herr beim Bau der Ungarischen Centralbahn, bei der Donau-Aufnahme und beim Bau der Semmeringbahn sammeln. Die Vermessungsarbeiten waren damals äußerst riskant. So mussten z.B. die mit der Aufnahme der Weinzettelwand am Semmering betrauten Ingenieure ihre Messungen - jeder mit einem Gehilfen an Strickleitern hängend - vornehmen. "Das Fehltreten eines einzigen der Partie", schilderte der spätere Rektor der Technischen Hochschule Graz, Wilhelm Heyne, "wie das Loslösen eines Steinstückes aus der hohen Felswand, das Nachgeben der Aufhänge-Vorrichtung, jedes dieser Ereignisse wäre für sich allein schon geeignet gewesen, höchst verhängnisvoll für die Betreffenden zu werden." (Heyne)

1850 kehrte Herr an seine Ausbildungsstätte zurück und nahm eine Assistentenstelle an der Lehrkanzel für Praktische Geometrie bei Simon Stampfer am Wiener Polytechnikum an. Nur zwei Jahre später hielt er 1852 das Ernennungsdekret zum Professor für Höhere Mathematik, Theoretische und Praktische Geometrie am Joanneum in Händen, wo er bis 1857 seinen Lehrverpflichtungen nachkam. Schon im Jahr zuvor hatte er einen Ruf an das Wiener Polytechnikum erhalten. Seit 1866 leitete er dort die erste Speziallehrkanzel für Höhere Geodäsie und Sphärische Astronomie in Europa. Herr, der maßgeblich an der Ausarbeitung eines neuen Organisationsstatuts beteiligt war, das die Implementierung des Fachschulsystems vorsah, war 1866/67 der erste gewählte Rektor der Technischen Hochschule Wien. In seiner Inaugurationsrede sprach er "Über die Entwicklung des technischen Unterrichtes, besonders in Österreich, die Gleichwertigkeit desselben mit anderen Zweigen der öffentlichen Unterweisung und die ins Leben tretende Organisation des k.k. Polytechnischen Institutes".


Als Mitglied der Österreichischen Gradmessungskommission, zu deren Präsidenten er 1879 ernannt wurde, führte Herr astronomische Ortsbestimmungen durch, wie z. B. die Bestimmung des Längenunterschieds Wien-Fiume 1868 und Wien-Kremsmünster 1872 und war maßgeblich an der Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems in Österreich beteiligt. Neben diversen anderen Aktivitäten redigierte er 1858-1867 die Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines. Von seinen selbständigen wissenschaftlichen Publikationen seien hier sein zweibändiges "Lehrbuch der höheren Mathematik" - von dem 1857 bis 1864 drei Auflagen erschienen - sowie sein 1887 posthum herausgekommenes "Lehrbuch der sphärischen Astronomie" erwähnt.



Karl Scheidtenberger
Karl Scheidtenberger (Universitätsarchiv TU Graz)
Anders als für Engerth oder Herr war für Karl Scheidtenberger Graz keine Zwischenstation, sondern Höhe- bzw. Endpunkt seiner beruflichen Laufbahn. Das mag auch daran liegen, daß er jünger als die beiden Erstgenannten war und zu einem Zeitpunkt an die Technische Hochschule Graz kam, als diese - nicht zuletzt dank seines Wirkens - zunehmend an Bedeutung gewonnen hatte.

Karl Scheidtenberger wurde am 25. Dezember 1827 in Graz geboren. Seine technische Ausbildung erhielt er am Polytechnischen Institut in Wien, wo er u.a. Vorlesungen über Land- und Wasserbaukunst hörte. Seine berufliche Laufbahn begann 1848 bei der Triester Steinkohlengewerkschaft, wo er u. a. bei der Hrastnigger Kohlenbahn im heutigen Slowenien eingesetzt war. Die nächste Station war die damals unter der Leitung von C. Ghega stehende Zentraldirektion für Eisenbahnbauten (1850-1859). Während dieser Zeit war Scheidtenberger teils mit der Trassierung und Projektierung, teils mit der Bauausführung von diversen Bahnstrecken, so Linz-Passau, Szolnok-Großwardein, Laibach-Triest etc. befaßt. 1859 wechselte er zur Südbahngesellschaft, wo er u.a. beim Bau des Streckenabschnitts Bruck/ Mur-Leoben tätig war.


Bald nach der Umwandlung des Grazer Polytechnikums in eine Technische Hochschule wurde Scheidtenberger 1866 zum Professor für Wasser-, Straßen- und Eisenbahnbau, und 1876 - nach der Schaffung einer eigenen Lehrkanzel für Wasserbau - für Eisenbahn- und Tunnelbau ernannt. Insgesamt zweimal übte er die akademische Funktion eines Rektors - 1872/73 und 1878/79 - aus, 1907 wurde ihm das Ehrendoktorat der technischen Wissenschaften verliehen. 1868 schlug er einen Ruf an die Technische Hochschule Wien - teils aus finanziellen Gründen, teils aus Verbundenheit mit der Technik in Graz - ebenso aus wie 1869 ein Stellenangebot der Generalinspektion der österreichischen Eisenbahnen.


"Nicht Bücher", heißt es etwas pathetisch über Scheidtenberger in einem Nachruf, "sondern das harte, entbehrungsreiche Leben des Ingenieurs war die Quelle, aus der er schöpfte. Und was er so durch Jahre in seiner stillen, eindringlichen Weise bot, das wuchs langsam zu einer ganzen hochgeachteten Schule heran; sein Name war ein Programm." (Nachruf). In der Tat war Scheidtenberger ein erfahrener Praktiker und ein bei den Studenten überaus beliebter Lehrer, dessen Verdienst es vor allem war, an der Technik in Graz einen funktionierenden Lehrbetrieb aufzubauen und diese zu einer auch international angesehenen Ausbildungsstätte des Eisenbahnwesens zu machen. Karl Scheidtenberger starb am 25. März 1910 in seiner Heimatstadt Graz.



Erforscher des Mikrokosmos#

Viele der von den modernen Naturwissenschaften untersuchten Phänomene spielen sich im Unsichtbaren ab. Sie sind der Alltagswahrnehmung weitgehend entzogen: Kristalle, Viren, Gammastrahlen, Radioaktivität, Chromosomen zum Beispiel. Die Suche nach Verfahren und Instrumenten, um auch kleinste Strukturen und Substanzmengen analysieren zu können, erforderte und erfordert auch heute noch die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaften und Technik, zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Als Beispiel sei hier das seit rund einem Jahrhundert betriebene Forschungsvorhaben erwähnt, den Aufbau von Materie zu studieren und die Struktur der kleinsten Teilchen zu entschlüsseln. Wichtige Beiträge zum Verständnis dieser mikroskopisch kleinen Welten haben drei Wissenschaftler geleistet, die an der Technik in Graz tätig waren:

  • Friedrich Reinitzer (als Entdecker der Flüssigkristalle),
  • Friedrich Emich (als Begründer der quantitativen anorganischen Mikrochemie)
  • Fritz Kohlrausch (als herausragender Experimentalphysiker)


Friedrich Reinitzer
Friedrich Reinitzer (Foto: Archiv S. Reinitzer)
Friedrich Reinitzer wurde am 27. Februar 1857 in Prag als Sohn eines Eisenbahnbeamten geboren. Nach dem Besuch der Realschule studierte er in den Jahren 1873 bis 1877 an der chemisch-technischen Fachschule der Technischen Hochschule Prag und an der Universität Prag. Nach Tätigkeiten als Assistent wurde er 1883 Privatdozent für Warenkunde und technische Mikroskopie an der Technischen Hochschule Prag; eine Ausdehnung der Lehrverpflichtung auf Zoologie und Ackerbauchemie und die Privatdozentur für Pflanzenphysiologie an der Universität Prag 1893 waren die nächsten Stationen. Im Jahre 1895 wurde Friedrich Reinitzer als a.o.Professor für Botanik und technische Mikroskopie an die Technische Hochschule Graz berufen. In der weiteren Folge wurde er zum ordentlichen Professor ernannt, war Vorstand der chemisch-technischen Fachschule und bekleidete das Amt des Rektors im Studienjahr 1909/1910. Friedrich Reinitzer starb am 16. Feber 1927 in Graz.


Bereits im Jahre 1888 beschrieb Friedrich Reinitzer das Phänomen der flüssigen Kristalle in einem wissenschaftlichen Aufsatz, der 1888 im Band 9 der Fachzeitschrift "Monatshefte für Chemie" erschienen ist. Er hatte dazu in seinem Laboratorium beobachtet, dass Cholesterinbenzoat bei 145°C schmilzt, aber nicht in eine klare Schmelze übergeht, sondern ein milchigtrübes Aussehen zeigt. Der in Karlsruhe wirkende Physiker Otto Lehmann bezeichnete diese Cholesterin-Derivate als "scheinbar lebende Kristalle". Friedrich Reinitzer publizierte im Jahre 1908 "Zur Geschichte der flüssigen Kristalle" und wird heute berechtigterweise als Entdecker der flüssigkristallinen Eigenschaften angesehen. Damit kommt ihm die Begründung einer Technologieentwicklung zu, die aus dem heutigen Alltag einfach nicht mehr wegzudenken ist.



Friedrich Emich
Friedrich Emich: Büste an der Technischen Universität Graz (Foto: H. Tezak)

Friedrich Emich kann als ein Beispiel für die im ausgehenden 19. Jahrhundert einsetzende Selbstrekrutierung von Wissenschaftlern an der Technik in Graz gelten.

Er wurde am 5. September 1860 als Sohn eines Ingenieurs in Graz geboren. Nach der Oberrealschule in Laibach immatrikulierte er an der Technischen Hochschule Graz, um technische Chemie zu studieren. Dank eines Stipendiums konnte er sich schon während des Studiums als Mitarbeiter R. Malys am chemischen Institut mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen vertraut machen. Nach Abschluß seines Studiums im Jahr 1884 verdiente sich Emich mehrere Jahre sein Brot als Chemielehrer am Grazer Mädchenlyzeum, ohne jedoch seine wissenschaftlichen Ambitionen aufzugeben. 1888 habilitierte er sich, ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum außerordentlichen, fünf Jahre darauf die Ernennung zum ordentlichen Professor für reine und analytische Chemie (1894) an der Technischen Hochschule Graz.

Sonderpostbrief Friedrich Emich
Friedrich Emich: Sonderpostbrief zum 50. Todestag (Archiv Ch. Weber)
Mehr als vier Jahrzehnte forschte und lehrte Emich an dieser Hochschule. Als er 1931 in den Ruhestand trat, war er ein "hochdekorierter" Wissenschaftler: Lieben-Preisträger und Mitglied der Akademie der Wissenschaften (1911 bzw. 1928), Ehrendoktor der Technischen Hochschule Aachen und der Universität Graz, viermal Rektor (1899/1900, 1907/08-1908/09, 1920/21) und mehrmals Dekan. Er starb am 22. Jänner 1940 in Graz.


Als Schüler und Mitarbeiter R. Malys beschäftigte sich Emich zuerst mit Problemstellungen der organischen und physiologischen Chemie, wandte sich dann aber der analytischen Chemie zu und fand schließlich in der Mikrochemie und Mikroanalyse das Forschungsgebiet, auf das er sich - die ersten Veröffentlichungen dazu erschienen 1893 - fast ausschließlich konzentrierte. Er entwickelte die von H.T. Behrens begründete qualitative mikroanalytische Arbeitstechnik weiter und dehnte sie auf die Operationen der Reinigung und Synthese kleiner Stoffmengen aus; mittels Verwendung von Zentrifuge und Kapillarröhrchen gelang ihm z.B. der Nachweis von einem Zehntausendstel-Milligramm Stickstoff sowie von Kohlenstoff- und Schwefelspuren. Neuland betrat Emich vor allem mit seinen quantitativen mikrochemischen Forschungen, wo er zur präzisen Bestimmung von geringen Materialmengen Messinstrumente wie die Nernst-Waage eingehend studierte und weiterentwickelte. Er gilt daher als Begründer der quantitativen anorganischen Mikroanalyse. Emichs Analysetechniken, die später verfeinert und verbessert wurden, machten viele Untersuchungen, insbesondere auf biochemischem Gebiet oder an radioaktiven Elementen, erst möglich. Eine zusammenfassende Darstellung seiner Arbeitsmethoden findet sich in seinem "Lehrbuch der Mikrochemie" (1911, 2. Aufl. 1926) sowie in der Monographie "Mikrochemisches Praktikum" (1924; 2. Aufl. 1931).


Friedrich Kohlrausch
Karl Wilhelm Friedrich Kohlrausch: Rektor 1923/24 (Porträt von Leo Scheu / Foto: H. Tezak, TU Graz)
In der Familie von Karl Wilhelm Friedrich Kohlrausch gab es wie bei Emich eine gewisse Affinität zur Technik bzw. zu den Naturwissenschaften. Der Vater war Agrarchemiker, Großvater und Onkel waren Physiker. Fritz Kohlrausch wurde am 6. Juli 1884 in Gstettenhof bei Türnitz in Niederösterreich geboren. In Wien und Baden besuchte er das Gymnasium und studierte anschließend Physik und Mathematik an der Universität Wien, wo er u.a. G. Escherich, F. Mertens, F.S. Exner und L. Boltzmann hörte. Nach seiner Promotion war er zwölf Jahre lang - nur unterbrochen durch seine Kriegsdienstleistung im Ersten Weltkrieg - Assistent bei Exner (1908-1920).

In dieser Zeit habilitierte er sich für Experimentalphysik (1911) und war u.a. als Dozent für Akustik an der Musikakademie in Wien tätig. Seit 1920 lehrte und forschte er als Nachfolger A.v. Ettingshausens als Professor für Physik an der Technischen Hochschule Graz, der er 1923/24 auch als Rektor vorstand. Die Anerkennung seiner Leistungen dokumentieren Forschungspreise (Lieben-Preis 1922, Haitinger-Preis 1928) sowie Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied der Indischen Akademie der Wissenschaft. Studienreisen führten ihn nach Westindien zwecks Durchführung luftelektrischer Studien auf hoher See 1907/08 sowie in mehrere europäische Länder. Karl Wilhelm Friedrich Kohlrausch starb am 17. September 1953 in Graz.


Kohlrauschs Forschungsinteresse galt zuerst Problemen der Luftelektrizität und der Radioaktivität. Seit Ende der 1920er Jahre konzentrierte er sich auf einen optischen Effekt, der von dem indischen Physiker und späteren Nobelpreisträger Ch.V. Raman entdeckt worden war. Raman hatte 1928 in einem Experiment gezeigt, daß gestreutes Licht die Tendenz hat, seine Wellenlängen zu verändern und wies damit nach, daß die Photonen des sichtbaren Lichts Teilchencharakter aufweisen. Welche Wellenlängen genau produziert werden, hängt von der Beschaffenheit der die Streuung verursachenden Moleküle ab. Kohlrausch erkannte die grundsätzliche Bedeutung dieser Entdeckung für das Studium des Molekülbaus, verbesserte und verfeinerte die experimentelle Technik und analysierte - unterstützt durch zahlreiche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - einige tausend Molekülspektren. Seine Bücher "Der Smekal-Raman-Effekt" (1930-38) und "Ramanspektren" (1943) waren Standardwerke auf diesem Spezialgebiet.



Erfinderstreit: Honold als Gegenspieler Kaplans#

Im Bereich des Maschinenbaues, insbesondere auf dem Gebiet der Wasserkraftmaschinen, muß auf die Person und Rolle von Robert Honold eingegangen werden. Er trat als Gegenspieler zum steirischen Erfinder Viktor Kaplan in Erscheinung und soll deshalb hier erwähnt werden.

Robert Honold
Robert Honold (Universitätsarchiv TU Graz)

Robert Honold wurde am 7. Juni 1872 in Langenau in Württemberg geboren. Er besuchte in Stuttgart die kgl. Maschinenbauschule in den Jahren 1892 bis 1859. Danach arbeitete er als Techniker, zuletzt bei der Maschinenfabrik Escher-Wyss & Co. in Ravensburg. Von 1887 bis 1899 setzte er seine Studien an den Technischen Hochschulen Stuttgart und Darmstadt fort und übernahm anschließend eine Assistentenstelle an der Technischen Hochschule Darmstadt. Von 1900 bis 1911 war Robert Honold als Ingenieur bzw. Oberingenieur tätig und wirkte von 1911 bis 1916 als selbständiger Zivilingenieur in Ravensburg (siehe dazu: Ludescher, Marcus /88/). Im Jahr 1916 wurde er als Professor für Maschinenbau, und zwar Maschinenzeichnen, Maschinenelemente, Theorie und Bau der hydraulischen Motoren und Pumpen an die Technische Hochschule Graz berufen.

Robert Honold hatte bereits zwischen 1900 und 1903 die außengeregelte Leitschaufel bei Spiralturbinen während seiner Tätigkeit bei der Fa. Hemmer in Neidenfels in die Praxis eingeführt. Dieser Hintergrund brachte ihn in Konflikt mit Viktor Kaplan, dem Erfinder der nach ihm benannten Turbinenform (siehe dazu: Roth, Paul W. /128/, S. 35f.). Viktor Kaplan wurde am 27. November 1876 als Sohn eines Beamten der Südbahn in Mürzzuschlag geboren. Nach dem Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule Wien trat er nach zwei Jahren außeruniversitärer Praxis eine Konstrukteurstelle an der Technischen Hochschule in Brünn an. Er richtete dort ein Laboratorium für Wasserkraftmaschinen ein und wurde 1913 zum Professor für Maschinenbau mit besonderer Berücksichtigung der Wasserturbinen ernannt. Bereits im Dezember 1912 legte er ein erstes Turbinenpatent vor, 1913 ein erstes Patent auf das Regulierrad mit verdrehbarer Schaufel; 1918/19 wurde die erste praktisch einsetzbare Kaplanturbine gebaut.

Kaplans Patente lösten in der Fachwelt große Widerstände aus. So bezichtigte Robert Honold Viktor Kaplan einer (bewußt) falschen Beweisführung, um die Rechtmäßigkeit seines Patentes drehbarer Schaufeln in Turbinenlaufrädern beim Schlichtungsamt des Patentamtes in Wien durchzusetzen. Honold war der Ansicht, daß die Idee, drehbare Laufradschaufeln zu konstruieren, auf ein bereits 1878 in Berlin publiziertes Buch von Professor Fink zurückgeführt werden könne. Letztlich setzte sich aber Viktor Kaplan durch. Allerdings verursachten die mit den Auseinandersetzungen verbundenen psychischen Belastungen bei ihm ab 1922 große gesundheitliche Probleme, die ihn bis zu seinem Tod am 24. August 1934 begleiteten. Es war ihm jedoch gegönnt, die erfolgreiche Durchsetzung seines Konstruktionsgedankens ab 1925 noch zu erleben.


Die Technik in Graz und ihre Studierenden#

Stellvertretend für eine Vielzahl anderer sollen in der Folge noch Personen beleuchtet werden, die als Studierende der Technik in Graz angehört haben und später - auf sehr unterschiedliche Weise - in die Annalen eingegangen sind. Es handelt sich um den Raketenpionier Friedrich Schmiedl (1902-1994), den Architekten, Bergführer, Schauspieler und Regisseur Luis Trenker (1892-1990) und die beiden ersten weiblichen Absolventinnen, Martha Spiera und Hedwig Katschinka.


Friedrich Schmiedl, am 14. Mai 1902 in Schwertberg geboren, wurde bereits in frühen Jahren vom "Raketenvirus" erfaßt (siehe dazu: Trobas, Karl). Die Erscheinung des Halley’schen Kometen im Jahre 1910 weckte in ihm das Interesse für den Weltraum. Bereits 1914 machte er erste Vorschläge, Post aus der belagerten Festung Przemysl mittels einer Rakete herauszuschießen, fand damit aber kein Gehör.

Raketenpionier Schmidl
Raktenpionier Friedrich Schmidl (Archiv K. Trobas)
Vor dem Kriegsende 1918 konnte er im Rahmen einer vormilitärischen Ausbildung für Salzburger Gymnasiasten erste Starts von Raketen aus alten Heeresbeständen durchführen. Am 8. September 1919 startete er die erste von ihm konstruierte, stufenförmig konzipierte Rakete, die er selbst "Gruppenrakete" nannte.

1921 maturierte Schmiedl in Salzburg und nahm danach eine Stellung bei der Bundesbahndirektion in Linz an. Dann begann er jedoch seine Studien an der Universität Graz und Technischen Hochschule in Graz. Hier machte er auch die Bekanntschaft von Hermann Oberth, der als Raumfahrtpionier größte Anerkennung erfuhr. Friedrich Schmiedl studierte in den Jahren 1922 und 1923 an der Technik in Graz, hatte allerdings mit seinen Ideen keinen leichten Stand. Eine von ihm verfaßte Dissertation zum Thema "Hitzefeste Antriebsdüsen" wurde nicht approbiert.

Bereits 1922 begann Friedrich Schmiedl mit Raketenstarts am Thalerhof und ab 1924 am Schöckl, dem Grazer Hausberg. Das Jahr 1928 bezeichnet den Beginn der ersten Postraketen-Versuche, von denen bis 1930 sechs gestartet wurden. Die erste Postrakete startete am 2. Feber 1931 und fand zwar nicht in den Grazer Tageszeitungen, aber international durchaus Beachtung. Diese internationale Anerkennung führte in den weiteren Jahren zu zahlreichen Ehrenmitgliedschaften renommierter Vereinigungen. Im Alter von 92 Jahren, 1944, verstarb Friedrich Schmiedl, der Erfinder der Postrakete, in Graz. Seine Ideen sind als Grundlage für Problemlösungen von heute nicht wegzuden-ken.



Luis Trenker, Goldenes Ingenieursdiplom
Luis Trenker an der Technik in Graz anläßlich der Verleihung des Goldenen Ingenieurdiploms (Archiv Ch. Weber)

Ganz anders gelagert war die Situation bei Luis Trenker. Geboren am 4. Oktober 1892 in Sankt Ulrich im Grödnertal, entwickelte er sich im Laufe seines Lebens zum Inbegriff von Heimatverbundenheit, Bergleidenschaft, Lebenskraft, Daseinsfreude sowie tiefer Gläubigkeit bis hin zum Filmstar, Regisseur und Idol. Dabei hätte seine persönliche Entwicklung ursprünglich ganz anders aussehen sollen. Zunächst war vorgesehen, daß Luis Trenker in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Dieser war als junger Maler ins Grödnertal gekommen, um das Schnitzen und Vergolden zu erlernen und hatte dann die Tochter seines Meisters geheiratet (siehe dazu: Nottebohm, Rudolf; Panitz, Hans-Jürgen /103/).


Luis Trenker wurde aber nicht Herrgottschnitzer, sondern studierte von 1912 bis 1914 an der Technischen Hochschule Wien Architektur. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seine vorherige Tätigkeit als Bergführer führten dazu, daß er zunächst Kanonier des k.u.k. schweren Artillerieregiments Nr. 6 wurde und als Infanterist an die Front nach Galizien geschickt wurde. Nach einer schweren Verwundung übernahm er 1916 eine Bergführerkompanie und war an der Front in den Dolomiten und am Ortler eingesetzt. Zuletzt war er Platzkommandant in Cortina d’Ampezzo und erlebte das Kriegsende als alpiner Referent beim Divisionskommando in Bruneck.

Zwei Jahre nach dem Ende des Krieges konnte er sein unterbrochenes Architekturstudium wieder aufnehmen und tat dies an der Technischen Hochschule Graz. Am 8. Juni 1922 legte er die erste Staatsprüfung ab und am 12. Juni 1923 beendete er sein Architekturstudium mit der 2. Staatsprüfung.


Gemeinsam mit Clemens Holzmeister, dem Erbauer des Salzburger Festspielhauses, hatte er vor, in Bozen ein Architekturbüro zu eröffnen. Allerdings wurden damals aufgrund der politischen Verhältnisse in Österreich erworbene Diplome für Südtirol nicht anerkannt, so daß er diesen geplanten Weg nicht weiter verfolgte. So wurde aus Luis Trenker der Filmstar, den, obwohl am 13. April 1990 verstorben, auch heute noch alle Welt kennt. Ein akademisch ausgebildeter Architekt der Technik in Graz und gleichzeitig ein großartiges Beispiel für die persönliche Entwicklungsfähigkeit von Technik-Absolventen.


Promotionsurkunde H. Katschinka
Promotionsurkunde für Hedwig Katschinka vom 26. Oktober 1926 (Archiv Dr. H. Christalon)
Hedwig Katschinka
Hedwig Katschinka: Erste Doktorin der technischen Wissenschaften an der Technik in Graz (Foto: Dr. H. Christalon)

Die Entwicklung zur scientific community von heute war bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts durch den Umstand geprägt, daß Frauen praktisch nicht am Universitätsleben teilhaben konnten. Erst mit der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung wurde es ab 1919 auch an der Technik in Graz für weibliche Studierende möglich, ein reguläres Studium zu beginnen.


Die erste Frau, die ihre Ausbildung an der chemisch-technischen Schule mit der zweiten Staatsprüfung am 13. Jänner 1923 erfolgreich abschließen konnte, war Martha Spiera aus Wien. Das erste Doktorat der technischen Wissenschaften - und zwar mit der Dissertation "Zur Kenntnis der Dampfdruckkurven binärer Flüssigkeitsgemische" - wurde im Fachgebiet Chemie Frau Hedwig Katschinka aus St. Pölten mit der Promotion am 26. Oktober 1926 verliehen.


Bis heute entspricht der Anteil der weiblichen Studierenden noch immer nicht der allgemeinen gesellschaftlichen Struktur; allerdings wird bei der Gestaltung der Studienprogramme wie auch bei der Ausschreibung von Planstellen besonderes Augenmerk auf die Erhöhung des Anteils an Frauen gelegt. In der scientific community von heute und morgen sollten keine Unterschiede aufgrund des Geschlechts gegeben sein.



Schlußfolgerung#

Von Erzherzog Johann über Friedrich Mohs bis zu Luis Trenker und Hedwig Katschinka - ein wahrhaft breites Spektrum an unterschiedlichen und vielseitigen Menschen, die bis heute zur Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden an der Technik in Graz zählten. Menschen also, unterschiedlich nach ihrer Herkunft, ihrer persönlichen Entwicklung, ihren Neigungen und Interessen, beeinflußten die Entwicklung einer Einrichtung, die durch diese Menschen eine eigene Identität erhielt.

Was kann somit aus den hier beschriebenen - und vielen anderen - Beispielen abgeleitet werden? Offensichtlich trifft auch für die Technik in Graz zu, was Tom Peters und Robert Waterman in ihrem Management-Bestseller "In Search of Excellence" (Auf der Suche nach Spitzenleistungen) 1982 aufgrund eines gänzlich anderen Erfahrungshintergrundes - nämlich der damals bestgeführten US-Unternehmen - festgestellt haben. Sie faßten in acht Merkmalen zusammen, worin das wirklich Besondere an besonders erfolgreichen, innovativen Unternehmen zum Ausdruck kommt. Eines davon heißt: "Produktivität durch Menschen - Auf den Mitarbeiter kommt es an!" Danach betrachten exzellente Unternehmen ihre Mitarbeiter als eigentliche Quelle der Qualitäts- und Produktivitätssteigerung. Dieser Gedanke bzw. diese Erfahrung erscheint durchaus übertragbar auf die Situation an Universitäten. Hoch qualifizierte und hoch motivierte MitarbeiterInnen werden auch in Zukunft als wichtigste Ressource Garant für eine erfolgreiche Entwicklung der Technik in Graz sein.


Literaturhinweise:#

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  • KARNER, Stefan: Naturwissenschafter und Techniker im Umfeld Erzherzog Johanns, in: Erzherzog Johann von Österreich - Beiträge zur Geschichte seiner Zeit (herausgegeben von Grete Klingenstein unter Mitwirkung von Peter Cordes), Band 2, Landesausstellung Schloß Stainz, 1982, S. 231-245
  • LIEB, Hans: Friedrich Emich zum Gedächtnis, in: Österreichische Chemiker-Zeitung, 43(1940)5/6, S. 43-47
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  • ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (Hg.): Österreichische Naturforscher und Techniker, Wien 1951
  • ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (Hg.): mehrere Bände, Graz-Köln 1954
  • PETERS, Thomas J.; WATERMAN, Robert H.: Auf der Suche nach Spitzenleistungen - Was man von den bestgeführten US-Unternehmen lernen kann, Landsberg am Lech, 1984, 10. Aufl., S. 37ff.
  • ROSEGGER, Peter: Als ich das erstemal auf dem Dampfwagen saß, in: ders.: Als ich noch ein Waldbauernbub war, Bamberg 1968, S. 94-101
  • ROTH, Paul W.: Industrie und Technik in der Steiermark - ein Rückblick, in: made in styria, Landesausstellung 97, S. 30-37
  • SCHIVELBUSCH, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1989
  • SEQUENZ, Heinrich (Hrsg.): 150 Jahre Technische Hochschule in Wien 1815-1965, Bd. Geschichte und Ausstrahlungen, Wien 1965
  • TROBAS, Karl: Raketen - Raketenpost - Postraketen, Der österreichische Raketenpionier Friedrich Schmiedl, herausgegeben von Werner Emig, Graz 1992
  • WAGNER, J.: Hochschulprofessor Dr. Fritz Kohlrausch+, in: Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines für Steiermark, 84 (1954), S. 5-6
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© Text und Bilder: Josef W. Wohinz