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Österreicher, Johannes#


* 2. 2. 1904, Libina (Liebau in Mähren) Libina

† 18. 4. 1993, Livingston, New Jersey Livingston


Katholischer Priester


Johannes Österreicher
Johannes Österreicher
© Sr. Sofie Müller

Nach einer glücklichen Kindheit in Liebau besuchte er das Gymnasium in Olmütz, wo er auch in der zionistischen Jugendbewegung aktiv war. Er übersiedelte für sein Medizinstudium nach Wien, wo er vermehrt mit Schriften christlicher Autoren (Kierkegaard, Ferdinand Ebner und Theodor Haecker) in Berührung kam und einen regen Austausch mit Max Josef Metzger führte.

Von dem etwa 20jährigen Medizinstudenten ist der (undatierte) Entwurf eines Briefes an seine jüdischen Eltern erhalten geblieben. Darin bittet Johannes sie, vermutlich noch vor seiner Taufe 1924, dass "Ihr mich in Liebe den mir von Gott dem Herrn gezeigten Weg gehen lassen möget." Er umschreibt seine Lebenssituation in der dritten Person: Es geht um einen Menschen "seufzend unter einer schweren Last" und um "seine Sehnsucht nach der heiligen Stadt, die alte messianische Hoffnung seines Volkes, die sein Herz beseelte. (...) Da vernahm er Gottes Stimme, dass er nun zur heiligen Stadt zu gelangen, den großen Sprung wagen müsse." Auffallend daran ist, dass ihn die Entscheidung, vor die er sich gestellt sieht, "der große Sprung", nicht von "der Stadt auf dem Berge, dem himmlischen Jerusalem" wegführen möchte, sondern "ihn zu jenem schönen Berg brächte."

Im Mai 1924 wurde Johannes Österreicher in Graz getauft; sein Taufpate war Max Josef Metzger. Noch als Jude begann er sein Theologiestudium in Graz; am 17. Juli 1927 empfing er durch Erzbischof Friedrich Gustav Piffl die Priesterweihe.

Mit dreißig Jahren gründete Johannes Österreicher in Wien die Zeitschrift "Die Erfüllung", um für ein besseres Verständnis von Juden und Christen zu werben: "Unsere Zeitschrift nimmt von der Judenfrage ihren Ausgang. Sie sieht in ihr keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Ewigkeit; eine Frage, an der sich die Geister scheiden."(Vorspruch zum 1. Heft, 1934).
In ihr verurteilte er von Anfang an die NS-Ideologie.

Er leitete gemeinsam mit Georg Bichlmair SJ das von Kardinal Innitzer gegründete Pauluswerk in Wien, das zwei Ziele verfolgte: Einerseits die Missionierung von Juden, andererseits die Juden vor Verfolgung zu schützen.

"Das Pauluswerk war ein Versuch Hitler auf einer religiösen Ebene entgegenzutreten. Wir haben damals den Satz geprägt, dass die Judenfrage eine Frage an Juden und Christen sei, aber eine religiöse Frage und keine Frage politischer und sozialer Natur." (Interview in der 'Kleinen Zeitung' vom 10. Juni 1988).
Das Pauluswerk setzte sich das Ziel, "einer Begegnung der Juden mit dem Geiste Jesu Christi, der Wahrheit und dem Leben der katholischen Kirche einerseits und der Erkenntnis der Aufgaben der Christen gegenüber den Juden andererseits zu dienen." (zit. nach A. Fenzl: Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs, Bd. 9, Wien 2003, S. 212).
Bei der Einweihung des neuen Hauses des Paulus-Werkes in Wien, Peregringasse 2, dankte Kardinal Innitzer 1936 "dem rührigen Leiter des Werkes", Generalsekretär Österreicher und betonte: "Die Betrachtung des Volkes vom einseitigen Rassenstandpunkt aus, besonders was die Judenfrage anbelangt, ist dem Christentum diametral entgegengesetzt." (Neue Freie Presse, Wien, vom 14. 2. 1936)

Als - nach dem Rückzug des Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg am 11. März 1938 - der "Anschluss" unmittelbar bevorstand, zog Österreicher die Konsequenzen: "Ich bin mit einem Freund in mein Büro gefahren. Wir haben sofort die gesamte Korrespondenz verbrannt, weil ich gewusst habe, dass die Nazis mir nachgehen werden." ('Kleine Zeitung', Wien, 10. 6. 1988).
"Ich erinnere mich noch dass ich ... am dritten Tag nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich ... im Radio der Militärmusik ... und all den Reden ... zugehört habe. Und es war ganz klar, dass das der Beginn einer Gehirnwäsche, einer Indoktrination war... Und ich erinnere mich noch, dass ich ... sagte: "Gott sei Dank, dass ich Jude bin und auf das nicht hereinfallen kann"." ("Lebensbilder", Österreichischer Rundfunk, 28. 6. 1987).

Wenige Tage später kam die Gestapo. Auf die erstaunte Frage, wieso denn die Arbeitsräume fast leer seien, antwortete der Generalsekretär. "Ich habe in den letzten Tagen alles verbrannt, ich wusste doch, dass Sie mir nicht erlauben würden, das Pauluswerk weiter zu betreiben." (Wochenpresse vom 11. 3. 1988).

Fünf Wochen später floh er über die Schweiz nach Frankreich.

In Paris fand Johannes Österreicher rasch Anschluss an die österreichische Gruppe in der Zwangsemigration. Er kam mit vielen Persönlichkeiten in Kontakt: "Ich war mit der Witwe von Arthur Schnitzler sehr befreundet, die dann auch katholisch geworden ist. Mit dem Philosophen Jacques Maritain war ich durch Freundschaft verbunden. Ich kannte Karl Barth ("Lebensbilder")."

Mit dem zehn Jahre älteren Dichter Joseph Roth hatte er sich bereits in Wien getroffen. In Paris muss es nun zu einem regen Austausch gekommen sein: "Joseph Roth habe ich jede Woche besucht, bis zu seinem Tod. Wir waren eng befreundet." ("Lebensbilder"). Das bestätigten andere Autoren, auch wenn nicht alle den jungen Abbé persönlich kannten. Der Schriftsteller Hermann Kesten besuchte Joseph Roth im Frühjahr 1939 im Café Le Tournon: "Es waren schon die meisten seiner Tischgenossen fortgegangen. Es saßen nur noch ein emigrierter Schriftsteller [und] ein jüdisch-katholischer Konvertit [da]..." (H. Kesten: Dichter im Café, 1959, S. 105). Der ebenfalls 1938 aus Wien geflohene Publizist Klaus Dohrn berichtet: "Auch Johannes Österreicher hat er gekannt und mit ihm, so viel ich weiß, sehr häufig über das Problem Judentum – Kirche heftig diskutiert." (aus einem Brief vom 23. Juni 1954, in: Heinz Lunzer: Joseph Roth. Im Exil in Paris 1933 – 1939, Köln 2008).

Joseph Roth hatte schon im Herbst 1933 eindringlich gewarnt: "Dieses Dritte Reich ist der Beginn des Untergangs! Indem man die Juden vernichtet, verfolgt man Christus. Zum ersten Mal werden die Juden nicht deshalb totgeschlagen, weil sie Jesus gekreuzigt haben, sondern weil sie ihn hervorgebracht haben." (Cahier Juifs, Paris, iu: J. Roth: Werke, Bd. 3, S. 500). Im Frühjahr 1939, wenige Wochen vor seinem Tod, griff er diese Deutung erneut auf: "Der Judenhasss der Deutschen hat metaphysische, hat geradezu religiöse Gründe. Sie hassen nicht die Juden, sondern Jesus Christus, den Sprössling aus Davids Stamm. Sie selbst glauben, sie haßten diesen Zionsstern, aber sie hassen in Wirklichkeit das Kreuz." (Werke Bd. 3, S. 954). Johannes Österreicher hielt in Paris, u. a. in der Kirche von St. Germain-des-Pres, bis zur zweiten Flucht 1940, im 36. Lebensjahr, eine Reihe leidenschaftlicher Predigten und Rundfunkansprachen (hrsg. vom Institut für kirchliche Zeitgeschichte Salzburg, 1986), die auch die Vorgänge unumwunden beim Namen nennen: "Die Lüge triumphiert, die Ungerechtigkeit breitet sich aus und die Grausamkeit feiert Orgien. Das Schicksal des gemarterten Polens läßt uns ahnen, was die Mächte des Bösen der Welt zugedacht haben. Wir hätten es wissen, die Reden und Taten der Diktatoren hätten es uns lehren sollen." (3. 11. 1939).
"Das ist der Geist Kains, dem schon die Existenz des Bruders ein Dorn im Auge ist; der den Tod des Nächsten fordert, weil er mehr 'Lebensraum' nötig zu haben vorgibt. (...) Nicht Hüter des Bruders will er sein, sondern Herrscher, Despot, Unterdrücker." (17. 11. 1939)

"Im Dezember wurden 1900 Juden in der Gegend von von Lublin massakriert, in der Nähe von Warschau ein Pogrom veranstaltet." (4. 2. 1940).

"In eine Kompanie von Mitschuldigen wollen die Nazis das gesamte Volk verwandeln, möglichst viele zu Spießgesellen machen. Das ist einer der tiefsten Gründe für all die Greueltaten ... in den Konzentrationslagern Deutschlands und Österreichs. In allen, denen man befiehlt, Bomben zu werfen, Synagogen anzuzünden, Menschen zu quälen,… soll das Mitleid erstickt werden." (7. 4. 1940).

In einem Rundbrief vom 20. 4. 1982 reflektierte Monsignore Österreicher noch einmal: "Ich habe damals versucht, anhand der Sonntagsevangelien Hitlers Politik als Irrlehre und Gotteslästerung zu entlarven und als Gefahr für Kirche und Menschheit zu geißeln." 1940 hatte er in seinem ersten Buch "Racisme – Antisemitisme – Antichristianisme" zeigen wollen, dass der Rassismus "mit dem Volke Israel die Kirche selbst, in ihrem Wesen und ihrer Sendung bedroht. ... Hitlers mörderischer Krieg gegen die Juden ist ein Tiefpunkt der modernen Rebellion gegen den lebendigen Gott, der erwählt und gebietet, der fordert und vergibt ... gegen den souveränen Gott, der nicht unserem Wunschbild entspricht ... Ich stehe mit meiner Behauptung, dass Hitlers Judenfeindschaft im tiefsten Grunde Empörung ist gegen Gott und Jesus, der Christus ist, nicht allein (S. 11 u. S. 25)." Die Übereinstimmung mit J. Roths Gedanken ist verblüffend.

Zur Frage des Bekenntnisses von Joseph Roth liegt im Archiv an der Seton Hall University in New Jersey ein Brief von J. Österreicher: "Joseph Roth war nie getauft, obwohl während seiner letzten Jahre in Paris ihn jedermann für einen Katholiken hielt. (...) Da alle seine Freunde in seinen letzten Tagen davon ausgingen, dass er ein Katholik war - soweit ich weiß, besuchte er jeden Sonntag den Gottesdienst – hat ihn niemand in Sachen des Glaubens befragt (...) Ich kann nicht, oder vielmehr wage nicht zu sagen, warum er vorgab, ein Katholik zu sein, aber nichts dafür tat, eine sakramentgemäße Bestätigung zur inneren Orientierung seiner Seele zu erhalten. War es Angst, Schüchternheit oder Lähmung?" (im Original englisch an L´ Abbé H. Cellérien, Wien, vom 10. 12. 1974, übersetzt von Till Olbrich)

Kurz vor seinem Tod hatte J. Roth einen Besucher gebeten : "Ich muss unbedingt den Kaplan Österreicher sprechen." Nach seinem Biographen David Bronsen (J. R., 1974, S. 597) betrachtete er ihn als seinen Seelsorger. Beim Begräbnis Roths am 30. Mai 1939 sprach Österreicher ohne Stola die kirchlichen Sterbegebete (E. Weinzierl: Prüfstand, 1988, S. 266).

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich ging Österreichers Flucht weiter nach Spanien, Portugal und schließlich nach New York. Für die Einreise hatte ihm Otto von Habsburg die nötigen Papiere besorgt.

Österreicher war an einigen Pfarren tätig und lehrte ab März 1953 an der Seton Hall University in South Orange, New Jersey. Er baute das Institut für jüdische-christliche Verständigung auf und war dort bis ins hohe Alter tätig.

In einer Bittschrift an Kardinal Bea, den Präsidenten des Einheitssekretariats des Vatikans, regte er 1960 die Versöhnung der Kirche mit den Juden an. 1961 wurde er von Papst Johannes XXIII.zum Prälaten seiner Heiligkeit (Monsignore) ernannt.

Papst Johannes XXIII. berief ihn vor Beginn der zweiten Konzilsperiode als Beauftragter in das "Einheitssekretariat".

Er verfasste eine Studie jener grundlegenden Wahrheiten, die das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk bestimmen oder bestimmen sollten.
Die Konzilserklärung "Nostra aetate" beruht auf dieser Studie. Sie beginnt mit dem Satz: "Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist." Das Kleine Konzilskompendium würdigt in der Einleitung zu dieser Erklärung, dass "die Verdienste von J. M. Österreicher eigens genannt werden müssen." (Rahner/Vorgrimler, S. 351) Während des Konzils beging der katholische Theologe jüdischer Herkunft seinen 60. Geburtstag. Johannes Maria Österreicher fasst den Inbegriff der Judenerklärung in einem Satz zusammen (Kathpress Interview von 1988): "Die Wiederentdeckung des Judentums und der Juden in ihrem Eigenwert und ihrer Bedeutung für die Kirche. Die Kirche hat erklärt, dass ihre Existenz in der Herausführung von Jakobs Nachkommen aus der ägyptischen Knechtschaft, deren wundersamen Durchzug durch das Schilfmeer und deren Wanderschaft durch die Wüste wurzelte. Was besagt das für unser Glaubensleben und unsere Beziehung zu den Juden? Ein wachsames Auge für das jüdische Milieu des Neuen Testamentes, eine echte Einfühlung in die Umwelt Jesu ist zum vollen Verständnis wir zur rechten Verkündigung der christlichen Botschaft notwendig. Man muss sich liebevoll hineindenken in die Anliegen, Sorgen, Hoffnungen und Leiden des Volkes. Der Christ soll mit hebräischen Denkweisen und Sprachformen vertraut sein. "

Die Erklärung "Nostra Aetate" wurde am 28. Oktober 1965 verabschiedet. Johannes Maria Österreicher bezeichnete sich immer als "Jude und Katholik" und pflegte zeit seines Lebens innigen Kontakt zum jüdischen Volk und zur jüdischen Religion. Ebenso setzte er sich intensiv für das Verständnis für die Juden ein und trat vehement gegen Rassenhass auf.

Als Person wird er als sehr liebenswürdig, ungemein intelligent, überaus bescheiden und tolerant beschrieben.

John M. Österreicher wurde 89 Jahre alt und ist auf einem Friedhof in New Jersey beerdigt. "Da sind Platten mit den Namen am Boden. Hin und wieder habe ich dort einen Blumenstrauß hingelegt," so Sr. Sofie Müller, seine langjährige Mitarbeiterin in einem Gespräch am 19. 9. 2012.

Werke (Auswahl) #

  • J. Österreicher, Der Baum und die Wurzel. Israels Erbe - An-Spruch an die Christen
  • J. Österreicher, Die Wiederentdeckung des Judentums durch die Kirche. Eine neue Zusammenschau der Konzilerklärung über die Juden
  • Wider die Tyrannei des Rassenwahns. Rundfunkansprachen aus dem ersten Jahr von Hitlers Krieg. Herausgegeben vom Institut für kirchliche Zeitgeschichte Salzburg Neue Folge Band 25. Mit einem Nachwort von P. Robert A. Graham SJ Rundfunkprediger gegen Hitler

Quellen#

Redaktion: D. Olbrich und P. Diem