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Achleitner, Friedrich#


* 23. 5. 1930, Schalchen, Oberösterreich


Architekt, Schriftsteller, Architekturhistoriker

Friedrich Achleitner. 1959., © Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU
Friedrich Achleitner. 1959.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU
Er besuchte die Höhere Bundesgewerbeschule in Salzburg und absolvierte anschließend von 1950 bis 1953 ein Studium der Architektur in Wien, das er mit einem Diplom an der Meisterschule Clemens Holzmeister abschloss. Danach arbeitete er zunächste als freischaffender Architekt und studierte nebenberuflich in der Meisterschule von Emil Pirchan Bühnenbild, ehe er sich mehr der Literatur zuwandte.

1957 trat er gemeinsam mit H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener) als legendäre "Wiener Gruppe" zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Er schrieb Dialektgedichte - 1959 veröffentlichte zusammen mit Artmann und Rühm den Dialekt-Band "hosn rosn baa", ein Jahr darauf publizierte er "schwer schwarz" - und konkrete Poesie und wirkte an Aufführungen des "literarischen cabarets" mit.

Nach dem Zerfall der "Wiener Gruppe" wandte Achleitner sich vor allem der Architekturkritik zu. Nach einer einjährigen anonymen Tätigkeit bei der "Abendzeitung" (1961) wechselte er zur "Presse", für die er bis 1972 regelmäßig über die Qualität der österreichischen Baukunst schrieb. Er begründete damit ein Genre, das bisher so gut wie nicht vorhanden war: als „Vater“ der heimischen Architekturkritik trat er energisch gegen Abbruchspekulation und unkünstlerisches Bauen auf. 1968 erhielt Achleitner nach mehrjähriger Lehrtätigkeit eine provisorische Professur für Geschichte der Baukonstruktion an der Akademie der bildenden Künste, bevor er 1972 ein einjähriges Literaturstipendium in Berlin antrat. Dort nahm er seine schriftstellerische Tätigkeit wieder auf und verfasste seinen "quadratroman" (1973).

Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1998 stand Friedrich Achleitner der Lehrkanzel für "Geschichte und Theorie der Architektur" an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst vor.


Von 1965 bis 2010 arbeitete Friedrich Achleitner an seinem Hauptwerk: "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, einem Führer in vier Bänden", der seit 1980 in (nunmehr fünf) Einzelbänden erschienen ist.
(1980 erschien im Residenz Verlag der erste Band, in dem Bauwerke in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg dokumentiert wurden. Der zweite Teil (1983) umfasst Kärnten, Steiermark und das Burgenland, während sich Band drei der Bundeshauptstadt widmen sollte. Aufgrund des Umfangs entschloss sich Achleitner aber dazu, Wien in drei eigene Abschnitte zu gliedern: 1990 kam die Beschreibung des ersten bis zwölften Bezirks heraus, 1995 folgten die Bezirke 13 bis 18. Im Herbst 2010 erschien schließlich 19 bis 23. Es fehlt allerdings der als ursprünglich vierter Teil geplante Band über Niederösterreich – den müssten aber nun, laut Achleitner, Andere, Jüngere übernehmen.)


Für diese weltweit einzigartige Arbeit hat Achleitner jahrelang konsequent Material gesammelt und ausgewertet, ist vor Ort gereist und hat Österreich architektonisch durchmessen.
Hier gelingt Achleitner eine einzigartige Verbindung von historischer Kompetenz und sprachlicher Analyse, die Verbindung von Architektur und Literatur auf höchstem Niveau. (Das dem Werk zugrunde liegende Archiv wurde 2000 anlässlich Achleitners 70. Geburtstag von der Stadt Wien angekauft und dem Architekturzentrum Wien zur Gründung einer Datenbank zur österreichischen Architektur übergeben.)


Seit 2010 hat sich Friedrich Achleitner, Doyen der österreichischen Architekturtheorie, wieder seinem zweiten Standbein zugewandt: der Literatur.

Auch wenn er eindeutig der konstruktivistischen Fraktion in der "Wiener Gruppe" angehörte, hatte ihn dies nie gehindert, seine komödiantische und hintersinnige Seite zum Ausdruck zu bringen. Etwa in den "obdaennsa"-Dialektgedichten, die er, wie auch H. C. Artmann, in einer "vonedischen" Schreibweise mit den Buchstaben des Alphabets wiedergibt.

Seine Architektur-Kritiken waren von Anfang an auch als Gesellschaftsbefunde angelegt, sie lesen sich daher wie ein Stenogramm österreichischer Gegenwartsgeschichte im Taumel von Wirtschaftswunder und nostalgischem Bewahrungseifer. Am vergnüglichsten nachzulesen ist das in seinem Bericht "Die Ploteggs kommen" (1995), der die geheimnisvolle Invasion plastiküberzogener Siloballen auf den Wiesen des Ötscherlandes zum Thema hat.

Seine Prosasammlung "wiener linien" spürt den Unannehmlichkeiten nach, die wir täglich nicht nur in U-Bahn oder Bahn erfahren müssen, und begegnet diesen mit Scharfsinn und Sprachwitz. Es sind die scheinbar unauffälligen Begebenheiten und Begegnungen des Alltags, die den Grund für Achleitners literarische Miniaturen liefern.

Im Zsolnay Verlag erschienen zuletzt "der springende punkt" und der Dialektgedichte-Band "iwahaubbd" und 2015 der Band "wortgesindel": ein ironisches Aufzeigen des allgegenwärtigen sorglosen Umgangs mit der Sprache.


Friedrich Achleitner lebt und arbeitet als freischaffender Schriftsteller in Wien.

Weiterführendes#

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Theodor Körner-Preis (mit J.G.Gsteu), 1957
  • Preis für Architekturpublizistik der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, 1980
  • Prechtl-Medaille der Technischen Universität Wien, 1982
  • Camillo Sitte-Preis, 1983
  • Staatspreis für Kulturpublizistik, 1984
  • Kulturpreis der Stadt Kapfenberg, 1989
  • Preis der Stadt Wien für Kulturpublizistik, 1990
  • Kärntner Würdigungspreis für Baukultur, 1994
  • Oberösterreichischer Landeskulturpreis für Architektur, 1995
  • Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien, 1995
  • Preis des Architekturmuseums Basel, 1995
  • Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien, 2002
  • Ehrenring der Universität für angewandte Kunst Wien, 2007
  • Ehrendoktorat der Kunstuniversität Linz, 2010
  • (siebentes) Ehrenmitglied der Wiener Secession, 2009
  • Watzlawick-Ehrenring, 2011

Werke (Auswahl)#

  • hosn rosn baa, Dialektgedichte mit H.C.Artmann und Gerhard Rühm, 1959
  • schwer schwarz, konkrete poesie, 1960
  • die wiener gruppe (Hrsg. Gerhard Rühm, mit H.C.Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener), 1967
  • Lois Welzenbacher (Monographie, mit Ottokar Uhl), 1968
  • prosa, konstellationen, montagen (dialektgedichte, studien), 1970
  • quadratroman, 1973
  • WOHNEN ETCETERA,1975
  • Die WARE Landschaft, (Hrsg.), 1977
  • friedrich achleitner + gerhard rühm, 1980
  • Nieder mit Fischer von Erlach, (Architekturkritik), 1986
  • Aufforderung zum Vertrauen, (Architekturkritik), 1987
  • KAAS (Dialektgedichte), 1991
  • Die rückwärtsgewandte Utopie: Motor des Fortschritts in der Wiener Architektur, 1994
  • Die Plotteggs kommen, 1995
  • Wiener Architektur, 1996
  • Region, ein Konstrukt? Regionalismus, eine Pleite?, 1997
  • Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert
    • Band 1: Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg
    • Band 2: Kärnten, Steiermark und Burgenland
      • Band 3/1: Wien 1.–12. Bezirk, 1990
      • Band 3/2: Wien 13.–18.Bezirk, 1995
      • Band 3/3: Wien 19.-23. Bezirk, 2010
  • einschlafgeschichten, 2003
  • wiener linien, (Prosasammlung), 2004
  • und oder oder und, 2006
  • der springende punkt, 2009
  • iwahaubbd. dialektgedichte, 2011
  • Den Toten eine Blume. Die Denkmäler von Bogdan Bogdanovic, 2013
  • wortgesindel, 2015


Leseprobe#

Friedrich Achleitner - "wiener linien."

böser tag
ein böser tag kündigte sich an. alle menschen in der u3 blickten finster in das verengte und verkürzte blickfeld. es war früher morgen. eine alte frau mit trachtenhut und schildhahnfeder, die mit ihrem krötengesicht eine deix-metamorphose nicht vor, sondern hinter sich hatte, blickte mich an, als wäre ich durch mein platznehmen ihr gegenüber in ihren besitzstand eingedrungen. ihr nachbar, der gerade aus der krone erfuhr, dass wir keine neuen abfangjäger brauchen - ich schaute zweimal auf das kleinformat, es war wirklich die krone - , fühlte sich von der dicken alten frau bedrängt und wechselte ostentativ die seite. dass sich im selben moment eine frau mit rucksack auf seine bank setzte, gönnte ich ihm. der böse tag versprach zu einer hochform aufzusteigen, ich konnte ihn aber nicht mehr verfolgen. wenigstens bis ottakring hätte ich es gerne getan, aber ich musste aussteigen. (S. 53)

© 2004, Zsolnay
LITERATURHAUS Wien
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl