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Adler, Alfred#

* 7. 2. 1870, Rudolfsheim bei Wien

† 28. 5. 1937, Aberdeen (Schottland)


Psychologe, Begründer der Individualpsychologie, Nervenarzt


Alfred Adler
Alfred Adler bei einem Vortrag. Foto, um 1930.
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

Alfred Adler wurde am 7. Februar 1870 in Rudolfsheim geboren.

Er absolvierte ein Studium der Medizin an der Wiener Universität, das er 1895 abschloss.


1897 heiratete er die russische Intellektuelle Raissa Timofeyewna Epstein, gemeinsam hatten sie vier Kinder (zwei von ihnen wurden Psychiater).

Er eröffnete seine Arztpraxis in einem sozial schwächeren Viertel von Wien. 1907 wurde er zu Sigmund Freuds Diskussionsrunden eingeladen, Freud ernannte Adler zum Präsidenten der Wiener Gesellschaft der Psychoanalytiker und zum Co-Editor der Organisationszeitung.

Geburtshaus Mariahilfer Str. 208, © Rainer Lenius
Geburtshaus Mariahilfer Str. 208
© Rainer Lenius
Den anfänglichen Arbeiten, die mit Freuds Ansichten übereinstimmten, folgte bald Kritik an Freuds Thesen. Eine Debatte zwischen den Anhängern Adlers und denjenigen von Freud wurde arrangiert, mit dem Ergebnis, dass Adler und weitere neun Mitglieder der Gesellschaft austraten, um 1911 den "Verein für Freie Psychoanalyse" (später: "Verein für Individualpsychologie") zu gründen.


Adler war der Philosophie der Aufklärung verpflichtet. Zwar waren für ihn Erbanlagen und Umwelteinflüsse prädisponierende Faktoren des Charakters, Erfahrungen werden aber aktiv gemacht und Erlebnisse subjektiv gedeutet. Darin zeigt sich nach Adler die Freiheit, aber auch die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, die nicht auf andere Menschen oder das Schicksal projiziert werden kann.


Adler erklärte im Gegensatz zu Freud seelische Störungen (Psychoneurosen) nicht aus den Reaktionen auf verdrängte sexuelle Komplexe, sondern aus Minderwertigkeitskomplexen (Begriff von Adler) bzw. übersteigertem Geltungstrieb infolge missglückter Anpassung an die Gemeinschaft.

Alfred Adler gilt als der Begründer der Individualpsychologie.

Gedenktafel Dominikanerbastei 10, © Rainer Lenius
Gedenktafel Dominikanerbastei 10
© Rainer Lenius
Nach dem Krieg war er in verschiedene Projekte involviert, u.a. an Universitätskliniken und in der Lehrerausbildung. Ab 1929 war er am Wiener Pädagogischen Institut, von 1932 an halbjährlich auch in New York tätig.

In den USA fanden seine als realitätsnahe und optimistisch interpretierten Ideen großen Anklang. Ab 1926 hielt sich der Psychiater oft in den Vereinigten Staaten auf, um Vorlesungen zu halten und nahm eine Gastprofessur am Long Island College of Medicine an. 1934 übersiedelte der bereits 1904 zum Protestanismus konvertierte Sohn aus jüdischer Familie mit seiner Familie endgültig nach New York.


Am 28. Mai 1937 starb er - nach einer Reihe von Vorträgen an der Aberdeen University - an einem Herzinfarkt.

Eine Überführung nach Wien war damals aus politischen Gründen nicht mehr möglich, und die Urne geriet in Vergessenheit. Erst kürzlich wurde sie an der Universität Edinburgh "wiederentdeckt": nun wird die Urne im April 2011 von Edinburgh nach Wien überführt, wo sie im Juli in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt werden wird.




Am Geburtshaus Alfred Adlers, 15., Mariahilfer Straße 208, erinnert eine Gedenktafel an den Begründer der Individualpsychologie. Eine weitere Gedenktafel befindet sich am Haus 1., Dominikanerbastei 10, in dem Adler ab 1911 lebte und arbeitete, im 10. Wiener Bezirk ist ihm eine Straße gewidmet.



Gedenktafel Czerningasse 7, © Rainer Lenius
Gedenktafel Czerningasse 7
© Rainer Lenius

Artikel aus dem Buch "Große Österreicher"#


Womit mag es zusammenhängen, dass sich im Wien der Jahrhundertwende nicht nur die Genies, sondern auch die Seelenärzte ballten? Die Stadt, die über die Zeiten hinweg eine der höchsten Selbstmordraten Europas, ja der Welt verzeichnet, ist nicht von ungefähr Geburtsstätte der Psychoanalyse geworden – und der Individualpsychologie.

„Die Seele ist ein weites Land“, schrieb zur gleichen Zeit Arthur Schnitzler. Dem Fin de siecle in der Reichshaupt und Residenzstadt, in der Kaiserstadt Wien, war ein Hauch von Morbidität eigen. Nur im Wien des Aufbruchzeitalters konnte Sigmund Freud seine Theorien entwickeln, seine Schüler, Freunde, Kollegen um sich sammeln, jeden Mittwochabend in seiner Wohnung Fachdiskussionen veranstalten.


Und nur in Wien konnte einer dieser Kollegen und Freunde Sigmund Freuds sich gleichsam abspalten, eine eigene Lehre entwickeln und dieser ebenfalls zu weltweiter Anerkennung verhelfen: Dr. med. Alfred Adler, Sohn eines Getreidehändlers, aufgewachsen in Rudolfsheim, Humanist, Sozialist – und Verfechter der Theorie, dass der Mensch, von Natur aus gut, schon in frühester Kindheit seine Lebenslinie, sein Lebensziel erfasse, dass er Gemeinschaftsgefühl besitze und dass alle nervösen, neurotischen Störungen im Grunde nur Folgen eines Minderwertigkeitsbewusstseins seien, das es durch Erziehung rechtzeitig zu beheben gelte.


Alfred Adler ist ursprünglich Augenarzt gewesen, später Internist, und hat sich unter dem Einfluss Freuds erst später der Seelenheilkunde zugewandt. Aus enger Freundschaft wurde später freilich bald wissenschaftliche Gegnerschaft, die schließlich zum Bruch führte. "Glauben Sie, dass es ein so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in Ihrem Schatten zu stehen?" soll Adler einmal zu Freud gesagt haben.


Der wieder "revanchierte“"sich viele Jahre später in einem Brief an den Schriftsteller Arnold Zweig, dem er nach dem Tod Adlers in Schottland schrieb: „Für einen Judenbub aus einer Wiener Vorstadt ist ein Tod in Aberdeen schon an sich eine unerhörte Karriere und ein Beweis dafür, wie weit er es gebracht hat. Tatsächlich hat ihn die Welt reich dafür belohnt, dass er sich der Psychoanalyse entgegengestellt hat.“


Entgegengestellt? Alfred Adlers Individualpsychologie ist keine "Gegenschule" zur Psychoanalyse Freuds, die stellt nur die Fragen anders. Dort, wo Freud die Sexualität zur Wurzel aller Neurosen macht, ortet Adler das Minderwertigkeitsgefühl. Und nicht das Woher und Warum will es erfragen, sondern das Wozu und Wohin. Für ihn ist der Mensch, sind seine seelischen Regungen und Entwicklungen primär etwas Positives – Minderwertigkeitsgefühl und Minderwertigkeitskomplex (wer weiß, wenn er diese heute so gebräuchlichen Ausdrücke verwendet, dass sie von Alfred Adler stammen?) werden durch Leistung „kompensiert“.


Alfred Adler meinte, dass einerseits alle seelischen Erkrankungen durch gestörtes, behindertes Geltungsstreben verursacht würden, dass andererseits aber alle Großtaten der Kultur und der Technik Folgen der Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls seien. Kulturelle Überkompensation führe schnurstracks hin zum Genie.


Alfred Adler, selbst eines von sechs Kindern, hat die praktische Anwendung seines Lehrgebäudes nicht zuletzt im Erziehungswesen gesehen. Die „Erziehung zum Erzieher“ ist für ihn eine der wichtigsten Voraussetzungen der Psychohygiene. Das, was er Neurosenprophylaxe nennt, ist für ihn die Heranbildung körperlich und geistig gesunder, freier, beweglicher Kinder – beweglich in jeder Bedeutung des Wortes.


Alfred Adler ist, so besehen im Grunde auch der Vater der antiautoritären Erziehung, freilich in anderem Sinn als dem heute gebräuchlichen und ebenso häufig falsch verwendeten. Antiautoritär – das bedeutete für ihn Liebe, Verständnis, der absolute Verzicht auf körperliche Züchtigung, statt dessen „heilen und bilden“. Die Erziehungsberatung ist für ihn der bedeutsamste Schritt zur seelischen Gesundheit der Nachfahren.


Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der österreichischen Wissenschaftsgeschichte, dass Alfred Adler es in seiner Heimatstadt Wien nie zu einer Dozentur gebracht hat. Der Autor so grundlegender Werke wie „Über den nervösen Charakter“, „Menschenkenntnis“ und lndividualpsychologie in der Schule“ ist beim Versuch, sich an der Universität Wien zu habilitieren, gescheitert, und zwar auf Grund eines negativen Gutachtens des Nobelpreisträgers Wagner von Jauregg (der seinerseits wieder ein enger Freund von Sigmund Freud gewesen ist).


Um so mehr ist Adler auf volksbildnerischem Gebiet tätig gewesen, er hat am Pädagogium der Stadt Wien eine Dozentur innegehabt, und in seinen späteren Lebensjahren hat der Vater der Individualpsychologie zahlreiche Auslandsreisen unternommen, da seine Lehre längst weltweit nicht nur bekannt, sondern auch anerkannt war.


Schon 1926 erhielt er eine Gastprofessur am Medial Center der Columbia-Universität in New York, 1935 gründete er das "International Journal of Individual Psychology", das die "Wiener Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie" ergänzte. Er brachte damals die halbe Zeit des Jahres in den USA, die andere Hälfte in Europa zu, 1934 übersiedelte er – ahnend, welchem Schicksal der alte Kontinent entgegenging – zur Gänze nach Amerika. Während einer Vortragsreise erlag er am 28. Mai 1937 in Aberdeen einem Herzversagen.


Alfred Adler, der Vater der Individualpsychologie, ist nie das gewesen, was man einen vergeistigten Wissenschaftler nennen würde. Er war vielmehr so etwas wie ein Urwiener – vom Habitus her, von der Sprache, vom Äußeren. Seine Vorträge hielt er stets in freier Rede, er verstand es, seine Zuhörer zu fesseln, er war selbst der Idealtyp des Erziehers, den heranzubilden er sich zur Aufgabe gestellt hatte.


Als junger Mensch fühlte Adler sich zum Marxismus hingezogen, er heiratete eine revolutionäre Russin, aber er hat nie "politisiert", er war Arzt und Erzieher, fand freilich im sozialdemokratischen Wien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg den geeigneten Nährboden für seine Lehre und eine fruchtbare Wirkungsstätte für die Praxis. Auch nachher, in Amerika und auf seinen Weltreisen, hat er sein Wiener- und Österreichertum nie verleugnet, im Gegenteil, er hat es stolz produziert.


Und er hat mitgeholfen, den Ruf seiner Heimatstadt als Wiege der Seelenheilkunde weltweit zu festigen.

Werke (Auswahl)#

  • Studie über Minderwertigkeit von Organen, 1907
  • Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens 1911
  • Über den nervösen Charakter, 1912
  • Heilen und Bilden, 1914
  • Praxis und Theorie der Individualpsychologie, 1920
  • Liebeserziehung und deren Störungen, 1926
  • Menschenkenntnis, 1927
  • Die Technik der Individualpsychologie. Erster Teil: Die Kunst, eine Lebens- und Krankengeschichte zu lesen, 1928/1930
  • Schwer erziehbare Kinder, 1927
  • Neurosen. Fallstudien. Zur Diagnose und Behandlung 1929
  • Die Technik der Individualpsychologie. Zweiter Teil: Die Seele des schwererziehbaren Kindes 1930
  • Das Problem der Homosexualität und sexueller Perversionen 1930
  • Der Sinn des Lebens, 1932
  • Religion und Individualpsychologie, 1933
  • Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 1914 ff. (ab 1935: International Journal of Individual Psychology)

Literatur#

  • Josef Rattner: Alfred Adler in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1972
  • E. Ringel und G. Brandl, Ein Österreicher namens Alfred Adler, 1977
  • Russell Jacoby: Soziale Amnesie. Eine Kritik der konformistischen Psychologie von Adler bis Laing (edition suhrkamp 859), Frankfurt am Main 1978
  • D. Horster, Alfred Adler zur Einführung, 1984
  • Heinz L. Ansbacher: Alfred Adlers Sexualtheorien. Fischer, Frankfurt a. M. 1989
  • H. Ruediger Schiferer: Alfred Adler - Eine Bildbiographie. Verlag E. Reinhardt, München/Basel 1995
  • E. Hoffman, Alfred Adler, ein Leben für die Individualpsychologie, 1997
  • Manès Sperber: Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie. Ullstein Verlag Berlin/Wien 1983

Weiterführendes#

Quellen#



Zusatzinfo aus:
Österreich von A bis Z - Von Ostarrichi bis ins 21. Jahrhundert (Müller-Kaspar - Klima - Kastner - Dee – Jerlich), Verlag Tosa (2005), Wien, 400 S.

Redaktion: J. Sallachner, I. Schinnerl