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Bauer, Alfredo#

eigentlich Jorge Blanco Bermúdez
Pseudonyme: Alfredo Ackermann und Roberto Bandler


* 14. 11. 1924, Wien

† 22. 5. 2016, Buenos Aires


Arzt, Schriftsteller, Übersetzer


Alfredo Bauer wurde am 14. November 1924 in einer Familie jüdischer Abstammung in Wien geboren. Von 1932 bis 1938 besuchte Alfredo Bauer das Akademische Gymnasium in Wien und war von 1936 bis 1938 Mitglied des Österreichischen Pfadfinderbundes.

Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde die Familie rassistisch verfolgt. Im Februar 1939 gelang ihm mit seinen Eltern die Emigration nach Argentinien. An der antifaschistischen deutschen Pestalozzi-Schule, die er zunächst in Buenos Aires besuchte, war er Schüler der ehemaligen sozialistischen Reichstagsabgeordneten August Siemsen und Alfred Dang, bei denen er die Grundkenntnisse des Marxismus kennenlernte.

Er begann in antifaschistischen Jugendorganisationen zu arbeiten und war in der "Frei-Österreich-Bewegung" auch in leitender Funktion tätig (1941 trat er der Jugendgruppe von "Austria Libre" und dem jüdischen Jugendklub "Blau-Weiß" bei).

Nach der Matura begann er 1943 ein Medizinstudium, das er 1949 mit der Promotion abschloss (mit einer Arbeit über "Schmerzarme Geburt"). Er ließ sich in Buenos Aires nieder, wo er an verschiedenen Kliniken, zunächst als Kinderarzt, dann Jahrzehnte lang als Gynäkologe und Geburtshelfer arbeitete.

Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und Aufklärungsschriften und entwickelte neben seiner Arbeit als Arzt auch eine umfangreiche literarische Tätigkeit.

Bereits ab 1944 schrieb Bauer "nebenbei" - angeregt durch den von ihm verehrten Jura Soyfer - zahlreiche Kleinkunststücke für die Theatergruppe des "Free Austrian Movement" ("Frei-Österreich-Bewegung"), was durchaus wegweisend für seine Karriere als Schriftsteller und Übersetzer war. Auch als Journalist für das "Argentinische Tagesblatt" trat er an die Öffentlichkeit und er veröffentlichte sein erstes Buch "Die Antwort", ein Chorspiel über den Freiheitskampf Österreichs.


Sein Werk – er trat 1946 der argentinischen Kommunistischen Partei bei – stand unter dem Zeichen seines antifaschistischen Engagements (so erschienen seine auf Deutsch geschriebenen oder ins Deutsche übersetzten Bücher zunächst nur in der DDR). Aber auch sonst war er intensiv um den kulturellen Austausch mit dem kommunistischen Teil Deutschlands bemüht, nicht nur als Sekretär des "Ateneo Argentino Alejandro von Humboldt" (Institut für Kulturaustausch Argentinien-DDR), auch seine Werke über "Argentinien" und der Band "Reisen am Rio de la Plata" erschienen in DDR-Verlagen.

1971 erschien seine "Historia crítica de los judíos" (erst viel später als "Kritische Geschichte der Juden" auf Deutsch veröffentlicht); er übersetzte Werke von Heinrich Heine, Bert Brecht, Felix Mitterer und Jura Soyfer ins Spanische und das argentinische Nationalepos "Martín Fierro" von José Hernández und andere Werke der argentinischen Literatur ins Deutsche.

1976 wurde Bauer Mitglied des argentinischen Schriftstellerverbandes. Als Reiseschriftsteller, Übersetzer und Essayist veröffentlichte er über 30 Publikationen - Romane, Erzählungen und Dramen auf Deutsch und Spanisch (die meisten davon sind in Argentinien oder in der ehemaligen DDR erschienen).

2012 vollendete Bauer sein Lebenswerk "Die Vorgänger" ("Los compañeros antepasados" ) - einen groß angelegten Zyklus von fünf Romanen, mit dem er bereits Ende der 1960er-Jahre begonnen hatte.
(Es handelt sich dabei um die Geschichte einer Wiener jüdischen Bürgerfamilie über die Periode von 1848 bis zum Emigrantenleben im Argentinien der 1940er Jahre, in der die Erfolge und Niederlagen der sozialen und demokratischen Bewegungen in Österreich thematisiert werden. Anlass für diesen Zyklus waren für Alfredo Bauer Tagebuchaufzeichnungen seines Urgroßvaters, Teilnehmer an der 1848er Revolution in Wien, die er von KZ-Überlebenden erhalten hatte.)

Alfredo Bauer war Ehrenmitglied verschiedener literarischer Gesellschaften und wurde vielfach ausgezeichnet. Ende 2006 erwarb die Österreichische Nationalbibliothek Wien seinen Vorlass. Er war zwei Mal verheiratet und hat aus erster Ehe drei Kinder.

Der ehemalige Flüchtling, Arzt, Aktivist und Exilliterat Alfredo Bauer kam erstmals 1957 wieder nach Wien zu Besuch – er lebte nach wie vor in Buenos Aires, wo er am 22. Mai 2016 im 92. Lebensjahr verstarb.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Ehrenschleife "Faja de Honor" des Argentinischen Schriftstellerverbandes, 1982 und 1991
  • Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Preis der DDR, 1987
  • Übersetzerstipendium der Stadt Wien, 1994
  • Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil (mit Fritz Kalmar), 2002
  • Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien, 2010

Werke (Auswahl)#

Bücher
  • Des Teufels Wettermacher. Ein Kleinkunststück (Buenos Aires), 1950
  • Argentinien. Mit einem Essay von Mürgen Hell (Berlin), 1968
  • La mujer ser social y conciencia (Buenos Aires), 1970
  • Histórica crítica de los judíos (Buenos Aires), 1971
  • La mujer en el socialismo (Buenos Aires), 1974
  • Reisen am Rio de la Plata (Leipzig: Brockhaus), 1974
  • La esperanza trunca (Buenos Aires), 1976
  • Cuba para recordar (Buenos Aires), 1976
  • El falso auge (Buenos Aires), 1977
  • Sexo, moral, felicidad (Buenos Aires), 1978
  • Hacia el abismo (Buenos Aires), 1979
  • Prueba de fuego (Buenos Aires), 1981
  • Un viaje. (Relatos, recuerdos, reflexiones), 1982
  • El hombre, la fe, el dilirio y la razón (Buenos Aires), 1982
  • Martín Lutero, el hombre, la nación y la humanidad (Buenos Aires), 1983
  • El origen de la República Democrática Alemana y otros ensayos históricos (Buenos Aires), 1984
  • Nuevo mundo (Buenos Aires), 1985
  • La herencia humanista y la Repúplica Democrática Alemana (Buenos Aires), 1986
  • Trügerischer Glanz. Roman einer Wiener Bürgerfamilie 1849-1892 (Übers. a. d. Span.: Christiane Barckhausen) (Berlin), 1986
  • Sexo y sociedad (Mit Mabel Hernánendez, Silvina Singer), (Buenos Aires), 1988
  • La asociación Vorwärts y la lucha democrática en la Argentina (Buenos Aires), 1990
  • El hombre de Ayer y el mundo (Buenos Aires), 1990
  • El Martín fierro que yo viví (Buenos Aires), 1992
  • Der Mann von gestern und die Welt. Ein biographischer Roman um Stefan Zweig (Wien), 1993
  • Adolf Walter Freund, humanista, militante, maestro (Buenos Aires), 1993
  • Zwei Theaterstücke und ein Essay. Die Antwort (1944), Des Teufels Wettermacher (1954), Antifaschistische Arbeit der Deutschen und Österreichischen Emigration in Argentiniern (Essay) (Hrsg., Einl.: Jean-Marie Winkler. St. Ingbert), 1995
  • Hexenprozeß in Tucumán. Und andere Chroniken aus der Neuen Welt (Hrsg.: Erich Hackl, Wien), 1996
  • Geliebteste Tochter. Marie Louise von Habsburg. Ein Lebensroman (Wien), 1997
  • Antikoloniale Kleinkunststücke. Demetriius. Der weiße Elefant, 2000
  • Verjagte Jugend. Roman (Wien), 2004
  • Eine Reise (Brugg), 2005
  • Vom Menschen, vom Glauben, vom Wahn und von der Vernunft. Geschichten aus der Geschichte (Brugg), 2006
  • Mythen-Szenen (Mainz), 2009
  • Die Vorgänger (Hg. v. Monika Tschuggnall; aus dem Spanischen von A. Bauer und Christiane Barckhausen; mit einem Vorwort von Felix Mitterer) (Wien), 2012
  • Der sanfte Rebell. Bibelszenen (Wien), 2014

Stücke

  • Die Antwort. Ein Agit-prop-Stück. Villa Ballester, 1944
  • Aus allen Blüten Bitternis. Oper (Libretto: Alfredo Bauer), (Wien, Kammeroper), 1996
  • Anders als die anderen. 2000 Jahre jüdisches Schicksal. Eine Szenenfolge, 2004

Übersetzungen

  • Heinrich Heine: Alemania. Cuento de Invierno (Übers. ins Span., Buenos Aires), 1984
  • Jura Soyfer: Melodia americana 1492 (Übers. ins Span., Buenos Aires), 1992
  • Heinrich Heine: Atta Troll y Vitzliputzli (Übers. ins Span., Buenos Aires), 1994
  • José Hernandez: Der Gaucho Martín Fierro. Deutsche Nachdichtung von Alfredo Bauer mit Kommentar, Anmerkungen und Transkription (Hrsg.: Gerhard Giesa, Stuttgart), 1995

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl