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Bauer, Otto#

* 5. 9. 1881, Wien

† 4. 7. 1938, Paris (Frankreich)


Sozialdemokratischer Politiker

Otto Bauer. Foto, um 1930, © Ch. Brandstätter Verlag, Wien (Hilscher, Wien), für AEIOU
Otto Bauer. Foto, um 1930
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien (Hilscher, Wien), für AEIOU

Otto Bauer wurde am 5. September 1881 als Sohn des Baumwoll- und Leinenwarenerzeugers Philipp Bauer und seiner Frau Käthe geboren. Der Bruder von Ida Adler war ab 1900 Mitglied der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs" (SDAP) und zählte zu den Mitbegründern des Austromarxismus.
Ab 1903 absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Wien, das er 1906 mit der Promotion abschloss. Während des Studiums lernte er Max Adler, Rudolf Hilferding und Karl Renner kennen, mit denen er den Verein "Zukunft" als Schule für die Wiener Arbeiter gründete, die Keimzelle des Austromarxismus.
Bauer war 1907 Mitbegründer, bis 1914 Schriftleiter und bis 1934 Mitherausgeber der Zeitschrift "Der Kampf".
Bis 1912 unterrichtete er an der sozialdemokratischen Parteischule und war von 1912 bis 1914 Redakteur der "Arbeiterzeitung" sowie Lehrer an der sozialdemokratischen Arbeiterschule.
Von 1907 bis 1914 war er Abgeordneter zum Österreichischen Reichsrat und Fraktionssekretär der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs". 1914 musste er zum Kriegsdienst einrücken, geriet bereits im November 1914 in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1917 entlassen wurde. Nach Wien zurückgekehrt, war Bauer 1918 bis 1819 zuerst Unterstaatssekretär des Äußeren und - nach dem Tod Victor Adlers - Staatssekretär des Äußeren. Er war wesentlich an der Schaffung der österreichischen Verfassung von 1920 beteiligt. Von 1920 bis 1934 war Otto Bauer Abgeordneter zum Nationalrat; er führte den linken, radikalen Flügel der Sozialdemokratischen Partei und war einer der Vorkämpfer der Anschlussbewegung an Deutschland.
Von Bedeutung wurde das unter seiner Leitung verfasste Linzer Programm der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" von 1926.
1934 war er maßgeblich an den Februarkämpfen beteiligt und floh dann nach Brünn, wo er das Auslandsbüro der österreichischen Sozialisten gründete und leitete. Beim deutschen Einmarsch in die ČSR emigrierte er nach Paris. Im Mai 1938 emigrierte Otto Bauer nach Paris, wo er an der Konstituierung der "Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten" (AVÖS) mitwirkte.
Otto Bauer gilt heute als führender Theoretiker des Austromarxismus und prägende Figur der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit.

Otto Bauer, Leopoldsgasse 6-8, © Rainer Lenius
Otto Bauer
Leopoldsgasse 6-8
© Rainer Lenius
Otto Bauer erhielt 1948 ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gr.24/5/3).

In Wien 2, Leopoldsgasse 6-8, ist ein Porträtrelief angebracht, im Ahornhof in Favoriten, Wienerbergstraße/Ecke Köglergasse - wo sich die Kommandostelle des Republikanischen Schutzbundes befand - ist eine Gedenktafel zu sehen, im 6. Wiener Bezirk ist ihm eine Gasse gewidmet.

Werke (Auswahl)#

  • Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1907
  • Der Weg zum Sozialismus, 1919
  • Bolschewismus oder Sozialdemokratie, 1920
  • Die österreichische Revolution, 1923
  • Sozialdemokratische Agrarpolitik, 1926
  • Sozialdemokratie, Religion und Kirche, 1927
  • Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, 1931
  • Zwischen zwei Weltkriegen, 1937
  • Hg.: Der Kampf, 1907 ff.

Literatur#

  • J. Braunthal, O. Bauer, 1961
  • G. Kaltenbrunner, Die politische Theorie O. Bauers und ihre Umsetzung in die Praxis anhand von Beispielen, 1992
  • Österreichisches Biographisches Lexikon
  • Neue Deutsche Biographie

Weiterführendes#


Text aus dem Buch "Große Österreicher":#


Otto Bauer 1881-1938

Der Platz, den Otto Bauer in der Geschichte der Republik Österreich einnimmt, ist so bedeutend, wie er umstritten ist.

Es besteht kein Zweifel, daß Bauer zu den ganz großen Figuren der österreichischen Sozialdemokratie zählt. Es besteht aber ebensowenig Zweifel darüber, daß das Charakterbild dieses überragenden Politikers nicht nur in der Geschichte schwankt, sondern auch in der Meinung seiner politischen Nachfahren, der Sozialisten von heute und der Kenner sozialdemokratischer Parteigeschichte. Für die einen ist er der große Parteiführer der Zwischenkriegszeit, einer der geistigen Väter des Austromarxismus und somit einer der wichtigsten sozialdemokratischen Theoretiker des deutschen Sprachraums. Für die anderen ist er ein Zögerer und Zauderer, ein Mann, der einer Illusion nachhing - jener der nationalen Revolution, doch auch jener des großen, gemeinsamen, sozialdemokratisch geführten Deutschen Reichs, dem sich auch das klein gewordene Österreich anzuschließen hatte. Dem¬nach war Otto Bauer für sie im Grunde ein Gescheiterter.

Die Kritiker freilich sehen diesem Übermaß an politischer Denkpotenz einen Mangel an Umsetzungsvermögen gegenübergestellt. Sie werfen Otto Bauer vor, nicht in der Lage gewesen zu sein, seine Gedanken auch erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Das mag ungerecht sein - Bauer war ein Kind seiner Zeit und ein Politiker, der sich im Umfeld des klein gewordenen Österreich zu bewegen hatte, obwohl er im größeren Österreich aufgewachsen war: eine Zeitlang lebte er, der Sohn eines jüdischen Textilindustriellen, in Meran, wohin sein Vater wegen eines Lungenleidens hatte übersiedeln müssen, eine Zeit in Mähren.

Otto Bauer studierte in Wien Rechtswissenschaften, hier kam er mit der jungen sozialdemokratischen Bewegung in Berührung, hier vollzog sich der so typische Wandel eines Kindes aus reichem Haus zum politischen Feuerkopf. In dem Kreis, in den er trat, fanden sich Karl Renner - später Mentor, verehrter Freund, doch zeitweilig auch innerparteilicher Widerpart Bauers - und Friedrich Adler ebenso wie Rudolf Hilferding, Gustav Eckstein, der aus Rußland emigrierte Leo Trotzki.

Otto Bauer bestieg damals die ersten Sprossen der politischen Karriereleiter in jener Funktion, die auch heute noch als Ausgangspunkt erfolgversprechender Entwicklung in den Parteien gilt: er wurde der erste Klubsekretär der auf Grund des neuen allgemeinen Wahlrechts mit 87 Abgeordneten stärksten Fraktion des Reichsrats, der Sozialdemokraten. Daneben schrieb er pausenlos, in der neugegründeten Mo¬natszeitschrift »Der Kampf«, in der »Arbeiter-Zeitung«.

Im Ersten Weltkrieg war Otto Bauer - auch das scheint aus dem damaligen po¬litischen Umfeld heraus verständlich - begeisterter Soldat, hochdekorierter Frontoffizier. Aber schon nach kaum vier Monaten Krieg kam er in russische Gefangenschaft. Im Austauschverfahren kam er 1917 in die Heimat zurück und widmete sich, wiewohl noch in Offiziers¬uniform, wieder voll der politischen Arbeit.

Sie bestand für ihn, der die Niederlage Österreich-Ungarns und das Ende der Donaumonarchie klar voraussah, in der Vorbereitung der »nationalen Revolu¬tion«. Er geriet damals schon in Gegensatz zu Karl Renner, der von der Revolution der Massen nichts wissen wollte, sondern auf die Erneuerung Österreichs setzte, und der auch gegen Bauers Anschlußideen opponierte. »Diese Ideen«, schrieb Renner damals, solcherart die politische Gedankenwelt seines Freundes Bauer abqualifizierend, »stammen aus dem Geist Mazzinis und nicht aus dem Geiste Karl Marx'«.

Vorerst freilich setzte sich Bauer durch: nicht nur riß die von ihm schon damals geistig geführte Sozialdemokratie die anderen Parteien der Konstituierenden Nationalversammlung mit, die Republik auszurufen, sondern unter seinem Einfluß erhielt diese Republik den Namen »Deutschösterreich«, und in der Verfassung des 12. November fand sich als erster Satz das Bekenntnis, daß das Land »ein Bestandteil der Deutschen Republik« sei.

Bis zum Juli 1919 war Otto Bauer Außenminister. Als er sehen mußte, daß allein schon das Veto der Siegermächte seine Anschlußideen zerstörte, als man ihm vorwarf, seine diesbezüglichen Bemühungen torpedierten Karl Renners Friedensvertragsverhandlungen in Paris, trat er zurück.

Viel anderes war für ihn zu tun. Er war bis 1934 der Führer der österreichischen Sozialdemokratie. Er schuf das Agrarprogramm von 1925 und das Parteiprogramm von 1926. Seinen Gedanken und seiner Führerschaft ist es zuzuschreiben, daß die Sozialdemokraten in Österreich zwar gewiß »linker« waren als ihre deutschen Genossen, daß aber - zum Unterschied zur Weimarer Republik - es nie eine ernstzunehmende Kommunitische Partei gab. Otto Bauer verstand es, als Theoretiker ebenso wie als Agitator seine politische Umgebung in den Schatten zu stellen.

Otto Bauer war in der Meinung seiner Kritiker ganz gewiß nicht das, was man einen Realpolitiker nennt. So wird immer wieder die Frage gestellt - und nur unzureichend beantwortet -, warum Bauer einerseits nichts oder wenig zur Überbrückung der unversöhnlichen »Lagermentalität« in der Republik getan, andererseits zur falschen Zeit die falschen Schritte unternommen habe.

»Es ist sehr leicht, die Menschen aufzuwiegeln und auf die Straße zu bringen«, hat viele Jahre später Bruno Kreisky im Gespräch einmal gesagt. »Es ist sehr schwer, sie abzuwiegeln und wieder heimzuführen.« Genau das, sagen Otto Bauers Kritiker, sei beispielsweise rund um den 27. Juli 1927 passiert, als nach flammenden Leitartikeln in der Arbeiter-Zeitung die durch das Urteil im sogenannten Schattendorf-Prozeß ergrimmten Massen zum Justizpalast zogen und diesen in Brand steckten, empört darüber, daß die des Mordes an zwei Menschen schuldig erachteten (rechtsgerichteten) Mitglieder der Frontkämpfervereinigung von den Geschworenen freigesprochen worden waren. Die zögernde Parteileitung der Sozialdemokraten hüllte sich in Schweigen - so kam es zu den blutigen Unruhen, die auf Seiten der Bevölkerung 85 Tote forderten. Auch im Februar 1934 hätten die Arbeiter, geführt von Otto Bauer, nicht im richtigen Zeitpunkt losgeschlagen, behaupten die Kritiker des sozialdemokratischen Parteichefs.

Man hätte schon zum Zeitpunkt, da Bundeskanzler Dollfuß das Zusammentreten des Nationalrats gewaltsam verhinderte, also im März 1933, den Kampf aufnehmen müssen - die demokratische Legitimierung wäre eindrucksvoller, die Erfolgsaussicht größer, der Widerhall in jeder Bedeutung des Wortes ein umfassender gewesen.

Nach dem blutigen Ende des Bürgerkriegs im Februar 1934 ging Otto Bauer zuerst in die Tschechoslowakei, gründete in Brunn das Auslandsbüro österreichischer Sozialdemokraten, versuchte zu helfen, wo er helfen konnte, mit Artikeln, mit Kontakten, mit der Organisation von Spendenaktionen. 1938 mußte Bauer dann auch dieses Exil verlassen, er wanderte weiter nach Paris. Eine bösartige Ironie des Schicksals ließ ihn aus der Ferne noch miterleben, wie die von ihm angestrebte Vereinigung »Deutschösterreichs« mit dem Deutschen Reich vollzogen wurde - freilich unter ganz anderen Voraussetzungen und Umständen, als Otto Bauer sie sich erträumt hatte.

Wenige Monate später ist er gestorben - enttäuscht, desillusioniert. An seiner Bahre versammelte sich die sozialdemokratische Prominenz Europas. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ist Otto Bauers Urne nach Wien heimgekehrt. In einem Ehrengrab neben Victor Adler, Karl Seitz und den anderen großen Sozialisten ruht das, was von ihm sterblich gewesen ist.

Quellen#



Redaktion: I. Schinnerl/P. Diem