unbekannter Gast

Celan, Paul #

eigentlich Paul Antschel


* 23. 11. 1920, Czernowitz (Chernivtsi, Ukraine)

† 20. 4. 1970, Paris (Frankreich)


Lyriker, Übersetzer

Paul Celan. Foto, 1966., © Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU
Paul Celan. Foto, 1966.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz (damals Rumänien, heute Ukraine) als Paul Antschel in einer deutsprachigenen jüdischen Familie geboren.
(Der Name wurde später rumänisiert zu Ancel, woraus das Anagramm Celan entstand.)

Celan besuchte zunächst die deutsche, dann die hebräische Grundschule, fünf Jahre lang das rumänische Staatsgymnasium und bis zur Matura 1938 das ukrainische Staatsgymnasium. Schon während der Schulzeit nahm Paul an Lesezirkeln teil, Rainer Maria Rilke wurde zu seinem Lieblingsdichter.
Nach der Matura begann Paul 1938 ein Medizinstudium im französischen Tours (da es an rumänischen Universitäten für dieses Fach einen Numerus clausus für Juden gab), das er aber wegen des beginnenden Krieges wieder abbrechen musste. Nach Czernowitz zurückgekehrt, entschied er sich für ein Romanistikstudium.

Als 1941 deutsche Truppen in Czernowitz einfielen, musste er sein Studium abbrechen und Zwangsarbeit beim Straßenbau und in einem Arbeitslager verrichten. Seine Eltern wurden 1942 in ein Lager deportiert (der Vater starb dort wahrscheinlich an Typhus, die Mutter wurde erschossen). Diese Erlebnisse hinterließen tiefe Spuren - gehörten seine frühen Gedichte eher zum Bereich Liebeslyrik, trat nun durch das Todesmotiv in den Vordergrund.

Paul Celan selbst war von 1941 bis 1943 ebenfalls in Arbeitslagern interniert, konnte jedoch 1944 zurückkehren und sein Studium (diesmal Anglistik) wieder aufnehmen. 1945 übersiedelte er nach Bukarest, wo er als festangestellter Verlagslektor russische Literatur ins Rumänische übersetzte. Der Lyriker Alfred Margul-Sperber wurde sein Förderer und ermöglichte ihm den Zutritt zur deutschsprachigen literarischen Öffentlichkeit. Unter dem Pseudonym Paul Celan erschienen 1947 die ersten Gedichte, darunter auch die "Todesfuge" in einer rumänischen Übersetzung.


Noch im Winter 1947 Jahr emigrierte Paul Celan nach Wien, wo er bald Anschluss an die Wiener Szene surrealistischer Maler und Literaten ("Gruppe 47") fand und 1948 Ingeborg Bachmann kennenlernte. Aus der Begegnung mit ihr entstand eine kurze, innige Liebesbeziehung, die später kurz wieder aufflammte, und schließlich in eine lange, aber schwierige Freundschaft überging. (Diese Beziehung wird durch Celans Tagebücher und den posthum veröffentlichten Briefwechsel, der 2008 unter dem Titel "Herzzeit" erschienen ist, belegt.) Hier in Wien entstand sein erster Gedichtband "Sand aus den Urnen".

Die Gruppe 47 konnte mit seiner pathetischen Lyrik wenig anfangen - nach dem Pathos des Dritten Reiches suchten die jungen deutschen Schriftsteller Zuflucht bei einer radikal versachlichten Sprache. Enttäucht übersiedelte Paul Celan 1948 nach Paris, wo er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeit in der Fabrik, als Dolmetscher und Übersetzer durchschlug und daneben ein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft an der Sorbonne absolvierte.

Er lernte das deutsch-französischen Schriftstellerehepaar Yvan und Claire Goll kennen und übersetzte für sie mehrere Gedichte. (Aus der anfänglichen Freundschaft entwickelte sich für ihn aber schließlich eine belastende Situation - Claire Goll erhob nach dem Tod ihres Mannes, ab 1960 öffentliche Plagiats-Vorwürfe gegen Paul Celan. Diese regelrechte Plagiatsaffäre führte zu einer bleibenden psychischen Belastung.)

1952 konnte Celan mit seinem zweitem Gedichtband Mohn und Gedächtnis mit dem vielbeachteten Gedicht Todesfuge, das den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten thematisierte, erste Erfolge verbuchen. Im selben Jahr heirate er Gisèle de Lestrange, eine Malerin und Grafikerin aus der französischen Aristokratie, die zeitweise künstlerisch mit ihm zusammenarbeitete. (Diese Heirat erleichterte durchaus auch seine offizielle Einbürgerung 1955 in Frankreich.)

Ab 1959 war er Lektor für Deutsche Sprache und Literatur an der 'École Normale Supérieure'. Neben seinen eigenen lyrischen Werken übertrug er immer wieder poetische Texte anderer Autoren aus einer Vielzahl von Sprachen. Als ein Höhepunkt in seinem lyrischen Schaffen bekam Celan 1960 den Georg-Büchner-Preis verliehen.


Paul Celans labile psychische Veranlagung, seine Schatten aus der Vergangenheit - ein Kampf vieler Holocaust-Überlebender - führten zu einem regelrechten Abstieg in Einsamkeit und Depression. 1962/63 musste sich Celan erstmals in eine psychiatrische Klinik begeben. Dem kurzen Aufenthalt folgen viele weitere - von Ende 1962 bis Anfang 1969 verbrachte er schließlich mehr als ein Jahr seines Lebens in der Psychiatrie. 1967 trennten sich seine Frau Gisèle de Lestrange und er.

Die Umstände und das Datum von Celans Tod sind nicht geklärt: vermutlich beging er am 20. April 1970 Selbstmord, indem er sich in die Seine stürzte - sein Leichnam wurde - Tage später und zehn Kilometer flussabwärts von Paris - aus der Seine geborgen.


Über Paul Celan, einen der bedeutendsten Lyriker der deutschen Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde viel geschrieben; verschiedene Gedichtsammlungen und Werkausgaben und seine Briefsammlungen liegen vor. Doch trotz dieses vielfältigen Materials und der zahlreichen Interprationen bleiben der Lyriker und seine Gedichte auch heute noch schwer zugänglich.

Celan gehört zur Künstlergeneration, die die nationalsozialistische Massenvernichtung hautnah miterlebt hatte. Die Verschleppung und Ermordung seiner Eltern prägte sein Leben und stand im Zentrum seines literarischen Schaffens. Auch für Celan war nach dem Krieg die Verwendung der deutschen Sprache, der "Mördersprache", schwierig, trotzdem versuchte er zeitlebens, diese deutsche Sprache gegen ihren NS-Mißbrauch zu verteidigen. Er vertraute weiterhin auf seine Lyrik, um dem erlebten Leid Ausdruck zu verleihen. Sein Jahrhundertgedicht Todesfuge, 1945 entstanden, gilt als die eindringlichste ästhetische Darstellung der Todeslager (und zählte jahrelang zu den wichtigen Werken des Deutsch-Unterrichts).

Seine Lyrik - rätselhaft, dunkel und oft verstörend – ist zeitlich gebunden an das Trauma des Holocaust und zugleich zeitlos.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, 1958
  • Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, 1960
  • Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 1964

Werke (Auswahl)#

Bücher
  • Sand aus den Urnen (Gedichte), 1947
  • Mohn und Gedächtnis, 1952
  • Von Schwelle zu Schwelle, 1955
  • Sprachgitter, 1959
  • Die Niemandsrose, 1963
  • Atemwende, 1967
  • Diese / freie / grambeschleunigte / Faust (Mit 6 Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange), 1967
  • Fadensonnen, 1968
  • Schwarzmaut (Mit 15 Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange), 1969
  • Lichtzwang, 1970
  • Schneepart, 1971
  • Zeitgehöft (späte Gedichte aus dem Nachlaß), 1976

Ausgaben

  • Gesammelte Werke, 5 Bände, hg. von B. Allemann und S. Reichert, 1983
  • Werke, historisch-kritische Ausgabe, hg. von B. Allemann, 1990ff.
  • Die Gedichte – Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, (hrsg. und kommentiert von Barbara Wiedemann), 2003

Übersetzungen (u.a. folgender Autoren)

Apollinaire, Baudelaire, Breton, Césaire, Chlebnikow, Dickinson, Bouchet, Dupin, Éluard, Frost, Henein, Housman, Jessenin, Maeterlinck, Mallarmé, Mandelstam, Marvell, Pastoureau, Péret, Pessoa, Picasso, Rimbaud, Shakespeare, Simenon, Slutschewski, Teodorescu, Tschechow, Ungaretti, Valéry

Briefe und Briefwechsel

(u.a. mit u.a. mit Nelly Sachs, Franz Wurm, Gisèle Celan-Lestrange, Ilana Shmueli, Ingeborg Bachmann)

Literatur#

  • P. Szondi, Celan-Studien, 1972
  • G. Baumann: Erinnerungen an Paul Celan, 1986
  • M. Blanchot, Der als letzter spricht. Über P. Celan, 1993
  • J. Felstiner, P. Celan, eine Biographie, 1997
  • W. Emmerich, P. Celan, 1999
  • B. Wiedemann: Paul Celan. Die Goll-Affäre. Dokumente zu einer "Infamie", 2000,
  • H.-M. Speier (Hg.), Gedichte von Paul Celan. Interpretationen, 2002

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl