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Djerassi, Carl #


* 29. 10. 1923, Wien

† 30. 1. 2015, San Francisco (USA)


Chemiker, Schriftsteller, Künstler
'Mutter' der Anti-Baby-Pille

Carl Djerassi
© Carl Djerassi

Carl Djerassi wurde am 29. Oktober 1923 in Wien in einer jüdischen Ärztefamilie (Vater Bulgare, Mutter Wienerin) geboren.

Seine frühe Kindheit verlebte er in Sofia (Bulgarien), die Schule besuchte er in Wien.

In Folge der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte er 1938 mit seiner Mutter über London in die USA. Er erhielt ein Stipendium für ein College in Missouri und studierte organische Chemie. Mit 22 Jahren promovierte er 1945 an der Universität von Wisconsin, sein Arbeitsgebiet wurden die Sterine.

Nachdem er vier Jahre lang bei CIBA Pharmaceutical Co. in New Jersey als Chemiker in der Forschung tätig gewesen war, ging er 1949 als Co-Leiter der Abteilung chemische Forschung zu Syntex, S.A., Mexico City, die an der Synthese von Cortison arbeitete.

Hier gelang Djerassi am 15. Oktober 1951 die Synthese einer Substanz (Norethindrone oder norethisteron), die in der Natur nicht existiert, und die schließlich zur "Antibabypille" führte. Dabei spielten der Biologe Gregory Pincus (Massachusets) und der Mediziner John Rock (Harward) eine wichtige Rolle, da sie sich mit der medizinischen Wirkung dieser Substanz beschäftigten. (Djerassi selbst spricht übrigens nicht von Antibabypille, sondern von der "Pille für die Frau").

Als am 22. November 1951 "Norethindron" als Mittel zur Empfängnisverhütung zum Patent angemeldet wurde, war Carl Djerassi wissenschaftlich gesehen ein gemachter Mann, er kaufte Syntex-Aktien und wurde so als Aktionär auch wirtschaftlich sehr erfolgreich.

1952 nahm er eine Professur an der Wayne State University in Detroit an, 1959 erhielt er einen Lehrstuhl für Chemie an der Stanford-University in Kalifornien.

Parallel zu seiner Tätigkeit an der Universität war er zwischen 1957 und 1972 weiter bei Syntex tätig, 1968 war er an der Gründung der Zoecon Corporation beteiligt (eine Gesellschaft, die neue Methoden der Insektenkontrolle entwickelte).


In den 1980er Jahren begann Djerassi auch Autobiographien, Lyrik und Kurzgeschichten zu veröffentlichen und trat in den letzten Jahren zunehmend als Romanautor und Dramatiker in die Öffentlichkeit.

Er kreierte mit "Science-in-Fiction" eine neue Romangattung, schrieb Theaterstücke und begann verstärkt, sich mit seiner jüdischen Herkunft und Identität auseinanderzusetzen, wie er es insbesonders in 2008 in seinem Buch "Vier Juden auf dem Parnass - ein Gespraech" beschrieben hat. Als Wissenschaftler und Schriftsteller erforschte er Wege, um in Form realistischer Romanhandlungen die menschlichen Seiten echter Wissenschaftler und persönliche Konflikte zu beschreiben; gleichzeitig verwebte er einige außerordentliche Entdeckungen aus der modernen biomedizinischen Forschung in die Handlung.

In den letzten Jahren befasste er sich vorrangig mit Bühnenwerken des Genres "Science-in-Theater".


Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller war Carl Djerassi leidenschaftlicher Kunstsammler - so besaß er mit über 150 Werken eine der größten Paul Klee-Privatsammlungen der Welt (die er bereits je zur Hälfte dem Museum of Modern Art in San Francisco und der Albertina in Wien vermacht hatte).

Er war Begründer der Djerassi-Stiftung, einer Künstlerkolonie in der Nähe von San Francisco, und initiierte das Djerassi Resident Artist Program, mit dem er MalerInnen, MusikerInnen, SchriftstellerInnen und BildhauerInnen förderte.

Für seine Forschungstätigkeit wurde er mit zahlreichen wissenschaftlichen Preisen, 29 Ehrendoktoraten und einer Vielzahl internationaler Ehrungen ausgezeichnet, außerdem wurde er in die "National Inventors Hall of Fame" aufgenommen und war Mitglied der "U.S. National Academy of Arts and Science".

Carl Djerassi lebte in London, San Francisco und in Wien. Er war seit 1945 US-Staatsbürger, 2004 wurde ihm auch die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

Carl Djerassi erlag 91-jährig seinem Krebsleiden am 30. Jänner 2015 in San Francisco.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Award in Pure Chemistry der amerikanischen Gesellschaft für Chemie, 1958
  • Baekeland Medal, 1959
  • Fritzsche Award, 1960
  • Freedman Foundation Patent Award des American Institute of Chemists, 1970
  • Chemical Pioneer Award des American Institute of Chemists, 1973
  • National Medal of Science, für die Grundlage der Entwicklung der Antibabypille, 1973
  • Perkin-Medaille der Gesellschaft für chemische Industrie, 1975
  • Wolf Prize in Chemie, 1978
  • Aufname in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen, 1978
  • Bard Award in Medizin und Wissenschaft, 1983
  • Roussel Prize, Paris, 1988
  • Discoverer's Award der Vereinigung der Pharmahersteller, 1988
  • Gustavus John Esselen Award für Chemie im öffentlichen Interesse, 1989
  • Award der National Academy of Sciences,für die Industrielle Anwendung der Wissenschaft, 1990
  • National Medal of Technology, für seine Beiträge auf dem Gebiet der Insektenkontrolle, 1991
  • Nevada Medal, 1992
  • Priestley Medal, 1992
  • Thomson Gold Medal der Internationalen Gesellschaft für Massenspektronomie, 1994
  • Prince Mahidol Award, Thailand, in Medizin, 1995
  • Sovereign Fund Award, 1996
  • Willard Gibbs Medal, 1997
  • William Procter Preis für wissenschaftliche Errungenschaften, Sigma Xi, 1998
  • österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, 1999
  • Othmer Gold Medal der Chemical Heritage Foundation , 2000
  • Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker für Schriftsteller, 2001
  • Grosses Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich, 2002
  • Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold, 2002
  • Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, 2003
  • Erasmus Medaille der Academia Europeae, 2003
  • Gold Medaille des American Institute of Chemists, 2004
  • Premio letterario Serono (Rom), 2005
  • Lichtenberg-Medaille der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, 2005
  • Grosses silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2008
  • Ehrenring der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2008
  • Ausländisches Mitglied der Royal Society, 2010
  • Maecenas Award, 2012


Ehrendoktorate:

  • Nationaluniversität von Mexiko, 1953
  • Kenyon College, 1958
  • Federal University of Rio de Janeiro, 1969
  • Worcester Polytechnic Institute, 1972
  • Wayne State University, 1974
  • Columbia University, 1975
  • University of Uppsala, 1977
  • Coe College, 1978
  • Universität von Genf, 1978
  • Universität von Gent, 1985
  • University of Manitoba, 1985
  • Adelphi University, 1993
  • University of South Carolina, 1995
  • University of Wisconsin, 1995
  • Eidgenössische Technische Hochschule- ETH, 1995
  • University of Maryland-Baltimore County, 1997
  • Bulgarische Akademie der Wissenschaften, 1998
  • University of Aberdeen, 2000
  • Polytechnic University New York, 2001
  • Cambridge University, 2005
  • TU Dortmund, 2009
  • Rutgers University, 2010
  • Universidad Nacional de Quilmes, Argentina, 2010
  • Technische Universität Graz, 2010
  • Universität Heidelberg, 2011
  • Universität Wien, 2012
  • Medizinische Universität Wien, 2012
  • Universität für angewandte Kunst Wien, 2013
  • Sigmund Freud Privat Universität Wien, 2013

Werke (Auswahl)#

über 1.200 wissenschaftliche Publikationen


Kurzgeschichten

  • Wie ich Coca Cola schlug und andere Geschichten

Lyrikband

  • Die Uhr läuft rückwärts

Romane, Theaterstücke

  • Cantors Dilemma. Roman, 1991
  • Der Futurist und andere Geschichten, 1991
  • Das Bourbaki Gambit. Roman, 1993
  • Marx, verschieden. Roman, 1994
  • Menachem's Same. Roman, 1996
  • NO. Roman, 1998
  • Stammesgeheimnisse. Cantors Dilemma. Das Bourbaki Gambit. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft, 2002.
  • Kalkül / Unbefleckt. Zwei Theaterstücke aus der Welt der Wissenschaft, 2003 (Bericht über Wiener Erstaufführung )
  • Ego. Roman und Theaterstück, 2004
  • Aufgedeckte Geheimnisse. Menachems Same. NO. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft, 2005.
  • Phallstricke/Tabus. Zwei Theaterstuecke aus den Welten der Natuerwissenschaft und der Kunst 2005
  • Vier Juden auf dem Parnass. Ein Gespräch. Benjamin - Adorno - Scholem - Schönberg, 2008.
  • Vorspiel, 2011

Djerassi-Buch-2013
Autobiographie
anl. des 90. Geburtstags am 29. 10. 2013
Autobiographien

  • Die Mutter der Pille. Eine Autobiographie, 1992
  • Von der Pille zum PC. Eine Autobiographie. Neue Folge, 1998
  • This Man's Pill: Sex, die Kunst und Unsterblichkeit , 2001
  • Nach 70 Jahren: Wiener Amerikaner oder amerikanischer Wiener?, 2009
  • Die Autobiographie anlässlich seines 90. Geburtstags:
    Der Schattensammler- Die allerletzte Autobiographie, 2013



Leseprobe aus:#

Carl Djerassi - "Vier Juden auf dem Parnass"

In diesem Werk durchleuchtet Djerassi die Lebenswelten vier jüdischer Denker und Künstler des 20. Jahrhunderts, die das Geistesleben ihrer und nachfolgender Generationen entscheidend geprägt haben. Arnold Schönberg, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Gershom Scholem versammeln sich auf dem Parnass, dem Sitz der Musen und lassen ihre Leben Revue passieren. Doch die vier Herren quälen sich abseits ihrer Karrieren und Erfolge mit Dingen, die Zeit ihres Lebens ungeklärt geblieben sind, seien es Gedanken zur Religion oder auch Trivialfragen zu ihrem Liebes- und Eheleben. Mit kriminalistischem Eifer versuchen sie herauszufinden, wer wen möglicherweise wann mit wem betrogen hat.


Adorno: Na schön ... Ich entschuldige mich. Sprechen wir also über die den Engel betreffenden Fakten. (an Benjamin gewandt) Und die wären?
Benjamin: Dass ich die Zeichnung 1921 kaufte ... ein Jahr, nachdem Klee sie vollendet hatte ... und eintausend Mark dafür bezahlte ...
Adorno: Heute wären das 14 Dollar.
Scholem: (sarkastisch) Eine postume ... inflationsbereinigte ... Konvertierung ... und natürlich in Dollar ... inzwischen sogar die Währung auf dem Parnass.
Benjamin: (ungeduldig) Mark ... Dollar. Was spielt das für eine Rolle? Jedenfalls war es nicht viel, da selbst ich es mir leisten konnte, der frischgebackene Dr. Walter Benjamin. Noch keine Dreißig, noch mittellos und noch freischaffend ... aber bereits Vater eines kleinen Sohnes.
Scholem: Deine Frau war aber nicht mittellos.
Benjamin: Stimmt. Im Jahr davor schenkte sie mir sogar einen Klee zum Geburtstag ... die Vorführung des Wunders von 1916.
Schönberg: Seltsam, dass niemand mehr darüber spricht. Klee ist zwar nicht gerade mein Fall, aber ich halte dieses Bild für weitaus besser.
Scholem: Das dachte Walter früher auch. "Dieses ist das schönste von allen Bildern, die ich von ihm sah", schrieb er mir 1920.
Benjamin: O Gott! Dass meine Freunde aber auch nie etwas wegwarfen, was ich geschrieben habe!
Scholem: Und nie vergaßen, was darin stand. Das war dein Glück.
Adorno: Er hat recht. Sonst befänden Sie sich nie und nimmer hier oben.
Benjamin: Unterbrechen Sie mich nicht ständig. Im Moment geht es um den Angelus Novus ... nicht um meine Aufnahme auf den Parnass. Die Zeichnung begleitete mich bis zum Jahr meines Todes.


© 2008 Haymon Verlag, Innsbruck - Wien

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

LITERATURHAUS

Weiterführendes#


Video zum Thema#




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pille.jpg



Zeitgeschehen: Rund um die Pille (28.7.1971)


(mit freundlicher Genehmigung des ORF und EuScreen)


Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl