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Fürer-Haimendorf, Christoph von - Biographien

Fürer-Haimendorf, Christoph von#

* 27. 7. 1909, Wien

† 11. 6. 1995, London


Ethnologe, Indien- und Himalajaforscher
Erforscher der Sherpas


Christoph von Fürer-Haimendorf
Christoph von Fürer-Haimendorf, Wien
© Öst. Nationalbibliothek, Wien

Christoph von Fürer-Haimendorf wurde am 27.Juli 1909 in Wien geboren.


Er studierte Völkerkunde an der Universität Wien, promovierte 1931 mit der Arbeit "Staat und Gesellschaft bei den Völkern Assams und des nordwestlichen Birmas" (eine vergleichende Studie über diese Bergvölker, ohne dass er jedoch bis dahin in dieser Region Feldforschung betrieben hätte).


Von 1931 bis 1934 war er als Assistent für Völkerkunde tätig, danach erhielt er ein Stipendium von der "Rockefeller Foundation" für ein Auslandsjahr an der "London School of Economics", wo er u.a. J.P. Mills kennenlernte, der oberster Bezirkvorsteher (District Comissioner) im Gebiet der "Naga Hills" war. 1936 unternahm er seine erste Forschungsreise nach Indien, die ihn in das Bergland der als Kopfjäger gefürchteten Nagas führte.


In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg befasste er sich als erster wissenschaftlich mit dem Bergvolk der Nagas und ihren Nachbarstämmen in Indisch-Assam an der tibetischen Grenze und widmete seine Feldforschung dreißig Jahre lang fast ausschließlich den Bergvölkern Nepals, vor allem den Sherpas.


1939 habilitierte er sich an der Universität Wien und unternahm anschließend mit seiner Gattin Elisabeth, der Tochter eines englischen Oberstleutnants, seine zweite Expedition nach Vorder- und Hinterindien.


Bei Kriegsausbruch wurde er kurz interniert, dann aber bald zur Fortsetzung seiner Forschungsarbeit wieder freigelassen. 1944 und 1945 diente er der britischen Kolonialregierung in der "North East Frontier Agency" als Berater und war bis 1950 Professor an der Universität Haiderabad. Noch in diesem Jahr wurde er als Professor an die "School of Oriental and American Studies" nach London berufen, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1976 verblieb. Er wurde Mitbegründer des "Department of Anthropology" und baute es zum größten anthropologischen Institut in England aus.


1953 begann mit der Öffnung Nepals für Feldforschungen für Haimendorf ein neues Kapitel in seiner Forschungsgeschichte. Für gut 25 Jahre konzentrierte er seine Arbeit auf Nepal, sein berühmtestes Werk aus dieser Zeit und vielleicht seines Schaffens generell ist " The Sherpas of Nepal" (1964).


Er erforschte umfassend die Lebensweise, Gesellschaftsordnung und Ökonomie der Sherpas über einen Zeitraum von dreißig Jahren. So konnte er alle Veränderungen bis in die Gegenwart - mit ihrer touristischen Belastung - verfolgen.


Gegen Ende seines Lebens wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem vom Royal Anthropological Institut London sowie von der Royal Nepal Academy.

Christoph von Fürer-Haimendorf starb am 11. Juni 1995 im 86. Lebensjahr in London.

Fürer-­Haimendorf war einer der ersten, der von den Sitten und Bräuchen der Bergvölker in Indisch-Assam (an der Grenze zu Tibet und China)und der uns sehr grausam erscheinenden ­ Methoden der Kopfjagd und Sklaverei berichtete.




Aus seinem Buch "Die nackten Nagas":


...Die Krieger, die uns auf der Höhe des dicht bewaldeten Sattels erwarteten, waren uns vom Häuptling von Chingmei zur Begrüßung entgegengesandt worden. Niemals hatte ich prächtigere Nagas gesehen als die Chang-Männer, deren athletische Körper von vollendetem Ebenmaß waren. Hohe Nashornvogelfedern zitterten auf ihren roten, geflochtenen Hüten, die Bärenfell und Schweinehauer schmückten. Indigo­blaue, mit Kaurimuscheln besetzte Tücher hatten sie so um Brust und Rücken geschlungen, daß die empfindlichsten KörpersteIlen gegen Schwerthiebe geschützt waren. Außer dem Schwert hatten die Männer lange, mit rotem Ziegenhaar besetzte Speere und schwere Schilde aus Büffelhaut.


Chingmei, das äußerste Bollwerk der Chang-Nagas gegen ihre verfeindeten Nachbarstämme, ist ein großes, stark befestigtes Dorf. Ein doppelter, mit spitzen Bambusspießen gespickter Wall umgibt es ringsum, und Wächterhäuser auf Bäumen beherrschen die engen Eingänge, die mit von Stacheln strotzenden Türen gesichert sind.


Unser erster Gang galt den Häusern des Häuptlings Chingmak. Merkwürdigerweise stammte Chingmaks erste Frau aus dem verfeindeten Nachbardorf Panso. Obgleich Chingmei und Panso fast ständig in Fehde stehen, sollen solche Ehen ziemlich häufig vorkommen. Dabei scheuen sich die Männer Chingmeis nicht, gegen ihre Schwiegereltern und Schwäger gelegentlich zu Felde zu ziehen und ihnen die Köpfe abzuschneiden.

Ein Patrizier des Dorfes Hari, Nordindien
Ein Patrizier des Dorfes Hari, Nordindien
© Archiv Senft

Gar nicht weit entfernt von Chingmaks Haus hing im Männerhaus zwischen vielen anderen Kopfjagdgtrophäen der Schädel eines berühmten Panso-Kriegers, der angeblich selbst fünfzig Köpfe erbeutet hatte. An vielen Feindesschädeln waren Hörner von Büffeln befestigt, wodurch vermutlich ihre magische, dem Dorf zugute kommende Kraft gesteigert werden sollte. In der Mitte von Chingmei sahen wir ein eigentümliches Totendenkmal. An einem hohen Gerüst aus Bambuspfählen war ein riesiger, breiter Bogen aus Flechtwerk gespannt, der einen Regenbogen darstellte. Daneben stand eine lange Reihe von geschnitzten Pfählen in Gabelform und in Gestalt von Nashornvogelköpfen, deren jeder ein Ereignis im Leben der verstorbenen Dorfbewohner andeutete.


Die größte Überraschung von uns war aber, daß wir in Chingmei die Mehrzahl der Sklaven vorfanden, zu deren Befreiung wir ausgezogen waren. Allein die Kunde von unserem weiteren Vordringen hatte die Leute von Pangsha bewegt einen Teil ihrer Gefangenen freizugeben. Durch die Vermittlung ihrer Verbündeten von Yimpang, einem Dorf in Sichtweite von unserem Lager, hatten sie drei Sklaven, ohne Lösegeld zu fordern, nach Chingmei geschickt.


Die von Pangsha befreiten Opfer waren eine junge Frau, ein Bursche, zwei Knaben und ein kleines Mädchen. Niemals habe ich jammervollere Gestalten gesehen als diese unseligen Geschöpfe, die nach der grauenvollen Abschlachtung ihrer Angehörigen in feindliche Dörfer geschleppt worden waren und seit Monaten einen furchtbaren Tod vor Augen gehabt hatten. Durch das Wissen von Menschenopfern hatten sie keine Zweifel über ihr Schicksal, waren halb verrückt vor Furcht und starrten nur vor sich hin.


Sherpa-Frau
Sherpa-Frau
© Archiv Senft

Wer in die Hände der Stämme zu beiden Seiten des Patkoi fiel, blieb selten lange am Leben. Zahlreich sind die Gelegenheiten für Menschenopfer und hoch die Preise, die für Sklaven gezahlt werden. Während bei einigen Naga-Stämmen das Schlachten eines Büffels genügt, um zu hohem sozialem Rang aufzusteigen, muß die Verdienstfeste anderer Stämme die Enthauptung eines Sklaven krönen. Ein humaner Zug bei diesen Zeremonien ist lediglich, daß die Opfer zuvor mit Reisbier betrunken gemacht werden. Auch beim Bau eines Männerhauses muß ein Mensch geopfert werden. In die Grube, die den Haupt-Trägerpfosten aufnehmen soll, wird der gefesselte Sklave geworfen und dann der wuchtige, geschnitzte Pfahl auf ihn herabsausen gelassen. Furchtbarer noch ist das Schicksal der Sklaven, die als Fruchtbarkeitsopfer auf den Feldern verbrannt werden...

Maskentanzfest der Sherpas
Maskentanzfest der Sherpas
© Archiv Senft


Werke (Auswahl):

  • The Sherpas of Nepal, 1964
  • Himalayan Traders, 1975
  • The Sherpas Transformed, 1984


Literatur:

  • Fürer-Haimendorf, Die nackten Nagas, Leipzig 1940
  • Glückliche Barbaren, Wiesbaden 1956
  • The Sherpas of Nepal, London 1964
  • Himalayan Traders, London 1975
  • The Sherpas Transformed, New Delhi 1984


Quellen:



Redaktion: Hilde und Willi Senft