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Freud, Anna - Biographien

Freud, Anna#

* 3. 12. 1895, Wien

† 9. 10. 1982, London


Psychoanalytikerin


Anna Freud
Anna Freud. Foto, um 1925
© Bildarchiv d. ÖNB, Wien, für AEIOU

Anna war die jüngste Tochter von Sigmund Freud . Von Beruf war sie Lehrerin, jedoch galt ihr Interesse seit ihren Jugendjahren der Psychoanalyse. Sie absolvierte ihre Lehranalyse bei ihrem Vater und wurde später selbst als Psychoanalytikerin tätig.


Ihr Arbeits- und Forschungsschwerpunkt sollte der Bereich der Kinderanalyse werden: 1923 eröffnete sie ihre eigene psychoanalytische Praxis für Kinder in der Berggasse 19.


Seit Mitte der 20er Jahre lebte Anna Freud mit Dorothy Tiffany Burlingham, einer Millionenerbin mit New Yorker Wurzeln, zusammen; beide wiesen die Vermutungen auf eine homosexuelle Beziehung zwischen ihnen stets zurück.


1935 wurde Anna Freud Leiterin des Wiener Lehrinstituts für Psychoanalyse. In diese Zeit fällt ihre einflussreiche Veröffentlichung „Das Ich und die Abwehrmechanismen“. Mit ihrer Fokussierung auf die Ich-Funktionen des Individuums bewegte sie sich weg von den traditionellen Grundlagen der Psychoanalyse wie etwa der Triebtheorie. Sie schuf damit die Basis der späteren Richtung der Ich-Psychologie.


1937 engagierten sich Anna und ihre Freundin Dorothy Burlingham im Projekt der von Montessori-Ideen inspirierten "Jackson Nursery", einem Kindergarten für Kleinkinder aus armen Familien, der mit Geldern der Amerikanerin Edith Jackson gegründet werden konnte. In dieser Institution konnten sie zugleich kindliches Verhalten beobachten und Experimente durchführen, die die Essgewohnheiten der Kinder positiv beinflussen sollten. Das Projekt war durchaus erfolgreich, endete aber nach wenigen Monaten in der zwangsweisen Schließung durch die Nationalsozialisten.


Im Juni 1938 verließ Anna Freud mit ihren Eltern und Geschwistern Wien, emigrierte nach Großbritannien und wurde britische Staatsbürgerin. Ihrem Vater war sie bis zu seinem Tod Sekretärin, Assistentin, organisierte seine Auftritte, pflegte ihn während seiner Krebserkrankung und vertrat ihn auf Kongressen.


In Großbritannien wurde Anna Freud Lehranalytikerin der British Psycho-Analytical Society. Nach dem Tod Sigmund Freuds 1939 kam es zwischen den „Fraktionen“ von Anna Freud und Melanie Klein, die Melanie Klein, die schon früher in England eine eigene Theorie und Technik der Kinderanalyse entwickelt hatte, zu heftigen Kontroversen betreffs des besseren Konzepts der Kinderanalyse wie überhaupt zur gesamten Ausrichtung der Psychoanalyse. Die Spaltung der britischen psychoanalytischen Vereinigung konnte in Folge nur mit Mühe verhindert werden.


In den Kriegsjahren gründeten Anna Freud und Dorothy Burlingham-Tiffany zusammen mit Josefine Stross die "Hampstead War Nursery", ein Heim, in dem Kriegskinder und Kriegswaisen betreut wurden. Auch eine kleine Gruppe von Kindern aus Theresienstadt wurde nach dem Untergang des Nationalsozialismus nach London gebracht und unter ihrer Aufsicht ("Supervision") dort betreut.


Mit Burlingham veröffentlichte Freud Studien über die betreuten Kinder, "Young Children in War-Time" (dt.: "Kriegskinder"), "Infants without Families" (dt.: "Heimatlose Kinder") und "Experiment in Group Upbringing" (Dt.: "Gemeinschaftsleben im frühen Kindesalter"). Die Hampstead-Klinik für Kinder wurde in der Folge zu einem international renommierten Lehrinstitut für Kindertherapie. Anna Freud leitete die "Hampstead Child Therapy Clinic and Course" ab 1952 bis zu ihrem Tod 1982.


1945 gründete Anna Freud zusammen mit anderen die Zeitschrift "Psychoanalytic Study of the Child", die bis heute publiziert.


Von den 50er Jahren bis zu ihrem Lebensende unterrichtete Anna Freud auch regelmäßig in den USA. In den 70er Jahren beschäftigte sie sich mit verwahrlosten und sozial benachteiligten Kindern und verfasste mehrere Studien zu deren Entwicklungsdefiziten und -chancen.


Ab 1968 wurden ihre gesammelten Schriften nach und nach veröffentlicht. Anna Freuds Haus in Maresfield Gardens, wo sie ihren Vater bis zu seinem Tod betreut und mit Dorothy Burlingham mehr als 40 Jahre gelebt hatte, wurde nach ihrem Wunsch zu einem Museum umgestaltet und beherbergt heute das Londoner Freud Museum.




Anna Freuds Arbeiten konzentrierten sich vor allem auf Jugendliche und Kinder. Sie gilt neben Melanie Klein als Mitbegründerin der Kinderanalyse. Nach Anna Freud durchlaufen Kinder fünf charakteristische Entwicklungsphasen (in ihren Worten „Phasen der psychosexuellen Entwicklung“): die orale Phase (0 Jahre bis 2 Jahre), die anale Phase (2 Jahre bis 5 Jahre), die phallisch-ödipale Phase (ab 5 Jahren bis 7 Jahre), die Latenzzeit (7 Jahre bis 12 Jahre) und schließlich die puberale/genitale Phase (ab 13 Jahren) mit der Loslösung von den Eltern.

Mit ihrem 1936 erschienenen Buch "Das Ich und die Abwehrmechanismen" schuf sie ein Grundlagenwerk auf dem Gebiet der Ich-Psychologie, das noch heute zur Standardliteratur der Psychoanalyse zählt. Anna Freud hat insgesamt elf Abwehrmechanismen analysiert. (Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen, Projektion, Introjektion (= Identifizierung), Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Verschiebung des Triebziels (Sublimierung) und Projektion mit Identifizierung (= altruistische Abtretung).


Anna Freud in eigenen Worten

„Die Entstehung der psychoanalytischen Lehre aus der Neuroseforschung macht es verständlich, dass die analytische Beobachtung vor allem immer auf den inneren Kampf zwischen Trieb und Ich gerichtet war, dessen Folgezustände die neurotischen Symptome sind.

Die Arbeit des kindlichen Ich zur Unlustvermeidung in direkter Gegenwehr gegen die Eindrücke aus der Außenwelt gehört der Normalpsychologie an. Ihre Folgen sind vielleicht schwerwiegend für die Ich- und Charakter-Bildung, aber sie sind nicht pathogen. Wo immer wir diese Ich-Leistung in klinischen analytischen Arbeiten geschildert finden, erscheint sie deshalb nicht als das eigentliche Objekt der Untersuchung, sondern ist immer nur ein Nebenprodukt der Beobachtung.“

„Aber auch dort in der infantilen Neurose, wo die Abwehr aus Realangst [= Angst vor der Außenwelt] erfolgt war, hat die analytische Therapie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach Rückgängigmachen des Abwehrvorgangs im Kind selbst, die Realität, nämlich die Erzieher des Kindes, so zu beeinflussen, dass weniger Realangst vorhanden ist.“

(aus „Das Ich und die Abwehrmechanismen“)

"Ich glaube nicht, daß ich ein guter Gegenstand für die Biographen bin. Nicht aufregend genug. Alles, was man über mich sagen kann, lässt sich in einen Satz zusammenfassen: Sie verbrachte ihr Leben mit Kindern."


--> Historische Bilder zu Anna Freud (IMAGNO)


Werke (Auswahl):

  • Schlagephantasie und Tagtraum. Imago 8, 1922, 317-332
  • Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Leipzig, Wien 1927
  • Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen. Vier Vorträge. Stuttgart 1930
  • Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien 1936
  • (und Dorothy Burlingham) Young Children in War-Time. A Year’s Work in a Residential Nursery. London 1942
  • Kriegskinder. Jahresbericht des Kriegskinderheims Hampstead Nurseries. London 1949
  • Infants Without Families. The Case For and Against Residential Nurseries (mit Dorothy Burlingham), London 1943
  • Anstaltskinder. Argumente für und gegen die Anstaltserziehung von Kleinkindern. London 1950
  • The Psychoanalytical Treatment of Children. London 1946
  • Normality and Pathology in Childhood. Assessments of Development. New York 1965
  • Wege und Irrwege in der Kinderentwicklung. Bern - Stuttgart 1968
  • Indikationsstellung in der Kinderanalyse. Psyche 21, 1967, 233-253
  • Difficulties in the Path of Psychoanalysis. A Confrontation of Past With Present Viewpoints. New York 1969
  • Schwierigkeiten der Psychoanalyse in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt/M. 1971
  • Children in the Hospital. New York 1965
  • Kranke Kinder. Ein psychoanalytischer Beitrag zu ihrem Verständnis. Frankfurt/M. 1972
  • Freud, Anna: Die Schriften der Anna Freud. 10 Bände. Fischer, Frankfurt am Main 1980. [TB, Fischer 1987]
  • (und Lou Andreas-Salomé) „... als käm ich heim zu Vater und Schwester“ - Briefwechsel 1919-1937. Göttingen 2001
  • Sigmund Freud und Anna Freud: Briefwechsel 1904-1938. Hg. von Ingeborg Meyer-Palmedo. Frankfurt/M. 2006


Literatur:

  • Besser, Roland: Leben und Werk von Anna Freud. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, III: Freud und die Folgen (2). Zürich 1977, 130-181
  • Peters, Uwe Henrik, Anna Freud. Ein Leben für das Kind, Frankfurt am Main. Fischer 1979, 1984
  • Salber, Wilhelm: Anna Freud. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Verlag, Reinbek 1985
  • Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Tübingen 1992
  • Stephan, Inge: Die Gründerinnen der Psychoanalyse. Stuttgart 1992
  • Appignanesi, Lisa u. Forrester, John: Die Frauen Sigmund Freuds. (=Freud’s women, 1992). Aus dem Englischen. München, 1994, 1996
  • Coles, Robert: Anna Freud oder der Traum der Psychoanalyse. (=Anna Freud: The dream of psychoanalysis. 1992). Frankfurt am Main, Fischer 1995
  • Denker, Rolf, Anna Freud zur Einführung, Hamburg 1995
  • Young-Bruehl, Elisabeth: Anna Freud. Eine Biographie. 1. Teil: Die Wiener Jahre, 2. Teil: Die Londoner Jahre. Aus dem am. Engl. Wien, Wiener Frauenverl. 1995 (Reihe Frauenforschung, 30 u. 31) (=Anna Freud. A biography. New York. Summit Books 1988)
  • Roudinesco, Elisabeth, und Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse (1997). Wien, New York 2004
  • Edgcumbe, Rose: Anna Freud. London 2000
  • King, Pearl, und Riccardo Steiner (Hg.) (engl. 1991): Die Freud/Klein-Kontroversen 1941-1945. 2 Bde., Stuttgart, Klett-Cotta 2000
  • Mühlleitner, Elke, Anna Freud: Gel(i)ebte Psychoanalyse. In: Volkmann-Raue, Sibylle / Lück, Helmut E. (Hg.): Bedeutende Psychologinnen., Weinheim u. Basel, Beltz 2002, S. 97-113


Tonaufnahme#


Österreichische Mediathek Hörprobe


Die Einsicht in das Unterbewußte. Ausschnitt
Vortrag. Wien, 6.5.1980

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Quellen:


Redaktion: J. Sallachner