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Freund, Leopold#

* 5. 4. 1868, Miscovice Miskovice (Tschechische Republik)

† 7. 1. 1943, Brüssel


Radiologe


Leopold Freund
Leopold Freund. Foto, um 1920.
© Bildarchiv d. ÖNB, Wien, für AEIOU

Freund, dessen Eltern aus Böhmen stammten, studierte und promovierte an der Universität Wien 1895. Anschließend arbeitete er im Bereich Pädiatrie, Innere Medizin und Dermatologie an verschiedenen Abteilungen des Allgemeinen Krankenhauses. 1899 trat er in die Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten ein.

Mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Röntgen im Jahr 1895 bzw. der Entdeckung der Radioaktivität durch Antoine Becquerel im folgenden Jahr ging deren erstmalige therapeutische Anwendung durch Leopold Freund in Wien im Jahr 1896 einher Damit war die Basis für die Strahlentherapie geschaffen.

Freund behandelte im Herbst 1896 einen "Tierfellnaevus" erfolgreich mit Röntgenstrahlen: Er hatte ein fünfjähriges Mädchen, dessen gesamter Rücken dicht behaart war, Tage hindurch täglich zwei Stunden lang mit Röntgenstrahlen bestrahlt und so einen Haarausfall erreicht. Im Verlauf der Behandlung kam es bei dem Mädchen zu Strahlengeschwüren im Bereich der Lendengegend, die jedoch auf chirurgischem Weg korrigiert werden konnten (vgl. Schriften).

Bei einem Röntgenkongress in Wien 1973 konnte die nun bereits 80-jährige Patientin den nach wie vor vorhandenen Bestrahlungserfolg demonstrieren; allerdings hatte sie im Bereich der Lendenwirbelsäule nach wie vor ein ausgedehntes, teilweise vernarbtes Geschwür.

Freund wurde 1904 zugleich mit Guido Holzknecht und Robert Kienböck zum Dozenten für medizinische Radiologie ernannt. Die Radiologie war somit – trotz Widerstand der Fakultät – als eigenständige medizinische Disziplin anerkannt. 1914 wurde Freund zum ao. Professor, 1937 zum Hofrat ernannt.

Freund veröffentlichte rund 340 wissenschaftliche Arbeiten, u.a. auch über die Behandlung von Berufskrankheiten mittels Licht, die Wirksamkeit von verschiedenen Spektralbereichen des Lichts auf die menschliche Haut und über die Verwendung von Röntgenstrahlen zur Prüfung von Baumaterial. Er verfasste das erste ausschließlich der Strahlentherapie gewidmete Lehrbuch der Welt (s.u.).

Freund, der Jude war, musste 1938 nach der Annexion Österreichs mit seiner Frau nach Belgien emigrieren. Auch dort war er der politischen Verfolgung ausgesetzt.


Bericht eines Zeitzeugen

Rudolf Brestel
Wissenschaftskalender „Wissenschaft entdecken“,
© bmbwk
„Ich überließ ihm den Funkeninduktor der Anstalt und eine von mir selbst mit der Quecksilberpumpe hergestellte Röntgenröhre, führte ihn in die Physik und Technik der Röntgenstrahlen ein und wies ihm einen Arbeitsraum zu, in welchem Freund alsbald seine Bestrahlungen mit Eifer begann. Als Objekt diente ihm ein kleines Mädchen, welches durch ein ungeheures, dicht behaartes Muttermal am Nacken und Rücken so entstellt war, daß die Eltern die Entfernung dieser Haare dringend erbat[...]

Eines Tages, als ich gerade in meinem Laboratorium arbeitete, wurde die Tür desselben aufgerissen- und unangemeldet mit dem Zeichen höchster Aufregung stürmte Freund, das kleine Mädchen an der Hand hinter sich herziehend, herein, laut rufend: ‚Herr Direktor, Herr Direktor, sie fallen aus!‘

J. M. Eder in der „Neuen Freien Presse“; 6. Jänner 1922
(aus: Site des bmbwk, „Wissenschaft entdecken“)


Schriften (Auswahl):

  • Ein mit Röntgenstrahlen behandelter Fall von Naevus pigmentosus piliferus In: Wiener Medizinische Wochenschrift, 6. März 1897
  • Grundriß der gesamten Radiotherapie für praktische Ärzte. 423 S., ill., 1 Tafel. Berlin, 1903
  • Die elektrische Funkenbehandlung (Fulguration) der Karzinome (mit A. Praetorius), 1908
  • Die radiologische Fremdkörperlokalisation bei Kriegsverwundeten, 1916
  • Die Syphilis im Röntgenbilde, 1916

Literatur#

  • L. Freund, in: NDB Bd. 5, S. 413
  • L. Freund, in: ÖBL, Bd. 1 (Lfg. 4), S. 359
  • L. Freund, in: Judith Bauer-Merinsky: Die Auswirkungen der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich auf die medizinische Fakultät der Universität Wien im Jahr 1938: Biographien entlassener Professoren und Dozenten. Wien, Diss., 1980

Quellen#


Redaktion: J. Sallachner