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Funder, Friedrich#

* 1. 11. 1872, Graz

† 19. 5. 1959, Wien


Journalist, katholischer Publizist


Funder, Friedrich
Friedrich Funder. Foto, um 1955
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Friedrich Funder wurde am 1. November 1872 in Graz als Sohn einer Bäckerfamilie geboren. Er übersiedelte 1879 mit seinen Eltern nach Dresden und kehrte 1887 nach Graz zurück, besuchte das bischöfliche Knabenseminar, wo er 1892 maturierte.

Zunächst wollte er Priester werden und begann Theologie und Kunstgeschichte in Graz zu studieren. Dann entschloss sich aber zum Jusstudium, das er 1898 mit dem Doktorat abschloss.

Am Katholikentag 1892 in Linz erlebte er die Debatte mit, endlich eine Zeitung "für das christliche Volk" zu gründen, um den Kampf gegen den vorherrschenden Liberalismus zu gewinnen.

Und so gründeten in Wien auch bald katholische Laien und Intellektuelle eine christlich-soziale Zeitung, die "Reichspost".


Der Student Friedrich Funder - jetzt auch Mitglied des Cartellverbandes (CV-Verbindung "Norica") - hatte schon in Graz als Journalist für das "Linzer Volksblatt" gearbeitet, in Wien gehörte er ab 1896 zur Redaktion der "Reichspost" (als Feuilletonschreiber), deren Chefredakteur er 1903 und deren Herausgeber er 1905 wurde. Er baute die "Reichspost" zum politisch bedeutsamsten Blatt des österreichischen Katholizismus zwischen den beiden großen Kriegen aus (bis die Zeitung 1938 von der nationalsozialistischen Regierung eingestellt wurde).


Dank dieser Tätigkeit verfügte er über eine wichtige Machtposition; er war auch Mitglied des christlichsozialen Parlamentsklubs, obwohl er nie ein Mandat dieser Partei innehatte.

Bedeutungsvoll waren seine Beziehungen zum Kreis des Thronfolgers Franz Ferdinand und seinen vom "Belvederekreis" vertretenen Ideen eines föderalistischen Umbaus der Donaumonarchie.

In der Ersten Republik verband ihn herzliche Freundschaft mit Prälat Ignaz Seipel und er galt bald als enger Vertrauter des Bundeskanzlers; auch Bundeskanzler Dollfuß und die von ihm in den Krisenjahren 1930 vertretenen Ideen der "Neuordnung des politischen Lebens auf ständischer Grundlage" wurden von Funder unterstützt; von 1934 bis 1938 war er Staatsrat.


Wegen seiner konsequenten Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus wurde er nach dem Anschluss im März 1938 sofort seines Postens enthoben und verbrachte Monate in Polizeihaft und in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg (1938/39), anschließend wurde er zwar freigelassen, aber mit Berufsverbot belegt.


1945 gründete Funder die katholische Wochenschrift "Die Furche", deren Herausgeber und Chefredakteur er bis zu seinem Tode blieb.



Friedrich Funder - in seiner Jugend bewegt vom Geist der christlichsozialen Bewegung eines Karl Lueger, die erfolgreich den Aufstand gegen einen klerikal geprägten katholischen Konservativismus gewagt hatte, trat in der Zwischenkriegszeit für den Ständestaat ein und widmete seine späten Jahre dem katholischen Journalismus, um glaubhaft eine Politik der Versöhnung mit der Sozialdemokratie zu vermitteln.


Friedrich Funder starb am 19. Mai 1959 in Wien und wurde auf dem Hietzinger Friedhof beigesetzt.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Preis der Stadt Wien für Publizistik, 1953
  • in Würdigung und im Angedenken an ihn hat der Zeitschriftenverband im April 1961 die Friedrich-Funder-Medaille geschaffen, mit der besonders verdiente Persönlichkeiten des Verbandes geehrt werden

Werke (Auswahl)#

  • Vom Gestern ins Heute, 1952
  • Aufbruch zur christlichen Sozialreform, 1953
  • Als Österreich den Sturm bestand, 1957

Literatur#

  • H. Pfarrhofer, F. Funder, ein Mann zwischen Gestern und Morgen, 1978


Essay#

Die 70 Jahre der FURCHE #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Dezember 2014)

Von

Rudolf Mitlöhner


Friedrich Funder
FRIEDRICH FUNDER (1872–1959). Der Publizist war von 1902 bis 1938 Chefredakteur der christlichsozialen „Reichspost“ und gründete 1945 DIE FURCHE.
Foto: DIE FURCHE

Ein Mann marschiert im April 1945 von Baden nach Wien. So beginnt die Gründungsgeschichte der FURCHE, wie sie sich in diversen Jubiläumsausgaben oder historischen Rückblicken fi ndet. Der Mann war Friedrich Funder, damals bereits im 73. Lebensjahr, in Baden hatte er sein Domizil, und in Wien, wohin er sich mangels öffentlichen Verkehrs zu Fuß begab, knüpfte er Kontakte, sondierte Möglichkeiten künftiger publizistischer Betätigung.

Keine acht Monate später, am 1. Dezember 1945, erschien die erste Ausgabe der FURCHE – mit dem Untertitel „Kulturpolitische Wochenschrift“. Die leitende publizistische Idee bestand darin, einen Beitrag zum geistigen und moralischen Wiederaufbau nach den Verheerungen der NS-Diktatur zu leisten. Funder war, wie andere Exponenten des politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit, ein durch Krieg und KZ Geläuterter. Karl Maria Stepan, steirischer Landeshauptmann von 1934 bis 1938 und Styria-Generaldirektor von 1945 bis 1968, drückte es einmal so aus: „Wir haben alle miteinander so viele Fehler gemacht, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als viele Dinge ganz neu anzufangen.“

DER SÄMANN #

Ganz neu anfangen – das war auch das Motiv Friedrich Funders, wie er es in seinem ersten Leitartikel und knapp eineinhalb Jahrzehnte später, in seinem Testament, formulierte: „Der Gang der Pflugschar durch den Heimatboden ist Anfang, Vorbereitung; in die Furche fällt der Same, der, so Gott will, Frucht bringen wird“, lauten die allerersten Worte in dieser Zeitung. Und weiter unten heißt es dann: „Zeitaufgeschlossen, auf das aktuelle Geschehen gerichtet, parteimäßig nicht gebunden, eine gesunde Demokratie bejahend, durch katholische Grundsätze bestimmt, will unsere Wochenschrift ‚Furche‘ in dem zu bestellenden Grunde sein.“ 1959 schließlich formuliert er in seinem Vermächtnis, die FURCHE möge „ein hohes geistiges Forum“ sein, „auf dem Wahrheit und christliche Weisheit auch innerhalb der weltlichen Dinge so vorgetragen werden, dass sie auch von dem Andersdenkenden ohne Widerwillen aufgenommen werden und ihn durch innere Würde gewinnen“. Dann folgt ein Schlüsselsatz: bei all dem möge die Zeitung „ein katholisches Blatt für die Weltleute und nicht ein religiöses Blatt im Sinne eines Kirchenblattes sein“.

„Kulturpolitische Wochenschrift“, Die Furche
Diese „Kulturpolitische Wochenschrift“ verstand sich als ein publizistischer Beitrag zum geistigen und moralischen Wiederaufbau nach den Verheerungen von Krieg und Diktatur.
Foto: DIE FURCHE

Es versteht sich von selbst, dass diese Gründungsphilosophie mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Ursprung an Stringenz verlieren musste: Den institutionalisierten oder permanenten „Wiederaufbau“ gibt es nicht. So gilt gerade für die FURCHE, was man allzu kulturpessimistisch gestimmten Beobachtern auch in anderen Zusammenhängen entgegenhalten kann: Der verklärende Rückblick auf frühere Zeiten verbietet sich. Konnten Fragen der inhaltlichen Positionierung, weltanschauliche Divergenzen und ökonomische Probleme durch die überragende Persönlichkeit Funders, seine Autorität und Glaubwürdigkeit noch überdeckt werden, so traten diese bald nach seinem Tod im Jahre 1959 recht deutlich zutage.

AUF DER HÖHE DER ZEIT #

Wer meint, ein Blatt wie die FURCHE am Markt zu halten, sei erst durch die Erosion der katholischen Milieus oder durch den technologischen Wandel und die damit einhergehenden rasanten Umwälzungen der Medienbranche ein Drahtseilakt geworden, dem sei die „Inside Story der FURCHE 1959–1967“ von Willy Lorenz, dem langjährigen Herausgeber, Chefredakteur und Generaldirektor des Herold-Verlags, empfohlen (Nr. 1, 6. Jänner 1968). Unabhängig von der Bewertung der in diesem Beitrag zentralen Frage der „Affäre Franzel“, auf die hier einzugehen nicht der Platz ist, wird da deutlich, dass vieles, was man für Probleme der späten FURCHE-Geschichte halten möchte, gewissermaßen zur genetischen Grundausstattung des Blattes gehört.

Man mag das als beklemmend empfinden – oder aber als befreiend: Denn in der Retrospektive zeigt sich damit ja ebenso, dass diese Zeitung allen Widrigkeiten zum Trotz ihren zähen Überlebenswillen stets aufs Neue unter Beweis zu stellen verstand. Gewiss, die Ursprungsidee ließ und lässt sich nicht einfach fortschreiben die Fragen der Nähe und Distanz zur Kirche, nach dem Gewicht von religiösen Themen im Gesamt des Blattes oder nach der Positionierung im Spektrum zwischen „liberal“ und „konservativ“ wurden nie definitiv geklärt, vielmehr zu unterschiedlichen Zeiten und oft sogar zur selben Zeit innerhalb der jeweiligen Redaktion auf verschiedene Weise beantwortet.

Vielleicht aber war gerade das eine Stärke dieser Zeitung. Es war jedenfalls wohl nicht der schlechteste Weg, der Vorgabe Funders von einem „hohen geistigen Forum“ zu entsprechen: ein Forum, das verschiedensten Standpunkten Platz bietet, Raum für Kontroversen schafft und gleichzeitig das tut, was sich unsere Eigentümerin, die Styria Media Group, als ganze als Programm gegeben hat: Orientierung erleichtern, Vertrauen schaffen, Gemeinschaft unterstützen. Ein Programm, mit dem die FURCHE auch siebzig Jahre nach ihrer Gründung – und vielleicht heute sogar besonders – auf der Höhe der Zeit ist. Und das sich als eine dieser unserer Zeit gemäße Übersetzung des Wortes vom „katholischen Blatt für die Weltleute“ lesen lässt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Dezember 2014

Essay#

„Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot!“ #

Für viele katholische Korporierte, die zu einem großen Teil die personelle Elite des „Ständestaates“ gestellt hatten, bedeutete der Umschwung des 12. März 1938 eine Bedrohung für Leib und Leben. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 29. August 2013).

Von

Matthias Opis


Funder Friedrich
Funder Friedrich, vor 1938 ein Exponent des politischen Katholizismus, sah die Gründung der FURCHE im Jahr 1945 als publizistischen Beitrag zu Versöhnung und geistigmoralischem Wiederaufbau.
Foto: © DIE FURCHE

Im Vorfeld des 75. Jahrestages des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich hat Hans Werner Scheidl in der Presse an die dramatische Rede Schuschniggs am 24. Februar 1938 im historischen Reichsratssitzungssaal in Wien erinnert. Wie bei vielen Reden galt auch hier das gesprochene Wort. Die Berichte in den österreichischen Zeitungen des folgenden Tages brachten nur eine (selbst zensierte?) Zusammenfassung, die den entschlossenen Grundton des Kanzlers vermissen ließ. So hatte er davon gesprochen, dass es die erste Pfl icht der Regierung sei, „mit all ihren Kräften die unversehrte Freiheit und Unabhängigkeit des österreichischen Vaterlandes zu erhalten“. Eine Bemerkung, die weniger an die Zuhörenden als vielmehr an die nationalsozialistischen Regierungsmitglieder Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau adressiert war. Schuschniggs Brandrede gipfelte im Aufschrei: „Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot! Österreich!“ – und erntete stürmischen Beifall.

Bandbreite des Menschenmöglichen #

Doch die Begeisterung jenes Augenblicks war schnell verklungen. Für viele katholische Korporierte, die zu einem großen Teil die personelle Elite des „Ständestaates“ in Politik, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung gestellt hatten, bedeutete der politische Umschwung des 12. März 1938 nicht bloß eine Ernüchterung, sondern eine konkrete Bedrohung für Leib und Leben. Mit der Parole Schuschniggs wurde es plötzlich bitter ernst. Führende Funktionäre der „Systemzeit“ gehörten zu den ersten, die von den Nationalsozialisten verhaftet wurden. Mit dem so genannten „Prominententransport“ am 1. April 1938 wurden gleich 16 Angehörige des CV in das KZ Dachau geschickt.

Karl Maria Stepanzwischen Oberst Franz Zelburg (l.) und dem späteren Bundeskanzler Alfons Gorbach in Dachau (1938)
Stepan. Der steirische LH Karl Maria Stepan, Ende der 20er Jahre und nach dem Krieg Styria-Generaldirektor, zwischen Oberst Franz Zelburg (l.) und dem späteren Bundeskanzler Alfons Gorbach in Dachau (1938).
Foto: © IMAGNO

Die hier angezeigte, von Herbert Fritz und Peter Krause herausgegebene Publikation ist erstmals vor einem Vierteljahrhundert erschienen. Nun ist es gelungen, dieses biografische Handbuch in einer zweiten, wesentlich erweiterten Auflage vorzulegen. Neben den über 530 Lebensbildern enthält der 700 Seiten starke Band einen ausführlichen Einleitungsteil, der in mehreren Beiträgen die politische Situation 1938 reflektiert, knappe Überblicke über den österreichischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus sowie über die Verbände und Korporationen in den Jahren zwischen 1938 und 1945 bietet und dann, ebenfalls in mehreren Aufsätzen, vertiefend die jeweilige Situation von Cartellverband (ÖCV), Mittelschüler- Kartell-Verband (MKV), Katholisch Österreichischen Landsmannschaften (KÖL) sowie Kartellverband (ÖKV) in den Blick nimmt. Kriterium für die Aufnahme in das Handbuch war, dass die betreffenden Korporationsangehörigen inhaftiert wurden oder sich aktiv im Widerstand betätigten. Die durchgängige Lektüre der knapp abgefassten Lebensbilder dokumentiert die ganze Bandbreite des Menschenmöglichen auf Opfer- wie auf Täterseite.

Auffällig ist der hohe Anteil von über hundert Priestern an der im Handbuch erfassten Personengruppe. Da der „Kirchenkampf“ in der „Ostmark“ weitaus härter als im „Altreich“ geführt wurde, gerieten Kleriker in besonderer Weise ins Visier der NSGewaltherrschaft. Stellvertretend zu nennen sind hier etwa der 1944 hingerichtete und 2011 selig gesprochene Provikar Carl Lampert sowie der oberösterreichische Pfarrer Johann Gruber, der im Mai 1938 denunziert und nach jahrelanger Kerker- und KZHaft, in der er sich nachweislich für kranke und jugendliche Mithäftlinge eingesetzt hatte, am Karfreitag 1944 in Gusen von der sadistischen Wachmannschaft mit Stacheldraht gegeißelt und zu Tode gequält wurde. Ein ähnliches Martyrium erlitt der frühere burgenländische Landeshauptmann Hans Sylvester, der in Dachau „als Zugtier [sic!] vor einen Lastwagen“ gespannt wurde und in dieser Form monatelang bei jeder Witterung Schwerstarbeit leistete, die am 19. Jänner 1939 zum Tode führte.

Lebensfreundschaft und Widerstand #

Andere ranghohe Politiker des „Ständestaates“ wie der Wiener Bürgermeister Richard Schmitz, der steirische Landeshauptmann Karl Maria Stepan und die beiden späteren Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach verbrachten einen Großteil der Jahre 1938 bis 1945 in Polizeihaft und KZ, kamen aber mit dem Leben davon. Es mag antiquiert erscheinen, vom „Geist der Lagerstraße“ zu schreiben, für die se Männer jedoch war die Mitmenschlichkeit, die sie in jenen Jahren über alle ideologischen Grenzen hinweg erfuhren und selber zeigten, von existentieller Bedeutung. Allein die Tatsache, im Unterschied zu anderen überlebt zu haben, interpretierten sie als Auftrag, gemeinsam ein neues Österreich aufzubauen. Auf publizistischem Gebiet widmete sich etwa Friedrich Funder, vor 1938 ein Hardliner des politischen Katholizismus, mit der Gründung der FURCHE diesem Versöhnungskurs. Im Herbst 1945 schrieb er Briefe an führende SPÖ-Politiker, die er persönlich aus der KZ-Haft in Dachau und Flossenbürg kannte, um sie zur Mitarbeit an der FURCHE zu gewinnen.

Ansprache von Chefredakteur Friedrich Funder
Reichspost Ansprache von Chefredakteur Friedrich Funder im Haus der „Reichspost“ (um 1935). Unter den Anwesenden: Bundeskanzler Kurt Schuschnigg (M.)
Foto: © IMAGNO

Etliche katholische Korporierte betätigten sich auch im aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nicht zuletzt das Prinzip der Lebensfreundschaft zwischen Bundesbrüdern führte dazu, dass mehrere Angehörige einer Verbindung zusammen mit anderen Gleichgesinnten Widerstandsgruppen aufbauten. Zu erwähnen sind hier etwa die legitimistisch ausgerichtete Gruppe Müller-Thanner, die Österreichischen Freiheitsbewegungen um Karl Roman Scholz, Jakob Kastelic und Karl Lederer sowie die Antifaschistische Freiheitsbewegung (AFÖ) und die Gruppe Maier-Messner-Caldonazzi. Ein Einzelkämpfer war der Jurist Walter Krajnc, der als einfacher Soldat im besetzten Frankreich Kontakte zur Résistance knüpfte und sich 1944 der Ausführung eines Erschießungsbefehls widersetzte. Bei seiner Hinrichtung rief er: „Es lebe Österreich, es lebe die Freiheit.“

Die „nationale Versuchung“ #

Es gab allerdings auch Angehörige katholischer Verbindungen, die bereits vor 1938 mit dem Nationalsozialismus sympathisierten und dann mit dem „Anschluss“ die Fronten wechselten. „Jedes Leben ist naturtrüb“, hat der langjährige Herausgeber der „Neuen Deutschen Biographie“, der Münchner Zeithistoriker Hans Günter Hockerts, einmal gesagt. Was auf Individuen zutrifft, gilt erst recht für Kollektive und Organisationen. Im Beitrag von Gerhard Hartmann über den ÖCV wird die „nationale Versuchung“ offen angesprochen. Aber es greift wohl zu kurz, die „Katholisch- Nationalen“ im CV (und auch KV) wie etwa den Urgeschichtler Oswald Menghin, den Germanisten Josef Nadler und den „Brückenbauer“-Bischof Alois Hudal aufzuzählen und dann festzustellen, diese seien aber in ihrem Verband isoliert gewesen oder ausgeschlossen worden.

Nachdenklich stimmt auch die Tatsache, dass dort, wo über die Mitgliedschaft von CVern in der NSDAP Ergebnisse vorliegen, diese durchaus ernüchternd sind: Von 607 untersuchten Mitgliedern der Akademischen Verbindung „Austria Innsbruck“ waren 232 NSDAP-Mitglieder. Dass davon die Hälfte „Reichsdeutsche“ gewesen seien und von den übrigen Angehörigen dieser Gruppe 90 Prozent erst nach dem „Anschluss“ Parteimitglieder wurden und von daher als „Mitläufer“ einzustufen seien, wie Hartmann interpretiert, vermag diesen Befund nicht hinreichend zu entkräften. Diese Zahlen sind keine Marginalie, sondern ein Anlass zu weiteren Nachforschungen.

Der Autor ist Historiker und Mitarbeiter der Styria Media Group AG

Information#

Bild 'Farben-tragen'

Farben tragen, Farbe bekennen 1938–1945

Von Herbert Fritz, Peter Krause (Hg.)

Österr. Verein für Studentengeschichte, Wien 2013, 703 S., 28 EUR

DIE FURCHE, Donnerstag, 29. August 2013

Essay#

Als „Krieger“ Politik machten #

Zur Steigerung der Gewaltbereitschaft in der Ersten Republik haben die Medien wesentlich beigetragen. Leitartikel und Analysen waren von einem martialischen Ton geprägt. Stimmen der Besonnenheit, die es auf beiden Seiten gab, hatten zuletzt keine Chance mehr. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 6. Februar 2014)

Von

Kurt Wimmer


Koloman Wallisch
Wallisch. Koloman Wallisch, Kommandant des Republikanischen Schutzbundes und führender Kopf der Februaraufstände, bei einer Rede (um 1930); ganz links Nationalratsabgeordneter Karl Renner, rechts neben ihm Wiens Bürgermeister Karl Seitz
Foto: © Die Furche

Noch am Tag, als der Bürgerkrieg in Österreich begonnen hatte, berichtete die amtliche Wiener Zeitung in einer Sonderausgabe: „Regierung Herrin der Lage“. Und auf Seite 1 wurde auch das Standrecht kundgemacht.

Am Morgen dieses 12. Februar vor 80 Jahren umzingelte um sieben Uhr früh die Polizei das Arbeiterheim im Linzer Hotel Schiff und drang dort, auf der Suche nach Waffen, gewaltsam ein. Richard Bernaschek, der Parteisekretär der oberösterreichischen Sozialdemokraten, gab den Schießbefehl. Bernaschek war auch Landeskommandant des verbotenen Republikanischen Schutzbundes.

Es gab die ersten Toten, und am Tatort Linz beschoss das Bundesheer u. a. die Diesterwegschule mit Artillerie, weil sich dort Schutzbündler verschanzt hatten. In der Wiener Zeitung hieß es tags darauf in einem Aufruf der Regierung „An das Volk von Österreich“, dass eine „jeder Verantwortung bare Führung der sozialdemokratischen Partei“ den Versuch unternommen habe, sich mit Waffengewalt gegen die Behörden aufzulehnen und einen Generalstreik anzuzetteln.

Verbalradikaler Schwulst #

Doch dieser dreitägige Bürgerkrieg mit lange nachwirkenden traumatischen Folgen war, zumindest zu diesem Zeitpunkt, gegen den Willen der Mehrheit des Parteivorstandes in Wien ausgebrochen. In Wahrheit handelte es sich um einen Aufstand des Schutzbundes, der auch ein Aufbegehren gegen Exponenten der Parteiführung war, die zwar die revolutionäre Rhetorik bravourös beherrschten, die aber vor der revolutionären Tat letztlich zurückschreckten.

In einem Leitartikel schrieb das Blatt: „Entsetzliches, Unfassbares, Grauenvolles ist geschehen. Die Hetzpolitik der österreichischen Sozialdemokraten ist nun blutigrot in Österreich aufgegangen.“ Nun müsse den „roten Staatsfeinden das Handwerk gründlich gelegt werden“.

Dieser verbalradikale Schwulst, selbst im Amtsorgan der Bundesverwaltung, ist typisch für die gewaltgeschwängerte Atmosphäre der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die geprägt war von Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit. Da gab es in den Parteien und neben ihnen ein chaotisches Spektrum politischer Gruppierungen: Milizen, Kampfverbände, Wehrbünde, Heimwehren, Frontkämpfervereinigungen, Sturmscharen. Und die Sammelbewegung, die nach faschistischem Muster im autoritären Ständestaat die Parteien ersetzen sollte, hieß „Vaterländische Front“.

Auch die Medien übten sich im martialischen Ton. Die Sozialdemokraten verstanden ihre Arbeiterzeitung als Kampforgan und die niveauvolle theoretische Schrift der Partei hatte den programmatischen Titel Der Kampf.

Wenn da zum Beispiel der Heimwehrführer Rüdiger von Starhemberg in einer Postille namens Die Freiheit! als „Krieger“ geehrt wurde, dann war das eine durchaus zeitgemäße Würdigung für einen Politiker.

Dieser adelige „Krieger“ wurde am 8. 9. 1931 im christlichsozialen Linzer Volksblatt mit folgender „Analyse“ über die aktuelle politische Situation zitiert: „An Stelle des Monarchen kam eine Herde von Gaunern und Falotten, die nichts anderes können als Steuergelder vergeuden. [...] Die Zeiten sind vorbei, da wir noch den Ehrgeiz hatten, staatserhaltend zu sein. Wir haben kein Interesse an Ruhe und Ordnung von heute.“ Die hasserfüllte verbale Gewaltbereitschaft äußerte sich im politischen Alltag immer wieder in blutigen Zusammenstößen.

Zeit der Heilsprediger #

Es war eine Zeit, in der sich politische Parteien als Heilsbringer verkannten. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) wollte einen „neuen Menschen“ und eine gerechte sozialistische Gesellschaftsordnung. Laut Parteiprogramm aus dem Jahr 1926, das erst 1958 durch ein neues ersetzt wurde, strebte sie eine „Eroberung der Herrschaft in der demokratischen Republik“ an. Notfalls sollte „der Widerstand der Bourgeoisie auch mit den Mitteln der Diktatur“ gebrochen werden. Militärischer Arm der SDAP war der Republikanische Schutzbund, der als eine Art „Gegen-Heer“ organisiert wurde und am Höhepunkt seiner Stärke 80.000 Mann mobilisieren konnte.

Der Kampf der Christlichsozialen richtete sich gegen den „gottlosen Marxismus“, eine „österreichische Mission“ wurde propagiert, und die Österreicher sollten zudem als „die besseren Deutschen“ an vorderster Front gegen das „germanische Neuheidentum“ der Nationalsozialisten antreten. In der ersten Nummer der Zeitschrift Der christliche Ständestaat vom 3. Dezember 1933 konnte man zum Beispiel Folgendes lesen: „Europa, das christliche Abendland, das wahre Deutschtum richten ihre Augen voll Erwartung auf Österreich, das den christlichen deutschen Ständestaat zum Programm erwählt hat. [...] In einer Zeit der Abkehr von Irrtümern, die sich selbst ad absurdum geführt haben, aber auch in einer Zeit der Gärung und Verwirrung müssen die ewigen, allgemeingültigen Ideen von Staat, Nation, Volksgemeinschaft, Recht, Autorität, Freiheit und Persönlichkeit klar herausgestellt werden.“

Chefredakteur Friedrich Funder
Chefredakteur Friedrich Funder
Foto: © Die Furche
Die „Reichspost“
Funder. Die „Reichspost“ unter ihrem damaligen Chefredakteur Friedrich Funder stellte sich klar hinter Bundeskanzler Dollfuß und die von diesem betriebene Entwicklung hin zum autoritären Staat.
Foto: © Die Furche

Von dieser systematisch aufgeheizten Atmosphäre im Kampf zweier ideologischer Gegner, die einander zu erbitterten Feinden gemacht hatten, profitierten die gefährlichsten und radikalsten Gegner des österreichischen Staates: die Nationalsozialisten. Noch bei der Nationalratswahl 1930 hatten sie kein einziges Mandat erringen können.

Stimmen der Besonnenheit, die es sowohl im christlichsozialen Lager als auch auf dem rechten Flügel der Sozialdemokratie gab, hatten keine Chance mehr.

„...alles falsch gemacht“ #

Auch das Organ der Christlichsozialen, die Reichspost mit ihrem Chefredakteur Friedrich Funder, verfocht zu diesem Zeitpunkt eine klare, starre Linie: gegen eine Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie und gegen Bemühungen, den gelähmten Nationalrat wieder handlungsfähig zu machen.

Nach der blamablen „Selbstausschaltung“ des Parlaments am 4. März 1933, als alle drei Nationalratspräsidenten wegen eines Streits um ein Abstimmungsergebnis zurückgetreten waren, förderte die Reichspost die von Kanzler Engelbert Dollfuß zielbewusst vorangetriebene Entwicklung hin zum autoritären Staat. Auch die Selbstaufgabe der Partei durch das Aufgehen in der „Vaterländischen Front“ nahm Friedrich Funder schließlich hin.

Mit der Forderung „Heraus aus dem Sumpf!“ konstatierte er damals zum Beispiel die „Vertrauenskrise eines entgeistigten Parlamentarismus, der an seiner eigenen Omnipotenz impotent geworden ist“. Und am 23. 3. 1933 plädierte er für die „unaufschiebbare Beseitigung eines der Wirtschaft zum Fluch gewordenen Systems“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bewies Friedrich Funder mit der Gründung der FURCHE und ihrer ausgleichenden politischen Linie, dass er aus der Geschichte gelernt hatte.

„Wir alle haben alles falsch gemacht“: Dieses selbstkritische Resümee über die Politik in der Ersten Republik zog in seinen späten Pensionsjahren Franz Olah, der in der Zweiten Republik Gewerkschaftspräsident und SPÖ-Innenminister war. Das durfte aber nur einer sagen, der nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei den illegalen „Revolutionären Sozialisten“ aktiv war und der für seine politische Überzeugung, ebenso wie Friedrich Funder, von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager gebracht worden war.

Der Autor, geb. 1932, war lange Jahre stellvertretender Chefredakteur, von 1994 bis 1997 Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ und schrieb zwischen 1986 und 1993 regelmäßig Kolumnen für die FURCHE unter dem Titel „Rufzeichen“.

DIE FURCHE, Donnerstag, 6. Februar 2014

Quellen#



Redaktion: I. Schinnerl