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Helmer, Hermann Gottlieb - Biographien

Helmer, Hermann Gottlieb#

* 13. Juli 1849, Harburg (bei Hamburg)

† 2. April 1919, Wien


Architekt


Hermann Helmer, Foto: A. Praefcke. Aus: Wikicommons unter CC
Hermann Helmer
Foto: A. Praefcke. Aus: Wikicommons unter CC

Helmer absolvierte in Deutschland eine Maurerlehre und besuchte in der Folge die Baugewerkschule in Nienburg/Weser. Nach einem Studium an der Technischen Hochschule in München trat er in das Atelier von Ferdinand Fellner d. Ä. in Wien als Architekturzeichner ein.

Nach dessen Ableben bildete er mit dessen Sohn Ferdinand Fellner d. J. 1873 eine Architektengemeinschaft. Das Büro Fellner & Helmer spezialisierte sich auf den Bau von Theatern und wurde in der Folge zur wichtigsten Theater-Planungswerkstatt der österreich-ungarischen Monarchie. Insgesamt war die Bürogemeinschaft am Bau von 48 Theatergebäuden in Europa beteiligt.

Mit ein Grund für diesen Boom im Theaterbau des späten 19. Jahrhunderts war sicher der Wunsch des aufstrebenden Bürgertums nach eigenen Repräsentationszentren. Eine weitere Ursache waren die verschärften Sicherheitsbedingungen hinsichtlich des Feuerschutzes, die Umbauten notwendig machten. Der katastrophale Ringtheaterbrand von 1881 mit mindestens 384 Toten nach offizieller Zählung hatte die Dringlichkeit solcher Maßnahmen demonstriert. Auf Helmers Anregung wurde ein "Probe-" bzw. "Modell-Brandtheater" erbaut, in dem in er Folge vor Komitees, Vertretern der Baubehörden sowie der "Branddirektoren" "Brandproben" durchgeführt wurden. Das daraus hervorgehende Theatermodell entsprach einem dreigeteilten Bautypus, bestehend aus Vorderhaus mit Vestibül, Treppen und Salon, dem anschließenden Saalbau und dem durch einen eisernen Vorhang abtrennbaren Bühnenhaus. Um im Ernstfall einer Gefahr eine schnelle Räumung des Theaters zu ermöglichen, wurden maximal drei Ränge vorgesehen.

Obwohl ihre Werke immer unter "Fellner & Helmer" firmierten, wurde die Planung eines Bauwerks stets von einem der beiden Architekten geleitet. In den ersten Jahren der Zusammenarbeit leitete Helmer vorwiegend die Arbeit im Büro, während Fellner die Verhandlungen führte, Bauleitung und Besprechungen vor Ort abwickelte.

In späteren Jahren teilte man die Aufträge auf und jeder der beiden arbeitete mit einem eigenen Mitarbeiterstab. Im Unterschied zu Fellner bevorzugte Helmer klassizistische Formen. Auf seiner Projektierung stammen die Theaterbauten in Wiesbaden, Fürth, Darmstadt, Klagenfurt und Zürich.

Häufig erhielt das Büro Fellner & Helmer Aufträge ohne Ausschreibung. Sogar im Fall von ausgeschriebenen Wettbewerben bekam man Öfteren auch dann den Zuschlag, wenn ihr Büro nicht als Sieger hervorging. Dabei war das Naheverhältnis von Ferdinand Fellner zum späteren Burgtheaterdirektor Heinrich Laube durchaus hilfreich.

Die beinahe monopolartige Stellung der Architekten Fellner & Helmer in Österreich-Ungarn lässt sich weiters darin begründen, dass man hohe Qualität mit guter Akustik in den Zuschauerräumen, bei niedrigen Kosten und schneller Durchführung, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit garantieren konnte. Zeitweise arbeiteten bis zu 20 Architekten im Atelier, um das große Arbeitsvolumen abdecken zu können. Insgesamt ist die Errichtung von mehr als 200 Gebäuden durch das Büro Fellner & Helmer dokumentiert; die meisten Theater des Ateliers Fellner & Helmer sind trotz Kriegswirren und Bränden noch heute in Betrieb.

Im Anschluss an ihre erfolgreich errichteten Theatergebäude bekam das Atelier Fellner & Helmer häufig Aufträge für Wohn- und Geschäftshäuser, Kaufhäuser, Villen und Landhäuser. Diese zeigen das gleiche Formenrepertoire und zeichnen sich durch funktionale wie repräsentative Gestaltungsweisen aus. Fellner & Helmer ließen ihre Bauten auch stets von bedeutenden österreichischen Künstlern (etwa von Gustav Klimt) ausstatten.

Stilistisch finden sich in den Projekten von Fellner & Helmer neben den Formen der italienischen, deutschen, niederländischen und französischen Renaissance auch Motive des Barock, des Rokoko und des Empire, die durch Abwandlung zu neuen Lösungen verarbeitet wurden. Auch architektonische Formulierungen des 19. Jahrhunderts wurden von ihnen aufgegriffen, etwa die Formensprache von Ringstraßengebäuden, der Semper-Oper in Dresden oder von Garniers Oper in Paris, bis hin zum Jugendstil ihrer spätesten Bauten.

Häufig eingesetzte Stilmerkmale ihrer Entwürfe waren generell Dachlandschaften mit Mansardenfensterreihen, Fassaden mit Portikus- und Giebelfronten, Loggiamotiven, Portalbogenmotiven sowie (bei Nationaltheatern) Fassaden mit seitlichen Turmaufsätzen. Ihr Baustil leitete eine neue Epoche in der Architektur des 20. Jahrhunderts ein.

Neben der Arbeit im gemeinsamen Atelier war Helmer in Wien auch in einer Reihe von Ausschüssen tätig, die sich mit aktuellen baulichen Fragen auseinandersetzten. Einen wesentlichen Anteil hatte Helmer auch bei der Erarbeitung der neuen Theatergesetze nach dem Ringtheaterbrand im Jahr 1881 (s.o.).

Helmer gehörte auch zu den Begründern der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs. Während des Ersten Weltkrieges setzte er sich für die Ausschreibung von Wettbewerben ein, um den Architekten neue Aufträge zu verschaffen. Tatsächlich führte die Gemeinde Wien in den Jahren 1916-17 einige solcher Ausschreibungen auch durch.

Nach dem Tod seines Partners Fellner 1916 wurde das Atelier von Helmer, nach dessen Tod 1919 von Hermann Helmer jun. weitergeführt. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie erhielt das Atelier aber kaum noch nennenswerte Aufträge und wurde schließlich aufgelöst.


Auszeichnungen und Ämter (Auswahl)

  • 1883 Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens
  • 1895 Ernennung zum Baurat
  • 1895 königl. preußischer Kronenorden IV. Klasse
  • 1904 Ernennung zum Oberbaurat
  • 1905 Ritterkreuz I. Klasse des Großherzogl. Hess. Verdienstordens Philipps d. Großmütigen
  • 1905-17 Obmann d. Ausschusses zur Bestimmung d. Akustik v. Hörsälen
  • ab 1907 korresp. Ehrenmitglied des Royal Institute of Architects, London
  • 1908 Vizepräsident des VIII. Internationalen Architektenkongresses
  • 1912 Orden der Eisernen Krone III. Klasse


Werke (Auswahl):

Bauten in Wien (Auswahl):

Varietè Ronacher, Wien
Varieté Ronacher, Wien
Foto: A.Praefcke. Aus: Wikicommons unter CC

  • Wiener Stadttheater (1872; 1884 zum Teil abgebrannt) sowie der Nachfolgebau:
  • Etablissement Ronacher (1888 als Neubau des Stadttheaters)
  • Volkstheater (als „Deutsches Volkstheater“) (1873 – 1893)
  • Universitätssternwarte, Wien 18 (1874 – 1878)
  • Wohn- u. Geschäftshaus „Thonethaus“ bzw. „Eisernes Haus”, Wien 1 (1875-1876)
  • Stadtpalais, Wien 4, Prinz-Eugen-Straße 40 (heute Türkische Botschaft) (1879)
  • Warenhaus Thonet (1884)
  • Margaretenhof (1885)
  • Stephaniewarte auf dem Kahlenberg, Wien 19 (1887)
  • Palais Adolf Ritter von Schenk, Wien 4 (heute Spanische Botschaft, 1888-1890)
  • Springer Schlössl, Wien 12 (heute Politische Akademie der ÖVP, 1889-1890)
  • Theater der Internationalen Musik- und Theaterausstellung (1892, wieder abgerissen)
  • Maria-Theresia-Frauen-Hospital, Wien 8 (heute Hygienisch-bakteriologische Untersuchungsanstalt) (1892)
  • Ehem. Palais Rothschild, Wien 4 (heute Brasilianische Botschaft) (1894)
  • Restauration St. Annahof, Wien 1 (1894)
  • Hauptfassade des Theaters an der Wien (1902)
  • Warenhaus Gerngroß, Wien 7 (1902-1904)
  • Bezirksamt Liesing, Wien 23 (1903-04)
  • Neurologisches Krankenhaus Rosenhügel, Wien 13 (Direktionsvilla, Verwaltungsgebäude, Wirtschaftshof, Küche) (1910-1912)
  • Wiener Konzerthaus mit Akademie u. Akademietheater (mit Ludwig Baumann, 1913)
  • zahlreiche weitere Stadtpalais, Geschäfts- u. Mietshäuser in Wien
Volkstheater Wien
Volkstheater, Wien
Foto: Gryffindor. Aus: Wikicommons unter CC

Theater- und Konzerthausbauten außerhalb Wiens:

  • Augsburg: Stadttheater (1877, heute nur noch Außenmauern erhalten)
  • Baden bei Wien: Stadttheater (als „Jubiläums-Stadttheater, 1909)
  • Berlin: Komische Oper (als „Theater unter den Linden”, später „Metropol-Theater”, 1892; Außenbau im 2. Weltkrieg zerstört)
  • Berndorf, Niederösterreich: Stadttheater (als „Kaiser-Franz-Josef-Theater” bzw. Arbeitertheater, 1898)
  • Bielitz (Bielsko-Biała): Teatr Polski (als „Stadttheater”, Umbau 1904-1905)
  • Bratislava: Slovenské národné divadlo (als „Königliches Freistädtisches Theater”, 1886)
  • Brünn (Brno): Interimstheater (1871-1882)
  • Brünn: Mahenovo divadlo (als „Deutsches Stadttheater”, erstes Theater Europas mit elektrischer Beleuchtung, 1882)
  • Budapest: Népszínház (Volkstheater, 1875, abgerissen 1965)
  • Budapest: Vígszínház (Lustspieltheater, 1896)
  • Budapest: Fövárosi Operett Szinház (als „Somossy-Orfeum”, 1894)
  • Czernowitz, Bukowina (Ukraine): Teatr im. Olgi Kobylyanskoy (als „Stadttheater“, 1905)
  • Teschen (Czieszyn): Teatr im. Adama Mickiewicza (als „Deutsches Theater”, 1910)
  • Klausenburg (Kolozsvár, Cluj): Teatrul National (als „Nemzeti Színház”, 1906)
  • Darmstadt: Hoftheater (Umbau des Inneren 1904; im 2. Weltkrieg zerstört)
  • Fürth: Stadttheater (1902)
  • Gießen: Stadttheater (1907)
Wiener Konzerthaus
Wiener Konzerthaus
Foto: C. Pfeiffer. Aus: Wikicommons unter CC
  • Graz: Opernhaus (als „Stadttheater”, 1899)
  • Hamburg: Deutsches Schauspielhaus (eröffnet 1900)
  • Gablonz (Jablonec nad Nisou): Mestské divadlo (als „Stadttheater”, 1907)
  • Jassy (Iaşi): Teatrul National „Vasile Alecsandri” (1896)
  • Karlsbad (Karlový Vary): Divadlo V. Nezvala (als „Stadttheater”, 1886)
  • Kecskemét: Katona József Színház (1896)
  • Klagenfurt: Stadttheater (als „Kaiser-Franz-Josef I.-Jubiläumstheater”, 1910)
  • Reichenberg (Liberec): Divadlo F. X. Saldy (als „Stadttheater”, 1883)
  • Jungbunzlau (Mladá Boleslav): Mestské divadlo (als „Mestské divadlo/Stadttheater”, 1909)
  • Odessa, Russland: Teatr operi ta baletu („Stadttheater“, 1887)
  • Großwardein (Nagyvárad, Oradea): Teatrul de Stat („Stadttheater”, 1900)
  • Ottensheim bei Linz: Schlosstheater (1902; nur Reste vorhanden)
  • Prag (Praha): Státní Opera (als „Neues Deutsches Theater”, 1887)
  • Ravensburg: Konzerthaus (1897)
  • Fiume (Rijeka): Hrvatsko Narodno Kazaliste „Ivan Zajc” (als „Stadttheater”, 1885)
  • Salzburg: Landestheater (als „Stadttheater”, 1893)
  • Sofia: Nationaltheater „Iwan Wazow” (Bulgarisches Nationaltheater, 1906)
  • Szeged: Nemzeti Színház (1883)
  • Totis (Tata): Schloßtheater (1889, abgerissen 1913)
  • Temeschburg (Timişoara): Teatrul National (als „Ferenc József szinház/Stadttheater“, 1875; später stark verändert)
  • Thorn (Toruń, Preußen): Teatr im. Wilama Horzycy (als „Stadttheater”, 1904)
  • Varaždin: Hrvatsko Narodno Kazaliste (als „Stadttheater”, 1871-1873; später verändert)
  • Zagreb (Agram): Hrvatsko Narodno Kazaliste (als „Königlich Kroatisches Landes- und Nationaltheater”, 1895)
  • Wiesbaden: Hessisches Staatstheater (als „Stadt- und Königliches Hoftheater”, 1894)
  • Zürich: Opernhaus (als „Stadttheater”, 1891)
  • Zürich: Tonhalle (1895, heute Teil des Kongresshauses, Außenumbau)
Weitere Projekte außerhalb Wiens:
  • Karlsbad (Karlovy Vary): Parkquellenkolonnaden (1900), Grandhotel Pupp (1913), Kaiserbad (1895)
  • Bad Vöslau, Niederösterreich: Schlumberger-Schloss
  • Graz: Warenhaus Kastner & Öhler
  • Lemberg (heute: L’viv, Ukraine): Hotel Georg
  • Hotel „Schneeberghof“, Puchberg am Schneeberg, Niederösterreich (1900)
  • Hotel „Erzherzog Johann“, Semmering, Niederösterreich (1899)
  • Hotel „Panhans“, Dependancen „Pension Waldesruhe“ und „Fürstenhof“, Semmering, Niederösterreich (1912-1913)
  • Inneneinrichtungen von zahlreichen Hotels, Villen, Palais etc.


Literatur:

  • H. Helmer: Über die Feuersicherheit d. Theater u. d. notwendigen Reformen. In: ZÖIAV 56, 1904, S.103, S. 325ff, T.9
  • H. Helmer: Bericht des Ausschusses für die Durchführung der Theater-Modell-Brandversuche. In: ZÖIAV 58, 1906, S. 285
  • Fellner & Helmer, k.k. Oberbauräte in Wien: Sammelwerk d. ausgeführten Bauten u. Projekte in d. Jahren 1870-1914. Wien, ca. 1914
  • Alois von Wurm-Arnkreuz: Architekt Ferdinand Fellner und seine Bedeutung für den modernen Theaterbau. Verlag für Technik und Industrie, Wien und Leipzig 1919
  • Felix Czeike: Historisches Lexikon. Wien 1953
  • Hans-Christoph Hoffmann: Die Theaterbauten von Fellner und Helmer (Studien zur Kunst des neunzehnten Jahrhundert; Vol. 2), Prestel, München 1966
  • R. Wagner-Rieger: Wiens Architektur im 19. Jh. Wien 1970
  • J. Brabenec: Fellner & Helmer: Architekten. Wien 1992
  • Dieter Klein: Fellner & Helmer. Wiener Atelier mit Weltgeltung. In: Baukultur 4/1997, pp. 34-47
  • Gerhard M. Dienes (Hrsg.): Fellner & Helmer - Die Architekten der Illusion. Theaterbau und Bühnenbild in Europa. Stadtmuseum, Graz 1999 (Ausstellungskatalog)
  • Gerhard M. Dienes: Theaterarchitekten Mitteleuropas 1870-1920. Graz 2001


Film

  • Die Theaterbauer Helmer und Fellner - Räume für Träume. Dokumentation, 26 Min., Regie: Ute Gebhardt, Produktion: NDR, WEGA film Wien, Österreich 2008


Redaktion: J. Sallachner