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Herzl, Theodor #

* 2. 5. 1860, Budapest

† 3. 7. 1904, Edlach (Reichenau an der Rax, Niederösterreich)


Schriftsteller, Publizist und Journalist

Herzl, Theodor
Theodor Herzl. Foto, 1882.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Theodor Herzl wurde am 2. Mai 1860 als Sohn jüdischer Eltern in (Buda)Pest geboren und kam 1878 mit seinen Eltern nach Wien.
Hier studierte er an der Universität Wien Jus und promovierte 1884. Während seines Studiums trat er der deutschnationalen Burschenschaft "Albia" bei und sah sich dort erstmals mit dem Antisemitismus konfrontiert.
1884/85 absolvierte er sein Gerichtsjahr in Wien und Salzburg, wurde dann aber freier Schriftsteller. Seine Feuilletons wurden gerne gelesen und seine Gesellschaftsstücke auch am Burgtheater aufgeführt.

Von 1891 bis 1894 arbeitete er als Korrespondent der "Neuen Freien Presse" in Paris; zionistische Ideen durfte der prominente Feuilletonist und Korrespondent hier jedoch nicht erwähnen.
Von dort berichtete er 1894 über die Dreyfuss-Affäre, dessen öffentlicher Degradierung er beiwohnte. Unter dem Eindruck dieser Affäre und antisemitischer Ausschreitungen in Frankreich veröffentlichte Herzl 1896 seine Schrift "Der Judenstaat". In ihr geht es um die These, dass die Gründung eines jüdischen Staates notwendig und durchführbar sei. Damit begründete er den theoretischen Zionismus (und in Weiterentwicklung seiner Gedanken erfolgte 1948 wirklich die Gründung des Staates Israel).

Anschließend arbeitete Herzl als Feuilletonist der 'Neuen Freien Presse' in Wien.

Trotz Anfeindungen aus den Reihen assimilierter Juden entfaltete er vielfache Aktivitäten und initiierte 1897 gemeinsam mit Oskar Marmorek und Max Nordau den 1. zionistischen Weltkongress in Basel. Das Programm dieser Bewegung war "die Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Er war unermüdlich bemüht, in Gesprächen mit europäischen Fürsten und Regierungschefs Interesse und Unterstützung für seine Idee zu finden.

Herzl gab in Wien die Monatszeitschrift "Die Welt" als Organ der zionistischen Bewegung heraus und gründete 1899 den "Jewish Colonial Trust" zum Ankauf von Land in Palästina.

1900 publizierte Herzl die "Philosophischen Erzählungen"; in seinem utopischen Roman "Altneuland" entwarf er 1902 ein idealistisches Bild eines künftigen jüdischen Staates in Palästina. In der hebräischen Übersetzung hieß der Roman "Tel Aviv" - die Benennung der Stadt Tel Aviv wurde von Herzls Roman inspiriert.

Am 3. Juli starb Theodor Herzl an einem Herzleiden in Edlach, Reichenau an der Rax.


Posthum erschienen 1934/35 die "Zionistischen Schriften" in 5 Bänden, ab 1954 erschien eine Gesamtausgabe seiner Schriften in 20 Bänden in hebräischer Sprache.

Herzls Grab auf dem Herzlberg © P. Diem
Herzls Grab auf dem Herzlberg
© P. Diem

1949 wurde Herzls Leichnam vom Döblinger Friedhof in Wien in den 1948 gegründeten Staat Israel nach Jerusalem überführt und in Jerusalem beigesetzt.


Werke (Auswahl)#

Theaterstücke:
  • Tabarin, Wien 1884
  • Der Flüchtling, Wien 1887
  • Was wird man sagen? Wien,1890
  • Das neue Ghetto, Wien 1894
  • Die Glosse, Wien 1895
  • Unser Solon in Lydien, Wien 1904
Gesammelte Feuilletons, Erzählungen:
  • Neues von der Venus, Leipzig 1887
  • Das Buch der Narrheit, Leipzig 1888
  • Das Palais Bourbon, Bilder aus dem französischen Parlamentsleben, Leipzig 1895
  • Philosophische Erzählungen, Leipzig 1895
  • Feuilletons, 2 vols. Berlin 1903
Zionist Works:
  • Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Leipzig-Wien 1896
  • Der Baseler Kongress, Vienna 1897
  • AltNeuland, Roman, Leipzig 1902
  • Theodor Herzl's Tagebücher, 3 Bände, Berlin 1922/23
  • Theodor Herzl, Gesammelte Zionistische Werke, 5 Bände, Tel Aviv 1934/35


Ehemaliges Grab von Theodor Herzl am Döblinger Friedhof - Photo: P. Diem
Ehemaliges Grab am Döblinger Friedhof
Photo: P. Diem
Grabstein Herzl - Photo: P. Diem
Grabstein Herzl
Photo: P. Diem

Literatur#

  • N. Leser (Hg.), T. Herzl und das Wien des Fin de siècle, 1987
  • Internationales T.-Herzl-Symposion, 3 Bände, 1997-2000
  • Neue Deutsche Biographie


Leseprobe#

aus Philosophische Erzählungen Die Reise nach einem Lächeln. 1889.

Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Verlag Gebrüder Paetel)

Die vier Herren saßen nach dem Souper auf der breiten Terrasse des Landhauses. Aus dem Garten herauf strich ein sommerlicher Duft. Jeder hatte sein Maiweinglas vor sich. Ab und zu kam lautlos der wohlerzogene Diener und füllte die grünen Kelche. Viel hatte er aber damit nicht zu tun, denn drei von den Vieren waren gewitzigte Lebemänner, die den Genuß durch Maßhalten zu erhöhen verstanden. Nur der Vierte, ein lebhafter junger Mensch, übernahm sich ein wenig im Trinken und Reden.

Und wie immer, wenn Herren unter sich sind, kam das Gespräch auf die Frauen oder – wie man nach dem Souper aufgeknöpfter zu sagen pflegt – auf die Weiber. Der lebhafte junge Mensch tat sich besonders hervor durch die Erzählung sehr brauner Anekdoten. Anfangs lachten die Anderen dazu. Allmählich wurden ihnen aber diese Scherze zu bunt und zu derb.

»Schweig doch!« rief der Hausherr endlich dem jungen Manne zu, der sein Vetter war und den er mit verwandtschaftlicher Grobheit zu behandeln pflegte. »Schweig Fritz, Du verdirbst uns mit solchen Reden die gottvolle Nacht!«

Der Doktor nickte zustimmend und rief: »Ja wohl! Rauchen, trinken, schweigen! Wir können nichts Besseres tun. Es wäre denn, daß Einer von Euch eine Geschichte wüßte, die so rein und schwermütig, so sehnsuchtsvoll und köstlich ist, wie diese Sommernacht.«

»Ich weiß eine solche!« sagte da langsam Herr Paul, der bisher stumm dagesessen, im tiefen Schatten hinter der Tür. »Die Frage ist nur, ob ich nicht allen Schmelz von diesem Abenteuer streife, indem ich es erzähle. Jedenfalls hab' ich nie ein besseres erlebt.«

»Ein eigenes Erlebnis?« stöhnte Fritz in komischem Entsetzen; »das pflegt lange zu dauern!«

»Willst Du wohl, Du Schlingel!« ... schrie der Hausherr. »Bitte, lieber Freund, beginnen Sie! Wir werden gläubig lauschen.«

»Ich beginne.«

»Wahrheit und Dichtung!« schaltete Fritz zum letzten Male ein.

»Nur Wahrheit, lieber Fritz! Sie werden gleich sehen.... Vor zehn Jahren war es. Am Pfingstsonntag kam ich von Baden-Baden nach Straßburg, spät in der Nacht. Am nächsten Morgen wollte ich weiter, nach Paris. Schwer ermüdet kroch ich ins Bett und verschlief richtig den Pariser Eilzug. Ich kam auf den Bahnhof, als eben der letzte Waggon zur Halle hinausrollte. Der ganze Tag war verloren. Nach Frankreich ging an diesem Tage nur noch ein Bummelzug, und der nicht weiter als bis Nancy. Erbittert kehrte ich in die Stadt zurück, die ich schon von früher kannte, in der ich nichts zu suchen hatte. Als ich aber die feiertäglich langweiligen Straßen im heißen Sonnenschein auf und ab schritt, kam eine solche Verzweiflung über mich, daß ich nicht bleiben konnte. So bestieg ich denn gefaßt den Bummelzug und erreichte noch vor Sonnenuntergang Nancy.

Diese Stadt überraschte mich in der liebenswürdigsten Weise. Nancy ist eine helle, luftige, lustige Stadt, durchschwirrt von Gesang und Kurzweil, die Häuser sind trikolor beflaggt, auf den Balkonen stehen lachende Frauen, junge Leute gehen unten vorüber und werfen einen Kuß, eine Blume oder ein Scherzwort hinauf. So hab' ich's gesehen, und so haftet es freundlich in meiner Erinnerung. Und draußen, vor der Stadt, ist Jahrmarkt: die foire de pentecôte. Wir Fremden, die aus ernsthafteren Ländern kommen, sind von solch einer französischen Jahrmarktsfröhlichkeit immer geblendet und entzückt. Wie unbegreiflich und hinreißend ist diese gute Laune, wie groß der Lärm, wie grell und wirr die Farben und Gerüche! Aber der Staub, der langsam aufwallende, und eine goldige Abendstimmung legen sich darüber hin, und mitten in der lärmenden Lustigkeit ist man sanft bewegt.

So war es mir zu Mute, als ich damals unter den Bäumen hin, an den Sesselreihen vorbeischlenderte. Da, in vorsichtiger Entfernung von den minderen Leuten, saßen die Damen und Herren der Stadt, und sie lauschten den blechernen Klängen einer Militärmusik ... Und da: wie ich vorüberging, sah ich jenes schöne Weib zum ersten Male. Schön? War sie eigentlich so besonders schön? Ich weiß, daß mir damals nicht ihre Schönheit auffiel, sondern bloß das sonderbare Lächeln, mit dem sie mich ansah ...« Fritz hielt es in diesem Augenblick für angemessen, sich ein wenig zu räuspern.

»Sie vermuten ganz falsch, lieber Fritz!« unterbrach sich der Erzähler. »Es war eine tadellos aussehende Dame, und ebenso korrekt war der alte Herr an ihrer Seite, mit dem sie plauderte. Als ich sie lächeln sah, blickte ich unwillkürlich hinter mich, um den zu suchen, dem es galt. Erst gab es mir einen jähen Ruck, dann ging ich ruhig meines Weges. Als ich wieder an ihrem Platz vorüberkam, waren sie und ihr Begleiter verschwunden. Gleich darauf hatte ich sie vergessen.

Am anderen Tag verließ ich Nancy. Im letzten Augenblick vor der Abfahrt wurde die Coupétür aufgerissen, und herein schoben sich der alte Herr und die Schöne von gestern. Sie lächelte kaum merklich, fast nur mit den Augen, als sie meiner gewahr wurde, aber ich sah es... Wir waren unser Vier in dem Coupé. Mir gerade gegenüber in der Ecke saß ein rotbehoseter Offizier, schrägüber am jenseitigen Fenster meine Unbekannte, und ihr vis-à-vis der alte Herr. Er hatte die Ehrenlegion im Knopfloch und las legitimistische Zeitungen. Ihr Mann oder ihr Vater? Wenn er ihr Vater war, so hatte er spät geheiratet ... So gut es ging, ohne zudringlich zu sein, betrachtete ich sie aufmerksam. Eine Schlanke, Hohe, mit ganz kleinen Händen und Füßen. Das Haar brünett, die Gesichtsfarbe aber sehr licht und die Augen blau. Und in dem blassen, edlen Gesicht, um den rosenroten Mund spielte jenes Lächeln, das ich nicht verstand. Denn ich war niemals der Geck gewesen, der sich gleich zu einer Eroberung gratuliert, wenn ihn eine Frau ansieht. Ich hatte auch nie Glück auf dem Trottoir, nie zärtliche Erfolge gehabt. Ich meinte also, daß jenes Lächeln sich auf irgend eine mir unbekannte Absonderlichkeit meines Äußeren beziehe – vielleicht auf den fremdländischen Schnitt meines Bartes, was weiß ich? ...

Wir fuhren. Wäre ich nicht so tief davon durchdrungen gewesen, daß mir ein Liebesblick, ein verheißungsvolles Lächeln nicht gelten könne, so würde ich ihr vielleicht ein Zeichen gegeben, ein Gespräch begonnen haben. Ich tat nichts dergleichen. Ich starrte sie bloß verstohlen an. Dann kam Commercy, und bei Commercy endete mein Glück. Sie stieg mit ihrem Begleiter aus. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Ich stand am Fenster und sah hinaus auf den Perron. Da war sie noch einmal, blickte mich noch einmal an. Jetzt lächelte sie nicht mehr, die feinen Mundwinkel waren herabgezogen, verachtungsvoll. Galt auch das mir oder wieder einem Anderen? ... Zwei Stunden später hatte ich sie vergessen.

Der Offizier, mit dem ich vor Paris in ein Gespräch geraten war, brachte sie mir wieder ins Gedächtnis. Ehe wir uns trennten, sagte er mir scherzend: »Wissen Sie nicht? Die Dame von Commercy, sie hat Ihnen Augen gemacht! ... Viel Glück noch weiter!«

Mir? War's möglich?

Das Pariser Leben nahm mich auf. Ich brauche Ihnen das nicht zu schildern. Aus einem Taumel in den anderen. Ich machte lustige Bekanntschaften, auch in der besseren Gesellschaft. Es währte nicht lange, und ich verstand mich selbst auf die Frauen – so weit wir sie überhaupt jemals verstehen können. In einem Wirbelwind stoben die Monate davon. Dann wurde ich in Geschäften heimberufen. Ohne sonderliches Bedauern reiste ich ab. In dem unaufhörlichen Genießen war ich ein wenig stumpf geworden. Ich kehrte also gelassen heim.

Während der ganzen Pariser Zeit hatte ich nicht eine Sekunde lang an jene flüchtige Begegnung gedacht. Erst auf der französischen Grenzstation fiel sie mir wieder ein. Da stand nämlich ein struppiger Junge und hielt Düten mit Naschwerk feil. Dazu gröhlte er: »Madeleines de Commercy!« So heißen diese Süßigkeiten. Welch ein reizender Name und wie gut paßte er für die Unbekannte mit dem süßen Lächeln ...

Hinüber in deutsches Land! Aber während unser Zug donnernd und klappernd die spätherbstliche Landschaft durchbrauste, flogen meine Gedanken rückwärts, nach dem sonnigen Anfang dieser Reise. Und alle Räusche und Tollheiten der letzten Monate waren spurlos vergangen, die guten Gesellen, mit denen ich getafelt, waren versunken; vergessen die Schönen, die ich umarmt, die Spröden wie die Gefügigen. Nur eine Einzige stand vor mir, begehrenswert und unerreichbar: die, deren Namen ich nicht einmal wußte, von der ich nichts besessen hatte, als ein Lächeln. ... Wenn ich die Augen zudrückte, sah ich sie – blasser als in der Wirklichkeit und noch bezaubernder und süßer, Madeleine de Commercy! ...

Glauben Sie nicht, daß dieses törichte Gefühl gleich wieder verschwand. O nein. Es wuchs, je mehr ich mich von ihrer Heimat entfernte, je größer die Wahrscheinlichkeit wurde, daß ich sie nie wieder sehen könne. Zu Hause angelangt, trat ich in den gewohnten Kreis meiner Geschäfte und Zerstreuungen. Es geschah ziemlich mechanisch und freudlos. Mir war zu Mute, wie einem armen Teufel, der das große Los besessen und vor der Ziehung fortgegeben hatte. Jenes Lächeln war eine Verheißung – ich hatte sie nicht begriffen ...«

»Und Sie haben die Dame von Commercy nicht wiedergesehen?« fragte der Hausherr.

»Geduld!« sagte Herr Paul sanft. »Ich werde gleich zu Ende kommen. ... Ein, zwei Jahre wandelten vorüber. Ich dachte in unveränderter Zärtlichkeit an die Liebliche. Das feine Gesicht, in dem das fragende, geheimnisvolle Lächeln blühte, kam mir nie aus dem Sinn. Und allmählich setzte sich in mir der Entschluß fest, sie aufzusuchen um jeden Preis. Dann wollte ich nicht mehr so albern sein, wie das erste Mal, sondern sie gewinnen mit Mut und Schlauheit ...

Von langer Hand bereitete ich Alles vor. Die größte Chance, sie zu finden, hatte ich offenbar, wenn ich genau zur selben Zeit am selben Ort eintraf. In der Provinz ist man konservativ. Ob meine Unbekannte in Nancy selbst oder an einem anderen Orte der Umgebung wohnte – wahrscheinlich kam sie alljährlich zum weitberühmten Pfingstmarkt ... Und als es sich zum dritten Male jährte, fuhr ich wieder den bekannten Weg nach Frankreich. Zögernd, im selben Zickzack, das mir ehemals die Reiselaune gezeichnet, näherte ich mich dem Ziele. Nie ward eine törichtere Reise unternommen, als diese Pilgerschaft nach einem Lächeln. Ich sagte mir es selbst. Welche Veränderungen konnten, mußten in der Zwischenzeit vorgegangen sein!

Mit einem schwermütigen Behagen kostete ich den Anfang jenes blassen Abenteuers noch einmal durch. Ich fuhr spät Abends am Pfingstsonntag von Baden-Baden nach Straßburg. Dann versäumte ich am Montag Morgens absichtlich den Pariser Eilzug. Dann ging ich noch einmal zurück in die feiertäglich öde Stadt. Dann stieg ich in den Bummelzug nach Nancy. Ich tat, wie wenn ich einen Roman, der mich einst bezauberte, zum zweiten Male läse. Abergläubisch meinte ich, daß dann notwendig auch dieselbe Stelle kommen müsse, an der mich jene holde Stimmung ergriffen hatte ... Und sie kam.

Nancy! Helle, luftige, lustige Stadt. Gesang und junge Weiber und wehende Trikoloren. Alles wie damals. Und draußen der Jahrmarkt. Hastig und doch stockenden Fußes bin ich hinausgeschritten. Dieselben Lustbarkeiten, in Staub und Glanz gehüllt, am gleichen Ort. Da, unter den Bäumen, neben der Militärmusik, die Sesselreihen ... Und da – da saß auch sie wieder! Sie, wirklich sie! Madeleine de Commercy!

Sie trug diesmal ein lichtes Kleid. Ich erkannte sie sofort, schon aus der Ferne. Wie hoch mein Herz nach so jahrelanger Sehnsucht schlug, wie's mir in den Schläfen pochte, wie ich nach Atem rang ... Aber längst war ich mit meinem Feldzugsplane im Reinen. Behutsam schlich ich hinter sie und stellte meinen Sessel so, daß ich Alles sehen konnte und dabei unauffällig blieb ... Neben ihr befand sich der alte Herr – ihr Gatte oder Vater? Er sah vortrefflich aus und las Zeitungen – wahrscheinlich die gleichen Artikel wie damals in den legitimistischen Blättern vom Tage. Alles war so unberührt und unverändert, als wäre die Zeit still gestanden, als schliefe Dornröschen noch. Nur sie war ein wenig voller geworden, frauenhafter, und runder, träger die Bewegungen, wie nach einem vorzüglichen Schlummer, der voll von rosigen Träumen gewesen... Sie saß ganz still und ernst da. Nur ihre Blicke wanderten immer in derselben Richtung, als erwarte sie Jemanden, Mich? Glaubte, hoffte auch sie, daß der Vorübergehende von damals erscheinen würde? Ich bebte vor Seligkeit.

O, ich erzähle Ihnen meine ganze Torheit, meine ganze Enttäuschung. Denn bald kam er der Erwartete: ein Geck der Provinz. Da leuchteten ihre schönen Augen, und um den küssigen Mund tändelte jenes unvergeßbare Lächeln, das verheißungsvolle, süße, liebeswarme ...

Ich will Ihnen kurz das Ende sagen. Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich in sehr törichter Weise noch einmal mein Glück. Ich suchte mich ihr bemerkbar zu machen. Ich ging dicht an ihr vorbei, starrte sie vielsagend an: Da bin ich – erkennst Du mich! Ach nein, sie erkannte mich nicht. Fremd und abweisend strich ihr Blick über mich hinweg. Als ich meine komischen Bemühungen beharrlich fortsetzte, machte sie endlich ihren Liebhaber aufmerksam. Und beide kicherten dann über mich. Es war für beide ein Hauptspaß. Ich hatte genug, schlich zerknirscht und beschämt von dannen. Ich habe sie nie mehr gesehen.«

»Und das ist Alles?« rief spöttelnd Herr Fritz.

Der Doktor aber sagte ernsthaft: »Junger Fritz, Sie sind unendlich jung. Wenn ich das Schulbeispiel der wahren Liebe zu geben hätte, ich wüßte kaum ein deutlicheres. Denn hier ist Alles Illusion, Traum, Einbildung. Ein Hauch, ein Blick, ein Lächeln genügt.«

Und Herr Paul schloß mit einem leichten Seufzer: »Ja wohl. Doch zürne ich der Madeleine von Commercy nicht, habe ihr nie gezürnt. Denn ich verdankte ihr köstliche Jahre einer schönen Sehnsucht. Und wenn ich's recht bedenke – was ist das Leben aller sensitiven Menschen Anderes als die Reise nach einem Lächeln?«

© Berlin, Verlag Gebrüder Paetel, 1900
LITERATURHAUS
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags


Artikel aus dem Buch "Große Österreicher"#

Theodor Herzl 1860-1904

Auf dem Herzl-Berg, der sich über dem neuen Jerusalem erhebt, gingen am 2. Mai die Großen des Staates Israel zum Grabe jenes neuen Moses, der vor 100 Jahren geboren wurde, jenes Redakteurs der >Neuen Freien Presse<, der die Staatsidee des jüdischen Volkes formuliert hat. Ehrenkompanien präsentierten das Gewehr. Davon abgesehen, daß die israelische Garde Dschungelgrün trägt und nicht Silberharnisch über gelbem Koller, schien alles so zupaß gekommen, wie es Theodor Herzl sich vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert vorgestellt hat. Und doch, es ist so ganz anders gekommen ...«
Dies ist in einer nicht mehr existierenden Wiener Zeitschrift zum 100. Geburtstag eines Wiener Journalisten, der die Welt veränderte, geschrieben worden.

Theodor Herzl, in Budapest geboren, nach Wien zum Jusstudium geschickt und alsbald vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, die zu einem beachtlichen Prozentsatz aus restlos assimilierten Juden bestand, schrieb in Wien Feuilletons und Lustspiele und war drauf und dran, vollends zum Wiener Literaten zu werden, als ihn die damals tonangebende »Neue Freie Presse« zu ihrem Pariser Korrespondenten ernannte. 1891 ist er ein »gemachter Mann«.

Und in Paris weitet sich nicht nur sein Horizont, sondern nebstbei auch sein Blick auf die großen Probleme: eine neue Art von Antisemitismus zieht herauf, der man nicht mehr mit Flucht aus dem Städtel entgehen kann. Sie ist international und subtil und setzt sich mit den assimilierten Juden auseinander. In Wien würde Herzl sie vielleicht um diese Zeit noch gar nicht bemerken. In Paris aber gibt es die Affäre Dreyfus, und diese erlebt Herzl hautnah als Korrespondent.

Seine erste Reaktion ist die eines Phantasten. Er will die Juden Wiens zur Massentaufe in die Stephanskirche rufen und sich dabei seiner Zeitung als Lautsprecher bedienen - die jüdischen Besitzer und Chefredakteure der NFP können die Idee rasch beiseite schieben, werden freilich auch beiseite stehen, wenn Herzl mit seiner zweiten Idee kommt. Diese ist schlicht und einfach der Aufruf zur Gründung eines Judenstaates und lag »in der Luft«. Wäre es nach Herzl gegangen, wäre sie zu einem folgenreichen Leitartikel der NFP geworden und dann erst Realität. Weil aber die Zeitung nicht nur nicht anbeißt, sondern sich ausdrücklich weigert, dem Gedanken Platz einzuräumen, muß Herzl seine Zeit und Kraft fortan der Arbeit für den kommenden Judenstaat nicht als Journalist, sondern als Amateurdiplomat im Nebenberuf widmen -und da bringt er, wie jeder Österreicher, der sein »Hobby« betreibt, sehr viel weiter.

Herzl schreibt eine Broschüre »Der Judenstaat« und läßt einen Roman »Altneuland« folgen und begleitet alle seine Aktivitäten mit einem anschwellenden Konvolut von immer noch aufregend zu lesenden Tagebuchnotizen. Er läßt es aber nicht dabei bewenden, sondern bringt es zustande, daß nach seinen Ideen in der Schweiz Zionistenkongresse von internationalem Zuschnitt abgehalten werden. Ihm ist das keineswegs genug, er verhandelt mit allen großen Bankiers über die notwendigen finanziellen Zuwendungen und treibt die Gründung einer zionistischen Bank voran. Auch das scheint ihm nicht genügend Arbeit, er reist zu offiziellen Verhandlungen mit dem Sultan, wird von Wilhelm II. empfangen, er sorgt für adelige Gönner seines Projektes und mobilisiert die einflußreichen Juden in aller Welt.

Während er seine Sache predigt und die Sache der Juden auf allerhöchster Ebene vorträgt, ist er freilich weiterhin Redakteur in Wien und stets darauf bedacht, dies auch zu bleiben - seine Kollegen klagen über den Chef des Feuilletons, der zwar Entdeckungen wie Stefan Zweig bringt und seine Freunde wie Arthur Schnitzler enger ans Blatt bindet, gleichzeitig aber die tägliche Arbeit vernachlässigt und Berge von eingesandten Feuilletons nicht durchliest, die von den Lesern so geschätzten eigenen Beiträge immer seltener liefert. Zur gleichen Zeit empfangen ihn die Großen der Welt stets ausdrücklich als den Redakteur der geschätzten »Neuen Freien Presse« und zögern aus den verschiedensten Gründen, der zionistischen Bewegung haltbare Zusagen zu geben ...

Und Herzl ist zerrissen, er denkt an Zeitungsgründungen, er sorgt sich um seine finanzielle Sicherheit, er will den neuen Judenstaat in Palästina, ist aber auch bereit, über eine Ansiedlung in Kenia zu diskutieren und dem Kongreß vorzuschlagen, die Heimat der Juden solle Ostafrika werden. Zwischendurch bringt er- wann eigentlich? - seine Vision des Staates zu Papier, bis heute ist sie niemals vollständig veröffentlicht worden, denn viel Phantasterei und seltsame Zusammenstellung aus den verschiedensten Welten paart sich da. Herzl schwebt ein Judenstaat vor, der in Palästina oder Ostafrika lagert wie eine Filiale des »Großwien« Luegers. Ein Parlament soll sein, doch auch an eine Krönung eines Königs der Juden ist ernsthaft gedacht. Der Feuilletonist macht da dem Politiker immer wieder sehr zu schaffen.

Kaum vorzustellen, wie das gewesen sein muß: Da erscheint bei einer Wiener Burgtheaterpremiere ein typisch »schöner« Herr im Publikum, und ringsum zischelt man: »Der König der Juden.« Karl Kraus hat Herzl mit der Broschüre »Eine Krone für Zion« zusätzliche Popularität verschafft und dem Gelächter ausgesetzt.

Als Herzl 1904 an einem nicht kurierten Herzleiden stirbt, kommen 6 000 Zionisten zu seinem Begräbnis und lassen Wien und die Welt erkennen, welch eine Idee und welch ein Propagandist dieser Idee Herzl in einem war. Sie setzen Herzls Arbeit fort, lassen freilich das Projekt Ostafrika rasch in der Versenkung verschwinden und warten, wie sehr die Balfour-Deklaration Siedler nach Palästina lockt: Es sind verzweifelt wenige, die der Idee Herzls folgen. Es werden Hunderttausende, als der Nationalsozialismus sozusagen Herzls Idee »aufgreift« und die Juden in den Tdc oder ins Gelobte Land treibt. »Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen«, schrieb Theodor Herzl, der Feuilletonist aus Wien. Jetzt ist ein Berg, eine Stadt, ein Museum nach ihm benannt, und sein Bild schmückte lange Zeit Banknoten des Staates Israel. Und junge Israelis staunen, daß man in Wien den Mann der für sie einer der Väter ihres Landes ist, als Journalisten zu kennen glaubt.


Artikel aus dem Buch#

Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987)

THEODOR HERZL#

Der Weg nach Zion#

„Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist. Ich weiß heute nicht, ob ich es ausführen werde. Es sieht aus wie ein mächtiger Traum. Aber seit Tagen und Wochen füllt es mich aus bis in die Bewußtlosigkeit hinein, begleitet mich überall hin, schwebt über meinen gewöhnlichen Gesprächen, blickt mir über die Schulter in die komische kleine Journalistenarbeit, stört mich und berauscht mich." Diese Worte stehen am Anfang von Theodor Herzls Tagebüchern, die er 1895 beginnt und die der „Judensache", dem Kampf um einen Judenstaat, gewidmet sind.

1895 betrat er den Weg nach Zion und schritt unbeirrt auf ihm weiter bis zum Ende seines Lebens. Doch Herzl fand auch zahlreiche Gegner seiner Idee im Wien der Jahrhundertwende: Karl Kraus griff sie 1898 in der Broschüre „Eine Krone für Zion" an, und ein Jahr zuvor hatte Julius Bauer auf den Zionistengründer gedichtet:


„Von Sudermann hat er den
Bart,
die Ironie von Heine.
Doch sein Talent von starker
Art
gehört ihm ganz alleine.
Er sieht ein Ziel, ein Ziel so
weit,
im Träumen wie im Wachen:
Er denkt daran, in dieser Zeit
mit Juden Staat zu machen!"


Auch der Ehrenpräsident der Österreichisch-Israelitischen Union, Sigmund Mayer, urteilte 1917 in seinem Werk über die Wiener Juden: „Herzl, ein glänzender Feuilletonist, war ein Mann edelster und reinster Gesinnung, aber weder Staats- noch Wirtschaftspolitiker. So wurde er der Führer der Bewegung nach einem Ziele, für welches ihm das sachliche Urteil fehlte. . . Aber der unstreitig hoch idealen Gesinnung, welche den Judenstaat schaffen wollte, fehlt die Verknüpfung mit dem praktischen Sinn. Dem Judenstaat werden immer zwei Dinge fehlen: das brauchbare Land und die brauchbaren Juden!"

„Was Herzl getan hat", schrieb der Literaturhistoriker Harry Zohn 1986, „davon berichtet die Geschichte. Wie er es getan hat und welche Art von Mensch er war, das finden wir in seiner Broschüre ,Der Judenstaat', in seinem Selbstbildnis, den Tagebüchern, den zionistischen Aufsätzen und Reden, und in denjenigen seiner anderen Schriften, denen die Darstellung einer großen schöpferischen Idee, deren Krone der heutige Staat Israel ist, Unsterblichkeit verliehen hat. In diesen Werken ist auch heute noch das Schlagen eines großen Herzens zu spüren."

Theodor Herzl. Nach einem Original von L. Blum (1934)

Weiterführendes#

Quellen#

  • AEIOU
  • Literaturhaus
  • Literaturmuseum
  • Wiener Zeitung
  • Das große Buch der Österreicher, ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau (1987), Wien, 615 S.
  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.
  • Der Brockhaus - Literatur, Lexikonredaktion des Verlags F.A. Brockhaus (2004), Mannheim, 959 S.
  • Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S.
  • Die Presse


Redaktion: I. Schinnerl