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Kramer, Theodor#

* 1. 1. 1897, Niederhollabrunn

† 3. 4. 1958, Wien


Lyriker


Kramer, Theodor
Theodor Kramer. Foto.
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

Der bedeutende niederösterreichische Lyriker Theodor Kramer wurde am 1. Jänner 1897 als Sohn des jüdischen Gemeindearztes Max Kramer in Niederhollabrunn (Weinviertel) geboren. Hier verbrachte er gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder Richard seine Kindheit, erhielt zuerst häuslichen Privatunterricht und besuchte dann die Volksschule. Anschließend besuchte er das Realgymnasium in Stockerau, bevor er 1908 in eine Realschule in Wien wechselte. Gemeinsam mit seinem Bruder lebte er in verschiedenen Untermietszimmern.


1913 traten Theodor und Richard Kramer der Freideutschen Jugend bei, wo sie im Wiener Arbeitskreis „Anfang" tätig waren. Aus dieser Zeit stammen die ersten dichterischen Versuche Kramers. Er beendete die schulische Ausbildung unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und wurde im Oktober 1915 in den Kriegsdienst einberufen. Im Juni 1916 wurde schwer verwundet und nach seiner Genesung wieder an die Front geschickt. Von 1918 bis 1921 besuchte Kramer Vorlesungen der Germanistik und Geschichte der philosophischen Fakultät und inskribierte an der juridischen Fakultät in Wien. Er musste jedoch aus finanziellen Gründen sein Studium wieder abbrechen.

Von 1919 bis 1931 arbeitete er als Werkstudent unter anderem in Buchhandlungen und Verlagen. Diese Zeit - die Wanderjahre - war auch die Zeit, in der er ganz Niederösterreich und das Burgenland kennenlernte und seine neu gewonnenen Erfahrungen sowie Kriegserinnerungen in seiner frühen Lyrik verarbeitete. 1926 erfolgte Kramers erste Gedichtveröffentlichung unter dem Titel "Anderes Licht" in der Zeitschrift "Die Bühne".

Mit Hilfe seines Schriftstellerfreunds Leo Perutz begann Theodor Kramer im Jahr 1927 mit der Entwicklung seiner selbständigen lyrischen Ausdrucksweise. Er fand den Weg in die Öffentlichkeit, nahm an einem Lyrik-Wettbewerb teil und gewann dabei den Ruf einer "lyrischen Hoffnung". Seine Gedichte wurden von Verlegern in Wien, Berlin und Prag herausgegeben und in Zeitschriften abgedruckt. Bald erhielt er einen Preis der Stadt Wien. Nach einem weiteren Preis bekam er die Möglichkeit, in Arbeiterheimen und Volkshochschulen zu lesen. Aufgrund einer schweren Erkrankung war sein finanzielles Einkommen bald auf die Einkünfte als Lyriker reduziert. Ein Versuch, bei einem Verlag unterzukommen, scheiterte und so lebte Kramer ab 1931 als freier Schriftsteller.

Ab dem Jahr 1933 fand er stärkeren Zugang zum Literaturbetrieb - er wurde zum Obmann-Stellvertreter der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" gewählt - jedoch reduzierten sich die Publikationsmöglichkeiten im Deutschen Reich und Osterreich enorm, da Kramers Name auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" der Reichsschrifttumskammer gesetzt wurde und er Berufsverbot bekam. Durch die Unterstützung von Freunden und Lesungen in Privatwohnungen sowie die Einhebung des "Kramer-Schillings" konnte er sich finanziell über die Runden bringen.


Mit dem Gedichtband "Mit der Ziehharmonika" verschaffte Kramer sich einen festen Platz in der österreichischen Literaturgeschichte. Die schwerwiegenden Ereignisse des Berufsverbots, Arbeitslosigkeit, Verlust der Wohnung und zunehmende Aussichtslosigkeit führten 1938 zu einem psychischen Zusammenbruch.


Nach einigen missglückten Versuchen, in ein Asylland zu emigrieren, gelang die Ausreise nach England. Dort bekam Kramer Unterstützung und lebte vorerst in London. Seine Lebensumstände waren aber alles andere als erfreulich: Er arbeitete als Diener und war auf Almosen angewiesen. Schließlich bekam er aber eine Stelle als Bibliothekar im County Technical College in Guildford und verließ London. Im Jänner 1943 starb Kramers Mutter in einem Konzentrationslager, wovon er aber erst nach Kriegsende erfuhr. In diese Zeit fällt auch die Trennung von seiner Ehefrau. Nach dem Krieg hatte er zwar einige Möglichkeiten, in sein Heimatland Österreich zurück zu kehren, er konnte sich jedoch nicht zu einer schnellen Rückkehr entschließen.


Erst 1957 kehrte Kramer nach Wien zurück. Der österreichische Bundespräsident stiftete ihm zum 61. Geburtstag eine Ehrenpension und auch zwei Förderungspreise der Theodor-Körner- Stiftung gewährleisteten seine finanzielle Absicherung. Am 3. April 1958 starb Kramer, seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Im selben Jahr wurde ihm posthum der Literaturpreis der Stadt Wien verliehen.

Kramers literarische Leistungen sind von unschätzbarem Wert. In den Jahren von 1925 bis 1958 schrieb er etwa 12.000 Gedichte, wovon zurzeit ungefähr 2.000 in verschiedenen Ausgaben seiner Gedichtbände nachzulesen sind. Viele sind jedoch unveröffentlicht. Während Kramer von Thomas Mann als "einer der größten Dichter der jüngeren Generation" bezeichnet wurde, geriet sein Werk zu Lebzeiten durch seinen Aufenthalt im Exil in Vergessenheit. Die Wiederentdeckung seiner Werke erlebte in den 1970er Jahren einen entscheidenden Aufschwung und auch die Vertonung einiger seiner Gedichte in den letzten Jahren trug maßgeblich zur Bewusstseinserneuerung seines Werkes bei.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur, 1928 und 1958 (posthum) zusammen mit Heinrich Suso Waldeck
  • Emil-Reich-Preis der Universität Wien, 1929
  • Preis der österreichischen Liga für die Vereinten Nationen, 1947
  • Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst, 1956 und 1957


Leseproben#

Wiedersehen mit der Heimat

Nach Jahren kam, verstört,
ich wieder her;
der alten Gassen manche
sind nicht mehr,
der Ringturm kantig
sich zum Himmel stemmt:
erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Mir schließt sich im Gedächtnis
nicht das Loch;
Espressos glitzern,
mich empfängt kein Tschoch,
das Moped braust,
nur hastig wird geschlemmt:
erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Sind auch die Lüfte
anderswo bewohnt,
mir ist, als zielte alles
nach dem Mond,
der saugte,
zwischen Dächern eingeklemmt:
Erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Motto des Buches

Der Braten resch, der Rotwein herb,
der Schwarze heiß, die Liebe derb,
das Sinnen bang, der Schritt beherzt
und scharf die Worte, dass es schmerzt


Der gute Wirt

Die alten Kracher, die erbärmlich hinken,
die still im Stüberl ihren Stutzen trinken,
die kleinen Leut, die nichts sich leisten können,
die sich nur Beuschel oder Bauchfleisch gönnen,
die lang das Fleisch von einer Rippe schaben,
könnt nicht auch sie als werte Gäst ich haben,
mit schmeckte nicht zum Schweinernen der Wein,
es wär mir keine Ehr, ein Wirt zu sein.

Ein Nachtmahl auswärts

Im Zimmer ist es mehr als schwül;
laß Rein und Pfanne stehn,
wir wollen . draußen ist es kühl .
heut auswärts essen gehen.
Schön stehen Tisch an Tisch gereiht,
hier kehrt es gut sich ein;
laß uns, als wie in alter Zeit,
beim Wein gemütlich sein.

Schlüpf unterm Tisch aus deinen Schuhn,
es schert sich niemand drum;
was sie auch rechnen für ein Huhn,
es bringt uns, Frau , nicht um.
Im Freien wird der Mensch gescheit,
daheim fällt ihn nichts ein;
laß uns, als wie in alter Zeit,
beim Wein gesprächig sein.

Die Zeit mit Wind zur Nacht im Haar
und Gras und Vogelschrei,
da jeder Tag ein neuer war,
die ist für uns vorbei.
Die ihr verstarbt, seit wir zu zweit,
schaut uns ins Glas herein;
lasst uns, als wie in alter Zeit,
beim Wein besinnlich sein.


Glühwein

Nun surrt in den brüchigen Kapseln der Mohn,
das gibt einen eigenen seltsamen Ton,
als würden mit Dämpfern wo Saiten gestimmt;
da trink ich zur Nacht ein Glas Rotwein mit Zimt.

Der Herbstrauch liegt fahl über Hecken und Rain,
die Feuchtigkeit schleicht sich gar leicht ins Gebein;
drum trink ich , sobald vor dem Fenster verschwimmt
die Farbe des Tags, ein Glas Rotwein mit Zimt.

Gesammelte Gedichte, 3 Bände, 1984-87 mit freundlicher Genehmigung des Europaverlags

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"Für die, die ohne Stimme sind" (Essay)#

von Cornelius Hell in "Die Furche", Nr. 13, 2. März 2008, Seite 14

(Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift "Die Furche")

Zum 50.Todestag Kramers

Der Erste Weltkrieg raubte ihm die Jugend, der Nationalsozialismus Heimat und Existenz, das Klima der Nachkriegszeit den einstigen Erfolg. Dazwischen blieben ganze sieben Jahre, in denen er als freier Schriftstellerleben konnte und Österreichs erfolgreichster Lyrikerwar: Theodor Kramer. 1897 in Niederhollabrunn geboren, musste er nach der Matura in den Krieg und wurde schwer verwundet. Nach einem abgebrochenen Studium schlug er sich als Buchhändler durch. Seine Gedichte wurden bald in den renommiertesten Zeitungen zwischen Königsberg und Basel, zwischen Hamburg und Wien gedruckt. Sie formulieren die Kriegserfahrung, finden unprätentiöse Bilder für die Lösslandschaft des Weinviertels und rückten vor allem Außenseiter in den Mittelpunkt: Bettgeher, eine Weinmagd oder eine erfrorene Säuferin, einen Taglöhner und immer wieder Huren. Kramer schrieb „für die, die ohne Stimme sind“.
Eines der bekanntesten seiner genial-einfachen Gedichte ist

"Wer läutet draußen an der Tür?"

In fünf Strophen wird diese Frage immer weniger euphemistisch beantwortet, bis am Ende die entsetzliche Wahrheit steht:

"Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah.
Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein
und wein nicht: sie sind da."


Als Jude und Sozialdemokrat wurde Kramer nach dem "Anschluss" mit Arbeits-und Berufsverbot belegt. 1939 konnte er nach London emigrieren, wo er 1940/41 als "feindlicher Ausländer" interniert war, 1946 die britische Staatsbürgerschaft erhielt und als Bibliothekar ein karges Auskommen hatte. In Österreich erschien erst 1956 wieder eine nennenswerte Publikation von ihm: Michael Guttenbrunner gab den Band "Vom schwarzen Wein" heraus, der unter anderem das "Requiem für einen Faschisten" enthält – Kramers Totenlied für den von seiner Antibürgerlichkeit wie von der Formenstrenge seine Gedichte her verwandten, aber politisch radikal entgegengesetzen Josef Weinheber. Kramer bringt es fertig, den Satz "Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen" in eine bewegende Totenklage zu integrieren.


1957 holte man den vereinsamten und kranken Kramer nach Österreich zurück und verschaffte ihm eine Ehrenpension, die er noch wenige Monate in Anspruch nehmen konnte. Am 3. April 1958 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls. Dass seine Verse lebendig blieben, ist nicht zuletzt der Musikgruppe "Zupfgeigenhansel" zu danken, die nicht wenige vertonte. Kramer, der mit der Stetigkeit eines Handwerkers ausschließlich Lyrik schrieb, hat ein riesiges Werk hinterlassen.
Davon zeugt die seit 2005 im Zsolnay Verlag neu edierte dreibändige Ausgabe "Gesammelte Gedichte". Auch seine "Liebesgedichte" erschienen 2005 in einer erweiterten Neuausgabe mit einem Nachwort von Daniela Strigl.

Sie sprach auch bei der Festveranstaltung zu Kramers 50. Todestag in der Wiener Urania am 2. April 2008 – zusammen mit Erwin Chvojka, dem Kramer-Nachlassverwalter, dem auch fast alle Ausgaben zu verdanken sind. Am Tag darauf fand ein Besuch bei Kramers Ehrengrab am Zentralfriedhof statt, und am 26. April konnte man Kramers Landschaften erwandern.

Die Furche", Nr. 13, 2. März 2008, Seite 14


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Werke (Auswahl)#

  • Gesammelte Werke, Drei Bände, 623, 623 u. 828 S.
  • Lass still bei dir mich liegen, Liebesgedichte. Nachwort von Daniela Strigl. 153 S.
  • Beide hg. von Erwien Chvojka im Paul Zsolnay Verlag
  • Der Braten resch, der Rotwein herb Europaverlag Wien-Zürich 1988
  • Die Gaunerzinke, 1929
  • Kalendarium, 1930
  • Die ohne Stimme sind, 1936
  • Verbannt aus Österreich, 1943
  • Wien 1938, 1946
  • Die grünen Kader, 1946
  • Die untere Schenke, 1946
  • Lob der Verzweiflung, 1947

  • Ausgabe: Gesammelte Gedichte, 3 Bände, 1984-87

Literatur#

  • D. Strigl, T. Kramer, Wo niemand zuhaus ist, dort bin ich zuhaus, 1993
  • E. Chvojka und K. Kaiser, Vielleicht hab ich es leicht, weil schwer, gehabt, 1997
  • Neue Deutsche Biographie

Quellen#



Redaktion: H. Maurer