unbekannter Gast

Loidolt, Gabriel#

* 4. 10. 1953, Eibiswald


Schriftsteller

Loidolt, Gabriel
Loidolt Gabriel
© Verlag dtv
Gabriel Loidolt wurde am 4. Oktober 1953 in Eibiswald (Steiermark) geboren und wuchs in Graz auf.

Nach dem Studium der Elektrotechnik in München und der Germanistik in Graz promovierte er 1986 zum Dr. phil.

Nach mehreren Jahren als Universitätslektor im Ausland arbeitete er bei verschiedenen Kulturvereinen in Graz, wo er sich (öfters mit Bogdan Grbic von der Grazer Filmwerkstatt) als Übersetzer und Mitherausgeber verschiedener Publikationen über osteuropäische und asiatische Filmkunst betätigte (z. B. "Die siebte Kunst auf dem Pulverfass"). Darüber hinaus interviewte er etliche Schauspieler für das mittlerweile eingestellte Filmmagazin "BLIMP"- u. a. die Hollywood-Legende Leon Askin.

Gabriel Loidolt schrieb Romane und Literaturkritiken für den Wiener Standard und arbeitete zuletzt als freier Werbetexter.
Seit 1998 lebt er als freier Schriftsteller in Graz.

Loidolts Hauptthemen, die sich wie ein roter Faden durch seine Bücher ziehen, sind wohl die Einsamkeit des modernen Menschen und der Zusammenprall verschiedener Kulturen. Sein Roman "Hurensohn" kam 2003 auch als Kinofilm unter dem gleichnamigen Titel heraus.

Werke (Auswahl)#

Bücher
  • Der Leuchtturm, 1988
  • Levys neue Beschwerde, 1989
  • Hurensohn, 1998
  • Die irische Geliebte, 2005
  • Begegnung um Mitternacht. 10 Geschichten über die Liebe, 2006
  • Yakuza, 2008

Film

  • Hurensohn. Drehbuch (nach dem gleichnamigen Roman von Gabriel Loidolt) u. Regie: Michael Sturminger. Aichholzer Filmproduktion / Tarantula Film, Luxemburg, 2003


Leseprobe#

aus Gabriel Loidolt - "Hurensohn"

Eigentlich wollte ich meine Hurenmutter gar nicht umbringen. Nicht, als ich sie die Treppe hinunterstürzte. Trotzdem bin ich ein Mutterverbrecher geworden, das ist eine Tragödie. In meiner Wut habe ich natürlich oft gedacht: Ich bringe sie um! Denn stets mußte ich nach ihrer Pfeife tanzen. Trotzdem konnte ich ihr nie etwas recht machen. Auch sie wollte mich oft umbringen: "Picka ti materina!" fluchte sie bei jeder Gelegenheit. "Man sollte dich wie eine Laus erschlagen, du undankbarer Idiot!"
Wir verstanden einander nie gut, das stimmt. Doch richtig schlimm wurde es erst, als ich erfuhr, was meine Mutter tatsächlich trieb. Damals besuchte ich bereits die zweite Klasse der normalen Schule, ganz in meiner Nähe. Ich hatte keine guten Noten, aber ich war nicht sitzengeblieben. Ich verstand und sprach gut Deutsch und liebte diese Sprache sogar. "Deutsch ist nur so schwer, weil die Österreicher es nicht beherrschen!" sagte Onkel Ante. "Laß einen Politiker bis drei zählen, und du weißt, aus welchem Stall er kommt!" Die meisten Schüler in der Schule allerdings sprachen nicht das schöne Deutsch von Jakov, ja auch nicht das meines Onkels, der fast so perfekt wie Jakov sprach. Deshalb wurde ich bald als unechter Österreicher erkannt, obwohl ich doch ein Eingeborener war wie die meisten meiner Mitschüler. Aber eben kein echter Eingeborener, weil meine Mutter noch den roten Paß hatte, nicht den grünen. So war ich zuerst ein Balkanier, dann ein Jugo und schließlich ein Tschusch. Ich wagte immer seltener, meinen Mund aufzumachen, ich begann mich vor der Schule zu fürchten. Ich schwitzte, wenn ich aufstehen und zur Strafe bis hundert zählen sollte. Bevor ich den Mund aufmachte, hörte ich Onkel Ante zählen, ich hörte Jakov, Tante Ljiljana, meine Mutter und in abwechselndem Echo meine Mitschüler aus meiner Lebensstadt und den todesgefährlichen Zeckendörfern der echten Eingeborenen. Ich begann zu zählen, die halbe Klasse kicherte. Da schlug der Herr Lehrer mit seinem Lineal auf den Tisch, und ich durfte mich setzen.

(c) 1998, Alexander Fest, Berlin. Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Literaturhaus

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Literaturpreis des Landes Steiermark, 2010

Quellen#

Redaktion: I. Schinnerl