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Marcus, Siegfried#

* 18. 9. 1831, Malchin Malchin (Deutschland)

† 1. 7. 1898, Wien


Erfinder, Techniker


Siegfried Marcus.Foto, © Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU
Siegfried Marcus.Foto
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

Siegfried Samuel Liepmann Marcus wurde am 18. September 1831 in Malchin (ca. 50 südöstlich von Rostock) als Sohn von Liepmann und Rosa Marcus geboren.


In Malchin begann er eine Mechanikerlehre, schloss diese in Hamburg ab und besuchte in Berlin eine Gewerbeschule. Anschließend war Marcus bei Siemens & Halske in Berlin beschäftigt.


1852 kam Marcus (aus unbekannten Gründen) nach Wien. Bereits Mitte der 1850er Jahre wurde der junge Techniker durch verschiedene mechanisch physikalische Entwicklungen bekannt, und er erhielt ein Privileg (Patent) für einen magnetischen Induktor, ein Arbeitsgebiet, welches ihn die nächsten 30 Jahre lang immer wieder beschäftigte.

1856 gründete Marcus sein erstes Labor, zu Beginn der 60er Jahre baute er verschiedene elektrotechnische Geräte. Am 21. 6. 1864 erwarb er ein Privileg auf eine magnetelektrische Zündung, am 30. 3. 1865 auf einen Vergaser.

Er montierte den ersten Benzinzweitaktmotor auf einem hölzernen Handwagen (heute "Erster Marcus Wagen" genannt), nachweisbar durch eine authentische Photographie aus dem Jahre 1870 mit autographer Beschreibung durch Marcus.

Sein zweiter Wagen (heute im Eigentum des ÖAMTC, als Dauerleihgabe im Technischen Museum Wien) war 1888 fahrbereit. Der "Zweite Marcuswagen" wurde weltweit anerkannt, steht unter Denkmalschutz, verfügt über alle Merkmale des modernen Automobils, vier Räder, Lenkung und Bremsen, einen schnellaufenden Viertaktbenzinmotor (Einzylinder) mit Spritzbürstenvergaser und Magnetabreißzündung und leistet 0,55 kW (0,75 PS).

Marcus erwarb mehr als 38 Patente für Verbrennungskraftmaschinen, Telegrafie, Gastechnik und Elektrotechnik.

Hauptsächlich beschäftigte sich Siegfried Marcus mit elektrotechnischen Fragen. 1888/89 baute die Firma Märky, Bromovsky und Schulz den "Zweiten Marcus Wagen", der Marcus - auch infolge seit 70 Jahren falschen Vordatierung auf 1875 - weltbekannt machte.


Erster Marcuswagen
Erster Marcuswagen
aus: http://carsablanca.de
Marcuswagen im Technischen Museum Wien
Zweiter Marcuswagen im Technischen Museum Wien
Foto: Peter Diem
Der zweite Marcus-Wagen
Der zweite Marcus-Wagen, Foto 1988
Pressestelle des ÖAMTC, Wien, für AEIOU

Frühere Tafel beim Marcuswagen im Technischen Museum Wien
Tafel bis 2010 - Quelle: ASME, New York
Denkmal vor TU Wien
Denkmal vor TU Wien - Foto: P. Diem

Am 1. Juli 1898 starb Marcus in Wien. Seine letzten Lebensjahre hindurch litt er unter Gesundheitsproblemen. In sein Todesjahr fällt das erste öffentliche Auftreten des Zweiten-Marcus-Wagens anlässlich einer Kollektivausstellung der Automobilbauer Österreichs auf der "Kaiser Franz Joseph Jubiläums" Gewerbeausstellung.

Marcus hat zu Lebzeiten 131 Patente in 15 damaligen Staaten angemeldet. Er hat jedoch niemals ein Patent auf ein Automobil beantragt oder erhalten und er hat auch niemals von sich behauptet, das Automobil erfunden zu haben. Er hat jedoch als erster, zu einer Zeit als in der Dampfmaschine viele die Zukunft für den mobilen Antrieb gesehen haben, Benzin als Treibstoff verwendet.

Der später zum evangelischen Glauben konvertierte Siegfried Marcus ruht in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Marcus wegen seiner Abstammung tot geschwiegen. Sein Wagen von 1889 wurde 1950 von Alfred Buberl restauriert. Mit Gustav Goldbeck und Hans Seper begann in den frühen 1960er Jahren die wissenschaftliche Marcusforschung, die mit den Arbeiten von Ursula Bürbaumer und Horst Hardenberg ihren vorläufigen Abschluss gefunden hat.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Silbermedaille Auf der Pariser Weltausstellung (1867) von Kaiser Franz Joseph ausgezeichnet
  • Marcus ruht zusammen mit seiner Lebensgefährtin in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 101).
  • Anlässlich des 100. Todestages von Marcus zeichnete das Komitee ‚History and Heritage’ der American Society of Mechanical Engineers 1998 den in ÖAMTC-Besitz befindlichen Marcus-Wagen mit dem ‚International Historic Engineering Landmark’ aus.

Zitate#

Über Marcus: "Einer der erfindungsreichsten Wiener Ingenieure, der jede ihm gestellte Aufgabe bisher gelöst und dadurch auch einen Hauptkunden in der deutschen Kriegsverwaltung für elektrische Apparate gefunden, hat schon vor Jahren einen Petroleum-Motor construiert und einem engeren Kreis von Freunden im Betrieb gezeigt. Heute aber erfährt man erst, dass ein solcher Motor mit 450 Pferdestärken im Deutschen Reich in Gebrauch ist. Mit einem solchen Motor in Verbindung mit dem neuesten Fortschritt in der billigen Herstellung des Aluminiums ist die Lösung der Luftschifffahrtsfrage einen Schritt näher gerückt!"
(Aus "Wien 1848 - 1888, Denkschrift zum 2. December 1888, herausgegeben vom Gemeinderathe der Stadt Wien, 1. Band", Wien 1888, S 196).


"Ich laboriere nebst den direkten Erwerbsarbeiten, immer an der Verwertung meiner zahlreichen Erfindungen und habe von hiesigen Maschinenbauern (bei getheilter Arbeit) mehrere Muster theils fertig, theils noch in Arbeit. ... Ich habe eine sehr schöne Kraftmaschine in meinem Magazin. Diese Maschine kostete mir 1600 fl (Anm.: ca.16000 €). Entgegen meinem Wunsche (nämlich da ich noch keine Patente im Ausland besitze) etwas zu früh, ist sowohl in einer hiesigen Zeitschrift als auch in einem größeren wissenschaftlichen Werke über diese Maschine sehr vortheilhaft geschrieben worden"
(aus einem Brief Marcus an seinen Bruder, 7. Juni 1876).


Technische Errungenschaften und Erfindungen#


von Günter Rott, Graz


1) Motorwagen#

Der erste Marcus-Wagen#

Marcus 1870 erbauter Wagen – ein Benzin-Zweitaktmotor auf einem hölzernen Handwagen – hatte einen neuartigen Oberflächenvergaser und eine Elektro-Magnetzündung.

Den Vergaser hatte sich Marcus in dieser Form bereits 1866 patentieren lassen, ebenso wie die verschiedenen Versionen, die er in den 1860er Jahren entwickelte.

Dem Gefährt fehlten jedoch noch wesentliche Bestandteile eines Automobils wie Bremsen, Lenkung, Kupplung und dergleichen. Der erste Marcus-Wagen ist nicht mehr erhalten.

Leider gab es betreffs des Datums etliche Missverständnisse und Falschinterpretationen (z.B. Wagen schon 1864 erfunden), was lange Zeit einen gewissen Mythos um Marcus als vermeintlichen Erfinder des Automobils machte und somit deutlich vor den tatsächlichen Erfindern Daimler und Benz.

Durch intensive Forschungsarbeit in den 1960er Jahren wurde der Marcus-Mythos richtig gestellt.

Der zweite Marcus-Wagen#

Sein zweiter Wagen (heute im Besitz des ÖAMTC) war 1888/89 fahrbereit.

Er verfügt anders als der erste Wagen über alle Merkmale eines modernen Automobils – vier Räder, Lenkung und Bremsen, sowie einen schnell laufenden 1,5l Viertaktbenzinmotor mit 0,55 kW (0,75 PS). Innovativ an diesem Gefährt waren v.a. die elektrische Niederspannungs-Abreißzündung (Magnetzündungen, Patent 1883) und der Spritzbürstenvergaser (Patente 1883 und 1887). Auf einer ebenen Fahrbahn konnte man eine Geschwindigkeit von 5-8 km/h erreichen. Das Original-Fahrzeug gehört seit 1898 dem ÖAMTC und steht als Leihgabe im Technischen Museum in Wien. Als ältestes fahrfähig erhaltenes Automobil steht es unter Denkmalschutz.

2) Verbrennungsmotoren und Vergaser#

Insgesamt sind neun Marcus-Motorentypen bekannt. Der erste Motor wurde für den ersten Marcus-Wagen (1870) verwendet. Bis auf die letzten Motoren aus der Zeit von 1887/88 wurden alle Marcus-Motoren als verdichtungslose, direkt wirkende Zweitakt-Benzinmotoren nach dem Vorbild des Lenoir-Gasmotors konstruiert.

Drei von Marcus’ Viertaktmotoren sind erhalten geblieben. Der älteste davon, ein Stationärmotor, befindet sich im Technischen Museum in Wien. Ein anderer befindet sich im Technischen Museum in Prag.

Im Zuge der Automobil-Entwicklung beschäftigte sich Marcus auch intensiv mit Magnetzünder und Vergaser für die Motoren. Zunächst verwendete Marcus die in den 1860er bis 1870er Jahren üblichen Oberflächenvergaser, auf die er ab Mitte der 1860er Jahre Patente für Verbesserungen hielt.
Ab 1883 verwendete Marcus ausschließlich die von ihm erfundenen Spritzbürstenvergaser.

Von Beginn an benützte Marcus auch Magnetzünder aus eigener Konstruktion, anstatt der bis dato üblichen galvanischen oder Glüh- bzw. Flammrohrzünder.

3) Mechanische und elektrotechnische Apparate, Werkzeuge und dergleichen#

Obwohl der technische Marcus hts. mit der Entwicklung von Motoren bekannt wurde, stellte er auch andere Apparate her, u.a. verschiedenste Instrumente, Apparate, Lampen und Zünder für zivile und militärische Zwecke, sowie Geräte für das graphische Gewerbe und diverse Werkzeuge etc.

Einiges davon ist noch erhalten geblieben und großenteils im Wiener Technischen Museum zu besichtigen.

Nachdem es jahrelang übersehen worden war, fand man kürzlich im Narrenturm in Wien ein medizinisches Messgerät, das der Erfinder Marcus für den berühmten Pathologen C. Freiherr von Rokitansky konstruiert hatte. Rokitansky vermaß damit knöcherne Schädel; es ist jedoch leider nicht überliefert, wie man dieses Gerät verwendete.

Literatur#

  • E. Ertl, "Geschichten aus meiner Jugend", Leipzig 1927
  • E. Kurzel-Runtscheiner, "Siegfried Marcus: Lebensbild eines österreichischen Erfinders", Wien 1956
  • G. Goldbeck, "Siegfried Marcus, ein Erfinderleben", VDI-Verlag, Düsseldorf 1961
  • H. Seper, "Damals, als die Pferde scheuten." Wien 1968, Österr. Wirtschaftsverlag
  • A. Buberl, Automobile. Die bewegte Geschichte des Straßenfahrzeuges, 1991
  • A. Buberl, Die Automobile des S. Marcus, 1994
  • U. Bürbaumer, "Das erste Auto der Welt?", Wien 1998, Erasmus Verlag
  • H. Seper, Pfundner, Lenz, "Österreichische Automobilgeschichte." Klosterneuburg 1999, Eurotax Verlag
  • H. Hardenberg, "Siegfried Marcus, Mythos und Wirklichkeit", aus der Wissenschaftlichen Schriftenreihe des DaimlerChrysler Konzernarchivs, Bielefeld 2000, Delius & Klasing Verlag
  • H. Grössing (Herausgeber), U. Bürbaumer, J. Steinböck, H. Hardenberg, G. Schaukal und L. Mergl in "Autos, Fahrer, Konstrukteure. Automobilismus im Aufbruch", Wien 2000, Erasmus Verlag
  • N. Böttcher, Siegfried Marcus. Bedeutender Ingenieur und vielseitiger Erfinder, 2005

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: G. Rott, I. Schinnerl