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Maurer, Manfred#

* 8. 11. 1958, Steyr, Oberösterreich

† 11. 11. 1998, Wien


Schriftsteller


Manfred Maurer wurde am 8. November 1958 in Steyr, Oberösterreich, geboren.

Nach dem Besuch der Handelsakademie übte er verschiedene Tätigkeiten aus.

Er übersiedelte 1979 nach Wien und lebte hier seit 1981 als freier Schriftsteller. Er verfasste Romane, Krimis, Hörspiele, Drehbücher, Erzählungen, Kurzprosa und schrieb auch regelmäßig Rezensionen, Reiseberichte und Artikel, u. a. für "EXTRA" in der Wiener Zeitung und "EX LIBRIS", ORF.

Die Schwerpunkte seiner Themen waren das Leben der ArbeiterInnen und der Arbeitslosen, die internationale Unterhaltungsindustrie (speziell Musik, Trash), die anglo-amerikansche Literatur mit besonderem Interesse für Irland und irische Autoren. In seiner Literatur bewegte sich Maurer zwischen Realismus und Fantasy, zwischen dem Trivialen und seiner Parodie.

Manfred Maurer ist am 11. November 1998 in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, verstorben.


Auszeichnungen, Preise (Auswahl):

  • 1980 Anerkennungspreis des Literaturwettbewerbs der Kulturinitiative "Junges Steyr"
  • 1981 Erster Preis des Förderungspreises für "Literatur zur Arbeitswelt" der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich
  • 1982 Nachwuchsstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
  • 1985 Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
  • 1985 Luitpold-Stern-Förderungspreis für besondere Verdienste um die Arbeiter- und Erwachsenenbildung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
  • 1985 "Lesezirkel"-Preis für Kurzprosa des ORF, des Verlags der "Österreichischen Staatsdruckerei" und der "Wiener Zeitung"
  • 1987 Förderungspreis der Literar-Mechana Wien
  • 1988 Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst


Werke:

Bücher:

  • Sturm und Zwang. Roman. Wien: Europaverlag, 1984.
  • Land der Hämmer. Prosa. Wien: Europaverlag, 1985.
  • Thrill. Drei Erzählungen: Fotofinish, Der Taxifahrer, Thrill. München: List, 1988.
  • Das wilde Schaf. Roman. München: List, 1989.
  • Furor. Roman. München: List, 1991.
  • Opus G. Sekten-Thriller. Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe, 1996.
  • Die Touristenfarm. Eine irische Geschichte und andere Erzählungen. Wien: Löcker, 2000. (posthum)
  • „Ein irisches Evangelium“, Roman, unveröffentlicht.

Hörspiele:

  • Oh Anna. Regie: Alfred Pittertschatscher. ORF, 1986.
  • „Die Hochzeitsreise“, ORF 1984 und 1986.

Filme:

  • Die gestohlene Zeit. TV-Dokumentation in der Reihe "Alltagskultur". Drehbuch: Manfred Maurer. Regie: Peter Payer. ORF, 1993.
  • Lärm! Der tägliche Terror. TV-Dokumentation. Drehbuch: Manfred Maurer. Regie: Peter Patzak. ORF, 1994.
  • Beitrag in „Salut für HC Artmann“, ORF 1986.
  • „Hoch hinaus“, Treatment für die Eurovision in Genf 1989.
  • Drehbücher „Landfriede“ und „Schraders Rache“ sowie die vom ORF optionierte Verfilmung von „Opus G“ wurden nicht realisiert.



Leseproben#

aus Manfred Maurer - "Die Touristenfarm"

DIE TOURISTENFARM

Wir fahren gemächlich vom Lough Derg, wo gerade die härteste Wallfahrt der Welt stattfindet, nach Pettigoe, als uns ein Jaguar, der auf der schmalen Fahrbahn zwischen den grünen Hügeln heranbraust, in den Straßengraben zwingt. Ich reiße den Verschlag auf, bin mit einem Satz im Freien und werfe die Fäuste in die Luft, doch das Fahrzeug befindet sich schon außer Sichtweite.

"Sausäcke!, schreie ich, "Drecksbande!"
"Miese Herrenfahrermanieren", sagt Gloria, "und das ausgerechnet in der hintersten irischen Provinz!" Plötzlich sieht sie mich entsetzt an.
"Die Klomuschel!" rufe ich aus.
Wir öffnen hektisch den Kofferraum und seufzen dann erleichtert. Die Klomuschel, die wir weiter im Süden übernommen haben, ist unversehrt geblieben. Ich schiebe kräftig an, und unser kleiner Ford hopst aus dem Heidekraut heraus. (S. 7)

WENN ICH CHARLES BUKOWSKI WÄR

Wenn ich Charles Bukowski wär, hätte ich jetzt eine Flasche Scotch neben meiner ausrangierten Schreibmaschine und 400 Sexstories im Kopf, die ich abrufen und an irgendwelche Scheißblätter verklopfen würde. Ich würde mir dann ein großes Stück Rindfleisch, drei Tassen dampfenden Kaffee und weiteren Whisky leisten und mich nicht mehr einsam fühlen. Wohnen würde ich selbstverständlich auf einem Hinterhof in den Slums von L.A. Zum Pudern würde ich pimpern (natürlich in Englisch) sagen und keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, denn zwischen meinen massiven Beinen hätte ich dann einen großen Prächtigen. Jedem Arschloch, das mir zu nahe käme, würde ich die Visage zu Matsch zerschlagen und ein eiskaltes Lächeln auf die Meinige setzen. Überhaupt wär ich eine große Nummer, wenn ich Charles Bukowski wär. Neben all den affigen Leuten, die sich die Läuse aus dem Pelz kratzen, wär ich der einzige Mensch. Bullen, die nicht einmal Leute sind, würden bei mir nicht zum Zug kommen, und wenn doch, würde ich mich häuslich einrichten im Kittchen und das Beste herausholen beim Würfelspiel. Wenn ich Charles Bukowski wär, hätte ich inzwischen schon eine halbe Flasche Scotch und ein Sixpack geleert. Daß die Zähne in meinem stinkenden Maul verfaulen würden und ich Durchfall hätte, würde mich nicht besonders stören. Ich würde mich lieber mit Ventilatoren von Sears Roebuck aufhalten, und der Totalisator wär mein strahlender oder verlauster Gott. Ich würde mich nämlich, wenn ich Charles Bukowski wär, in meine Karre setzen und zum nächsten Pferderennen brausen. Würde ich gewinnen, würde ich mir eine platinblonde Blondine (natürlich mit Oberweite 115) anlachen, würde ich wegen eines lahmen Gauls um meinen ganzen Monatslohn kommen, würde ich Fuck it sagen, vorausgesetzt, daß ich Charles Bukowski wär. Fuck it. (S. 32f.)

© 2000, Löcker, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


aus Manfred Maurer - Reiseminiaturen

ITALIEN

1

Wie die Pappmachélandschaft einer Modelleisenbahn kleben die Hügel und Täler Chiantis vor uns im Dunst. Wie unzählige Karawanen ziehen die Weinstöcke dem Horizont entgegen. Dazwischen stehen wie Elefanten weitausladende Bäume herum. Mit den Öffnungszeiten nimmt man es nicht so genau hier heroben. Schon seit Stunden warten wir auf den Tabakhändler, um endlich die Marlboro zwischen die Zähne zu kriegen, die den Urlaub perfekt macht. Durch die getönten Scheiben der Telefonkabine seh ich grüngestrichene Fensterläden aufklappen. In der Bar laufen vor allem haushoch versicherte Fussballerbeine über den Bildschirm. Alte, verwitterte Italiener lassen sich am kiesbestreuten Dorfplatz unter einem Nadelbaum nieder und starren dem Düsenjäger nach, der einen Kondensstreifen auf den wolkenlosen Himmel malt. Die Jungen flitzen auf ihren knatternden Motorrollern die weissen Serpentinien rauf und runter, während die Goldfische im betonierten Becken ihre Kreise ziehen. Auf der Zapfsäule laufen die Zahlen.

2

Das ganze Haus ist voller Fliegen. Mit dem Besenstiel geh ich auf Spinnenjagd. Um unsere nackten Beine streicht die Katze, die du Miranda taufst und mit Schinken fütterst. Der scheckige Hund träumt unter einem Olivenbaum, und die weissen Hühner wetzen ihre Hinterteile aus den heissen Grasbüscheln. Über dem quietschenden Bett hängt eine Madonna und das Nachtcafé von Vincent van Gogh, der sich ein Ohr abschnitt. Ich aber hab nur Augen für deinen weichen Körper, der sich im Zwielicht spannt. Der prickelnde Wasserstrahl spült uns den Schweiss vom Bauch. Ich schlüpf in die Sandalen, häng mit die Tasche um und geh an den verbrannten Stoppelfeldern, Zypressen, niedrigem Buschwerk, einem ausrangierten Pflug vorbei den steinigen Weg ins Dorf hinunter. Später sehen wir im Fernsehen Luftaufnahmen von Palermo. Wir füllenden Kühlschrank bis zum Rand und richten uns auf ruhige Tage ein.

UNGARN

In einem heissen Sommer fuhr ich mit dem Zug nach Ungarn. Budapest war eine schöne Stadt. Nach meiner Ankunft in der Abenddämmerung trank ich eine Flasche Rotwein und nahm mir ein Zimmer in einem Drei-Stern-Hotel. Etwas anderes war in der Eile nicht zu finden. Im Frühstücksraum hatte ich zwischen ungarischer Salami und Schinken, Kaffee und Tee zu wählen. Ich entschied mich für Orangenjuice und Marlboro. Ich hatte arge Kopfschmerzen und verliess noch vor Mittag die Stadt.

Im Zug nach Balatonfüred lärmte ein Trupp uniformierter Zwerge, der zu einem Sommerlager unterwegs war. Die roten Halstücher stachen sehr schön von den blauen Blusen ab. Ein Bauer, der eine Gans bei sich hatte, strahlte mich an und offerierte mit unentwegt seine Barack-Flasche. Ich liess mich nie öfter als zweimal bitten. Als dann unsere Lokomotive mit Motorschaden ausfiel und wir auf den Anschlusszug warten mussten, besorgte ich uns ein Bier. Wir hatten eine schöne Reise.

Der lindgrüne Balaton glänzte in der Nachmittagssonne. Ich stieg direkt vom Bahnhof kommend, über gebräunte Beine, schwamm in Sonnenöl und kämpfte gegen Schlingpflanzen. Als meine Haut wieder trocken war, verdrückte ich einen Fisch vom Holzkohlengrill. Nebenan ballerten sie mit Luftdruckgewehren auf Papierblumen und Luftballons. Ich absolvierte eine kurze Sightseeingtour und mietete ein Gartenhaus.

Die Tage verbrachte ich künftig am See, die Nächte vorwiegend in den Discos. Es war sehr langweilig. Ich schluckte farbige Flüssigkeiten, was ich nur kriegen konnte, und torkelte auf den schillernden Tanzflächen herum. Das verlangten junge DDR-Bürger Haschisch von mir, aber ich hatte nur die Stalin-Biographie von Erich Fromm zu bieten. Mein Renommee sackte weg wie ein getroffener Pappkamerad.

In lichten Momenten führte ich, auf schattigen Terrassen sitzend und Kesselgulasch mampfend, schöne Gespräche. In der DDR, erfuhr ich, waren Elektroschocks nötig, um geisteskranke Menschen zu heilen. Wenn du am Alexanderplatz „Give Peace a Chance“ von John Lennon spielst, erfuhr ich, marschiert die Volkspolizei auf und zertritt deine Gitarre. Ich hatte auch über mein Land einiges zu berichten.

Wieder in Budapest, übernachtete ich am Bahnhof im Wartesaal. Alle zwei Stunden wurden wir von einem weiblichen Feldwebel geweckt. Ich widmete der netten Dame die letzte Flasche Barack und nahm den ersten Zug.

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl