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Mendel, Johann Gregor#

* 22. 7. 1822, Heinzendorf bei Odrau (Hyncice Hyncice , Tschechische Republik)

† 6. 1. 1884, Brünn (Brno Brno , Tschechische Republik)


Bienenzüchter, Meteorologe
"Vater der Genetik"


Gregor Mendel. Lithographie, um 1870., © Ch.Brandstätter Verlag,für AIOU
Gregor Mendel. Lithographie, um 1870.
© Ch.Brandstätter Verlag,für AIOU

Gregor Johann Mendel wurde am 20. Juli 1822 in Heinzendorf bei Odrau als Sohn von Kleinbauern geboren. Dorfschullehrer und Pfarrer wurden auf den talentierten Jungen aufmerksam und legten den Eltern nahe, ihn studieren zu lassen. Nach dem Besuch der Schulen in Leipzig (Lipnik) und Troppau (Opava) absolvierte Mendel 1843 das Gymnasium in Olmütz (Olomouc) unter großen wirtschaftlichen und damit zusammenhängenden gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Und materielle Gründe sowie das Vorbild des Heinzendorfer Priesters I. Schreiber, der seine geistliche Funktion mit der Sorge um die Landwirtschaft verband, bewogen Mendel, als Novize in das Augustiner-Kloster in Brünn einzutreten. Ab 1844 widmete er sich theologischen Studien und wurde 1847 zum Priester geweiht.

Im Kloster herrschte eine lebendige intellektuelle Atmosphäre: Der Abt F. C. Napp war langjähriger Vizepräsident der Mährisch-Schlesischen Gesellschaft zur Förderung von Ackerbau, Natur- und Landeskunde, einer führenden mährischen wissenschaftlichen Institution, und ein Anhänger der Philosophie G. W. Hegels; F. Klacel betreute den Klostergarten; T. Bratranek, der später Goethes naturwissenschaftliche Korrespondenz mit dem Grafen Sternberg und mit Alexander von Humboldt herausgegeben hat und gleichfalls ein begeisterter Botaniker war, lehrte Philosophie.

Mendel besuchte in Brünn die Vorlesungen über Landwirtschaft von Prof. F. Diebl, einem hervorragenden Fachmann für Obstbaukunde. 1849 begann er am Gymnasium in Znaim (Znojmo) Sprachen und Mathematik zu lehren, 1851-1853 studierte er schließlich an der Universität Wien Naturwissenschaften (unter anderem Physik bei C. Doppler und Botanik bei F. Unger), um die Lehrberechtigung für Naturgeschichte an der Deutschen Staats-Oberrealschule in Brünn zu erlangen. Dabei empfing er wichtige Anregungen in den Bereichen Pflanzenzucht und Kombinatorik.

Mendel bestand jedoch die Staatsprüfungen nicht und blieb somit nur Supplent (Hilfslehrer) bis 1868, als er zum Abt gewählt wurde. Außerhalb des Unterrichts widmete sich Mendel intensiv meteorologischen Beobachtungen, Versuchen mit Blumen, Obstbäumen und der Bienenzucht. 1860 gründete Mendel den "Naturforschenden Verein" in Brünn; hier veröffentlichte er seine wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten.

Ein fortschreitendes Leiden, das Übermaß offizieller Pflichten und der geringe Anklang, den seine wissenschaftlichen Arbeiten fanden, verringerten allmählich Mendels wissenschaftliche Aktivität.

Mendels Züchtungsversuche#

Mendels Werk erwuchs einerseits aus den reichen Traditionen der mährischen Züchter, andererseits aus seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, insbesondere den mathematischen und physikalischen. Seine Kreuzungsversuche mit Gartenerbsen (Pisum) begann er 1855. Durch wohldurchdachte Methodik und statistische Aufarbeitung der Ergebnisse unterschieden sich Mendels Versuche vorteilhaft von den Arbeiten seiner Vorgänger (insbesondere A. Sageret und Ch. Naudin). Mit immensem Aufwand (28.000 Pflanzen und 355 künstliche Befruchtungen innerhalb von acht Jahren), Vorversuchen zur Auswahl reiner Linien und einer sorgfältigen Versuchsplanung sowie mittels experimentell überprüfbaren, einfachen Hypothesen erschloss er erstmals die drei Vererbungsgesetze ("Mendelsche Regeln") der Uniformität, Segregation und Neukombination der Erbfaktoren:

Mendel untersuchte die Vererbung von sieben sich auffallend voneinander unterscheidenden Merkmalspaaren; er ging von der Voraussetzung aus, dass der Organismus durch eine Summe von Merkmalen repräsentiert wird, die sich unabhängig voneinander vererben (atomistische Vorstellung von der Vererbung unter Einfluss der damaligen Physik und Chemie). Er stellte dabei folgendes fest:

  1. Kreuzt man reinerbige Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden, so sind alle Nachkommen (F1) unter sich gleich, uniform ("Uniformitätsgesetz"). Dabei ist es gleichgültig, welcher Kreuzungspartner als Vater und welcher als Mutter dient; reziproke Kreuzungen sind gleich ("Reziprozitätsgesetz").
  2. Kreuzt man die Individuen der F1-Generation untereinander oder befruchten sie sich selbst, so erhält man in der 2. Generation (F2) eine Aufspaltung in festen Zahlenverhältnissen; bei intermediärem Erbgang im Verhältnis 1:2: 1, bei dominantem Erbgang im Verhältnis 3:1 („Spaltungsgesetz“).
  3. Bei der Kreuzung mehrerer verschiedener Merkmale entstehen so viele Formen, wie es Kombinationsmöglichkeiten gibt, d.h., die Merkmale vererben sich unabhängig voneinander, ohne sich zu „vermischen“ („Kombinationsgesetz“).

Seine Ergebnisse überprüfte und bestätigte Mendel durch Versuche mit Bohnen und einer Reihe weiterer Samenpflanzen. Von den angeführten Gesetzen war den Züchtern das erste und im Prinzip auch das zweite bekannt, aber erst Mendel hat sie methodisch fehlerlos aufgrund einer quantitativen (statistischen) Auswertung bewiesen.

Die innere Ursache der Vererbung und Erscheinung von Merkmalen suchte Mendel in hypothetischen materiellen „Elementen“, die in den Keimzellen, d. h. in Ei- und Pollenzellen, enthalten sind und durch deren Zusammenkommen bei der Befruchtung die Basis für ihre Kombination oder Spaltung in den weiteren Generationen geschaffen wird. Damit schritt Mendel von der Merkmals- zur Faktorengenetik fort und antizipierte die Unterscheidung von Genotyp und Phänotyp, wie sie 1909 von W. Johannsen getroffen wurde, der die Elemente Mendels als „Gen“ bezeichnete. Es ist wahrscheinlich, dass Mendel bereits verschiedene Zustandsformen eines Gens (Allele) und die Vererbung eines Merkmals durch mehrere Gene in Erwägung zog.

Die Beginn 1865 auf den Sitzungen des Naturforschenden Vereins in Brünn vorgetragenen und ein Jahr später veröffentlichten Ergebnisse von Mendel fanden keinen adäquaten Widerhall. Auf Rat von C. W. v. Nägeli, mit dem Mendel in Briefwechsel stand, begann er mit der Kreuzung verschiedener Arten der Gattung Hieracium (Habichtskraut). Hier traf er jedoch, ohne es zu wissen, auf ein zytogenetisch kompliziertes Material, so dass die Ergebnisse (1869) von den früher gewonnenen abwichen. Versuche mit Obstbäumen und Bienen wertete Mendel bereits nicht mehr aus.

Mendels Bedeutung und Nachwirkung#

1881 erschien eine Publikation über „Pflanzenmischlinge“, deren Autor Focke die Mendelschen Ergebnisse anführte. Vermutlich hat sie ihn vor dem Schicksal des Vergessenwerdens bewahrt. Die eigentliche „Entdeckung“ ist im Jahre 1900 durch de Vries, Correns und den Österreicher Tschermak-Seysenegg erfolgt.

An der New Yorker Riverside Church wurde Mendel gemeinsam mit den anderen großen Forschern der Erde abgebildet. Für die Wissenschaft mindestens so wichtig wie die Entdeckung der nach ihm benannten Gesetze war die Tatsache, dass Mendel sich ein revolutionär neues Bild von der Erbmasse machte. Zu seiner Zeit gab es nur eine anerkannte wissenschaftliche Auffassung, daß nämlich die Erbmasse eine Flüssigkeit sei (oder zumindest den Charakter einer Flüssigkeit habe). Mendel aber dachte an die Erbmasse als etwas, das aus unzerteilbaren Einheiten völlig eigenständiger Art besteht, und hat damit wissenschaftliche Erkenntnisse einer viel späteren Zeit vorweggenommen.

Die Ursache, dass die Ergebnisse Mendels zunächst von den Zeitgenossen nicht anerkannt wurden, ist vor allem im Vorurteil der damaligen Biologen gegen Ergebnisse zu suchen, die auf der Synthese verschiedener Wissenschaftsdisziplinen beruhten und durch ungewohnt exakte Mittel ausgedrückt waren. Erst nachdem die quantitative Auswertung sich als allgemeine Methodik auch in der Biologie durchgesetzt hatte, konnte sich auf Grundlage der wiederentdeckten Mendelschen Gesetze die experimentelle Vererbungsforschung als relativ selbständige biologische Disziplin (Genetik) konstituieren. Nach Vereinigung der Mendelschen Erkenntnisse (Mendelismus) mit der zytologischen Forschung, vor allem durch T. H. Morgan und seine Schule, der die Mendelschen Gesetze an Taufliegen verifizierte, konnte die Genetik nach 1910 zu einer führenden biologischen Disziplin werden.

Mendels Persönlichkeit war von einer Reihe zwiespältiger Züge gekennzeichnet. Er war ein ehrenhafter, äußerst gewissenhafter Priester und Wissenschaftler, der offensichtlich überempfindlich auf die zahlreichen Schwierigkeiten reagierte, auf die er in seiner Umgebung traf. Die wissenschaftliche Arbeit bestärkte Mendels freidenkerische Neigungen, mit denen er sich von den klerikalen Denkformen seiner Umgebung abhob. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts unterstützte er als einziger klerikaler Würdenträger in Mähren die liberale Regierungspolitik; als jedoch Maßnahmen gegen die Klöster verordnet wurden, verteidigte er hart und kompromisslos das Klostereigentum.

Über Mendels Religiosität sind gegensätzliche Meinungen geäußert worden, ebenso über seine Beziehung zum Darwinismus; für bewiesen kann angenommen werden, dass Mendel an die Traditionen seines Klosters anknüpfte, das durch die Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung und durch seinen Widerstand gegen den engherzigen ideologischen und politischen Klerikalismus zur Zeit des Abtes Napp fast seine eigene Existenz als Institution bedrohte (Konflikte mit dem Brünner Bischof), und dass der Mendelismus durch seine adäquate Erklärung der Vererbungs- und Variabilitätsproblematik objektiv eine Ergänzung von C. Darwins Evolutionstheorie darstellt.

Werke (Auswahl)#

  • Versuche über Pflanzenhybriden, in: Verh. des Naturforschenden Vereins Brünn, 4 (1865), 3-47
  • Über einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieracium-Bastarde, in: Verh. des Naturforschenden Vereins Brünn, 8 (1869), 26-31
Sonderpostmarke 1984
100. Todestag
Sonderpostmarke, 1984

Literatur#

  • J. Krizenecky: G. J. Mendel, 1822-1884. Texte und Quellen zu seinem Leben und Wirken (Leipzig 1965)
  • M. Jakubicek/J. KubIek: Bibliographia Mendeliana (Brünn 1969)
  • M. Jakubicek: Supplementum 1965-1969 (Brünn 1970)
  • DSB, IX, 277-283 (V. Kruta/V. Orel)
  • GWG, VIII, 384-403 (H. Wendt)
  • Österreichisches Biographisches Lexikon
  • H. Iltis: G. J. Mendel Leben, Werk und Wirkung (Berlin 1924)
  • J. Krumbiegel: G. Mendel und das Schicksal seiner Entdeckung (Stuttgart 1967)
  • V. Orel/A. Matalova (Hrsg.): G. Mendel and the Foundation of Genetics (Brünn 1983)
  • R. Löther: Wegbereiter der Genetik: G. J. Mendel u. August Weismann (Frankfurt am Main 1990)
  • Franz Weiling: J. G. Mendel. Der Mensch und Forscher (München 1994)
  • V. Orel: G. M., the First Geneticist (Oxford 1996)

--> Peter Wiltsche: Das nicht errichtete Mendel-Denkmal

Text aus dem Buch "Große Österreicher":#

Gregor Mendel (1822-1884)

Sein Elternhaus, ein Bauernhof, stand im »Kuhländchen«, im nordmährischen Flecken Heinzendorf; und wäre der Bub nicht auffallend schwächlich gewesen, so wäre er sicher ein ordentlicher Landmann geworden. Pflanzenzucht und Viehwirtschaft hatten ihn von klein auf interessiert. Was tat ein nicht allzu wohlbestallter Bauer mit einem Sohn, der nicht für die Wirtschaft taugte? Er ließ ihn Priester werden. So geschah's auch in der Familie Mendel - dem Johann war's recht, obwohl der 1822 Geborene etliches an Strapazen auf sich nehmen mußte, um das Gymnasium zu absolvieren. Dann trat er bei den Augustiner-Chorherren ein, studierte Theologie, wurde Priester. Abt Napp, eine hervorstechende Persönlichkeit, hatte selbst Sinn für die Naturwissenschaften und erkannte die Begabung des jungen Mannes, der alsbald an der Wiener Universität Vorlesungen aus Physik, Chemie und Pflanzenkunde besuchen durfte. Er tat es mit Eifer und Freude, wirkte auch als Demonstrator - nur die vorgesehene Lehramtsprüfung hat er nicht bestanden. Trotzdem durfte er, zumindest als Supplent, in Znaim und Brunn Naturgeschiche unterrichten und hatte Gelegenheit, seine botanischen Experimente fortzusetzen; sogar ein Gärtchen stellte ihm sein Kloster zur Verfügung, in dem er ab 1856 zehn Jahre lang verschiedene Kreuzungsversuche anstellte, mit besonderer Vorliebe an Erbsen, was ihm auch manche gutmütige Neckerei seitens der geistlichen Amtsbrüder eintrug. Die Bedeutung dessen, was er da herausfand und auch beweisen konnte, haben sie, wie alle anderen seiner Zeitgenossen, nicht erkannt. Zu Mendels Lebzeiten »war natürlich keine Rede davon, daß er zu den bedeutendsten Naturforschern der Welt, vergleichbar mit Galilei und Newton, zu zählen ist«, schrieb zu seinem hundertsten Todestag der heutige Münchner Lehrkanzelinhaber Professor Pirchner. In zwei Sitzungen der Naturforschergesellschaft in Brunn, am 8. Februar und am 8. März 1865, stellte Mendel - der seinen Taufnamen Johann mit dem Ordensnamen Gregor vertauscht hatte - seine Forschungsergebnisse vor: das, was inzwischen als »die drei Mendelschen Regeln« zu den Fundamenten der Genetik zählt.

Die Ausgangsbeobachtung ist heute Lehrstoff in allen Schulen: Kreuzt man eine rotblühende mit einer weißblühen¬den Wunderblume, so ist die folgende Generation rosablühend, in der übernächsten aber stehen je einer rot- und weißblühenden zwei rosablühende Pflanzen gegenüber.

Die Fachwelt faßt die Mendelschen Regeln etwa so zusammen: die erste betrifft die Uniformität - bei der Kreuzung zwischen reinen Linien sind alle Nachkommen gleich; die zweite ist die Spaltungsregel - werden die Bastardnachkommen gepaart, kommt es in der Folgegeneration zur Aufspaltung im Verhältnis 1:2:1 beziehungsweise 3:1; die dritte schließlich handelt von der Rekombination - bei mehreren Merkmalspaaren entstehen neue Kombinationen, die es in den Elternexemplaren nicht gegeben hat.

Daß Mendel dies beobachtete und die Gesetzmäßigkeit herausfand, mag mit seiner Beherrschung der Chemie, Physik und Mathematik zu tun haben, mit einer Art von abstraktem Denken - vielleicht auch zusammenhängend mit der theologischen Schulung -, die den meisten Botanikern seiner Zeit fremd war. Vorläufig jedenfalls ignorierte ihn die Fachwelt vollständig. Wenn er in Österreich einen Namen hatte - was eindeutig der Fall war -, dann nicht als Naturwissenschaftler, sondern als Kirchenmann und auch als Politiker. Drei Jahre nach dem Auftreten im Kreis der Brünner Naturforscher wählten die Augustiner-Chorherren von St. Thomas-Altbrünn ihn 1868 zum Abt. Damit war er Mitglied der Wählerkurie der Grundbesitzer, in der er sein Kloster vertrat. Mendel zeigte starke Sympathie für die deutsch-liberale Partei, was für einen Priester jener Zeit nicht gerade selbstverständlich war. Und er geriet in ein Dilemma, als just diese Partei den Klöstern die gesetzliche Pflicht zur Zahlung beachtlicher Summen an den Religionsfonds auferlegte, was er für ungerechtfertigt hielt. Er kämpfte gegen dieses Gesetz an mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, was ihm zwar den Ruf eines aufrechten Streiters im Abtornat, aber keinen Erfolg einbrachte. Als er am 6. Januar 1884 starb, sprachen die Nachrufe vom »Hingang eines energischen und bedeutenden Abtes«, aber von seinen naturwissenschaftlichen Interessen war nur am Rande, von seinen sensationellen Entdeckungen gar nicht die Rede. 1881 erschien eine Publikation über »Pflanzenmischlinge«, deren Autor Focke die Mendelschen Ergebnisse anführte. Vermutlich hat sie ihn vor dem Schicksal des Vergessenwerdens bewahrt. Die eigentliche »Entdeckung« ist im Jahre 1900 durch de Vries, Correns und den Österreicher Tschermak-Seysenegg erfolgt; aber erst nach 1910 begann mit den Entdeckungen Morgans - der die Mendelschen Gesetze an Taufliegen verifizierte - der Siegeszug der Genetik.

An der New Yorker Riverside Church wurde Mendel gemeinsam mit den anderen großen Forschern der Erde abgebildet. Für die Wissenschaft mindestens so wichtig wie die Entdeckung der nach ihm benannten Gesetze war die Tatsache, daß Mendel sich ein revolutionär neues Bild von der Erbmasse machte. Zu seiner Zeit gab es nur eine anerkannte wissenschaftliche Auffassung, daß nämlich die Erbmasse eine Flüssigkeit sei (oder zumindest den Charakter einer Flüssigkeit habe). Mendel aber dachte an die Erbmasse als etwas, das aus unzerteilbaren Einheiten völlig eigenständiger Art besteht, und hat damit wissenschaftliche Erkenntnisse einer viel späteren Zeit vorweggenommen. Meinen die einen, diese Vorstellung käme von seiner Kenntnis des Atoms her, so halten andere es zumindest für denkbar, daß er auch auf biblische Vorstellungen zurückgriff, nach denen manches »von Generation zu Generation, bis ins dritte oder vierte oder siebente Glied« weitergegeben werde.

Vielleicht ist Mendels Bedeutung erst im Licht der späteren Forschungsergebnisse wirklich richtig zu bewerten gewesen. Ob er selbst ihre Tragweite erkannt und nur aus Bescheidenheit nicht an die große Glocke gehängt hat oder ob er sein eigenes Forschen bloß als kleinen Mosaikstein im großen Gebäude der Wissenschaft eingeschätzt hat, ist schwer zu sagen. Jedenfalls war er ein zäher und zielstrebiger Arbeiter, der darüber hinaus einen genialen Einschlag hatte. Und unzweifelhaft hat sein Bild von der Natur und ihren Gesetzen auch zu tun mit dem gläubigen Respekt vor der Schöpfung.

Weiterführendes#

Quelle#

  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.


Redaktion: J. Sallachner