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Mitterer, Erika #

eigentlich (verh.) Petrowsky, Erika

* 30. 3. 1906, Wien

† 14. 10. 2001, Wien


Lyrikerin, Erzählerin, Dramatikerin

Mitterer, Erika
Erika Mitterer. Foto, 1993.
© Die Presse/Michaela Seidler

Erika Mitterer wurde am 30. März 1906 in Wien geboren.
Sie besuchte ein privates Mädchen-Lyzeum, fasste danach den Entschluss, einen Sozialberuf zu ergreifen und absolvierte Fachkurse für "Volkspflege" bei Ilse Arlt. Sie arbeitete als Fürsorgerin in Tirol, im Mühlviertel und im Burgenland.

Nach ersten Erfolgen mit dem Gedichtband "Dank des Lebens" (1930) wandte sie sich nur mehr der schriftstellerischen Arbeit zu, zu der sie bereits von Rainer Maria Rilke ermutigt worden war, den sie 1925 in Muzot besucht hatte. (Der "Briefwechsel in Gedichten" mit Rainer Maria Rilke, wohl die populärste Publikation Erika Mitterers, erschien erstmals 1950 im Insel-Verlag.)

Aus den Eindrücken ihrer Fürsorgetätigkeit entstanden zwei Prosawerke, die Erzählung "Höhensonne" und der Roman "Wir sind allein", der aber aus ideologischen Gründen erst nach Kriegsende erscheinen konnte (Erika Mitterer hatte sich geweigert, einen jüdischen Arzt zu "arisieren").

(1) 1940 hatte der Roman "Der Fürst der Welt", auch in norwegischer Übersetzung, durchschlagenden Erfolg. Er gilt heute mit seiner getarnten Kritik am NS-Regime als eines der Paradebeispiele für die Literatur der "Inneren Emigration".

1937 heiratete sie Dr. Fritz Petrowsky, 1938 wurde das erste ihrer drei Kinder geboren (Dr. Fritz Petrowsky, 1906-1996).

1946 erschienen der Band "Zwölf Gedichte 1933 - 1945" und später mehrere Romane und Erzählungen. Einige Jahre lang galt ihr Interesse hauptsächlich dem Drama, von denen eines, "Verdunkelung", im Theater der Courage 1958 aufgeführt wurde. In diesem Stück wie auch schon in dem Roman "Die nackte Wahrheit", in der Erzählung "Barmherzigkeit" und vor allem in dem letzten Roman "Alle unsere Spiele" (1977) fand das statt, was lange Zeit unter dem Stichwort "Vergangenheitsbewältigung" in der österreichischen Literatur vermisst wurde.

Erika Mitterer und Felix Braun
Erika Mitterer mit ihren Kindern und dem Autor Felix Braun (1950)

1965 konvertierte Erika Mitterer vom evangelischen Glauben zum Katholizismus, wobei die Wurzeln dieser Konvertierung bis in ihre Kindheit, aber vor allem in die sieben Jahre Arbeit an dem großen Inquisitionsroman "Der Fürst der Welt" zurückreichen.
Drei Lyrikbände mit vorwiegend religiösen Gedichten bezeugen diese Entwicklung; der mittlere ("Entsühnung des Kain", 1974) erschien im Johannes-Verlag des bedeutenden Theologen Hans Urs von Balthasar.

Ihre Literatur ist geprägt vom katholischen Glauben, bevorzugt mythologische Stoffe sowie soziale Themen und versucht auch eine Bewältigung des Phänomens NS-Zeit.

Erika Mitterer starb am 14. Oktober 2001 in Wien.


Preise, Auszeichnungen (Auswahl):

  • 1930 Julius Reich-Preis
  • 1948 Preis der Stadt Wien für Dichtkunst
  • 1971 Enrica von Handel-Mazzetti-Preis
  • 1974 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
  • 1985 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst; Aufnahme in die Kurie für Kunst
  • 1986 Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold
  • 1992 Würdigungspreis des Landes Niederösterreich
  • 1994 Würdigungspreis der Republik Österreich (Unterrichtsministerium)
  • 1996 Großes Goldenes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich
  • 2003 Benennung des "Erika-Mitterer-Weges" in Wien Hietzing
  • 2005 Enthüllung einer Gedenktafel für Erika Mitterer am Haus Rainergasse 3 im 4. Wiener Gemeindebezirk

Werke (Auswahl)#

Gedichte:
  • Dank des Lebens, 1930
  • Gesang der Wandernden, 1935
  • Zwölf Gedichte, 1946
  • Gesammelte Gedichte, 1956
  • Klopfsignale, 1970
  • Entsühnung des Kain, 1974
  • Das verhüllte Kreuz, 1985
  • Bibelgedichte, 1994

Romane:

  • Höhensonne, 1933
  • Der Fürst der Welt, 1940 (veränderte Neuauflage 1988)
  • Wir sind allein, 1945
  • Die nackte Wahrheit, 1951
  • Kleine Damengröße, 1953
  • Tauschzentrale, 1958
  • Alle unsere Spiele, 1977

Ausgabe:

  • P. Sela (Hg.), Das gesamte lyrische Werk, 3 Bände, 2001

--> vgl. auch Erika Mitterer und ihr lyrisches Tagebuch, in: Der literarische Zaunkönig, 2/2007


Die österreichische Dichterin Erika Mitterer im Licht der Literaturwissenschaft#

Erika Mitterer, 1906 – 2001, war Wienerin; 1936 heiratete sie Dr. Fritz Petrowsky und brachte in der Folge 3 Kinder zur Welt.

Sie war Lyrikerin, Romanautorin, Dramatikerin und Essayistin. In einem bürgerlich-liberalen Elternhaus aufgewachsen (Vater Architekt, Mutter Malerin), begeisterte sich E. M. früh für Dichtkunst (deutsche Klassik, vor allem Goethe); beeindruckt von Tolstoi und Dostojewski wurde sie Fürsorgerin. Dank „halbjüdischer“ Mutter und jüdischen Freundinnen war sie nicht anfällig für die NS-Ideologie, blieb aber in Österreich. Ab 1955 starkes Engagement für die Friedensbewegung, Mitarbeit in der Telefonseelsorge. 1965 Konversion vom evangelischen zum katholischen Glauben. Höchste Ehrungen durch die Republik Österreich und Aufnahme in die Kurie für Kunst (1985).

E. M.s Werk wurde tw. als restaurativ/konservativ bezeichnet, weil sie sich Moden (auch sprachexperimentellen) widersetzte: Bei ihr gibt der Sinn den Takt, nicht der Takt den Sinn. (P. Bubenik [1]). Wichtiger scheint, dass E. M. in gesellschaftspolitischen und ästhetischen Fragen immer wieder gegen den Strom schwamm; ihre Bücher sind spezifischer Ausdruck der Auseinandersetzungen mit politischen und gesellschaftspolitischen Strömungen des 20. Jahrhunderts (H. Gottwald [2]). Deshalb wird ihr heute bescheinigt, mit ihrem unbestechlichen Blick für Krisen und Fehlentwicklungen eine Prosa geschrieben zu haben, die den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts standzuhalten vermochte. (W. Schmidt-Dengler [3]).

E. M. thematisierte die Schrecken das Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs von Anfang an; der Vorwurf, die österreichische Literatur hätte diese Zeit lange verdrängt, trifft auf sie nicht zu: Keine Autorin außer Erika Mitterer hat so früh und so anhaltend durch ihr ganzes literarisches OEuvre hindurch dieses Thema behandelt (E. Martin [4]). Dementsprechend gilt E. M. als Hauptexponentin der Literatur der Inneren Emigration in Österreich (H. Gottwald [5]). Manche Autoren haben der Dichterin dennoch vorgeworfen, sich durch ihre Veröffentlichungen während der NS-Zeit nicht ausreichend vom Terrorsystem distanziert zu haben. H. Gottwald widerspricht dieser These: Erika Mitterer aus heutiger Perspektive (...) im nachhinein vorzuschreiben, sie hätte angesichts der Gewaltherrschaft lieber schweigen sollen, ist daher unangebracht. Dadurch wird keine Einfühlung in den „Wahrnehmungshorizont der Zeitgenossen“ und in die „Vielschichtigkeit der historischen Zusammenhänge“ geleistet, vielmehr der Weg zur Erkenntnis der historischen Bedingungen der Texte verbaut. Statt dessen gilt es, Romane wie den „Fürst der Welt“ als Zeugnisse des besseren deutschen bzw. österreichischen Erbes aus jenen unheilvollen Jahren wiederzuentdecken. Welche bedeutende Funktion Literatur bei der kritischen Reflexion, Diagnostik und Analyse mentaler und kultureller Prozesse gerade heutzutage übernehmen kann, das ist in diesem Buch nachzulesen. [6]

Prosa, "die den gesellschaftlichen Veränderungen standhält":#

Als Hauptwerk gilt Der Fürst der Welt (1940, 1964, 1988, 2006) – die Geschichte der „Machtergreifung des Bösen“ während der Inquisition in einer deutschen Bischofsstadt. Marianne Gruber charakterisiert dieses als Parabel auf das "Dritte Reich" verstandene Werk so: Mitterer schreibt über die Verführbarkeit von Menschen, analysiert deren Schwäche, die Bereitschaft zur Gemeinheit, zeigt Inhumanität, Selbstsucht und die allmähliche, kaum wahrnehmbare Machtergreifung des Bösen mit psychologischem Scharfblick auf [7]


H.Gottwald betont: Die Schilderung der Entstehung von Massenprozessen, von kollektiven Verhaltensweisen psychotischer Natur beruht im Roman auf dieser langsamen erzählerischen Entfaltung unterschiedlichster Charaktertypen. Dabei geht es Mitterer auch um die psychologisch subtile Erforschung der Anfälligkeit "normaler" Menschen für Manipulationen, Gerüchte und zuletzt für Gewalttätigkeit. Im Mittelpunkt der in epischer Breite entfalteten Beschreibungen des Lebens in jener auch für die moderne Welt in vielem modellhaften Stadt stehen politische, mentale, ökonomische und soziale Ursachen der katastrophalen Vorgänge. Zugleich konnten die Leser/innen auf dahinter immer deutlicher erkennbar werdende zeitgenössische Phänomene aufmerksam gemacht werden.[8]



B. Brown ergänzt: Zwar hätten die damaligen Machthaber es der Autorin wohl verübeln können, dass sie die Vorstellung eines friedlichen tausendjährigen Reiches unter deutscher Vorherrschaft als eher belustigend erscheinen lässt, aber um das kurze Gespräch darüber zu finden, hätten sie schon Seite 658 der deutschen Originalausgabe erreichen müssen. Bis dahin ist der unheimliche Dr. Schuller schon dabei, die Bevölkerung der kleinen Stadt bespitzeln zu lassen, zum Verrat zu bestechen und durch "peinliche Befragung" zu merkwürdigen Geständnissen zu bringen. Wäre hier eine Parallele zum faschistischen Terrorstaat nicht sofort zu erkennen, zumal die unglücklichen Opfer ausgerechnet in den "Judenkeller" geworfen werden? [9]



Während in diesem die Nazi-Zensur täuschenden Roman der moralische Widerstand noch als einzig sinnvoller Weg erscheint, zeigt „Alle unsere Spiele“ (E. M.s letzter, mit dem E. v. Handel-Mazzetti-Preis ausgezeichneter Roman – 1977, 2001, 2008) auch den (christlichen) Widerstand im Untergrund, der auf den Sturz des Diktators hinarbeitete (E. Dür [10]). Der in der Ich-Form geschriebene Rechenschaftsbericht einer Mutter, die ihrem Sohn ihre NS-Begeisterung und seine bislang verschwiegene Herkunft zu erklären versucht, weist als zeitgeschichtlicher Roman auch Merkmale der psychologischen und der engagierten Literatur auf. Die Zeitereignisse werden poetologisch reflektiert und erzähltechnisch modern dargestellt. Die Zeitebenen – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – fließen ineinander und sind dem Hauptanliegen des Romans, Erinnerungsarbeit zu leisten, untergeordnet (M. Sass [11]). Erika Mitterers bevorzugtes Thema ist hier und auch im „Fürst der Welt“ die Psychologie der Selbsttäuschungen. „Wie kommt es, dass einem so manches erst nachträglich klar werden kann?“ fragt sich die Erzählerin zu Beginn. Der Roman „Alle unsere Spiele“ bietet mögliche Antworten auf diese Grundfrage einer ganzen Generation, er thematisiert beispielhaft den sozialen Charakter von "Wahrheit", ihre Unterdrückung und Verfälschung aufgrund bestimmter psychischer Bedürfnisse und sozialer Konstellationen.(H. Gottwald [12])

P. Wimmer weist daraufhin, dass E. M. mit diesem Werk eine Synthese zwischen dem großen individualistisch-psychologischen Roman des 19. Jahrhunderts und dem Politroman des 20. Jahrhunderts geschaffen und damit die Meinung, dass man im Roman heute nur mehr Personen als ihrer Individualität beraubte „Bedeutungsträger“ auftreten lassen kann, widerlegt habe. [13]

Wir sind allein (1945), die Geschichte eines verwaisten Geschwisterpaares proletarischer Herkunft, vermittelt Einblicke in das bedrückende Milieu der armen oder verarmten Schichten des Proletariats und des Kleinbürgertums in den zwanziger Jahren (H. Gottwald [14]). 1935 bereits gedruckt, erschien der erste Roman E. M.s wegen der positiven Zeichnung eines jüdischen Armenarztes erst nach dem Krieg.

Die nackte Wahrheit (1951) bietet ein plastisches Zeit- und Lebensbild aus dem Österreich der ersten Nachkriegsjahre. Mit dem Satz „Aber wer sonst kann die Menschen rechtzeitig erinnern, wenn die Dichter es nicht tun?“ formuliert E. M. einen Anspruch nicht zuletzt an sich selbst (E. Dür [15]).

Kleine Damengröße (1953) war ein erfolgreicher Jugendroman – Grete Wiesenthal nannte ihn ein wahrhaft köstliches Mädchenbuch [16].

Tauschzentrale(1958), nach E. Rollett ein mit Hermann Hesses „Peter Camenzind“ vergleichbarer Entwicklungsroman, handelt während der ungarischen Revolution; Hauptthema ist die Einsamkeit, die in unterschiedlichen Erscheinungsformen beziehungsweise mit unterschiedlichen Folgen bei fast allen Figuren dramatische Konflikte verursacht. [17] Durch die Wirkung der Radionachrichten – in ihrer dem griechischen Chor entsprechenden Funktion – wird die Wertordnung der Autorin vermittelt. (M. Gaál-Baróti [18]).

Die Erzählungen Höhensonne (1933) und Weihnacht der Einsamen (1968) thematisieren sozialpolitische Probleme, Die Seherin (1940) und Wasser des Lebens (1953) die Fragen nach Sinn und Bestimmung; Begegnung im Süden (1941) ist eine moderne Liebesgeschichte.

Lyrik in „bestürzend schönen Wendungen“#

E. M. schrieb zeitlebens Gedichte; in ihrem Gesamtwerk hat die Lyrik einen hohen Stellenwert. Ihre Begabung wurde von gefeierten Dichtern wie Stefan Zweig, Felix Braun oder Rudolf Borchardt, der die „reine und mutige Herrlichkeit“ ihrer dichterischen Aussage und „bestürzend schöne, und dabei [...] ganz natürlich geflossene Wendungen“ rühmte, schon früh erkannt. Die wichtigsten Bände: Dank des Lebens (1930), Gesang der Wandernden (1935), Gesammelte Gedichte (1956), Klopfsignale (1970), Entsühnung des Kain (1974), Das verhüllte Kreuz (1985), Das gesamte lyrische Werk (2001).

Berühmt wurde Erika Mitterers Briefwechsel in Gedichten mit Rainer Maria Rilke aus den Jahren 1924 - 1926; allerdings bedurfte die Dichterin dieser Jakobsleiter nicht, um zu den Auserwählten der Literaturgeschichte emporzusteigen. In ihrer Lyrik zeigt sich, wie sehr die Autorin immer die Zeichen der Zeit erkannt hat: die 1946 publizierten "Zwölf Gedichte 1933 - 1945" können als ein Signal für ein neues Österreich gelten und sind Zeugnis einer Einstellung, die leider von wenigen Zeitgenossen der Dichterin geteilt wurde; die 1994 als 'Vermächtnis' veröffentlichten "Bibelgedichte" wiederum sind Beweis ernsthafter Reflexion der vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten Autorin und damit eines der wenigen Beispiele geglückter Lyrik zu einem so heiklen Thema.

Und in den Gedichten der jüngeren Vergangenheit fällt etwa der besonnene Umgang mit der Frauenfrage auf. (W. Schmidt-Dengler [19]).

Nach J. Holzner steht die Lyrik E. M.s stets mitten in und doch meistens quer zu allen zeitgenössischen lyrischen Strömungen, vom Beginn der Moderne bis zur Postmoderne. (...) In ihren eigenen Gedichten aber wahrt sie Distanz zu beiden Seiten. [20] Der Briefwechsel in Gedichten mit R. M. Rilke aus den Jahren 1924 – 1926 wurde erst 1950 veröffentlicht. [21] Die Briefgedichte sind weitgehend innerseelischer Bezug, nicht direktes Gespräch (K. Adel [22]); das Wissen um die Notwendigkeit des Dialogs mit einem Partner, einem Du [23] ist jedoch für E. M. charakteristisch. Wenn das Gegenüber fehlt, entsteht Naturlyrik oder ein (gesellschafts)politisches Gedicht: Ich kenne sonst keine Worte, die die Haltung der Inneren Emigration treffender darstellen könnten, schreibt Y. Koshina über die 1933 entstandene „Klage der deutschen Frauen“ [24], und W. Deutschmann ergänzt:
Wir sehen, mit welch geistiger Kompetenz Erika Mitterer die Vordergründigkeit politischer und moralischer Probleme zu überwinden verstand. [25]).

Auch die späte, vorwiegend religiöse Lyrik E. M.s ist geprägt von einer künstlerischen Kraft, die sich bis zuletzt kämpferisch zeigt (P. Bubenik [26]).

Dramen, voll der „menschlichen Weisheit und Tiefe“:#

Als junge Autorin und in den Jahren nach dem Krieg hat sich E. M. intensiv mit dem Schauspiel beschäftigt: Charlotte Corday (1930) – ein Drama über die Legitimität des politischen Mordes, das den Vergleich mit (...) Stefan Zweigs „Adam Lux“ nicht zu scheuen braucht (H. Abret [27]); Arme Teufel (1954), Verdunkelung (1956), Wofür Halten Sie mich? (1956), Wähle die Welt (1956), Ein Bogen Seidenpapier (1960).

„Verdunkelung“ gilt als das wichtigste Stück: Die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus wird an einem tragischen Einzelfall illustriert (P. Wimmer [28]); das Stück analysiert jene Identitätsproblematik, mit der wohl während des "Dritten Reiches" viele Menschen mit nicht lupenrein „arischem” Stammbaum konfrontiert waren (E. Dür [29]) und stellt das Versagen der Intelligenz angesichts des Faschismus dar und versucht die Ursachen ihrer Schwäche zu erschließen (M. Gaál-Baróti [30]).

Nach M. Esslin zeigen die Dramen E. M.s mit überwältigender Deutlichkeit die Vielseitigkeit, den Gedankenreichtum und die menschliche Weisheit und Tiefe einer wahrhaft sekulär bedeutenden Dichterin. [31]

Zusammenfassung:#

Wenn es eine durchgehende Komponente in der Dichtung Erika Mitterers gibt, so ist es am ehesten die, dass sie nie um der Literatur willen geschrieben hat, sondern um des Menschen willen, dass alles einem Bedürfnis nach Ausdruck entsprang, der Sehnsucht, die Welt zu erkennen und durchschaubarer zu machen, ohne ihr Geheimnis zu verletzen. Keines ihrer Gedichte dient bloß einer ästhetischen Theorie, obwohl man sie natürlich aus ihrer Lyrik ableiten könnte. Vielleicht ist das eben auch das Geheimnis ihres Erfolges gewesen, dass sie nie mit der Mode ging. Deswegen können ihre Dichtungen auch nie altmodisch werden
(P. Wimmer [32]).

Literatur:#

Joseph G. McVeigh: Continuity as Problem and Promise. Erika Mitterer's Writings after 1945. In Modern Austrian Literature, Riverside 1979, Vol.12, nos.3/4, 113-126
Catherine Hutter: Erika Mitterer. In Austrian Fiction Writers after 1914, Detroit, N.Y., F.Lauderdale, London 1989, Dict.of Lit.Biography, Vol. 85, 252-257
Margaret Ives: Erika Mitterer as a Christian Writer. In ‚Other’ Austrians, Peter Lang AG, Bern 1998, 83-90
Herwig Gottwald: Erika Mitterer und der Historische Roman. In Zwischenwelt Band 6, Wien 1998, 213-234
Michael Hansel: Erika Mitterer (1906-2001). In Literatur und Kritik 5/2004, Salzburg 2004, 103-109
Esther Dür: Eine, die gegen den Strom schwamm. Zum Werk der österreichischen Schriftstellerin Erika Mitterer. In Austriaca 60/2005, Rouen, 83-92

Österreichische Gesellschaft für Literatur und Martin G. Petrowsky (HG): Eine Dichterin – ein Jahrhundert. Erika Mitterers Lebenswerk. Dokumentation des Symposions 2001, Wien 2002
Esther Dür: Erika Mitterer und das Dritte Reich. Praesens Verlag, Wien 2006
Martin G. Petrowsky, Helga Abret (HG): Dichtung im Schatten der großen Krisen: Erika Mitterers Werk im literaturhistorischen Kontext. Praesens Verlag, Wien 2006
Erika Mitterer Gesellschaft (HG): Der literarische Zaunkönig, Jahrgänge 2003 – 2009, Wien

Dieser Text diente als Grundlage des Beitrags über Erika Mitterer in der Neuauflage des Killy-Literaturlexikons.

Anmerkungen:#

[1] Peter Bubenik: Erika Mitterers religiöse Lyrik der späten Jahre. In: Dichtung im Schatten der großen Krisen: Erika Mitterers Werk im literaturhistorischen Kontext. Hg. von Martin G. Petrowsky in Zusammenarbeit mit Helga Abret (im Folgenden zitiert als „Sammelband“). Praesens Verlag, Wien 2006, S 317
[2] Herwig Gottwald: Erika Mitterers Romane und die Zeitgeschichte. In. Erika Mitterer. Eine Dichterin – ein Jahrhundert. Erika Mitterers Lebenswerk. Hrsg. von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und Martin G. Petrowsky (im Folgenden zitiert als „Tagungsband“), Edition Doppelpunkt, Wien 2002, S 12
[3] Wendelin Schmidt-Dengler: Geschichte bekommt Konturen. In: Der literarische Zaunkönig, Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft (im Folgenden zitiert als „ZK“), 1/2003, S 5
[4] Elaine Martin: Erika Mitterer im Kontext anderer Stimmen zum Zweiten Weltkrieg. In: Sammelband, S 255
[5] Herwig Gottwald: Perspektiven zukünftiger Erika-Mitterer-Forschungen. In: Sammelband, S 430
[6] Herwig Gottwald: Der Fürst der Welt“ – ein Werk des geistigen Widerstands. In ZK 1/2005, S 16 Anm.: die unter Anführungszeichen stehenden Begriffe beziehen sich auf von Michael Philipp vorgenommene Definitionen in Distanz und Anpassung. Sozialgeschichtliche Aspekte der Inneren Emigration. In: Aspekte der künstlerischen inneren Emigration 1933-1945, hrsg. v. C-D. Krohn u. a. München 1994, S 7, 28
[7] Marianne Gruber: Erika Mitterer: Sie erkannte den Wahn der eigenen Zeit. In: Sammelband, S 17
[8] Herwig Gottwald: „Der Fürst der Welt“ – ein Werk des geistigen Widerstands. In ZK 1/2005, S 11f
[9] Bernard Brown: Erika Mitterers Roman „Der Fürst der Welt“. In ZK 2/2003, S 9
[10] Esther Dür in Erika Mitterer und das Dritte Reich, Praesens Verlag, Wien 2006, S 288
[11] Maria Sass: Wer vergisst, hat vergebens gelebt. Vergangenheitsbewältigung in Erika Mitterers Roman Alle unsere Spiele.. In: Sammelband, S 277
[12] Herwig Gottwald: Erika Mitterers Romane und die Zeitgeschichte. In: Tagungsband, S 24
[13] Paul Wimmer: Ihr Thema ist die Welt in ihrer ganzen Vielfalt. In: Sammelband, S 228
[14] Herwig Gottwald: Erika Mitterers Romane und die Zeitgeschichte. In: Tagungsband, S 13
[15] Esther Dür: Die nackte Wahrheit – E. Mitterers Anspruch an sich selbst. In ZK 3/2005, S 11, 12, 14
[16] in: Die Furche, 12.12.1953
[17] Márta Gaál-Baróti: Die kathartische Wirkung der Ungarischen Revolution in der Tauschzentrale von Erika Mitterer. In: Sammelband, S 235
[18] Márta Gaál-Baróti: Erika Mitterer und die Ungarische Revolution 1956. In ZK 1/2007; S 30
[19] Wendelin Schmidt-Dengler: Geschichte bekommt Konturen. In ZK 1/2003, S 5
[20] Johann Holzner: Dialoge und Kontroversen mit der Moderne: Gedichte von Erika Mitterer. In: Tagungsband, S 102
[21] J. W. Storck lobt die Zurückhaltung E. M.s bei der Veröffentlichung (Joachim W. Storck: Erika Mitterers Briefwechsel in Gedichten mit Rainer Maria Rilke und sein literarischer Kontext. In: Sammelband, S 26), K. Kohl stellt fest, dass in diesem poetischen Dialog der Beitrag von Mitterer unterbewertet und die dialogische Dynamik von besonderem poetologischem Interesse sei (e-mail von Katrin Kohl an Martin Petrowsky vom 27.1.2008).
[22] Kurt Adel: Erika Mitterer und ihr lyrisches Tagebuch. In ZK 2/2007, S 44
[23] Wendelin Schmidt-Dengler: Geschichte bekommt Konturen. In ZK 1/2003, S 5
[24] Yoshio Koshina: Erika Mitterer als Naturlyrikerin. In: Sammelband, S 42
[25] Walther Deutschmann: Rache oder Gerechtigkeit. In ZK 3/2005, S 46
[26] Peter Bubenik: Erika Mitterers religiöse Lyrik der späten Jahre. In: Sammelband, S 309
[27] Helga Abret: Das gerechte Verbrechen. In: Wiener Zeitung, 12.7.2008
[28] Paul Wimmer: Ihr Thema ist die Welt in ihrer ganzen Vielfalt. In: Sammelband, S 224
[29] Esther Dür: „Der unerwünschte Zeithintergrund“. Erika Mitterers Werk als Spiegel der Zeitgschichte. In: Studia Austriaca XI (2003), S 150
[30] Márta Gaál-Baróti: Wertverlust als Grundlage des Identitätsverlustes in Erika Mitterers „Verdunkelung“. In: Tagungsband. S 51
[31] Martin Esslin: Bemerkungen zu Erika Mitterers dramatischen Versuchen. In: Tagungsband, S 50
[32] Paul Wimmer: Ihr Thema ist die Welt in ihrer ganzen Vielfalt. In: Sammelband, S 229

Quellen#


--> Erika Mitterer als Lyrikerin (pdf)
--> Erika Mitterer Gesellschaft
--> Der literarische Zaunkönig



Redaktion: I. Schinnerl