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Obersteiner, Heinrich#

* 13. 11. 1847, Wien

† 19. 11. 1922, Wien


Neurologe und Psychiater


Obersteiner Uni Arkaden
Büste, Uni Wien, Arkadenhof
© Rainer Lenius
Heinrich Obersteiner wurde am 13. November 1847 in eine angesehene Wiener Ärztefamilie geboren.

Das Interesse Obersteiners an der wissenschaftlichen Medizin wurde schon früh durch das Engagement seines Vaters auf dem Gebiet der Nervenheilkunde, geweckt. Sein Vater übernahm 1860 zusammen mit dem als Begründer des klinisch-psychiatrischen Universitätsunterrichtes geltenden Maximilian Leidesdorf die Leitung der "Döblinger Privatheilanstalt für Geisteskranke".


Im Jahr 1865 inskribierte Heinrich Obersteiner an der Universität Wien Medizin. Schon zwei Jahre später begann er seine wissenschaftliche Laufbahn als Mitarbeiter am Labor von Ernst Brücke am Physiologischem Institut, dem er bis 1872 angehörten. Im selben Jahr publizierte er seine erste wissenschaftliche Studie "Über Entwicklung und Wachstum der Sehne". Nach seiner Promotion im Jahre 1870 studierte er ein Jahr lang in Deutschland und England die Organisation der Nervenanstalten. Nach seiner Rückkehr nach Wien übernahm Obersteiner 1872 als Nachfolger seines Vaters die Leitung der Döblinger Privatheilanstalt, die er 45 Jahre ausübte und wo er bis zu seiner von ihm verfügten Auflassung der Anstalt im Jahre 1917 als Arzt und Psychiater seinen Unterhalt verdiente.


Neben seiner Tätigkeit als praktizierender Arzt habilitierte er sich 1873 an der Wiener Universität mit der Arbeit: "Der Status epilepticus", die ihm die Ernennung zum Privatdozenten für Physiologie und Pathologie des Nervensystems einbrachte. Seit diesem Jahr lehrte Obersteiner auch an der Universität Wien Anatomie und Pathologie des zentralen Nervensystems. Im September 1880 erhielt er den Titel a. o. Professor, 1898 wurde er schließlich zum tit. o. Professor der Anatomie und Pathologie des Nervensystems ernannt.


Neben den zwei in Wien bereits existierenden staatlichen Pflegestätten für Psychiatrie und Neurologie wurde 1882 auf Betreiben Obersteiners das "Institut für Anatomie und Physiologie des zentralen Nervensystems" gegründet, das 1900 auf seinen Wunsch hin in Neurologisches Institut umbenannt wurde. Dieses Institut galt weltweit als erste wissenschaftliche Einrichtung für Hirnforschung; die wissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte des Instituts lagen auf der morphologischen Hirnforschung und der normalen, vergleichenden und pathologischen Anatomie sowie Physiologie des Nervensystems.


Obersteiner genoss einen weltweit ausgezeichneten Ruf, was auch zahlreiche Mitgliedschaften an renommierten wissenschaftlichen Einrichtungen bestätigen (korr. Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien, Ehrenmitgliedschaft der medizinischen Gesellschaft zu St. Petersburg, Tokio, Brüssel, Paris, London, Gent, New York, Konstantinopel, Dr. med. h.c. in Oxford).


Im Inland hingegen wurde seinen Forschungen und vor allem dem von ihm errichteten Institut geringes Interesse und wenig Unterstützung entgegengebracht. Über Jahrzehnte blieben ihm und seinem Institut eine finanzielle Ausstattung versagt, mussten häufig Übersiedlungen in Kauf genommen werden. Erst 1919 konnte durch einen Neubau das Institut endgültig sesshaft werden.


Heinrich Obersteiner führte das Institut bis zu seiner Emeritierung 1919 hauptsächlich durch private Eigenmittel. Erst 1903 bekam sein erster Assistent Otto Marburg eine Dotierung aus öffentlichen Mitteln zugesprochen, Obersteiner sogar erst 1917. 1905 überließ er dem Institut in Form einer Schenkung seine privaten Sammlungen und seine umfangreiche wissenschaftliche Privatbibliothek, die heute einen historisch wie wissenschaftlich wertvollen Bestand der Universitätsbibliothek an der Medizinischen Universität Wien einnimmt.

In seinen Forschungen widmete sich Obersteiner der Neuroanatomie und der Neurophysiologie, wo er wesentlich zur Systematisierung der theoretischen Neurologie und zur Anwendung in der klinischen Neurologie und Psychiatrie beitrug. Sein 1888 veröffentlichtes Lehrbuch "Anleitung beim Studium des Baues der nervösen Zentralorgane im gesunden und im kranken Zustande" wurde noch im selben Jahr in mehrere Sprachen übersetzt und zu einem Standardwerk einer ganzen Generation von Hirnforschern. Er beschäftigte sich aber auch mit dem "Status epilepticus", dem Phänomens der Allocheirie (scheinbare Wahrnehmung eines Sinnesreizes auf der adäquaten Stelle der entgegengesetzten Körperseite), der Korrelation von Syphilis und Paralyse, sowie mit Intoxikationspsychosen, Stoffwechsel- und Funktionsstörungen des Zentralnervensystems, oder mit der Anwendung der Hypnose in der Medizin.


Heinrich Obersteiner war Mitbegründer und Vize-Präsident der 1903 gegründeten Internationalen Brain Commission und von 1902 bis 1918 Präsident des 1867 von Maximilian Leidesdorf, Theodor Meynert und Joseph Riedl gegründeten Vereins für Psychiatrie und Neurologie, der zu einem der ältesten wissenschaftlich-ärztlichen Vereine Österreichs zählt. Nachdem er im Jahre 1919 emeritierte, folgte ihm sein Schüler und Assistent Otto Marburg als Leiter des Institutes nach, das dieser bis zu seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus in die USA im Jahre 1938 führte.


Heinrich Obersteiner verstarb am 19. November 1922 in Wien.


Er ist in einem Ehrengrab auf dem Döblinger Friedhof (Gr.6/Gruft1) bestattet, im 19. Bezirk ist eine Gasse nach ihm benant, und im Arkadenhof der Universität Wien ist seine Büste zu sehen.

Werke (Auswahl)#

  • Anleitung beim Studium des Baues der nervösen Central-Organe, 1888
  • Die Lehre vom Hypnotismus, 1893
  • Die progressive allgemeine Paralyse, 1908
  • Arbeiten aus dem Neurologischen Institut, 22 Bände, 1892ff. (Hg.)

Literatur#

  • Österreichisches Biographisches Lexikon
  • Th. Maisel: Gelehrte in Stein und Bronze
  • F. Czeike: Historisches Lexikon Wien
  • Heinrich Obersteiner zu seinem 70. Geburtstag, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 46, 10. November 1917, S. 2013-2016.
  • Marburg Otto, Heinrich Obersteiner. Gedenkrede anlässlich Trauersitzung des Vereines für Psychiatrie und Neurologie in Wien, 5. Dezember 1922, in: Arbeiten des neurologischen Institutes an der Universität Wien, Bd. XXIV, Leipzig-Wien 1923, S. V-XXXII.

Quellen#


Redaktion: R. Lenius, I. Schinnerl