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Ottillinger, Margarethe#


* 6. 6. 1919, Wien

† 30. 11. 1992, Wien


Beamtin, Managerin

Margarete Ottilinger wurde am 6. Juni 1919 in Wien geboren.

Sie besuchte ein Realgymnasium in Wien und studierte ab 1939 als Werkstudentin – sie arbeitete nebenbei bei einer Spedition, einer Kaffeefirma und den Veitscher Magnesitwerken - an der Hochschule für Welthandel in Wien. Sie schloss ihr Studium 1940 mit dem Titel Diplomkaufmann ab und promovierte 1941 zum Doktor der Handelswissenschaften. Anschließend war sie ab 1942 als Leiterin der statistischen Abteilung und Referentin für sozialwirtschaftliche Fragen bei der Reichsvereinigung Eisen, Außenstelle Südost, beschäftigt. 1944 übernahm sie die Leitung der Geschäftstelle Wien.

Nach Kriegsende wurde sie 1945 Geschäftsführerin des Fachverbandes Berg- und Hüttenwerke der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft. 1946 wechselte sie als Konsulentin in das damals von Peter Krauland geleitete Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, 1947 übernahm sie in diesem Ministerium die Planungssektion, wo sie maßgeblich an der Erarbeitung der Wirtschaftspläne für den Wiederaufbau Österreichs sowie an der Marshallplanhilfe für Österreich beteiligt war.

(Sie schaffte unglaublich rasch die Umstellung vieler Betriebe von Kriegs- auf Friedensproduktion, die Abstimmung der österreichischen Grundproduktionen mit dem Ausland, Prioritätsreihungen für die heimische Produktion lebenswichtiger Güter, für Kreditvergaben und für Energielieferungen. Als im Juni 1947 der US-Marshallplan für Europa verkündet wurde, war Österreich, dank der Vorarbeiten und der informellen Kontakte Ottillingers zu den Amerikanern, bereits gut darauf vorbereitet und konnte sich die zweithöchste Pro-Kopf-Zuweisung (nach Norwegen) aus dem Marshallplan sichern.)


Diese gute Kenntnis von den Plänen zum österreichischen Wirtschaftsaufbau und über die von der Sowjetunion beschlagnahmten ("Usia"-)Betriebe sollten ihr zum Verhängnis werden – sie machte sie für die Sowjets verdächtig und zur mutmaßlichen amerikanischen Spionin.

Am 5. November 1948 wurde sie auf dem Weg zu einer amtlichen Besprechung beim Übertritt in die sowjetische Zone auf der oberösterreichischen Ennsbrücke bei St. Valentin von sowjetischen Besatzungssoldaten festgenommen. (Während der ebenfalls im Wagen befindliche Ressortminister Peter Krauland unbeanstandet weiterfahren durfte, holte man die Beamtin aus der Limousine.)

Ohne Wissen der Österreicher landete Margarethe Ottillinger als "US-Spionin" zunächst im russischen Zentralgefängnis in Baden bei Wien. Es wurde versucht, sie zu einem Geständnis (wegen Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst) zu zwingen. Da sie sich weigerte, ein solches Papier zu unterschreiben, wurde sie im Mai 1949 wegen Beihilfe zum Landesverrat sowjetischer Offiziere und wegen Wirtschaftsspionage zugunsten der Vereinigten Staaten zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

(Das eigenartige Verhalten von Bundesminister Peter Krauland im Zuge der Verhaftung von Ottillinger führte in den folgenden Jahren zu Spekulationen über den wahren Verhaftungsgrund. Wegen Unregelmäßigkeiten bei Rückstellungen jüdischer Vermögenswerte musste Minister Krauland wenige Monate nach Ottillingers Verhaftung von seinem Amt zurücktreten. Einer gerichtlichen Verurteilung entging Peter Krauland nur wegen einer kurz zuvor in Kraft getretenen Amnestie.

Zwischen 1945 und 1955 nahmen - so das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung - die sowjetischen Behörden etwa 2200 österreichische Zivilisten fest. Davon wurden 1230 Personen verurteilt und in die Sowjetunion "verschleppt"; darunter befanden sich nachweislich zahlreiche überführte Kriegsverbrecher aber auch unschuldige Zivilisten.

Der Fall Ottillinger erregte im Nachkriegsösterreich großes Aufsehen – die wahren Hintergründe sind allerdings bis heute nicht ganz geklärt. Der Historiker Stefan Karner hat jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene KGB-Verhörprotokolle aufgearbeitet; anhand neuer Dokumente des KGB und der westlichen Geheimdienste lässt sich Ottillingers Verschwinden als Verkettung politischer und menschlicher Komponenten rekonstruieren. Ottillinger selbst erfuhr bis zu ihrem Tod 1992 nicht, warum sie qualvolle Jahre in sowjetischen Straflagern verbringen musste.’’)

Margarethe Ottillinger war sieben Jahre lang in verschiedenen russischen Straflagern interniert; zuletzt wurde sie – schwer erkrankt – in ein Invalidenlager verlegt. Erst 1955, anlässlich einer größeren Amnestie zum Staatsvertrag, wurde sie aus der Haft entlassen und konnte nach Österreich zurückkehren.
(Das Bild von Margarethe Ottillinger, die auf einer Tragbahre aus dem Zug gehoben wurde, ging um die Welt.) Im Juli 1956 wurde das Urteil gegen sie offiziell aufgehoben und Margarethe Ottillinger vollständig rehabilitiert.


Nachdem sie sich gesundheitlich wieder erholt hatte, verschaffte ihr Bundeskanzler Julius Raab 1956 eine Arbeitsstelle als Konsulentin bei der neugegründeten Österreichischen Mineralölverwaltung (ÖMV), wo sie rasch aufstieg. Schon Ende 1957 wurde sie Prokuristin und bald darauf Vorstandsmitglied; bis zu ihrer Pensionierung 1982 war sie im Vorstand für Administration zuständig.

Margarethe Ottilinger hatte in ihrer Gefangenschaft zu einer tiefen Religiosität gefunden, die ihr Kraft gab. Nach ihrer Heimkehr war sie von der Idee beseelt, Gott für ihre Errettung sichtbar zu danken; sie konnte dafür Kardinal Franz König und den Bildhauer Fritz Wotruba gewinnen und förderte das Projekt großzügig aus eigener Tasche. Auf der Fläche einer ehemaligen Luftwaffenkaserne am Georgenberg (in Mauer) wurde ab 1974 die Wotruba-Kirche errichtet und 1976 als "Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit" eingeweiht. (2013 wurde der Platz vor der Kirche in "Ottillingerplatz" umbenannt.)

Neben ihrer Tätigkeit bei der ÖMV war sie im Aufsichtsrat der Elan-Mineralölvertriebsgesellschaft, der Petrochemie Schwechat, der Adria-Wien-Pipeline-Gesellschaft und anderen Tochtergesellschaften der ÖMV. Darüber hinaus war sie Vorsitzende des arbeitsrechtlichen Ausschusses und Ausschussmitglied des Fachverbandes der Erdölindustrie Österreichs und Kuratoriumsmitglied des Afro-Asiatischen Instituts und von Pro Oriente.


Mit Verbitterung musste sie 1982 hinnehmen, dass sie in Pension geschickt wurde. Es wechselten Phasen verschiedenster Aktivitäten mit Zeiten, in denen sie immer mehr vereinsamte und sich zurückzog. Immer mehr wurde sie von der Spiritualität der Servitinnen angezogen, schließlich übersiedelte sie zeitweise in ein Pensionistenheim, das von der Ordensgemeinschaft geführt wurde. Kurz vor ihrem Tod trat sie der Gemeinschaft bei. Margarethe Ottilinger starb am 30. November 1992 und ist auf dem Friedhof in Wien-Mauer in der Grabstätte der Servitinnen begraben.

Weiterführendes#

Literatur#

  • Wienbibliothek im Rathaus / Tagblattarchiv: Ottillinger, Margarethe
  • C. Carsten, Der Fall Ottillinger. Eine Frau im Netz politischer Intrigen, 1983
  • Stefan Karner (Hg.), Geheime Akten des KGB. Margarita Ottillinger. Graz-Wien 1992
  • I. Schödl, Im Fadenkreuz der Macht. Das außergewöhnliche Leben der Margarethe Ottillinger, 2004

Quellen#

Redaktion: I. Schinnerl