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Payer, Julius von#

* 2. 9. 1841, Schönau (Böhmen / Tschechische Republik)

† 29. 8. 1915, Veldes (Krain / Slowenien)


Entdecker des Kaiser Franz Joseph- Landes


Julius von Payer
Julius von Payer
© Archiv Senft

Payer erhielt seine Ausbildung an der Militärakademie in Wiener Neustadt, war als junger Offizier in Norditalien stationiert und wurde Bergsteiger aus Leidenschaft. Er erforschte und kartierte von dort aus einzelne Teile der Alpen, vornehmlich die Adamello- und Presanellagruppe sowie das Ortlergebiet. Dabei konnte er auch eine Reihe von Erstbesteigungen verzeichnen, so Adamello, Cevedale, Vertainspitze, Tuckettspitze, Cristallo, Monte Zebru, Monte Vioz u. v. a. m.

Der deutsche Geograph Petermann ermutigte ihn, sich der Erforschung der Polargebiete zu widmen, auf seine Veranlassung nahm Payer an der 2. deutschen Nordpolarexpedition 1869/70 teil. Er war Mitglied der 17 Mann starken Besatzung des Hauptschiffes "Germania". Seine Aufgabe bestand in der kartographischen Landaufnahme und der Durchführung von Erkundungsfahrten mit Schlitten. Das Unternehmen war aber nicht vom Glück begünstigt. Das begleitende Kohletransportschiff "Hansa" sank durch Eispressung, die "Germania" überwinterte im Eis. Payer unternahm vom Schiff aus einige wichtige Forschungsfahrten entlang der Ostküste Grönlands und entdeckte einen weit ins Land hineinreichenden Fjord, den er "Franz Joseph-Fjord" benannte.

Auf Anregung Payers hin wurde nun auch das österreichische Interesse an der Polarforschung geweckt, und es war in diesem Zusammenhang vor allem dem großen Förderer der Wissenschaften ­ Johann Nepomuk Graf von Wilczek, zu verdanken, dass es zur Durchführung einer "[Österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition" kam, für die der Graf die für damalige Verhältnisse unglaublich hohe Summe von 40.000 Gulden zur Verfügung stellte. Auch Kaiser Franz Joseph I. gab aus seiner Privatschatulle einen namhaften Betrag. Die Wiener Geographische Gesellschaft hingegen, die Forschungsreisen normalerweise recht großzügig unterstützte, hatte diesmal eine Flaute im Kassenstand zu verzeichnen und überwies - unter Bedauern - ­ lediglich 100 Gulden.

Modell der 'Tegetthoff' im Eis
Modell der "Tegetthoff" im Eis
© Heeresgeschichtliches Museum, Wien (Foto: W. Meischl)

Die Expedition wurde gut vorbereitet und zunächst einmal mit dem kleinen norwegischen Segelschiff "Isbjörn" das Meer zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja im Jahre 1871 erkundet. Das Unternehmen stand unter der seemännischen Leitung des Linienschiffsleutnants Karl Weyprecht, in dem Payer einen hervorragenden Partner für diese und die folgende große Expedition fand. Die Vorexpedition zeitigte positive Ergebnisse, so dass mit der großen Forschungsfahrt im folgenden Jahr begonnen werden konnte. Das 220 Tonnen-Expeditionsschiff "Tegetthoff" war in Bremen gebaut worden und konnte 130 Tonnen Kohle bunkern. Sein 100-PS-Hilfsmotor war als Ergänzung der Segelleistung gedacht. Verpflegung wurde für 2 1/2 bis 3 Jahre mitgenommen.

Die Tegetthoff wird verlassen
Die Tegetthoff wird verlassen
© Archiv Senft
Die Expedition stand unter der Leitung von Payer und Weyprecht. Weyprecht hatte als Kapitän das Kommando über das Schiff und Oberleutnant Payer für den Fall eines Rückzuges das unabhängige Weisungsrecht bei Landreisen. Zwei weitere Marineoffiziere, ein Regimentsarzt und 18 Mann Besatzung (alle ausnahmslos unverheiratet) vervollständigten die Mannschaft. Die Matrosen stammten vornehmlich aus Istrien und Dalmatien, die Kommandosprache war - nach damaligem Brauch bei der österreichischen Marine - Italienisch. Alle Teilnehmer hatten sich schriftlich verpflichtet, auf jegliche Rettungsexpedition, "falls sie unvermögend zur Rückkehr wären", zu verzichten. Ziel der Expedition war die "Erforschung der Meeresteile oder Länder im Norden von Novaja Semlja" und - im besonderen Glücksfall - die Bewältigung der Nordostpassage.

Am 13. Juni 1872 verließ die "Tegetthoff" Bremerhaven, und die "Isbjörn", auf der sich der "gute Geist" Graf Wilczek befand, begleitete sie bis zu den Barentsinseln, nachdem auf Spitzbergen und Nowaja Semlja Vorratsdepots angelegt worden waren. Am 20. August trat die "Isbjörn" die Rückreise an. Wenige Tage später, nördlich von Nowaja Semlja, wurde das Schiff überraschend von Eis eingeschlossen, und man musste zur Kenntnis nehmen, nunmehr von der Drift des Eises und nicht von der eigenen seemännischen Kunst abhängig zu sein. Die erste Eispressung erfolgte bereits am 3. September, gleichzeitig brach die Polarnacht herein.

Die kommenden Wochen und Monate wollten fast nicht enden. Auch der nächste Sommer verging, und das Schiff konnte sich nicht aus dem Eis befreien. Im August 1873 wurde überraschend Land gesichtet, das jedoch wegen des rasch hereinbrechenden zweiten Winters nicht näher untersucht werden konnte. Erst im Frühjahr 1874 war es soweit. Payer taufte den Archipel "Kaiser Franz Joseph-Land" und konnte ihn auf ausgedehnten Schlittenreisen erkunden. Teile davon benannte er "Wilczek-Land" und "Kronprinz Rudolf-Land", "Austria-Sund" und "Kap Wien" waren weitere Namen. Nun war die Zeit und das Vorratslimit der Expedition erschöpft, und man musste an den Rückmarsch denken. Eine Rückfahrt war nicht möglich, denn die "Tegetthoff" war nach wie vor vom Eis eingeschlossen. Drei Boote wurden auf Schlitten montiert und für drei Monate Proviant mitgenommen. Am 20. Mai 1874 verließ die Mannschaft schweren Herzens das Schiff und erreichte nach drei Monaten und äußerst mühsam zurückgelegten 560 Kilometern endlich offenes Meer. Nach weiteren zwei Wochen - die Chancen, einen russischen Walfänger zu sichten, waren inzwischen stark gesunken - traf man zum Glück auf ein russisches Schiff; am 3. September wurde glücklich Norwegen erreicht. In Wien wurden die Mitglieder der Expedition bejubelt und mit Ehren überhäuft; bald konnten auch die wissenschaftlichen Ergebnisse des Unternehmens veröffentlicht werden.

Leider widerfuhr Payer später Unrecht durch einen Erzherzog, der seine Ausführungen bei einem Vortrag anzweifelte. Der schwer gekränkte Mann nahm daraufhin seinen Abschied als Offizier und eröffnete eine Malschule. 1882 übersiedelte er nach München, 1915 starb er in Veldes. Er ist in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Auch heute noch ist auf den einschlägigen Landkarten der seit 1928 zu russischem Hoheitsgebiet gehörende Archipel Zemlya Frantsa Josifa (Franz Joseph-Land), der mit seinen rund sechzig Inseln nordöstlich von Spitzbergen und nördlich von Nowaja Semlja liegt, als solcher bezeichnet. Auf den Karten von Spitzbergen findet sich übrigens ein "Kap Payer", so dass im Polarmeer nach wie vor der Name dieses großen Österreichers verewigt ist.

Eispressungen während eines Nordlichts
Eispressungen während eines Nordlichts
© Archiv Senft
Payer,_Julius
Julius Payer. Foto
© Ch. Brandstätter Verlag, Borchardt, Wien, für AEIOU
J. Ritter von Payer: Nie zurück 1872-74
J. Ritter von Payer: Nie zurück 1872-74

Leseprobe:#

Aus Payers Buch "Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition in den Jahren 1872-1874" über die Entdeckung des neuen Landes:

[...] Ein denkwürdiger Tag war der 30. August 1873, er brachte eine Überraschung, wie sie nur in der Wiedergeburt zu neuem Leben liegt. Es war um die Mittagszeit, da wir, über die Bordwand gelehnt, in die flüchtigen Nebel starrten, durch welche dann und wann das Sonnenlicht brach, als eine vorüberziehende Dunstwand plötzlich rauhe Felszüge fern in Nordwest enthüllte, die sich binnen weniger Minuten zu dem Anblick eines strahlenden Alpenlandes entwickelten. Im ersten Moment standen wir alle gebannt und voll Unglauben da, dann brachen wir, hingerissen von der unverscheuchbaren Wahrhaftigkeit unseres Glücks, in den stürmischen Jubelruf: "Land, Land, endlich Land!" Keine Kranken gab es mehr Schiff, im Nu hatte sich die Nachricht der Entdeckung verbreitet, alles war auf Deck geeilt um sich mit eigenen Augen Gewissheit darüber zu verschaffen, dass wir ein unentreißbares Resultat unserer Expedition vor uns hatten. Zwar nicht durch unser eigenes Hinzutun, sondern nur durch die glückliche Laune unserer Scholle, und wie im Traum hatten wir es gewonnen, immerhin aber schien die Möglichkeit gegeben, daß es uns gegönnt sein werde, Größe und Beschaffenheit dieses wie durch einen Zauber aus der Eiswüste emportauchenden Landes durch eigene Anstrengungen kennen zulernen. Zur Zeit jedoch lag das Betreten des Landes außer dem Bereich jeder Möglichkeit, wer die tragende Scholle verlassen hätte, wäre abgeschnitten und verloren gewesen. Vom Rande unserer Scholle, etwa vier Meilen vom Schiff aus und an fünfzehn Meilen von der nächstgelegenen Küste entfernt, spähten wir von einer Anhöhe aus nach den Gliedern, Bergen und Gletschern des rätselhaften Landes.

Franz-Joseph-Land
Franz-Joseph-Land
© Heeresgeschichtliches Museum, Wien (Foto: W. Meischl)

Jahrtausende waren dahingegangen, ohne Kunde von dem Dasein dieses Landes zu den Menschen zu bringen. Und jetzt fiel einer geringen Schar fast Aufgegebener seine Entdeckung in den Schoß - als Preis ausdauernder Hoffnung und standhaft überwundener Leiden, und diese geringe Schar, welche die Heimat bereits zu den Verschollenen zählte, war so glücklich, ihrem fernen Monarchen dadurch ein Zeichen ihrer Huldigung zu bringen, dass sie dem neu entdeckten Land den Namen "Kaiser Franz Joseph-Land" gab. Aus eisernen Kaffeeschalen hatten wir auf Deck mit rasch bereitetem Grog ein Hoch auf unseren Kaiser getrunken und unser Schiff beflaggt. Es gab keinen Tag, keine Stunde mehr, in welcher dieses geheimnisvolle Land nicht unsere Aufmerksamkeit völlig erfüllte. Von der zuerst gesehenen Berghöhe (wir nannten sie "Cap Tegetthoff") bis zu seinen umflorten Umrissen im Nordwesten besaß seine Front etwa die Ausdehnung eines Breitegrades. Die Eisberge, die wir im Laufe der letzten Wochen in wachsender Zahl angetroffen hatten, fanden in der Auffindung dieses Gebirgslandes nunmehr ihre sehr natürliche Erklärung und waren für sich selbst ein Zeugnis seiner Ausdehnung und mächtigen Vergletscherung [...]

Über die Rettung bei Nowaja Semlja nach 96 Tagen auf dem offenen Meer schreibt Payer:

Die Stunde der Entscheidung war herangekommen - noch eine Felsecke, und ein rettendes Schiff könnte vor unseren Augen liegen, oder wir mussten uns der brutalen Übermacht des Ozeans anvertrauen. Da um 7 Uhr, wie mit einer Stimme erscholl ein Freudenruf aus unseren vier Booten: ein fünftes kleines, mit zwei Menschen besetztes Boot lag vor uns. Darin saßen zwei Russen, die, anscheinend auf Vogeljagd begriffen, nicht minder überrascht als wir selbst, auf uns zukamen. Aber noch bevor wir uns verständigen konnten, waren wir mit ihnen um eine Ecke gebogen - und da lagen zwei große Schiffe. Mit einer gewissen Ehrfurcht nähert sich der Schiffbrüchige dem rettenden Schiff, das ihn den Launen der Elemente entreißt. Als hilfreicher Freund erscheint es ihm, als höheres Geschöpf als er selbst. Mit diesem Gefühl nahten auch wir uns den beiden Schonern. Sie waren für uns der Inbegriff der ganzen Welt geworden! Wir hatten unsere Boote beflaggt und legten unter dem Schoner "Nikolaj" an, dessen Deck sich sofort mit bärtigen Russen füllte, die mit Verwunderung und Teilnahme auf uns herabstarrten. Und man gewährte uns nicht nur sofort hilfreichen Beistand, sondern empfing uns überaus herzlich und zuvorkommend, und die einfachen russischen Seeleute des Eismeeres gaben uns von ihren geringen Habseligkeiten, um uns zu erfreuen [...]

Text aus dem Buch "Große Österreicher":#

Julius von Payer (1842-1915)

Als junger Offizier attestierte er sich selbst eine »Gemsennatur«, ohne die er weder die Adamello-Erstbesteigung (immerhin 3548 Meter) noch die kartographischen Hochgebirgsaufnahmen der Ortleralpen zustande gebracht hätte. So hielt er sich einmal unter extremen Wetterbedingungen sieben Stunden lang auf dem Monte Vioz auf, um seinen »Durst nach Höhen- und Tiefenwinkeln, Höhenschichten und Terrainformen« zu stillen. All dies geschah in seinem Urlaub und auf eigene Kosten. Erst eine Begegnung mit Feldmarschall-Leutnant Kühn, dem späteren Kriegsminister, brachte eine berufliche Verbesserung. 1868 erhielt Oberleutnant Julius Payer (in den erblichen Adelsstand erhoben wurde er erst 1876) einen amtlichen Auftrag für seine kartographischen Arbeiten. Zuvor hatte er in der Schlacht bei Custoza ein feindliches Geschütz erobert und dafür das Militärverdienstkreuz erhalten. Seine Stellung als Geschichtslehrer am Kadetteninstitut erhielt er nicht zurück, denn das selbständige Denken und die kritische Betrachtungsweise, deretwegen er 1865 enthoben worden war, besaß er weiterhin und empfand sich auch selbst als ungeeignet für eine Tätigkeit als »Offizier mit vorgeschriebener Meinung«.

In Geographenkreisen hatte der Oberleutnant Payer längst einen guten Namen, und so trat der deutsche Forscher Georg Petermann an ihn heran, als er eine Nordpolexpedition plante. Payer war sofort Feuer und Flamme, ließ sich beurlauben, und am 15. Juli 1869 stach man mit der »Bremerhaven« in See. Das Unternehmen brachte interessante Erkundungen Grönlands, doch gelang es nicht, bis in die Polarregion vorzustoßen. Payer kehrte zur Armee zurück, wo er am Militärgeographischen Institut einen adäquaten Wirkungsbereich fand. Graf Hans Wilczek, der große Förderer von Wissenschaft und Kunst, nahm mit ihm Kontakt auf, als er die erste österreichische Polarexpedition ausrüstete, die unter Führung von Schiffsleutnant Karl Weyprecht von Nowaja Semlja nordwärts vordringen sollte. Gemeinsam starteten Payer und Weyprecht im Juni 1870 zu einer Vorexpedition ab Tromsö, von der sie hoffnungsfroh im Oktober 1871 zurückkehrten. Im folgenden Jahr konnte die große Expedition starten. Das unabhängige Kommando auf dem Schiff - der k. u. k. Jacht »Admiral Tegetthoff« - führte Weyprecht, das ebenso unabhängige Kommando während aller Landreisen war Payer anvertraut.

Der Höhepunkt der Expedition ist lakonisch in einer Flaschenpost festgehalten, die erst 1921 gefunden wurde: »Ende August 1873 Land entdeckt, dasselbe Franz-Josef-Land getauft.«

Damals lag die »Admiral Tegetthoff« schon ein Jahr lang im Packeis fest und trieb, ständiger Pressung ausgesetzt, mit ihm durch das Nordmeer, bis sie Anfang November 1873 endgültig auf Franz-Josef-Land festsaß. Im Mai 1874 mußte das Schiff aufgegeben werden. Mit drei Booten versuchten die Expeditionsteilnehmer, Nowaja Semlja zu erreichen - ein fast übermenschlicher Plan, denn immer wieder mußten die Boote über hochaufgetürmte Eisschollen geschleppt werden, es galt, Spalten zu überwinden, und die Kälte der Polarnacht war auch zur hellen Sommerzeit unerträglich. Aber sie schafften es, wenn auch nicht ohne Verluste. Am 25. September 1874 zogen die Teilnehmer der Expedition unter dem Jubel der Bevölkerung in Wien ein.

Während die »Admiral Tegetthoff« im ewigen Eis gefangen war, unternahm Julius Payer drei Schlittenfahrten, die der Erkundung der weiteren Umgebung und der kartographischen Aufnahme dienten; die größte führte durch den »Austria-Sund« bis zum nördlichsten Punkt der Inselgruppe des Franz-Josef-Landes (82° 5' nördlicher Breite). Die Strapazen sind unvorstellbar - Payer selbst hat sie in einer umfangreichen Dokumentation geschildert und dank seines malerischen Talents auch in zahlreichen Bildern festgehalten. Ihr berühmtestes ist das riesige »Nie zurück«, das die Expedition zeigt, wie sie auf dem Weg vom aufgegebenen Schiff in vielen Wochen nur wenige Kilometer zurückgelegt hatte und nun versucht war, zu der immer noch sichtbaren »Admiral Tegetthoff« zurückzukehren. Payer und Weyprecht konnten die Männer schließlich davon überzeugen, daß dies der sichere Tod gewesen wäre.

Payers genialer Zug als Maler wie als Erzähler hat vielleicht dazu beigetragen, daß sich bald nach der Rückkehr der Expedition Zweifler zu Wort meldeten, die die Existenz von Franz-Josef-Land für ebenso unmöglich hielten wie die Erlebnisse der Expeditionsteilnehmer. All dies seien erdichtete Erzählungen, phantastische Träumereien. Wohl konnte Payer an Hand der Zeugen und auch seiner eigenen Tagebücher und wissenschaftlichen Skizzen die Wahrheit beweisen. Aber er war zutiefst betroffen, zumal die Wurzeln des Mißtrauens sich in die Offiziersgesellschaft zurückverfolgen ließen und von dort sogar seine außertourliche Beförderung zum Hauptmann hintertrieben wurde. In seiner Ehre gekränkt, nahm er den Abschied - mit 44 Gulden Honorar, die nicht ausreichten, selbst eine Karte von Franz-Josef-Land und Nordostgrönland herzustellen und »zwei Jahre an der Bewältigung der gemessenen Winkel zu arbeiten, die ich einst in Kälte und Sturm beobachtet hatte«. Nicht einmal eine Anstellung als Professor der Geographie oder Geschichte fand sich.

Julius Payer suchte und fand einen neuen Beruf: Maler. Die Polarregion, die er aus der Erinnerung immer wieder darstellte, aber auch die alpinen Landschaften waren seine bevorzugten Sujets. Er konnte sich einen Namen machen, erhielt auch den Auftrag, die Fresken im Naturhistorischen Museum zu verfertigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er ernsthafte Kunststudien in Frankfurt und München absolviert und mit der ihm eigenen Gründlichkeit einen Winter lang im Münchner anatomischen Institut Leichen gemalt, wonach er die Skizzen zu seinem Zyklus über Franklins Nordpolexpedition und ihren Untergang zeichnete. In Paris arbeitete er im Atelier von Munkácsy.

Das Wanderleben hatte freilich auch einen privaten Grund. Payer hatte bei einem Kuraufenthalt in Franzensbad die Frau eines Frankfurter Bankiers kennengelernt, die sich seinetwegen scheiden ließ. Der Ehe mit ihr entsprossen ein Sohn und eine Tochter, aber die Beziehung war unglücklich. Freunde des Forschers und Malers gaben den starken gesellschaftlichen Neigungen seiner Frau die Schuld, von der sie sagten, sie habe den berühmten Mann vor allem aus Eitelkeit an sich gebunden und nicht das geringste Interesse für seine Gedanken, seine Arbeit, seine Ziele gehabt. 1890 trennte sich Payer von seiner Familie und kehrte nach Wien zurück - Frau und Kinder hat er nie wieder gesehen, selbst der Briefwechsel schlief bald ein. Obwohl Payer durch eine Krankheit schon 1884 das linke Auge verloren hatte, konnte er seine Karriere als Maler fortsetzen. Auch hielt er, immer wieder eingeladen, zahlreiche Vorträge in allen Teilen der Monarchie und auch in Deutschland. Innerhalb von 18 Jahren sollen es über 1200 gewesen sein. Schließlich setzte ihm - spät, aber doch - Kaiser Franz Joseph eine Ehrenpension von 6 000 Kronen aus.

Julius von Payer war auch noch mit 70 Jahren von ungebrochener Unternehmungslust. 1911 plante er allen Ernstes, an einer Expedition teilzunehmen, die den Nordpol mit einem Unterseeboot erreichen wollte, und hätte es wohl auch getan, wenn nicht technische Mängel den Start des Bootes verhindert hätten. Erst ein Schlaganfall im Jahr 1912 behinderte seine Aktivitäten; seine um vieles jüngere Lebensgefährtin, die seine Schülerin gewesen war, als er eine Zeitlang junge Damen in die Kunst des Malens einführte, hielt ihm rührend die Treue. Auf einer 17 Meter langen Papierrolle hielt er in seinen letzten Lebensjahren seine Erinnerungen fest.

Am 30. August 1915 ist Julius von Payer in Bad Veldes in Oberkrain gestorben. Man überführte den Leichnam nach Wien und setzte ihn in einem Ehrengrab bei. Wissenschaftliche Gesellschaften hielten Trauersitzungen, zahlreiche Orte, deren Ehrenbürger er gewesen war, flaggten schwarz - unter ihnen auch Schönau bei Teplitz, wo er am 2. September 1842 als Offizierssohn geboren worden war. Die »Payer-Spitze« in Ostgrönland und das »Payer-Land« im Süden des König-Wilhelm-Landes tragen den Namen des Mannes, der die Insel Franz-Josef-Land entdeckt und damit Österreich seine einzige Kolonie geschenkt hat.

Weiterführendes#

Literatur#

  • Payer, Das Innere Grönlands, 1811
  • Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition in den Jahren 1812-1814, Wien 1876
  • Straub, H., Die Entdeckung des Franz-Joseph-Landes, 1990

Quellen#

  • H.&W. Senft, Aufbruch ins Unbekannte, Stocker Verlag, Graz, 1999
  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.


Redaktion: Hilde und Willi Senft