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Pregl, Fritz#

* 3. 9. 1869, Laibach (heute Slowenien)

† 13. 12. 1930, Graz


Chemiker
Nobelpreisträger für Chemie, 1923


Fritz Pregl
Fritz Pregl. Foto
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU
Fritz Pregl wurde am 3. September 1869 in Laibach geboren.

Nach dem Besuch von Volksschule und Gymnasium in Laibach begann er 1887 in Graz ein Studium der Medizin, das er 1894 mit der Promotion "summis auspiciis imperatoris" zum Doktor der gesamten Heilkunde abschloss.

Ab 1891 war Pregl schon als Assistent bei Prof. Rollett tätig, bei dem er sich auch 1899 für Physiologie habilitierte.

Er schloss ein Studium der Chemie an, da er erkannte, dass moderne physiologische Forschung ohne gründliche chemische Kenntnisse nicht möglich ist. Um diese noch zu vertiefen, studierte Pregl ein Jahr in Deutschland, bevor er 1905 nach Graz zurückkehrte und eine Assistentenstelle am Institut für Medizinische Chemie annahm.

1910 wechselte Pregl nach Innsbruck, wo er bis 1913 am Institut für medizinische Chemie tätig war, ab 1913 war er ordentlicher Professor am Institut für angewandte medizinische Chemie in Graz.


Sein besonderes Interesse galt der physiologischen Chemie und den im Körper auftretenden Stoffwechselprodukten.

Ein bei einer Untersuchung über Gallensäuren aufgetretener Materialmangel bei einer Analyse führte Pregl zur Begründung der organischen Mikroanalyse – ein Gebiet, das für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird.


Die von ihm ausgearbeitete Methode ermöglichte es, die zu einer Analyse organischer Substanzen notwendige Menge auf ein Fünfzigstel der bis dahin erforderlichen Menge zu reduzieren und die dafür notwendige Zeit zu verkürzen.


Seine Methode der Analyse kleinster Substanzmengen – er verwendete besonders empfindliche Laborgeräte (u. a. eine Mikrowaage ) - ermöglichten umwälzende Stoffwechsel-, Hormon- und Enzymforschungen.


1923 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für die von ihm entwickelte "Mikroanalyse organischer Substanzen".


Trotz zahlreicher Berufungen blieb Pregl seiner Wirkungsstätte treu und machte Graz gemeinsam mit Fritz Emich zum Zentrum der mikrochemischen Forschung.

Fritz Pregl starb am 13. Dezember 1930 in Graz.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Lieben-Preis der Akademie der Wissenschaften in Wien, 1914
  • Ehrendoktorat der Universität Göttingen, 1920
  • korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, 1921
  • Ehrenbürger in Graz, 1929
  • nach ihm ist die "Preglsche Jodlösung" - ein jodhaltiges Desinfektionsmittel - benannt


Werk:

  • Die quantitative organische Mikroanalyse, 1917



Text aus dem Buch "Österreichs Nobelpreisträger" #

Als Sohn des Kassiers der krainischen Sparkassen in Laibach, Raimund Pregl, und von Friederike, geb. Schlacker, wurde Fritz Pregl am 9. September 1869 geboren. Laibach, die Hauptstadt des damaligen österreichischen Kronlandes Kram, war zweisprachig. Die Familie Pregl war eine deutschsprachige österreichische Beamtenfamilie, sodass Fritz auf das deutschsprachige Gymnasium seiner Vaterstadt kam. Dort maturierte er 1887 und begann im selben Jahr an der Universität Graz sein Studium der Medizin. Der Student erfreute sich seines heiteren Wesens wegen allgemeiner Beliebtheit und fiel sofort durch außergewöhnliche Begabung und besonderen Eifer auf. So holte schon 1890 Professor Rollet den Kandidaten der Medizin als Hilfsassistenten an sein physiologisches Institut.

Nach Vollendung der Studien und Promotion zum Doktor der gesamten Heilkunde im Jahr 1894 wurde Pregl Rollets Assistent und blieb bis 1904 am Institut. Dort erfuhr er eine gründliche Ausbildung in Physiologie. Von Jugend auf faszinierte ihn der intensive wissenschaftliche Betrieb unter Rollet. Für zahlreiche Vorlesungen galt es, physiologische Experimente vorzubereiten, wodurch Pregl schon damals mit den verschiedenen feinen Apparaten und Instrumenten vorzüglich umgehen lernte. Seine angeborene Geschicklichkeit kam ihm dabei sehr zustatten, seine Neigung für die chemische Seite der Physiologie trat klar zutage. Auch seine spätere Vorliebe für methodische Probleme der Forschung begann sich bereits abzuzeichnen.

Während sich die eine seiner Erstlingsarbeiten mit der Frage der Eigenschaften und Wirkungen des Darmsaftes von Schafen befasste, brachte ihm die zweite, über „Die Ursachen der hohen Werte des C-N-Quotienten des normalen menschlichen Harns”, bereits 1899 die Habilitierung als Dozent für das Gesamtgebiet der Physiologie. Dies genügte Pregl aber nicht. Er hatte bei seinen Untersuchungen erkannt, dass er zwar ein geschulter Mediziner, aber noch nicht ein ausgebildeter Chemiker war. Der freundschaftliche Umgang mit Zdenko Skraup, dem Leiter des Chemischen Institutes der Grazer Universität, dürfte ihn ebenfalls in dieser Richtung beeinflusst haben. Der dreißigjährige Physiologie Dozent wirkt unter Leitung Skraups eifrig bei allen praktischen Aufgaben und Experimenten der Chemie-Studenten mit. Schließlich veröffentlicht er sogar eine eigene chemische Arbeit über die Azetylierung der löslichen Stärke.


Schwerpunktbildung in Chemie

Rollets Tod im Jahr 1903 unterbrach Pregls chemische Studien insofern, als er nun ein Jahr lang die verwaiste Lehrkanzel für Physiologie supplieren musste. Im gleichen Jahr wurde er auch zum außerordentlichen Professor ernannt. Noch aber war der junge Gelehrte mit seinen Chemie Kenntnissen nicht zufrieden. Um sich eine noch gründlichere und umfassendere Ausbildung als Chemiker anzueignen, nahm er einen einjährigen Studienurlaub, der ihn nach Deutschland führte. Außer bei dem berühmten Chemiker Wilhelm Ostwald in Leipzig und bei Gustav Hüfner in Tübingen arbeitete er noch bei dem eben mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Emil Fischer in Berlin. Dort pflegte er freundschaftlichen Verkehr mit Abderhalden, mit dem er gemeinsam die Hydrolyseprodukte des Eieralbumins sowie Eiweißabkömmlinge im menschlichen Ham studierte.

Nachdem er nun eine gründliche chemische Praxis absolviert hatte, kehrte er 1905 nach Graz zurück und wurde Assistent am medizinisch-chemischen Institut unter Hofmann. Gleichzeitig erhielt er einen Lehrauftrag als Extraordinarius für physiologische Chemie. Sofort setzte er sich in Erinnerung an seine eigene Studienzeit für eine Reorganisation des Chemieunterrichtes für Mediziner ein. Es gelang ihm, eine größere Berücksichtigung physiologisch-chemischer Übungsaufgaben durchzusetzen.

Er selbst entfaltete eine rege wissenschaftliche Tätigkeit, vor allem auf dem Gebiet der chemischen Konstitution. Dabei fesselte ihn das Studium der Gallensäuren, die er darzustellen und zu isolieren suchte. Er bediente sich dabei der herkömmlichen Methoden der Elementaranalyse, wie sie im wesentlichen auf den großen Chemiker Liebig zurückgingen. Da stellten ihn die geringe Ausbeute und ein durch die natürlichen Verhältnisse bedingter Substanzmangel vor die Alternative, entweder die Aufklärung dieser organischen Verbindungen aufzugeben oder aber riesige Mengen Rindergalle zu verwenden. Wie Pregl in seinem Nobel-Vortrag berichtete, hätte er mehrere Tonnen Material benötigt, um zu brauchbaren Resultaten zu kommen.

In dieser Zwangslage kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, die Versuche in gleichmäßig verkleinertem Maßstab durchzuführen. Er dachte dabei auch an kleinere Apparate und verringerte Reagenzienmengen. Theoretisch schwebte ihm eine Versuchsanordnung „mit versetztem Dezimalpunkt” vor, bei der man einfach den Dezimalpunkt nicht nur bei der verwendeten Substanzmenge und den Reagenzien, sondern auch bei den Ausmaßen aller Apparate um ein oder zwei Zehnerpotenzen verschiebt, um die entsprechend verkleinerte Dimension zu schaffen.

Zu einer Realisierung dieses theoretischen Gedankens kam es allerdings damals in Graz noch nicht. Immerhin baute und erdachte Pregl schon in diesen Jahren mehrere Verbesserungen für die Laboratoriumsgeräte zur Extraktion wässriger Lösungen sowie zum Trocknen im Vakuum. Auch konstruierte er einen praktischen zeitsparenden und automatisch regulierbaren Verbrennungsofen für die Elementaranalyse.


Professur in Innsbruck

Im Jahr 1910 wurde Pregl zum Ordinarius für Medizinische Chemie an die Universität Innsbruck und Vorstand des dortigen medizinisch-chemischen Instituts bestellt. Damit stand dem Forscher nun ein eigenes Institut zur Verfügung, er konnte in wesentlich größerem Umfang als bisher seine Arbeiten fortführen. Mit Unterstützung des Unterrichtsministeriums wurde es ihm ermöglicht, ein Übungslaboratorium einzurichten, an dem er nach seinen Ideen schalten und walten konnte. Als Ordinarius hatte er auch in der Studienordnung ein gewichtiges Wort mitzureden. Pregl erreichte, dass die Studierenden der Medizin an den österreichischen Hochschulen ihren gesamten medizinisch-chemischen Unterricht an den hierfür geschaffenen medizinisch-chemischen Instituten zu absolvieren hatten.

Die drei Jahre der Tätigkeit Pregls in Innsbruck gehörten zu den fruchtbarsten seines Lebens. In Innsbruck entstand sein Lebenswerk in allen wesentlichen Grundzügen. Noch während seiner Tätigkeit in Graz hatte er von den Erfolgen Friedrich Emichs, eines anderen großen österreichischen Chemikers, gehört. Dieser, damals schon Professor für Analytische Chemie an der Grazer Technischen Hochschule, hatte auf dem Gebiete der anorganischen Analyse Arbeiten mit geringen Substanzmengen erfolgreich durchgeführt. Er hatte dabei auf den Erfahrungen des Holländers Behrens aufgebaut, der in Delft schon im Jahr 1897 das erste mikrochemische Laboratorium für qualitative Analysen eingerichtet hatte. Emich wieder, ein Freund des bedeutenden Botanikers und Pflanzenphysiologen Hans Molisch, führte für seine Untersuchungen die Technik des Arbeitens mit Kapillarröhrchen ein und erzielte damit große Erfolge. Molischs Arbeitsweise bei seinen pflanzenphysiologischen Versuchen lag ganz auf derselben Linie.

Wenn Emich dann noch wertvolle Beiträge zur gewichts- und maßanalytischen Mikrotechnik leistete, so zeigt dies wieder nur eine in der Wissenschaft so oft zu beobachtende Erscheinung: Die Entwicklung der Forschung hat zu einem Punkt geführt, an dem die Entwicklung neuer Methoden unerlässlich wird. Es scheint, als entstünde in solchen Momenten durch die gedankliche Beschäftigung so und so vieler Gelehrter mit dem fraglichen Problem eine Art „geistiges Fluidum“. Die Lösung liegt, wie man so sagt, in der Luft“, bis einem besonders begabten Forscher der rettende „Geistesblitz“ kommt und er das gedankliche Problem einer konkreten Lösung zuführt.

Hier war Pregl der Mann, der, an seinen schon in Graz gefassten Gedanken anknüpfend, den festgefahrenen Wagen der chemischen Forschung durch Idee und Tat wieder flott machte. Es war das Gebiet der Elementaranalyse, das er auf neue Art erforschen wollte. Das aktuelle Problem war die quantitative Bestimmung des Kohlenstoffes, des Stickstoffes, des Schwefels, des Wasserstoffes und anderer Elemente, sowie der Halogene und ganz bestimmter Atomgruppen in organischen Substanzen.


Elementaranalysen mittels Mikroanalyse

Pregl machte sich also an die Bestimmung des Kohlenstoffes und des Wasserstoffes, dies mit seiner neuen, noch gar nicht konkret vorliegenden Methode, deren Konturen sich erst in seinen Gedanken abzuzeichnen begannen. Tastend arbeitete er sich vorwärts und betrat Neuland. Da in dieser Richtung noch keinerlei Versuche Vorlagen, schien es mir um so verlockender, dieses gänzlich unbebaute Gebiet zu betreten und zu bebauen“,wie er selbst erzählte.

Allerdings erwies sich die erste Annahme, dass man bei gleichmäßigem Verkleinern aller für die Versuche nötigen Faktoren auch zu den richtigen Resultaten kommen müsse, als trügerisch. Bei der angestrebten Mikroanalyse traten infolge der außerordentlich kleinen Mengen, die nun verwendet wurden, eine Reihe von Aspekten in Erscheinung, die bei der bisherigen Makroanalyse überhaupt nicht von Bedeutung gewesen waren. So zeigte es sich, um nur ein Beispiel zu nennen, dass allein durch die Luftfeuchtigkeit bei den winzig kleinen Substanzmengen verschiedentlich Gewichtsveränderungen auftraten. Diese Erscheinung musste erst ausgeschaltet werden. Neue, abgeänderte Arbeitsmethoden harrten ihrer Entwicklung: Die vorhandenen Apparaturen mussten den Mikroverhältnissen angepasst, neue Apparate den verkleinerten Dimensionen entsprechend erst ersonnen und gebaut werden.

Pregl meisterte auch diese Aufgabe. Er erwies sich als geübter Glasbläser, der eine Reihe von Geräten nicht nur selbst zu entwickeln, sondern auch herzustellen vermochte. Unermüdlich war sein Forschergeist am Werk. Er erfand Kniffe, Vereinfachungen, Verbesserungen, Veränderungen, um bestehende Apparate für die Mikroanalyse geeignet zu machen. Auf diese Weise gelang es ihm schließlich, die erforderliche Substanzmenge gegenüber den Methoden der Makroanalyse auf den hundertsten Teil herabzudrücken. Waren noch zehn Jahre zuvor nach Liebigs Methoden durchschnittlich 100 bis 200 mg Substanz für einen Versuch erforderlich, so brauchte Pregl nur noch 3 bis 5 mg, später sogar noch weniger.

Die Verwendung derart kleiner Substanzmengen machte natürlich eine entsprechende Waage nötig, mit der man präzise und schnell arbeiten konnte. Diese Waage entdeckte Pregl in dem von Kuhlmann in Hamburg gebauten Instrument. Er erkannte als erster seine große Leistungsfähigkeit für seine neu entwickelte Mikroanalyse. Gemeinsam mit Kuhlmann schuf er ohne Abänderung des Typs, lediglich durch Verfeinerung der Schneidenschliffe, durch Änderung der Schwerpunktschraube und Anbringung der Ableselupe sowie der Haken an den Schalenbügeln, die mikrochemische Waage.

Im selben Jahr 1923, da Pregl den Nobelpreis erhielt, wurde Kuhlmann als Erbauer hochleistungsfähiger Präzisionsinstrumente mit dem Ehrendoktorat der Münchner Technischen Hochschule ausgezeichnet. Das Entscheidende an der Kuhlmannschen Waage war die Tatsache, dass man damit bei Belastungen bis zu 20 g noch Wägungen mit einer Genauigkeit von einem Millionstel Gramm durchführen konnte. Wenn wir von Pregl hören, dass nach einer »niedrigen, oberflächlichen Schätzung« „für die Gewinnung der notwendigen Einsicht für die Ausarbeitung der organischen Mikroanalyse rund zehntausend Präzisionswägungen erforderlich waren”, so lässt sich daraus die Bedeutung der Waage ermessen.

Gegen Ende des Jahres 1911 lagen die neuen Methoden zur Bestimmung von Kohlenstoff und Wasserstoff mit wesentlich geringeren Substanzeinwaagen (nämlich nur 7 bis 13 mg) in den Grundzügen vor. Die Arbeit ging rastlos weiter. Statt der früheren empirischen Schnellmethode führte er eine exakte gasvolumetrische Bestimmung des Stickstoffes durch und entwickelte eine bequeme Vorgangsweise zur Bestimmung der Halogene und des Schwefels. Damit war die grundsätzliche Anwendbarkeit der Mikroanalyse für eine Reihe von Elementen bereits damals bewiesen.

In einem Experimentalvortrag vor der Deutschen Chemischen Gesellschaft in Berlin konnte Pregl zum ersten Mal über seine mikrochemischen Forschungen berichten. In den nächsten Innsbrucker Jahren gelang ihm auch noch ein Verfahren zur Ermittlung bestimmter Atomgruppen, wie der Methoxyl- und Carboxylgruppen, in organischen Verbindungen, mit Einwaagen von nur 2 bis 5 mg Substanz. Sogar die ersten Versuche zur später so wichtig gewordenen Mikrobestimmung des Molekulargewichtes aus der Siedepunkterhöhung fanden noch in Innsbruck statt.

Pregls langjähriger Assistent und späterer Nachfolger, Hans Lieb, überlieferte ein anschauliches Bild von der großen Arbeitsintensität des Gelehrten: Eine innere Ungeduld trieb ihn immer wieder an, weiterzuarbeiten, wenn ihn ein Gedanke einmal erfasst hatte. Auf einer Sommerreise durch Südtirol, die er sich zur Ausspannung gönnen wollte, packte ihn eine neue Idee: Man verwendete bisher zur Bestimmung des Kohlen- und des Wasserstoffs den Quecksilbergasometer. Dieses Instrument hatte den großen Nachteil, dass es nur ein praktisch sehr geübter Chemiker handhaben konnte. Es musste doch etwas Einfacheres geben!

Da fiel Pregl die Mariottesche Flasche ein. Diese dient zur Erzeugung eines bestimmten, leicht regulierbaren Drucks in den Absorptionsapparaten und überwindet die Reibungswiderstände. Sofort brach Pregl die Reise ab, kündigte das für längeren Aufenthalt bereits gemietete Zimmer und fuhr schleunigst nach Innsbruck zurück. Vom Bahnhof aus ging er direkt ins Laboratorium und begann den ausgedachten Versuch. Eine der bekanntesten Entdeckungen Pregls war die Herstellung einer Jod-Lösung, die zum Gurgeln verwendet werden konnte, des so genannten Pregl-Jods.

Außer Lieb wirkten nur zwei Assistenten an Pregls Versuchen mit: de Crinis und Edlbacher. Meist löste der Forscher die vielen mühevollen und vor allem zeitraubenden mikroanalytischen Verfahrensprobleme allein. Arbeitete er mit den Assistenten, so verließen auch diese zusammen mit dem Gelehrten das Laboratorium immer erst spät am Abend, um, wie Lieb berichtet, „nach gemeinsamem Abendessen ins Kaffeehaus zu wandern und dort noch stundenlang über alle experimentellen Ergebnisse und Fehlermöglichkeiten der Methoden nachzusinnen. So manche Idee entstand bei diesen gemütlichen Sitzungen!“

Nicht weniger charakteristisch für den lustvollen Eifer, der Pregl bei der Arbeit beseelte, ist eine andere Beobachtung, die Lieb mitteilt: Nach Beendigung einer Elementaranalyse stand der Gelehrte erwartungsvoll hinter dem assistierenden Analytiker, der den Versuch auswertete, mit dem Rechenschieber in der Hand, um nur so rasch wie möglich zu erfahren, ob das Ergebnis mit den Berechnungen übereinstimme. „Und jedesmal, wenn dies zutraf, war eine freudige Erregung an ihm zu bemerken.“


Rückkehr nach Graz

Als im Jahr 1913 der Vorstand des Grazer medizinisch-chemischen Instituts starb, berief die Grazer Universität einstimmig seinen ehemaligen Assistenten als Hofmanns Nachfolger nach Graz zurück. Der Forscher folgte diesem Rufe gerne, umso mehr, als er stets eine große Anhänglichkeit an „sein“ Graz gezeigt hatte und ihm dort nun eine wesentlich größere Arbeitsstätte zur Verfügung stand.

Im gleichen Jahr demonstrierte er seine neue Methode auf der großen Naturforscherversammlung in Wien in einem Experimentalvortrag. Im Verlauf des Vortrages gelang es ihm vor versammelter Fachwelt mit seinen Mikromethoden einen organischen Stoff, das Azetanilid, in seiner Zusammensetzung und seinem Molekulargewicht restlos zu bestimmen. Dazu hätte man früher viele Stunden gebraucht. Da das Experimentalergebnis den vorher ermittelten Rechnungswerten absolut entsprach, hatte Pregls Methode damit vor aller Öffentlichkeit ihre Bewährungsprobe bestanden.

Dies war umso bedeutungsvoller, als 1912 die kurze Mitteilung über seine neue Mikroanalyse in Abderhaldens „Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden” wenig Beachtung gefunden hatte. Jetzt erwies sich sein Mikroverfahren nicht nur hinsichtlich der erforderlichen Substanzmengen bedeutend ökonomischer, sondern verkürzte auch die Dauer eines Versuches ganz wesentlich. Da man schneller zum Ergebnis kam, entschloss man sich umso eher zu weiteren Versuchen. Kein Wunder, dass die Fachleute, als sie die Vorteile einmal erkannt hatten, später mehrfach Pregls Mikromethoden dankbar als größten Fortschritt auf dem Gebiete der organischen Elementaranalyse seit Liebigs Zeiten bezeichneten.

In seinem Grazer Institut konnte Pregl nunmehr seine mikroanalytischen Untersuchungen ausbauen. Es ging ihm darum, alle nur möglichen Fehlerquellen zu beseitigen und alles Ungeklärte restlos aufzuklären. Trotz mehrfach vorgebrachter Wünsche nach Veröffentlichung der Mikromethode hielt der Forscher selbst den Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Erst wollte er alle elementaren Bedingungen des neuen Verfahrens erkannt, geprüft und erfüllt sehen. Insbesondere musste die Methode zur Bestimmung des Molekulargewichtes mit kleinsten Substanzmengen noch vervollkommnet werden. In zunehmendem Maße fanden sich nach seinem Wiener Vortrag auswärtige Fachkollegen bei Pregl in Graz ein, die sich für seine Arbeitsweisen interessierten und diese selbst erlernen wollten.

Auch Pregl erschien es wichtig, dass sich die von ihm entwickelten Mikromethoden in Händen seiner Fachgenossen als brauchbar und vorteilhaft erwiesen. Mitteilsam und hilfsbereit, wie er war, informierte er uneigennützig alle Interessenten und gab bereitwillig Rat und Auskunft, wenn ein Anfänger in der praktischen Durchführung der Arbeitsvorgänge mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Aus diesen gelegentlichen Unterweisungen entwickelten sich regelmäßige Kurse, an denen bald Hunderte Chemiker aus aller Welt teilnahmen. Pregl selbst sammelte dabei als Lehrender wieder wertvolle Erfahrungen und konnte das mikroanalytische Verfahren dadurch immer mehr erweitern und systematisch ausbauen.


Pregls Monographie zur Mikroanalyse

Dem Drängen seiner Schüler und Freunde nachgebend, entschloss er sich nun zu einer Gesamtdarstellung seiner neuen Methode, die nicht nur die gewonnenen Arbeitsergebnisse zusammenfassen, sondern auch eine Grundlage zum Erlernen der mikrochemischen Arbeitsweise schaffen sollte. 1917 erschien diese Monographie über „Die quantitative organische Mikroanalyse”. Bereits 1923 wurde eine zweite, ergänzte Neuauflage nötig. 1930 konnte Pregl noch vor seinem Tode die dritte wesentlich erweiterte Auflage in Druck gehen lassen. In diesen Neuauflagen sind auch alle in der Zwischenzeit erfolgten Beobachtungen und neu gewonnenen Erfahrungen, insbesondere die Verbesserung der Stickstoffbestimmung, die Bedeutung der Azetylgruppen, des Arsens und des Quecksilbers, sowie des Molekulargewichtes in Flüssigkeiten enthalten.

Das Buch, das bald in mehrere Sprachen übersetzt wurde, zeichnete sich trotz seiner Ausführlichkeit durch größte Klarheit und fließende Darstellung aus. Mit den darin gebrachten Bestimmungsmethoden sind die Anwendungsmöglichkeiten der Mikroanalyse aber längst nicht erschöpft. Chemiker in aller Welt werden durch die Ausführungen Pregls erst richtig angeregt, die Mikromethoden auf allen nur möglichen Arbeitsgebieten anzuwenden. Darin liegt nicht zuletzt die ganz große Bedeutung der Pregl’schen Entdeckung. Diese geht auch daraus hervor, dass seit dem Zweiten Weltkrieg weitere drei Neuauflagen, 1958 die siebente, besorgt von Hubert Roth, erscheinen konnten. Sie umfassten alle durch andere Forscher seither erarbeiteten Verbesserungen und Erweiterungen der ursprünglichen Methode. Das Rüstzeug für all diese neueren Forschungen hatte Pregl den Chemikern in die Hand gegeben.

Nachdem der Forscher Pregl mit seiner grundlegenden Arbeit hervorgetreten war, blieben Ehrungen und Auszeichnungen nicht aus. Schon 1914 verlieh ihm die Wiener Akademie der Wissenschaften den Lieben-Preis. 1920 zeichnete ihn die philosophische Fakultät der Universität Göttingen mit dem Ehrendoktorat aus. Dies war eine Anerkennung dafür, dass er „die methodischen Grundlagen der organischen Mikroanalyse erdacht und in unermüdlicher Arbeit vollkommen durchgebildet“ sowie damit „die angewandte Chemie wesentlich gefördert und der medizinischen Chemie die Lösung neuer Aufgaben ermöglicht“ hatte. Im Jahr darauf erwählte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften zum korrespondierenden Mitglied. Die Krönung seiner internationalen Anerkennung brachte das Jahr 1923 mit der Nobelpreisverleihung.

Der Vorsitzende des chemischen Nobel-Komitees der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Professor Olof Hammersten, gab eine tiefgreifende Würdigung von Pregls Leistung. Ihm verdanken wir die ersten wertvollen Hinweise darauf, wie viele wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und Untersuchungen durch die Anwendung der mikroanalytischen Methoden Pregls überhaupt erst möglich wurden und welche Zukunftsaussichten sich aus der Pregl’schen Entdeckung ergaben. Die mikrochemische Bestimmung des Blutzuckers oder der krankhaften Veränderung des Harns sind aus der medizinischen Chemie heute nicht mehr wegzudenken. Dazu kam in letzterem Fall noch eine von Pregl ausgearbeitete Methode zur Leistungsprüfung der Nieren, die es ermöglichte, auch Störungen in der Funktion nur einer der beiden Nieren festzustellen, da Proben von beiden Harnleitern gesondert abgenommen werden konnten.

Das Studium der Enzyme und Verdauungssäfte, der Abbauprodukte des Stoffwechsels, der lebenswichtigen Vitamine, der erstaunlichen Wirkungen der Hormone - dies alles ist ohne Mikrochemie undenkbar. Die ganze heutige Biochemie in ihrer überragenden Bedeutung hat Pregls Entdeckung zur Voraussetzung. Außerdem sind seine Forschungen auch von besonderer Wichtigkeit für die moderne Nahrungsmittelchemie. Verfälschungen von Lebens- und Genussmitteln, aber auch von Medikamenten und Drogen lassen sich durch Mikroanalyse einwandfrei und rasch nachweisen. Nicht umsonst war Pregl fast dreißig Jahre lang auch Gerichtschemiker, der als Sachverständiger bei der Klärung so manches Kriminalfalles entscheidend mithalf.

Auch für die Industrie sind die mikrochemischen Methoden heute unerlässliche Hilfsmittel. Pregl selbst erwähnte noch mit Freuden, wie seine elektrolytische Metallanalyse in der Technik in steigendem Maße angewendet wird. Mikroanalytische Untersuchungen zur Feststellung des Reinheitsgrades technischer Erzeugnisse, aber auch Analysen des Wassers, der Luft oder von Mineralien sind in der modernen Wirtschaft selbstverständlich. Was Emichs mikrochemischen Nachweis der so genannten Spurenelemente betrifft, denke man nur, wie wichtig die damit erzielten Ergebnisse für die Erkenntnisse der für das Gedeihen der Pflanzen nötigen Bodenzusammensetzung waren. Die ganze heutige Düngungsmittelindustrie fußt auf derartigen Untersuchungen. Hier ist auch der Punkt, wo sich Pregls Verfahren und Emichs Arbeiten mit den Forschungen von Molisch, dargestellt in dessen umfassendem Buch ,,Mikrochemie der Pflanze”, aufs engste berühren. Das Wirken dieser drei Forscher machte die Mikrochemie in ihren Grundzügen zu einem Werk österreichischer Gelehrter.

Es war daher nur folgerichtig, dass im Jahr 1923, nachdem auch in Wien die Mikromethoden, vor allem durch Feigl und Strebinger, ausgebaut werden konnten, in der österreichischen Zeitschrift ,,Mikrochemie” ein „Internationales Archiv für deren Gesamtgebiet” geschaffen wurde. Auf den Ausbau dieses zentralen Publikationsorgans hat außer Pregl auch Emich starken Einfluss genommen.


Pregl, persönlich

Pregl, wenn auch Wissenschaftler von äußerster Exaktheit und Verstandesklarheit, war stets aufgeschlossen, voll gewinnender, anziehender Fröhlichkeit und voll schlagfertigen Witzes. Er fand Erholung in häufigem Kontakt mit der Natur und fühlte sich in seinem großen Freundeskreis besonders wohl. Er verwuchs mit Stadt und Universität Graz, mit der Landschaft und den Menschen im Laufe der Jahre so innig, dass er jede auch noch so ehrenvolle Berufung, sei es nach Wien oder Berlin, von vornherein ausschlug. Es ist daher nur allzu verständlich, dass ihm die Stadt Graz das Ehrenbürgerrecht verlieh. Hatte er in der Jugend, in seinen Assistentenjahren, auch vor schwierigen Klettertouren in den Julischen Alpen oder in der Schweiz nicht zurückgescheut, so war er in späteren Jahren begeisterter Radfahrer und blieb stets ein guter Schwimmer, der mit besonderer Vorliebe die Adria aufsuchte. Auch das Fischen in Seen und Gebirgsbächen betrieb er leidenschaftlich gern.

Pregl war ein vorbildlicher akademischer Lehrer mit viel Herz für die studierende Jugend und erfreute sich in Graz großer Beliebtheit. Seine Hilfsbereitschaft zeigte sich besonders in den Notzeiten nach dem ersten Weltkrieg, als er tatkräftig mitwirkte, eine Hochschulmesse zu gründen, eine wohltätige Institution, welche auch so manchem bedürftigen Studenten durch Zuschüsse bei der Vollendung seiner Studien half. Pregls Vorlesungen zählten zu den bestbesuchtesten in Graz. Stets waren sie durch humorvolle Bemerkungen belebt und eindringlich bereichert und spannend gemacht durch Pregls außergewöhnliche Experimentierkunst. Immer war er von dem Bestreben geleitet, den Medizinern die Grundlagen der Chemie so übersichtlich und interessant wie nur möglich zu vermitteln. Als Dekan der medizinischen Fakultät im Studienjahr 1916-17, mitten im Krieg, und 1921-22 als Rektor der Universität widmete sich Pregl mit großem Pflichteifer den Aufgaben des akademischen Senats.


Der Pregl-Preis

Hatte Pregl in jungen Jahren in der Ferialzeit als sehr guter Augenarzt gewirkt, so beschäftigten ihn auch später noch öfters verschiedene Fragen der praktischen Medizin. In zunehmendem Maß befasste er sich in seinen letzten Lebensjahren mit den weiteren Aspekten der mikroanalytischen Forschung. Um das gesamte wissenschaftliche Arbeitsgebiet, welches der Mikroanalyse ein Betätigungsfeld eröffnete, voll zu erschließen, würde es der Mitarbeit zahlloser Forscher bedürfen und Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Diese sicherzustellen sah er deshalb als vornehmste Aufgabe der Zukunft. So stiftete er einen bedeutenden Betrag für einen ,,Pregl-Preis”, den die österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien alljährlich für die beste mikrochemische Arbeit vergibt. Schließlich schwebte ihm auch noch die Errichtung eines zentralen Forschungsinstituts als Heimstätte für das Gesamtgebiet der Mikrochemie vor. Diesen Plan konnte er aber nicht mehr verwirklichen. Ein Autounfall, der an sich harmlos schien, sollte die indirekte Ursache seines Todes werden. Als Folge der Schockwirkung kam es zu ernsten Kreislaufstörungen, denen der Forscher am 13. Dezember 1930 erlag.

Seine Kollegen, allen voran Emich, hatten 1929 in einer Festschrift zum 60. Geburtstag den Bahnbrecher der Mikrochemie gewürdigt. „Der Ausbau der Mikromethoden, an dem Sie den hervorragendsten Anteil haben, hat eine ursprünglich kaum geahnte Reihe von Auswirkungen gehabt, die selbst in unserer an großen Entdeckungen und Erfindungen so reichen Zeit allgemeine Bewunderung erregen müssen. Unzählige Untersuchungen rein wissenschaftlicher, physiologischer, medizinischer und technischer Richtung sind seit Einführung der Mikroanalyse überhaupt erst ermöglicht worden, und die Zahl der Arbeiten, deren Durchführung Ihre Methoden erleichtert haben, geht wohl in die Tausende …“

Pregls Entdeckungen führten zu ungeahnter Ersparnis an Material, Zeit und Mühe. Durch sie war ein gewaltiger Bremsklotz auf dem Wege des wissenschaftlichen Fortschritts beiseite geräumt worden. Pregl ist es zu verdanken, wenn sich das Tempo der Forschung erheblich beschleunigen konnte.

Der biografische Text wurde dem Buch „Österreichs Nobelpreisträger (1961, Hg. F. G. Smekal) aus dem Wilhelm Frick Verlag entnommen.

Literatur#

  • H. Lieb, Friedrich Emich und F. Pregl, in: Österreichische Naturforscher und Techniker, 1950 Österreichisches Biographisches Lexikon
  • A. Kernbauer: Fritz Pregl (1869-1930). In: Heimat großer Söhne. Exemplarische Leistungen österreichischer Naturforscher, Techniker und Mediziner. Hrsg. v. Helmut Grössing u. Gerhard Heindl, Frankfurt/Main 1997, S. 55-66

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: J. Sallachner, I. Schinnerl