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Przibram, Karl#

* 21. 12. 1878, Wien

† 10. 8. 1973, Wien


Physiker


Karl Przibram
Karl Przibram, Foto, um 1925
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU

Karl Przibram wurde am 21. Dezember 1878 in Wien als Bruder des späteren Zoologen Hans Leo Przibram geboren.

Er legte 1896 am Akademischen Gymnasium in Wien die Reifeprüfung ab und studierte anschließend Physik, Chemie und Mathematik in Wien (bei Serafin Exner und Ludwig Boltzmann) und Graz, wo er schließlich bei Leopold Pfaundler sein Dissertationsthema "Beiträge zur Kenntnis des verschiedenen Verhaltens der Anode und Kathode bei der elektrischen Entladung" erhielt.

1901 promovierte Przibram zum Dr. phil., 1902/03 erfolgte ein Studienaufenthalt am Cavendish Laboratory in Cambridge bei J. J. Thomson. In seinen ersten Wiener Jahren beschäftigte sich Przibram zunächst mit Entladungserscheinungen im Teslafeld und in schlecht leitenden Flüssigkeiten.

1905 habilitierte er sich auf Grund einer Abhandlung über Büschelentladung für das Fach Physik an der Universität Wien, beschäftigte sich nach seiner Habilitation mit Kondensationserscheinungen und entdeckte 1921 die "Radiophotolumineszenz".

1916 wurde er a. o. Professor und war nach dem Ersten Weltkrieg als Assistent am Institut für Radiumforschung und ab 1927 als a. o. Professor an der Universität Wien tätig.

1938 durch das Hitler-Regime zwangspensioniert, verbrachte er die Zeit bis 1946 in der Emigration in Brüssel. Nach seiner Rückkehr nach Wien wurde Karl Przibram ordentlicher Professor und Vorstand des II. Physikalischen Instituts der Universität Wien und trug wesentlich zu dessen Wiederaufbau bei.

In dieser Funktion war er bis zu seiner Emeritierung 1951 tätig, danach arbeitete er bis zu seinem 85. Lebensjahr an seiner alten Arbeitsstätte, dem Institut für Radiumforschung, weiter. Die Tätigkeit an diesem Institut bestimmte seit seinem Eintritt im Jahre 1912 seine Forschungsarbeit: Hier beschäftigte er sich mit durch radioaktive Strahlung hervorgerufenen Verfärbungen und Lumineszenzen an Mineralien und Salzen (gemeinsam mit Stefan Meyer).

Durch seine Arbeit gilt Przibram als Wegbereiter der modernen Festkörperphysik. Das Ergebnis dieser Forschungen fasste er 1953 in seiner Monographie "Verfärbungen und Lumineszenz" zusammen. Karl Przibram wurde 1950 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


Er verstarb am 10. August 1973 in seiner Heimatstadt Wien.


Text aus dem Manuskript "Materialien zur Entwicklung der Physik und ihrer 'Randfächer', Prof. Dr. Walter Höflechner#


Karl Gabriel Przibram wurde am 21. Dezember 1878 in Wien als Sohn eines früher in Prag ansässigen Fabrikanten und Abgeordneten im böhmischen Landtag geboren. Seine Mutter Charlotte war eine geborene Baronin Schey, Przibram Neffe der angesehenen Juristen Josef Unger und Josef Schey sowie des Chemikers Adolf Lieben; er war mosaischen Bekenntnisses.

Przibram besuchte in den Jahren 1889-1897 das Akademische Gymnasium und nahm danach als von klein auf physikalisch interessiert – er konnte sich daheim sogar ein eigenes Laboratorium einrichten – und von seinem Vater angeregt, das Studium der Physik, Chemie und Mathematik an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, vor allem bei Boltzmann und F. S. Exner, bei Escherich und seinem Onkel Lieben auf.

Da damals Dissertanten mitunter mehrere Semester auf einen Arbeitsplatz im Physikalischen Institut in der Türkenstraße warten mussten, ging Przibram für zwei Jahre 1899 bis 1901 nach Graz zu Pfaundler, bei dem er seine bereits zu Hause begonnenen Versuche über elektrische Figuren auf fotografischen Platten fortsetzte und zur Dissertation „Fotographische Studien über die elektrische Entladung“ ausbaute; 1901 promovierte er zum Doktor der Philosophie.

1901/02 arbeitete Przibram am II. Chemischen Institut in Wien (Organische und Physikalische Chemie); 1902/03 hielt er sich in Cambridge auf, wo er im Cavendish Laboratory unter J. J. Thomson experimentalphysikalische Untersuchungen über Gasentladungen durchführte und auch mit C. T. R. Wilson und O. W. Richardson zusammenarbeitete. Danach kehrte Przibram nach Wien an Boltzmanns Institut für Theoretische Physik zurück, wo ihn Stefan Meyer experimentelles Arbeiten ermöglichte.

Im März 1905 richtete Przibram mit einer Arbeit über die Büschelentladung sein Gesuch um Habilitierung für das Gesamtgebiet der Physik vor. Im Juni 1905 konnte Przibram seinen Probevortrag „Über die polaren Unterschiede zu den elektrischen Erscheinungen“ abhalten, worauf das Kollegium am 8. Juli 1905 die Erteilung der Venia legendi für das Gesamtgebiet der Physik einstimmig beschloss. Przibram plante über elektrische Entladungserscheinungen, über Elektrizitätsleitung, über Radioaktivität, über mechanische Analogien zur Elektrizitätslehre, über Kalorimetrie und über die Anwendung der Fotografie in der Physik zu lesen.

1912 wurde Przibram als vermögender Privatgelehrter bei Stefan Meyer am Radium-Institut tätig. Gemeinsam mit seinem Bruder Hans und zusammen mit Leopold von Portheim und Wilhelm Figdor war Przibram Eigentümer der Biologischen Versuchsanstalt im Prater, die 1914 der Akademie der Wissenschaften geschenkt wurde und 1945 untergehen sollte.

1916 erhielt Przibram den Titel eines Extraordinarius. Nach dem Verlust des Vermögens übernahm er 1920 eine Assistentenstelle am Institut für Radium-Forschung. 1922 beantragte die Philosophische Fakultät Wien beim Ministerium, Przibram, der bereits den Titels eines Extraordinarius führte und sich besonders im Bereich der Atomphysik qualifiziert hatte, möge unter gleichzeitiger Belassung in seiner Stellung als Ordentlicher Assistent am Radium-Institut zum wirklichen Extraordinarius für Physik mit einem dreistündigen Lehrauftrag für experimentelle Atomphysik ernannt werden.

Dem stellte sich jedoch der Finanzminister entgegen, da der Bereich Physik an der Universität Wien bereits durch vier Ordinarien und drei Extraordinarien vertreten war, weshalb die Causa Przibram aufgeschoben werden sollte. Schließlich einigte man sich 1926 mit dem Ministerium und Przibrams Posten wurde als "ein zu Umwandlung in eine ordentliche Assistentenstelle bestimmtes Extraordinariat" bezeichnet; seine Ernennung zum Extraordinarius der Physik an der Universität Wien erfolgte im März 1927.

Als 1934 Jäger ausschied und 1935 auch seine Vorlesung einstellte, wurde Przibram beauftragt, eine Vorlesung desselben Typs anzubieten, die sich dann natürlich teilweise mit der einführenden Vorlesung in die theoretische Physik Kottlers überlagerte.

1938, nach dem Ende des Bestehens des politisch selbständigen Österreich, wurde Przibram in den „zeitlichen Ruhestand“ versetzt, dürfte aber noch bis Ende des Jahres 1938 am Radium-Institut gearbeitet haben. Przibram emigrierte im Frühjahr 1940 auf Grund der guten Beziehungen zwischen dem Radium-Institut und der Union Minière de Haut Katanga nach Brüssel, wo er sich von 1940-1946 aufhielt und für diese Gesellschaft Fachliteratur in Form von Literaturberichten erarbeite, was ihm Lebensunterhalt und auch den Erhalt der Kenntnisse erbrachte. Przibrams Wohnung wurde zwischenzeitlich vernichtet, seine eingelagerte Habe von der Gestapo beschlagnahmt.

Im Jänner 1946 wandte sich Przibram aus Brüssel auf briefliche Anfragen aus Wien, wann er denn zurückkehre, an Dekan Wilhelm Czermak mit der Information, dass er bereit sei, nach Wien zurückzugehen und sich am Wiederaufbau zu beteiligen, aber eine wenigstens teilweise Wiedergutmachung beanspruchen wolle. Czermak antwortete jedoch, dass in der Physik „alles noch in Schwebe“ sei, auch, dass es kein III. Physikalisches Institut mehr geben werde, da einfach zu viele hoch einzustufende Physiker vorhanden wären, die nun unterzubringen wären, dass man aber jedenfalls seine Rückkehr erwarte.

Przibram nahm seinen Dienst als Extraordinarius am Radium-Institut mit 1. Juni 1946 auf; am Tag darauf wurde er von der Fakultät einstimmig für die Ernennung zum Ordinarius und als Leiter des II. Physikalischen Instituts vorgeschlagen, die mit 17. März 1947 erfolgte. So baute Przibram das II. Physikalische Institut neu auf.

Mit dem 30. September 1950 trat Przibram in den Ruhestand, nachdem er zuvor noch für die Zeit bis zur Ernennung seines Nachfolgers zum Honorarprofessor und interimistischen Institutsleiter ernannt worden war. Nach der Erledigung auch dieser Aufgabe kehrte Przibram als Vorsitzender des Kuratoriums des Instituts für Radiumforschung und Kernphysik an das Radium-Institut zurück, wo er seine Forschungsarbeit bis in das 85. Lebensjahr fortsetzte; außerdem war er Obmann der Strahlenschutzkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Przibram hatte bedeutende Schüler, der bekannteste von ihnen war Erwin Schrödinger. Auch der Atomphysiker Otto Robert Frisch, der Neffe von Lise Meitner, promovierte 1926 bei Przibram am Institut für Radiumforschung.


Wissenschaftliche Leistungen

Nach seiner Habilitation wandte sich Przibram den Kondensationserscheinungen zu, insbesondere der Rolle der positiven und der negativen Ionen und der Ladungsbestimmung an Nebeltröpfchen, die zur Bestimmung der sogenannten Elementarladung des Elektrons führten; damit beschäftigte er sich mit Fragen, denen gleichzeitig auch Felix Ehrenhaft am neu gegründeten III. Physikalischen Instituts der Universität Wien nachging. Seine Ergebnisse, wonach es keine kleinere Ladung als jene des Elektrons bzw. positiver Ionen gebe und höhere Ladungen Vielfache dieser Elementarladung seien, wurden 1913 durch Robert Millikans Präzisionsexperimente bestätigt.

Hinsichtlich der Brownschen Bewegung befasste sich Przibram mit nicht kugelförmigen Teilchen, wozu er sich abgestorbener Bakterienketten bediente, um die Abhängigkeit der Intensität der Brownschen Bewegung von der Dimension der Teilchen zu untersuchen; in diesem Zusammenhang gelangte er zu einer neuen Bestimmung der Loschmidtschen Zahl und zur Interpretation der Bewegung der Infusorien als einer nicht willkürlichen Bewegung (im Sinne eben der Brownschen Bewegung).

Über Anregung durch Stefan Meyer wandte sich Przibram am Radium-Institut ab 1912 jenem Bereich zu, der künftig seine gesamte Forschungsarbeit beherrschen sollte: der Verfärbung und Luminiszenz, ausgelöst durch radioaktive Strahlung; gemeinsam mit einer größeren Zahl von Schülern erarbeitete Przibram die ersten Einblicke in diesen Bereich und deckte in einer großen Zahl von Veröffentlichungen den Verfärbungsmechanismus in Zusammenhang mit Störungen der Kristallstruktur durch thermische und mechanische Belastungen auf. Er arbeitete u.a. mit Herbert Haberlandt, Berta Karlik, Othmar Schauberger und Hanne Ellis-Lauda zusammen.

1921 entdeckte Przibram die Radiophotoluminiszenz und untersuchte gemeinsam mit Elisabeth Kara-Michailova die Erscheinungen der Radio-Thermoluminiszenz; sein Schüler Franz Urbach wurde später Leiter eines Luminiszenz-Labors bei Kodak in Rochester, N.Y. Ab 1933 erforschte Przibram mit Unterstützung durch eine Forschungsgruppe um den Mineralogen Herbert Haberlandt und Elisabeth Rona die Fluoreszenz des Fluorits: Verfärbungen und Fluoreszenzphänomene konnten auf die Anwesenheit von Europium, Ytterbium, Samarium oder Thulium im Material zurückgeführt werden.

1953 präsentierte Przibram diese Erscheinungen zusammenfassend in der Monographie „Verfärbung und Luminiszenz“; dieses Standardwerk ist sowohl ins Englische als auch ins Russische übersetzt worden.

Przibram wurde charakterisiert als ein Wissenschaftler, der mit „unermüdlicher Zähigkeit immer wieder dasselbe Problem von verschiedenen Seiten her angeht, um es restlos der Lösung zuzuführen. Zugleich zeichnete er sich durch eine ungemeine Zurückhaltung in der Deutung seiner experimentellen Resultate aus; nur das mit vollster Sicherheit Festgestellte nutzte er zu weiteren Schlüssen.
Der biografische Text beruht großteils auf dem 1992 - 2002 erstellten, nicht publizierten Manuskript „Materialien zur Entwicklung der Physik und ihrer ‚Randfächer‘ Astronomie und Meteorologie an den österreichischen Universitäten 1752-1938“ von Prof. Dr. Walter Höflechner, das vom Autor dankenswerterweise zur weiteren Auswertung im Internet verfügbar gemacht wurde. (http://www-gewi.uni-graz.at/wissg/gesch_der_physik/index.html)

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Haitinger-Preis (1914)
  • Lieben-Preis d. österr. Akademie der Wissenschaften (1927)
  • 1946 korrespondierendes, 1950 ordentliches Mitglied d. österr. Akademie der Wissenschaften
  • Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften (1955)
  • Ehrenmitglied der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft (1958)
  • Erwin-Schrödinger-Preis der Akademie der Wissenschaften (1963)

Werke (Auswahl)#

  • Radioaktivität, 1932
  • Verfärbung und Luminiszenz, 1953
  • (Hg.) Erwin Schrödinger, Briefe zur Wellenmechanik, 1963
  • Beitrag zu Robert von Lieben in der Neuen Österreichischen Biographie, VI. Bd., S. 175-179, Wien 1919

Literatur#

  • Neue Deutsche Biographie
  • Glückwunschschreiben des Präsidiums der Akademie zum 80. Geburtstag des wirklichen Mitglieds Prof. Dr. Karl Przibram, Almanach der Akademie der Wissenschaften 108, 1958, S. 499f
  • B. Karlik u. B. Schmid. in: Acta Physica Austriaca 12, 1959, S. 329f
  • T. Spiegel. Österreicher in der belgischen u. französischen Resistance, 1969
  • B. Karlik, Nachruf auf Karl Przibram, Almanach der Akademie der Wissenschaften 124, 1974, S. 379-387
  • J. Mehra u. H. Rechenberg, The Historic Development of Quantum Theory, V, 1987, Kap. 1
  • W. L. Reiter, „Österreichische Wissenschaftsemigration am Beispiel des Instituts für Radiumforschung“, in: F. Stadler (Hrsg.), Vertriebene Vernunft II, Bd. 2, Lit. Verl., Münster 2004, S. 709ff

Quellen#


Redaktion: J. Sallachner, I. Schinnerl