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Rickmer-Rickmers, Wilhelm#

* 1. 5. 1873, Bremerhaven

† 15. 6. 1965, München


Forscher
Erforscher des Pamir


Wilhelm Rickmer-Rickmers
Wilhelm Rickmer-Rickmers
© Archiv Senft

Auf fünf von Rickmer-Rickmers geleiteten Pamirexpeditionen zum "Dach der Welt" wurde eine Reihe von Gipfeln erstbestiegen. Desgleichen wurde der westliche Rand des Pamir, der "Seltau" zum ersten mal geographisch erforscht.

Rickmer-Rickmers wurde in Bremen als Sohn einer angesehenen Reederfamilie geboren, darf aber als Wahlösterreicher bezeichnet werden. Er wandte sich schon früh der Erkundung des Kaukasus und Armeniens zu, lebte mehrere Jahre in Innsbruck und Kitzbühel, das er für den Wintersport entdeckte und europaweit bekannt machte. 1901 gründete er die Alpenvereinsbücherei, in späteren Jahren wurde er Dr.h.c. der Universität Innsbruck. Er selbst bezeichnete sich als Schriftsteller und Forschungsreisenden.

Rickmer-Rickmers war ein hervorragender Organisator von Expeditionen. Er befasste sich vor allem mit dem Pamir, Westturkestan und dem Kaukasus. Zwischen 1896 und 1928 drang er fünf Mal bis zum Pamir vor, was weder unter dem Zarenreich noch unter dem kommunistischen Regime einfach war.

An der Expedition von 1928 waren außer dem Deutschen und dem Österreichischen Alpenverein die "Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft" und die Akademie der Wissenschaften der UdSSR mit insgesamt 22 deutschen, österreichischen und sowjetischen Forschern beteiligt. Rickmers Freund, der spätere Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Heinrich von Ficker, ermöglichte durch seine Verbindungen, dass er die Expeditionsleitung erhielt.

Ihre Erfolge konnten sich sehen lassen: Erstmals wurde der 77 Kilometer lange Fedtschenko-Gletscher vermessen und kartographisch erfasst. Acht Sechstausender und über 30 Fünftausender wurden erstbestiegen und als Krönung der 7.134 m hohe Pik Lenin durch Eugen Allwein, den Österreicher Erwin Schneider und Karl Wien zum ersten mal bezwungen. Auf alten Karten hieß er damals noch" Pik Kaufmann", und als heutiger Grenzberg zwischen Kirgistan und Tadschikistan wird er vermutlich bald wieder einen neuen Namen erhalten.

Bei dieser Expedition wurde erstmals die Photogrammetrie als neuzeitliches Aufnahmeverfahren zur Erstellung genauer Landkarten eingesetzt. Auch der "Seltau ", der westliche Rand des Pamir, war damals noch gänzlich unerforscht und auf den sowjetischen Spezialkarten ein weißer Fleck; das Gebiet wurde ebenfalls messbildlich aufgenommen. Schließlich wurde auch auf dem Gebiet der Völkerkunde einiges geleistet und das kleine Volk der Tadschiken im Südwest-­Pamir - Arier persischer Abstammung - erforscht.

Rickmer-Rickmers war nicht nur ein hervorragender Organisator, sondern auch voll des herzlichen Humors. Lassen wir ihn selbst erzählen, wie er die Tadschiken-Träger beschreibt, mit deren kindlichem Gemüt er viel Ärger, aber letztlich auch große Freude hatte.


Rickmer-Rickmers erzählt:

[...] Noch sehe ich euch vor mir, Ruschans Jammergerippe, die Hände demütig gekreuzt, das Käppchen nach Tadschikenart in die Stirn gedrückt, das Antlitz eine stumme Anklage gegen Gott und die Welt. Und doch sähe ich euch so gerne wieder, denn wo ihr nicht seid, da kann auch der Zauber eurer Berge nicht sein. Ihr haftet im Bilde der Erlebnisse, das ich bewahre. Und nie werdet ihr aus der Rechnung fallen, in die ihr so Gott will, eingehen werdet, ob ich mag oder nicht. O ihr Stiefeldiebe!

Wenn ich von Jammergestalten sprach so bezieht sich das auf ihre Hagerkeit, Zerlumptheit und eingefleischte Klagerolle. Ein Fettleibiger würde am Bartang mehr Aufsehen erregen als ein Elefant in Masuren.

Wie dem auch sei, verdienen die Bergtadschiken, daß man auch Löbliches von ihnen berichte. Magerkeit ist keine Sünde und Armut hier keine Schuld. Die Duldermiene ist gleichfalls Ergebnis der Umwelt, verstärkt durch Bedrückung. Das Beamtengeschmeiß der Emire von Buchara fand in den einsamen Tälern einen Schwamm, den man still und ungestört ausquetschen konnte. Dazu noch der verdoppelte Gegensatz von Rasse und Bekenntnis. Die Erpresser sunnitische Usbeken, die Opfer schiitische Arier, Abtrünnige, Ungläubige. Trotzdem, oder wohl deswegen, diese körperliche, wie geistige Zähigkeit. Kein Bergsteiger, dem die Wetterhärte und Ausdauer dieser Menschen nicht Achtung abränget auch wenn die Leistung auf dem Gletscher hinter der zurückblieb, die man nach den Gepäckdauermärschen im Tal erhoffte. Die Aufzucht einer guten Trägergilde ist nur eine Frage von Kleidern, Stiefeln, Vertrauen und Zeit. Häufiger Besuch wird sie lösen. Man vergleiche einmal die Gesichter unserer Troßknechte aus Fergana mit denen der Tadschiken, und man wird verstehen, warum ein Freund ausrief: "Das sind ja Tiroler"[...]


Koh e Bardar, Pamir
Koh e Bardar, Pamir
© Akademische Druck und Verlagsanstalt, Graz
Zunge der Issik-Gletschers mit Koh e Helal, Pamir
Zunge der Issik-Gletschers mit Koh e Helal, Pamir
© Akademische Druck und Verlagsanstalt, Graz

Literatur#

Rickmer-Rickmers, Alai! Alai!, Leipzig 1330

Quellen#



Redaktion: Hilde und Willi Senft