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Roth, Gerhard#

* 24. 6. 1942, Graz


Schriftsteller
Dramatiker, Essayist, Fotograf


Gerhard Roth
Gerhard Roth in seinem Haus in der Südsteiermark
Foto, 2011
© IMAGNO/Didi Sattmann

Gerhard Roth wurde am 24. Juni 1942 in Graz als einer von drei Söhnen des Arztes Emil Roth und seiner Frau Erna geboren. Seine ersten drei Lebensjahre verbrachte er in einem gutbürgerlichen Wohnviertel in Graz, durch die Kriegsereignisse wurde die Familie Roth gezwungen, die Stadt zu verlassen. Sie flüchteten einige Monate nach Mainbernheim bei Würzburg, kehrten schließlich nach Graz zurück und mussten, da ihre ehemalige Wohnung von Soldaten besetzt war, in der Zimmer-Küche-Wohnung der Großeltern leben.

Nach der Volksschule besuchte er das Gymnasium und maturierte 1961. (Er hatte eine Nachmatura in Latein, was er nicht nur auf mangelnde Leistungen, sondern auch darauf zurückführte, dass er damals bereits Vater einer Tochter war. ) Von Kindheit an war er mit dem Maler Peter Pongratz befreundet; mit 19 Jahren stand er 1962 in Wolfgang Bauers Stücken "Maler und Farbe" und "Schweinetransport" im Forum Stadtpark auf der Bühne.

Auf Wunsch der Eltern begann er ein Medizinstudium an der Universität Graz, das aber mit der Zeit mit der für ihn wichtigen Tätigkeit des Schreibens unvereinbar wurde.

Gerhard Roth eignete sich als Autodidakt die literarische Moderne an und las u. a. Henry Miller, Joseph Roth und Jean-Paul Sartre; Wolfgang Bauer machte ihn mit den Werken der französischen Avantgarde bekannt. Im Forum Stadtpark begegnete er Autoren der Wiener Gruppe und zog noch während der Studienjahre zu seiner ersten Frau, Erika Wolfgruber, die er 1963 geheiratet hatte.

1967 gab Roth sein Medizinstudium auf und arbeitete (bis 1977) als Programmierer und später Organisationsleiter im Grazer Rechenzentrum, wo er seine spätere Lebensgefährtin Senta Thonhauser kennenlernte.

Ab den frühen 1970er-Jahren veröffentlichte Gerhard Roth experimentelle Prosa (etwa 1972 "die autobiographie des albert einstein") und versuchte sich auch als Theaterautor ("Lichtenberg", "Sehnsucht", "Dämmerung").

Ein Vorschuss seines Verlags ermöglichte es ihm, sich ganz auf die Arbeit am - 1991 abgeschlossenen 7-bändigen Zyklus - "Die Archive des Schweigens" zu konzentrieren. In diesem Zyklus, der sich der jüngeren Geschichte Österreichs widmet, erschien 1980 als erstes Buch "Der stille Ozean" (eine Verfilmung durch Xaver Schwarzenberger errang 1983 den Silbernen Bären der Berlinale); Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Werkes, in dem Fiktion und (auch fotografische) Dokumentation ineinanderfließen, ist das 1984 erschienene Buch "Landläufiger Tod"; 1991 wurde der Zyklus mit "Die Geschichte der Dunkelheit" abgeschlossen. Von 1995 bis 2011 erschienen die Bände des "Orkus"-Zyklus (die Romane "Der See", "Der Plan", "Der Berg", "Der Strom", "Das Labyrinth" und "Die Stadt: Entdeckungen im Inneren von Wien") sowie die beiden Erinnerungsbände "Das Alphabet der Zeit" und "Orkus – Reise zu den Toten".

Gerhard Roth ist – nach dem Tod Thomas Bernhards - einer der ganz wenigen im Land lebenden österreichischen Großschriftsteller (von 1978 bis 1991 arbeitete er konsequent am Zyklus "Die Archive des Schweigens",von 1993 bis 2011 verfasste er den Zyklus "Orkus") und zählt zu den bedeutendsten und international bekanntesten österreichischen Schriftstellern".

Neben den Romanen entstanden seine "Portraits", die er vornehmlich für Zeitungen und (Literatur-)Zeitschriften schrieb (z.B. für "Die Presse" oder das "Zeit-Magazin") und zahlreiche Erzählungen, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Gerhard Roth fotografiert aber auch seit vielen Jahren: mehr als 10.000 Fotografien machte er in Obergreith, im südwestlichen Teil der Steiermark; auch bei seinen Besuchen im Haus der Künstler in Gugging entstand seit 1976 eine umfassende Sammlung von Fotonotizen.

Für sein schriftstellerisches Werk wie auch für seine in Reportagen, Essays und Interviews eingenommene klare politische Haltung wurde er vielfach ausgezeichnet und mit einer Reihe von renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet.


Seit 1978 lebt Gerhard Roth als freiberuflicher Schriftsteller in Graz und in der Südsteiermark. Er unternahm mehrere ausgedehnte USA-Reisen, zog 1979/80 nach Hamburg und kehrte 1986 wieder nach Österreich zurück.

Gerhard Roth war von 1973 bis 1978 Mitglied der Grazer Autorenversammlung; er zählt zum Kreis des Forum Stadtpark Graz und der Zeitschrift "manuskripte".

Auszeichnungen, Preise (Auswahl)#

  • Literaturpreis des Landes Steiermark, 1976
  • Erster Preis der Bestenliste des Südwestfunks Baden Baden, 1978
  • Alfred-Döblin-Preis für epische Werke Berlin, 1983
  • Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1990
  • Preis des Ersten Europäischen Fernsehfestivals Reims für das "Beste Fernsehspiel Europas", 1991
  • "Manuskripte-Preis" für das Forum Stadtpark des Landes Steiermark, 1992
  • Würdigungspreis der Stadt Wien für Literatur, 1992
  • Marie-Luise-Kaschnitz-Preis für Literatur der Evangelischen Akademie Tutzing, 1992
  • Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark, 1994
  • Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln, 1994
  • Goldene Romy als bester Drehbuchautor (für den TV-Film "Geschäfte"), 1994
  • Bruno-Kreisky-Preis, 2002
  • Großes goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien, 2003
  • Preis des Dokumentationszentrums des Österreichischen Widerstandes (DÖW), 2004
  • Willy und Helga Verkauf-Verlon-Preis (Preis für antifaschistische österreichische Publizistik), 2004
  • Friedrich-Torberg-Medaille der Isrealitischen Kultusgemeinde Wien, 2007
  • Josef Krainer-Preis des Landes Steiermark, 2011
  • Jakob Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth, 2012
  • Jeannette Schocken Preis - Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur, 2015
  • Jean-Paul-Preis des Freistaates Bayern, 2015
  • Großer Österreichischer Staatspreis, 2016

Werke (Auswahl)#

Bücher:
  • Die Autobiographie des Albert Einstein. Roman, 1972
  • Der große Horizont: Roman, 1974
  • Ein neuer Morgen. Roman, 1976
  • Winterreise. Roman, 1978
  • Der stille Ozean. Roman. Die Archive des Schweigens 2, 1980
  • Die schönen Bilder beim Trabrennen. Roman, 1982
  • Dorfchronik zum "Landläufigen Tod". Kurzroman, 1984
  • Landläufiger Tod. Roman. Die Archive des Schweigens 3. (Ill.: Günter Brus), 1984
  • Am Abgrund. Roman. Die Archive des Schweigens 4, 1986
  • Der Untersuchungsrichter. Die Geschichte eines Entwurfs. Roman. Die Archive des Schweigens 5, 1988
  • Über Bienen. (Mit Fotos von Franz Killmeyer). Essays, 1989
  • Im tiefen Österreich. Bild/Textband. Die Archive des Schweigens 1, 1990
  • Die Geschichte der Dunkelheit. Ein Bericht. Die Archive des Schweigens 6, 1991
  • Eine Reise in das Innere von Wien. Essays. Die Archive des Schweigens 7. (Fotos. F. Killmeyer, Chr. de Grancy), 1991
  • Die Archive des Schweigens. Sieben Bände, 1992
  • Materialien zu "Die Archive des Schweigens". (Hrsg.: Uwe Wittstock), 1992
  • Das doppelköpfige Österreich. Essays, Polemiken, Interviews. (Hrsg.: Kristina Pfoser-Schewig), 1995
  • Der See. Roman, 1995
  • Der Plan. Roman, 1998
  • Der Berg. Roman, 2000
  • Der Strom. Roman, 2002
  • Das Labyrinth. Roman, 2005
  • Das Alphabet der Zeit. Roman, 2007
  • Atlas der Stille. Fotografien aus der Südsteiermark von 1976-2006, 2007
  • Die Stadt: Entdeckungen im Inneren von Wien, 2009
  • Über Land und Meer. Fotografien aus drei Kontinenten von 1995–2011. (Hrsg. D. Bartens, M. Behr in Zusammenarbeit mit dem Franz Nabl-Institut Graz), 2011
  • Orkus. Reise zu den Toten, 2011
  • Portraits, 2012
  • Im Irrgarten der Bilder. Die Gugginger Künstler, 2012
  • Der Untersuchungsrichter. Die Geschichte eines Entwurfs. (Neuauflage des zuerst 1992 erschienenen Werks), 2012
  • Grundriss eines Rätsels. Roman, 2014

Stücke

  • Lichtenberg. Regie: Peter Fitzi, Bearb.: Laszlo Varvasovsky. Graz: Schauspielhaus im Rahmen des Steirischen Herbstes, 1973
  • Sehnsucht. Regie: Wolfgang Bauer, Bearb.: Walter Schmögner. Graz: Schauspielhaus im Rahmen des Steirischen Herbstes, 1977
  • Dämmerung. Regie: Fritz Zecha, Bearb.: Peter Pongratz. Graz: Schauspielhaus im Rahmen des Steirischen Herbstes, 1978
  • Erinnerungen an die Menschheit. Regie: Emil Breisach, Bearb.: Günter Brus. Graz: Schauspielhaus im Rahmen des Steirischen Herbstes, 1985
  • Fremd in Wien. Wien: Schloßtheater Schönbrunn, 1993

Filme:

  • Der große Horizont. TV-Film. Drehbuch (nach dem gleichnamigen Roman von Gerhard Roth), Regie: Peter Lehner, Gerhard Roth. ORF, 1976
  • Der stille Ozean. Drehbuch (nach dem gleichnamigen Roman von G. Roth): G. Roth, W. Kappacher, Regie: F. X. Schwarzenberg. ORF, ZDF, 1983
  • Landläufiger Tod. TV-Film in zwei Teilen. 1. Teil: "Mikrokosmos", 2. Teil: "Am Abgrund". Drehbuch (nach den Romanen von Gerhard Roth): G. Roth, M.Schottenberg, Regie: M. Schottenberg. ORF, WDR, 1991
  • Das Geheimnis. TV-Film. Drehbuch: Gerhard Roth, Regie: Michael Schottenberg. ORF, ZDF, 1993
  • Geschäfte. TV-Film. Drehbuch: Gerhard Roth, Regie: Michael Schottenberg. ORF, ZDF, 1994
  • Eine Reise in das Innere von Wien. TV-Dokumentation. Drehbuch (nach seinen Essays): Gerhard Roth, Regie: Jan Schütte. ORF, 1995
  • Schnellschuß. TV-Film. Drehbuch: G. Roth, Regie: Th. Roth. ORF, 1995
  • Der See. Drehbuch (nach dem gleichnamigen Roman von G. Roth): G. Roth. Regie: Thomas Roth. ORF, 1997
  • Ein Hund kam in die Küche. Regie: Xaver Schwarzenberger, 2001


Leseprobe#

aus Gerhard Roth - "Das Alphabet der Zeit."

Das Knochencolloqium

Der Hörsaal in der Anatomie der Universität war überfüllt, als Professor Thiel wie ein Schauspieler zum Prolog in der Hölle auftrat und mit dem Deklamieren der Vorlesung über den Knochenbau und den menschlichen Bewegungsapparat begann. Thiel war eine wuchtige Erscheinung. Groß, massig, mit braunen Haaren und einem Vollbart stellte er so etwas wie einen König der Leichen dar, dessen Versfüße die lateinischen Bezeichnungen der Knochen, Knöchlein und Knochenfortsätze, der Gelenkskapseln, Bänder, Muskeln und Sehnen zelebrierten, die er bis ins winzigste Detail beschrieb: das Schulterblatt, die Scapula, das Schlüsselbein, die Clavicula, ebenso wie die acht Handwurzelknochen: das Kahnbein, Mondbein, Dreiecksbein, Erbsenbein, großes und kleines Vieleckbein, Kopfbein und Hakenbein. Es war eine merkwürdige Studienerfahrung, den Knochen eines Menschen wie einen beliebigen Gegenstand in die Hand zu nehmen und ihn zu drehen und zu wenden und seine lateinischen Bezeichnungen zu lernen. Wir studierten die Wirbel, den Schädel, die Rippen, Arme und Beine, Finger und Zehen. Zerlegt in seine letzten Bestandteile lag ein Mensch vor uns, seine verstreuten Reste, und ich dachte an Pauls Taschenuhr, den alten Uhrmacher und die Unmöglichkeit, für diesen Knochenhaufen einen Meister zu finden, der ihn wieder zusammensetzte.


© 2008 Fischer Verlag, Frankfurt/Main
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Literaturhaus Wien

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl