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Schütte-Lihotzky, Margarete #

auch: Grete


* 23. 1. 1897, Wien

† 18. 1. 2000, Wien


Architektin


Margarete Schütte-Lihotzky
Margarete Schütte-Lihotzky. Foto
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Margarete Lihotzky wurde am 23. Jänner 1897 in Wien geboren und studierte von 1915 bis 1919 als erste und einzige Frau Architektur an der K.K. Kunstgewerbeschule in Wien - später Hochschule für angewandte Kunst – (bei Oskar Strnad) und Baukonstruktion (bei Prof. H. Tessenow).

Sie diplomierte 1923 als erste Österreicherin in Architektur. Unter Strnads – einer der Pioniere des sozialen Wohnbaus in Wien – Leitung errang sie schon vor ihrer Diplomierung Preise für ihre Entwürfe (1917 erster Preis bei einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen); nach einem ersten Preis für ein Projekt einer Kleingarten- und Siedlungsanlage auf dem Schafberg bei Wien (1920), arbeitete Lihotzky ab 1920 auch an der Wiener Siedlerbewegung bei Adolf Loos mit.


Ab 1922 arbeitete die Architektin für die "Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs" und war gemeinsam mit Loos im Baubüro der Siedlung Friedensstadt am Lainzer Tiergarten tätig. Mit ihm verband sie bis zu seinem Tod 1933 eine enge Freundschaft. 1922 trat Lihotzky ins Baubüro des Verbands der Siedler- und Kleingartenwesen ein.


Aufgrund ihrer Leistungen in Wien wurde sie 1926 von E. May an das Hochbauamt Frankfurt am Main berufen. Die von ihr entwickelte "Frankfurter Küche" - entstanden als erste moderne seriell hergestellte Einbauküche 1927-28 im Rahmen von Ernst Mays sozielreformerischem Bauprogramm "Das neue Frankfurt" - erreichte Weltruf.

Frankfurter Küche
Frankfurter Küche
aus Zeitschrift "Das neue Frankfurt" Nr. 5 (1926-27)


Nur sechseinhalb Quadratmeter groß, war die Frankfurter Küche durch Raumökonomie und streng funktionale Einrichtung ein Beitrag zur »Rationalisierung der Hauswirtschaft« und wurde bis 1930 in rund 10 000 Wohnungen der Frankfurter Sozialsiedlungen eingebaut. Die Frankfurter Küche war das Vorbild der »Schwedenküche«, die seit den fünfziger Jahren weltweit Einzug in den Haushalt hielt.


1927 heiratete Lihotzky einen Kollegen aus dem Stadtbauamt, den Architekten W. Schütte.

Werkbundsiedlung Wien
Woinovichgasse 4 in der Werkbundsiedlung Wien
Aus: Wikicommons

Für die Wiener Werkbundsiedlung (1930-32), die im Rahmen einer europäischen Wohnbauausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, entwarf sie – nach wie vor als einzige Architektin im Team – zwei Reihenhäuser.


Sie arbeitete ab 1930 mit einer Frankfurter Gruppe in der Sowjetunion (besonders mit ihrem Mann und E. May) an Arbeitersiedlungen, Schulen und Kindergärten, 1933 hatte Schütte-Lihotzky ihre Arbeit bei der Weltausstellung in Chicago ausgestellt.

Abgesehen von kurzen Geschäfts- und Vortragsreisen blieb sie in der Sowjetunion, bis sie und ihr Mann 1937 aus Angst vor Stalins Säuberungen zuerst nach London und dann nach Paris zogen.


1938 wurde sie an die Akademie der Schönen Künste Istanbul berufen, wo sie viele Widerstandskämpfer im Exil traf, so z.B. die Musiker B. Bartók und P. Hindemith und den Architekten H. Eichholzer.

Ihr politisches Engagement wurde durch die Ereignisse in Europa während der Naziherrschaft und unter Anleitung von Eichholzer noch weiter intensiviert: 1939 trat sie der verbotenen KPÖ bei und kehrt e1940 nach Wien zurück, wo sie als Kommunistin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus verhaftet und zum Tod verurteilt wurde.

Sie entging durch Einwirken der türkischen Regierung knapp der Todesstrafe, wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und blieb bis Kriegsende bis zur Befreiung durch US-Truppen 1945 im Frauengefängnis Aichbach (Bayern) inhaftiert. Die meisten anderen Verhafteten ihrer Bewegung wurden 1943 hingerichtet, so auch Eichholzer.


Nach dem Krieg arbeitete Schütte-Lihotzky in Sofia (Bulgarien), wo sie 1946 mehrere Kinderhäuser erbaute und ihre Entwurfslehre für Kinderanstalten, die sie für Österreich, Kuba und die DDR weiter bearbeitete.


Ab 1947 arbeitete sie auch wieder in Wien, bekommt aber aus politischen Gründen kaum noch Aufträge, obwohl im Nachkriegsösterreich unzählige Gebäude im ganzen Land zerstört waren und wieder aufgebaut werden mussten. Sie konnte in dieser Zeit nur einige private Häuser entwerfen und arbeitete infolgedessen dann als Beraterin in der Volksrepublik China, in Kuba und in der DDR. Außerdem verstärkte sie ihre publizistische Tätigkeit und ihr politisches Engagement für Frauen und den Frieden.


1951 trennte sich sie von ihrem Ehemann Wilhelm.

Ehrengrab Schütte-Lihotzky
Ehrengrab Schütte-Lihotzky auf dem Wiener Zentralfriedhof
Foto: invisigoth67. Aus: Wikicommons unter CC


In den 1950er und 1960er Jahren baut sie zwei Kindertagesstätten in Wien, konzentrierte sich zunehmend auf Vortrags- und Beratungstätigkeit und nahm an Ausstellungen in Wien und Paris teil.

Erst gegen Ende der 70er Jahre gewannen ihre architektonischen Leistungen zunehmend an Bekanntheit.


Schütte-Lihotzky starb fünf Tage vor ihrem 103. Geburtstag in Wien an einer Grippe. Sie wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.

In Wien 21, Carminweg 6, ist ihr eine Wohnhausanlage gewidmet, und im 5. Bezirk ist ein Park nach ihr benannt.

Werke (Auswahl)#

  • Entwürfe für die Siedlung Eden, Wien (1921 bis 1922)
  • Winarsky-Hof und Otto-Haas-Hof (Wien; 1924/25; zusammen mit zahlreichen anderen Architekten)
  • Tuberkuloseheilstätte (Projekt 1925
  • Reihenhaustypen, Zentralwäscherei und Schule in Frankfurt-Praunheim (Deutschland; 1926-29)
  • typisierte Küche für die Siedlungen Bruchfeldstraße, Praunheim und Ginnheim, Frankfurt (sogenannte "Frankfurter Küche", 1926)
  • Bauleitung eines Plattenhauses des Frankfurter Hochbauamtes (1927)
  • zwei Häuser für die Werkbundsiedlung (Wien; 1930-32)
  • Kinderklub für 340 Kinder, Magnitogorsk/Ural, 1932
  • Kinderkrippe für 100 Kinder, Briansk/Ukraine, 1932
  • Schule für 590 Schüler, Makeewka/UDSSR, 1934
  • Richtlinien für den Bau von Kindergärten, China (1934)
  • Kinderpräventorien, Paris, 1937
  • Festturm Brückenkopf Karakoy, Ankara, 1938
  • Erweiterung Lyzeum, Ankara, 1938
  • Haus Dr. Kemal Özan, Istanbul, 1939
  • Haus Nusret Evcen, Istanbul, 1940
  • Cadde Bostani, Istanbul, 1940
  • Haus Lüfti Tozan, Istanbul, 1940
  • Planung mehrerer Kindergärten, Sofia (1946)
  • Globus-Druckerei und Verlagsgebäude (Wien 20; 1953-56; u.a. zusammen mit W. Schütte)
  • Kindergarten Rinnböckstraße (Wien; 1961-63)

Publikationen#

  • Warum ich Architektin wurde (2004), K. Zogmayer, Residenz Verlag, Salzburg, 240 S.
  • Erinnerungen aus dem Widerstand: das kämpferische Leben einer Architektin von 1938-45 (1998), (Hrsg.) I. Nierhaus, Promedia-Verlag, Wien, 208 S.
  • Auf Frauen bauen – Architektur aus weiblicher Sicht (1999), mit A. Zieher & U. Schreiber, Verlag Anton Pustet, Salzburg.


Auszeichnungen; Preise (Auswahl):

  • 1917 Max Mauthner-Preis
  • 1919 Lobmayr-Preis
  • 1922 Bronzene Medaille der Stadt Wien
  • 1923 Silberne Medaille der Stadt Wien
  • 1947-48 Vorstandsmitglied des „Bundesverbandes der politisch Verfolgten" (KZ-Verband)
  • 1948 Mitgründerin, bis 1969 Präsidentin, später Ehrenpräsidentin beim „Bund Demokratischer Frauen" (BDF)
  • 1977 Joliot-Curie-Medaille der Weltfriedensbewegung
  • 1985 Prechtl-Medaille der TU-Wien
  • 1987 Ehrenmedaille für Verdienste um die Befreiung Österreichs
  • 1988 Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
  • ... und zahlreiche Ehrendoktorate im In- und Ausland


Zitate:

Zu ihrem 100. Geburtstag 1997 bei einem kurzen Walzer mit dem Wiener Bürgermeister äußerte sie "Ich würde es genossen haben, ein Haus für einen reichen Mann zu entwerfen".

"Und dies, obwohl mein Vater, ein Staatsbeamter, und auch mein Professor Oskar Strnad zu Beginn dagegen waren. Sie haben gedacht, ich würde verhungern. Nach der dreimonatigen Vorbereitungsklasse fiel es mir nicht leicht, mich zu entscheiden. Ich habe lange am Bleistift gekaut. 1916 konnte sich niemand vorstellen, dass man eine Frau damit beauftragen wird, ein Haus zu bauen - nicht einmal ich selbst", erklärte Schütte-Lihotzky anlässlich ihres 100. Geburtstages auf die Frage warum sie Architektin wurde.

Literatur#

  • Wiener Bauten 1900 bis heute (1964), K. Schwanzer & G. Feuerstein, Österr. Bauzentrum, Wien, 66 S.
  • Österreichs Wissenschaftler und Künstler unter dem NS-Regime (1966), C. Klusacek, Europa Verlag, Wien (u.a.), 56 S.
  • Frauen und Mädchen im österreichischen Widerstand (1967), T. Spiegel, (Monographien zur Zeitgeschichte, Schriftenreihe des DÖW), Europa Verlag, Wien (u.a.), 76 S.
  • Wem gehört die Welt? Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik (1977), (Hrsg.) Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, (Katalog der Staatlichen Kunsthalle Berlin, 21.8.-23.10.1977), Verlag Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, 563 S.
  • Frauen im Widerstand, Frauen im Kampf gegen Faschismus und Krieg (1978), M. Wendl & M. Tidl, Bund Demokratischer Frauen Österreichs, Wien, 52 S.
  • Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert – ein Führer in drei Bänden (1983 & 1990), (Hrsg.) F. Achleitner für das Museum für Moderne Kunst in Wien, (Band 2: ‚Kärnten, Steiermark, Burgenland’ & Band 3/1: ‚Wien: 1.-12. Bezirk’), Residenz-Verlag, Salzburg & Wien, 511 S. & 347 S.
  • M. Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur – Zeitzeugin eines Jahrhunderts (1996), (Hrsg.) P. Noever & R. Allmayer-Beck, Böhlau-Verlag, Wien (u.a.), 304 S.
  • 100 Österreicherinnen des 20.Jhdts. (1999), E. Blimlinger, In: Zukunft Band 2/1999: Frauen. Körper. Macht., (Hrsg.) Dr. Karl-Renner-Institut, Verlag Echo, Wien, S. 40-43
  • Architektur als Inhalt. Zum Tode von Margarete Schütte-Lihotzky (2000), C. Keim, In: Frauen Kunst Wissenschaft, Heft 29, Jonas Verlag, Marburg, S. 73-75
  • Vertriebene Vernunft: Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft, 1930-40 (2004), F. Stadler für das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften & Austria Institut für Wissenschaft und Kunst, LIT Verlag Berlin, Hamburg & Münster, 584 S.
  • Nie erlag ich seiner Persönlichkeit ... Margarete Lihotzky und Adolf Loos - ein sozial- und kulturgeschichtlicher Vergleich (2005), E. Friedl, Milena-Verlag, Wien, 347 S.
  • Millionenstädte Chinas: Bilder- und Reisetagebuch einer Architektin 1958 (2007), (Hrsg.) K. Zogmayer im Auftrag der Universität für Angewandte Kunst in Wien, Springer, Wien (u.a.), 138 S.

Weiterführendes#

Quellen#

  • AEIOU
  • Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S.
  • Personenlexikon Österreich (2002), (Hrsg.) E. Bruckmüller, Buchgemeinschaft Donauland (u.a.), Wien, 575 S.
  • Schütte-Lihotzky Margarete (2007), In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 23, (Hrsg.) Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Staatsbibliothek, München, S. 654ff.\
  • Wiener Zeitung
  • archInform
  • Universität Karlsruhe, Architekten im Exil 1933-1945


Redaktion: N. Miljković