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Schebesta, Paul#

* 20. 3. 1887, Groß-Peterwitz (Pietrowice Wielkie, Polen)

† 17. 9. 1967, Wien


Forscher
Erforscher der Pygmäenstämme Afrikas u. ähnlicher Stämme auf den Philippinen und der Malaiischen Halbinsel


Paul Schebesta
Paul Schebesta
© Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Paul Schebesta wurde am 20. März 1887 in Groß-Peterwitz in Schlesien geboren.


Das Gymnasium absolvierte er im Missionshaus "Heiligenkreuz" in Neisse und begann 1905 im Missionshaus "St. Gabriel" in Mödling Ethnologie und Theologie zu studieren.

1911 wurde Schebesta zum Priester geweiht und von 1912 bis 1916 zur Missionsarbeit nach "Portugiesisch-Ostafrika" (heute Mosambique) gesandt. Anschließend war er Dozent am Missionsseminar in St. Gabriel bei Mödling und an der Hochschule für Welthandel in Wien. Zwischen 1924 und 1955 unternahm er sechs große Expeditionen.

Zweimal (1924/25 und 1939) war Schebesta in Malaysia. Der Schlüssel des Erfolges seiner Reisen war sein schlichtes, fast armseliges Auftreten. Schebestas Meinung nach machten Aufwand, Pomp und großspuriges Benehmen nur Eindruck auf die Halbzivilisierten, nicht aber auf die echten "Kinder der Wildnis". So konnte er von den Eingeborenen immer wieder hören:


"Wo haben wir schon einen Herrn gesehen wie dich! Du wohnst bei uns, du schläfst unter uns, du verschmähst nicht das Essen, das wir essen. Du gehst mit uns durch die Wälder, um unsere Arbeiten zu sehen. Die anderen Herren reisen mit Elefanten, niemals ist aber einer zu uns gekommen, stets müssen wir zu ihnen in die Städte hinaus[...]"


Schebesta nahm außerordentliche Strapazen auf sich, verzichtete oft sogar auf ein schützendes Dach während der Nacht und musste sich mit dem Laubschirm der Semang-Leute auf Malaysia, unter denen er sich zunächst vor allem aufhielt, begnügen. Der Vorteil dieser Lebensweise war aber geradezu unschätzbar, da Schebesta die Semang praktisch Tag und Nacht vor Augen hatte und ihre Aktivitäten zwanglos beobachten konnte. Auch deren Sprache erlernte er recht gut. Der mehrmonatige Aufenthalt unter diesen Stämmen hatte ihm das Wesentliche der Pygmäenrassen und -kulturen zum Bewusstsein gebracht. Schebesta ergänzte seine Sprachstudien auch durch Phonogramm-Aufnahmen und musste viel Geduld aufwenden, um die äußerst komplizierte Aussprache, aber auch die sehr verwirrende Grammatik zu erfassen. Auf der Reise im Jahr 1939 zu den Philippinen-Stämmen befasste er sich vor allem mit den Zambales-Aeta, die ebenfalls den Pygmäen zuzurechnen sind, aber auch mit der Geographie und Flora der von ihm bereisten Gebiete.

Negrito von den Philippinen
Negrito von den Philippinen
© Archiv Senft
Grundsätzlich stellte er zur Biologie der Pygmäen fest, dass die Verlangsamung ihres Wachstums besonders in den Kinderjahren feststellbar ist, zweifellos handelt es sich beim kleinen Körperwuchs um ein Rassen- und kein Degenerationsmerkmal.
Als wichtigstes zusammenfassendes Ergebnis seiner Vergleiche der asiatischen und der afrikanischen Pygmäen kann kurz gesagt werden, dass beide zwei verschiedene Rassen negrider Herkunft sind. Ferner stellte Schebesta fest, dass die asiatischen Pygmäen keine homogene Rasse sind, sondern sich aus verschiedenen Rassenmischungen der Menschen Melanesiens, Südindiens und Australiens zusammensetzen.
Er erkannte auch eindeutig, dass die Pygmäen auf die südöstliche Halbkugel unserer Erde beschränkt sind, studierte deren Soziologie und konnte feststellen, dass der wichtigste Stammesverband die vor allem aus Blutsverwandten zusammengesetzte Großfamilie ist. Häuptlinge kennt die Gesellschaft der Pygmäen nicht. Vielmehr werden die Familienverbände vom Ältesten regiert. Die Großfamilien wohnen jeweils geschlossen in einer Siedlung zusammen, höhere soziale Einheiten als Familie und Großfamilie bzw. aus mehreren Familien zusammengesetzte Sippen sind den Pygmäen unbekannt. Klassenunterschiede sind ihrer Gemeinschaft ein Fremdbegriff, nur das Alter hat gewisse Vorrechte. Die Ehe ist von Haus aus monogam, die Frau steht dem Mann gleichberechtigt zur Seite. Eine Reihe von Tabus regelt das geschlechtliche Leben vor und während der Ehe. Die Hochzeitsbräuche sind außerordentlich primiti, der Bräutigam hat an die Brauteltern gewisse Geschenke und Dienstleistungen zu entrichten.
Interessant ist auch die Forschungsarbeit Schebestas über die Glaubenswelt der Pygmäen, sie kann als "Seelenvogelglaube" bezeichnet werden. Das höchste Wesen ist eine Himmelsgottheit, manchmal näher als Gewitter- und Sturmgott definiert, dessen Repräsentant der Donner ist. Alle Pygmäen vertreten die Auffassung, dass der Donner durch das Rollen der Donnersteine auf dem Boden des Firmaments hervorgerufen wird, er ist aber auch die Stimme des höchsten Wesens. Dieser "Donnergott" soll in einer Felsenhöhle auf dem Firmament wohnen.
Das Reich der Toten, in das man über den Regenbogen gelangt, soll eine Insel oder ein Land voller Fruchtbäume sein. Die meisten Pygmäenstämme tragen Totenschädel oder Unterkiefer verstorbener Anverwandter lange Zeit mit sich umher.

Pygmäe aus Kamerun beim Zerschneiden eines Elefantenfußes
Pygmäe aus Kamerun beim Zerschneiden eines Elefantenfußes
© Bildagentur Mauritius, Wien

Werke (Auswahl)#

  • Bei den Urwaldzwergen von Malaya, 1927
  • Orang-Utan, 1928
  • Bambuti, die Zwerge vom Kongo, 1932
  • Vollblutneger und Halbzwerge, 1934
  • Der Urwald ruft wieder, 1936
  • Menschen ohne Geschichte, 1947
  • Die Bambuti-Pygmäen von Ituri, 1938-1950
  • Der ewige Ruf 1948
  • Die Negritos Asiens, 3 Bde., 1952-1957
  • Ursprung der Religion, 1961

Literatur#

  • Festschrift Paul Schebesta zum Geburtstag, 1963

Quellen#


Redaktion: Hilde und Willi Senft, I. Schinnerl