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Schmetterer, Leopold#


* 8. 11. 1919, Wien

† 23. 8. 2004, Gols


Mathematiker
mit Spezialgebiet Wahrscheinlichkeitstheorie und mathematische Statistik


Leopold Schmetterer
Leopold Schmetterer

Leopold Schmetterer kam am 8. November 1919 zur Welt, in kargen Verhältnissen, wie er immer wieder betonte.

Seine Mutter Gisela, geborene Busch, stammte aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie. Sein Vater Leopold, der Sohn eines Konzipienten in der Kanzlei von Karl Poppers Vater, bekleidete eine bescheidene Stellung in einer Versicherungsgesellschaft. Nur der Tatkraft seiner Mutter ist es zu verdanken, dass das Baby die Hungerzeit nach dem Krieg überlebte. Doch es blieben dauerhafte Schäden, die sich später in immer stärkerer Erblindung auswirkten.

In seinem für die Akademie verfassten Lebenslauf sollte Schmetterer später nicht ohne eine gewisse Bitterkeit festhalten, dass sein Vater wenig Verständnis für höhere Schulbildung zeigte. Es war die Mutter, die es ermöglichte, dass Schmetterer ein Gymnasium besuchen konnte. Leopold Schmetterer gehörte zu den besten Schülern und seine vielseitige Begabung zeigte sich schon sehr früh und er war bei Mitschülern und Lehrern sehr beliebt. Bereits mit 14 Jahren las er Göschen-Bändchen über komplexe Zahlen, doch auch für Musik und Latein zeigte er große Begabung. 1937 legte er die Matura mit Auszeichnung am Hamerlinggymnasium ab.

Leopold und sein Bruder erbten von ihrem Vater eine tiefe Musikalität, die beide prägen sollte. Beim Begräbnis wurde ein Musikstück uraufgeführt, das Schmetterer mit siebzehn komponiert hatte, gefolgt von einem Requiem aus der Feder seines (ebenfalls 2004 verstorbenen) Bruders. Schmetterers Onkel, ebenfalls Musiker und ein angesehener Chorleiter, ermöglichte dem begabten jungen Maturanten den Besuch einer Lehrerfortbildungsanstalt, wo er 1938 ein Zeugnis der Reife für Volksschullehrer erwarb.

Nach dem Anschluss schien es allerdings aussichtslos, eine Lehrerstelle anzustreben. So konnte Schmetterer seinen ursprünglichen Wunsch verwirklichen und an der Universität Wien Mathematik und Physik inskribieren. Es gab damals nur wenige Studenten, und die meisten davon waren Damen, und Schmetterer fiel bald auf. Edmund Hlawka, bereits promoviert und Assistent, erwies sich als unerschöpfliche Wissensquelle und Förderer. So entwickelte sich ein enger Kontakt zwischen Schmetterer, dessen Freund Toschek (später ein bekannter Physiker) und Hlawka. Er studierte bei Gröbner, Hornich, Mayrhofer und Strubecker, vor allem aber nahm ihn der klare Vortragstil von Hofreiter gefangen, bei dem er schließlich dissertierte. Die enge Freundschaft mit Edmund Hlawka, die beider Lebenswege durch mehr als sechzig Jahre begleiten sollte, entwickelte sich in diesen Jahren.

Bereits 1940 wurde Schmetterer wissenschaftliche Hilfskraft. Nach seiner Promotion Summa cum laude bot ihm Rella eine Assistentenstelle an der TU Wien (damals Technische Hochschule) an. Doch dann wurde der junge Doktor zur Wehrmacht einberufen. Da er soeben eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, wurde er beim Militär nur zu Schreibarbeiten eingesetzt. 1943 wurde Schmetterer zur Durchführung mathematischer Forschungsarbeiten am Mathematischen Institut beurlaubt, und im Februar 1944 nach Berlin an die Henschel-Flugwerke verpflichtet, die später nach Nordhausen verlegt wurden. Seine Arbeiten befassten sich vor allem mit der numerischen Auswertung aerodynamischer Gleichungen, und brachten ihn auch in Kontakt mit dem Computerpionier Konrad Zuse. Später sollte sich Schmetterer nicht ohne Befriedigung daran erinnern, dass keiner der Entwürfe das Stadium der Flugtauglichkeit erreichte.

Im Sommer 1945 kehrte Schmetterer nach ein paar Wochen in einem amerikanischen Internierungslager in das wiedererstandene Österreich zurück und wurde noch im Dezember dieses Jahres Assistent am Institut für Mathematik der Universität Wien. Bei Übungen lernte er die Studentin Elisabeth Schaffer kennen. Die beiden heirateten 1947. Der Ehe sollten vier Kinder entstammen, die Söhne Georg, Viktor und Leopold und die Tochter Eva.

Wie Schmetterer später festhielt, gelang es dem Mathematischen Institut durch die Berufungen von Hlawka und Radon in erstaunlich kurzer Zeit, die Kriegsfolgen zu überwinden und internationale Geltung wiederzugewinnen. Schon in den ersten Nachkriegsjahren bewies Schmetterer eine erstaunliche mathematische Vielseitigkeit. Er griff nicht nur seine zahlentheoretischen Untersuchungen wieder auf, sondern widmete sich auch zunehmend der Analysis. 1949 habilitierte er sich mit Arbeiten zur Theorie der trigonometrischen Reihen.

Von Funk dazu ermutigt, der ihm einen Lehrauftrag für eine Vorlesung über mathematische Statistik verschaffte - einem Gebiet, das damals im deutschen Sprachraum sehr vernachlässigt war - begann er sich für Wahrscheinlichkeitstheorie zu interessieren.

Schon 1950 wurde er zum Honorar-Dozent für mathematische Statistik an der Technischen Hochschule bestellt, und 1955 zum tit.ao. Professor an der Universität Wien ernannt. Zusätzlich war er seit 1954 als Lektor im Österreichischen Team für Qualitätskontrolle tätig, gemeinsam mit Pfanzagl. Ausserdem war Schmetterer Gründungsmitglied und einer der ersten Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Statistik. Vor allem aber stellte der hart arbeitende junge Familienvater sein wissenschaftliches Hauptwerk fertig, die im Wiener Springer-Verlag erscheinende Einführung in die mathematische Statistik, die nicht nur im deutschen Sprachraum große Anerkennung fand, sondern auch ins Englische und Russische übersetzt wurde und zehn Jahre später eine völlig überarbeitete Neuauflage erleben sollte.

Der Ruf ins Ausland ließ nicht lange auf sich warten. Im Herbst 1956 übersiedelte Schmetterer mit seiner Familie nach Hamburg, wo er zum Ordinarius am Institut für Mathematik und zum Direktor des Instituts für mathematische Statistik berufen war. Hamburg hatte damals nicht nur innerhalb Deutschlands eine Spitzenstellung inne, wie sich an den Professoren ablesen läßt, die während der goldenen Jahre dort wirkten: neben Schmetterer noch Behnke, Blaschke und Witt, Artin und Sperner, Collatz und Zassenhaus.

Sofort kamen Rufe, als Ordinarius nach Wien zurückzukehren, sowohl von der Technischen Hochschule als auch von der Universität. Schmetterer konnte sie allerdings nicht gleich wahrnehmen, obwohl er als leidenschaftlicher Wiener seine Heimatstadt nur ungern verlassen hatte. Doch im Frühjahr 1961 war es soweit, er konnte als Ordinarius ans Institut für Mathematik der Universität zurückkehren. An der Seite von Hlawka, Hofreiter und Mayrhofer las er Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik, aber auch Funktionalanalysis, Differential- und Integralrechnung und Zahlentheorie. 1971 wurde Schmetterer Ordinarius für Statistik, was eine Übersiedlung an die Fakultät für Rechtswissenschaften erforderte. Doch blieb er als Honorarprofessor dem Institut für Mathematik weiterhin verbunden, auch nach seiner 1990 erfolgten Emeritierung.

Ausserdem nahm er zahlreiche Gastprofessuren wahr, so 1958/59 an der University of California in Berkeley, 1962/63 an der Catholic University in Washington, DC, 1966 am Technion in Haifa, 1969 und 1975 an der Universität in Clermont-Ferrand, 1973 an der Bowling Green State University in Ohio.

Im Studienjahr 1969/70 war Schmetterer Dekan an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, und von 1971 bis 1975 leitete er das Rechenzentrum an der Universität Wien, sowie das Institut für Sozio-ökonomische Entwicklungsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


In seinen Vorlesungen war Schmetterer kompromisslos, es gab keine Schnupperstunden, er erwartete von den Studenten einen heiligen Ernst und schreckte durch seine Ansprüche nicht wenige ab. Doch seine zahlreichen Schüler (darunter Heyer, Sendler, Sigmund, Wertz, Strasser, Hazod, Lindbichler, Pflug, Schmitt, Grossmann, Neuwirth und Bomze, die später alle Professoren wurden) fühlten sich wie die Mitglieder einer verschworenen Gesellschaft, und hingen zeitlebens an ihm. In der mathematischen Statistik, und insbesondere der Theorie erwartungstreuer Schätzungen, zeichnete sich Schmetterer durch seine Präzision und seinen Drang aus, die weitestgehenden Verallgemeinerungen zu finden. In der Wahrscheinlichkeitstheorie waren es vor allem die Arbeiten zur stochastischen Approximation, die schon früh seinen Namen bekannt machten, und seine Untersuchungen über Wahrscheinlichkeitsmaße auf nichtkommutativen Gruppen. Die Arbeitskraft und das immense Wissen Schmetterers prädestinierten ihn geradezu, der Gründer und langjährige Herausgeber der Zeitschrift für Wahrscheinlichkeitstheorie und verwandte Gebiete zu werden, die bald einen führenden Rang einnahm. Viele der bekanntesten Wharscheinlichkeitstheoretiker und Statistiker, wie Neyman, LeCam, Lukacs, Krickeberg, Neveu oder Bauer, zählten zu seinen engen wissenschaftlichen Gefährten.


Schmetterers Wirken als akademischer Funktionär war geprägt durch den unbedingten Anspruch auf hervorragende Leistungen einerseits, und durch einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn andrerseits. Er war Gesellschaftsmensch, aus Freude an Zusammenschluss, Gedankenaustausch, Kommunikation und Kooperation, und er verstand es, seine Meinung deutlich zu vertreten ohne andere zu verletzen. In der Akademie nahm er die Rolle eines Mentors ein, auf dessen Rat man viel Gewicht legte; und während oftmals am Ende auch eines ausgefüllten Lebens Bitterkeit und Resignation stehen, gab es bei Schmetterer nichts dergleichen. Die tiefgehenden, ja atemberaubenden Neuerungen an der Fakultät für Mathematik oder der Akademie der Wissenschaften unterstützte er auch noch in hohem Alter mit Anteilnahme und Leidenschaft.


Schmetterers letzten Jahre waren geprägt durch eine fortschreitende Erblindung, doch verfolgte er weiterhin Seminare, mathematische Vorträge und akademische Sitzungen mit lebhafter Anteilnahme, penibel vorbereitet. Ohne die aufopfernde Hilfe seiner Frau wäre das nicht mglich gewesen. Die beiden waren unzertrennlich. Er ging an ihrem Arm, als sie stürzte. Um Hilfe zu holen, hielt er ein Auto an und stieg zu. Am 23. August 2004, nur wenige Wochen vor seinem 85. Geburtstag starb Leopold Schmetterer bei einem tragischen Verkehrsunfall im Südburgenland.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • korrespondierendes Mitglied der ÖAW, 1971
  • Mitglied der Leopoldina, 1971
  • wirkliches Mitglied der ÖAW, 1972
  • Generalsekretär der ÖAW, 1975 bis 1983
  • Mitglied der Berlin-Brandenburgischen, der Sächsischen und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1981
  • Ehrendoktorat an der Universität Clermont-Ferrand
  • Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der 1. Klasse
  • Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien
  • Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
  • Ludwig-Boltzmann-Preis
  • Verdienstmedaille der Leopoldina
  • Schrödinger-Preis der ÖAW


Publikationen (Auswahl)#

(vollständige Liste in: C. Binder, E. Hlawka, K. Sigmund, Nachruf auf Leopold Schmetterer, Monatsh. Math. 147, (2006), 1 - 10)

  • Approximation irrationaler Zahlen durch Zahlen aus K(i Wurzel aus 11), Dissertation, Wien 1941
  • Zum Konvergenzverhalten gewisser trigonometrischer Reihen, Monatsh. Math. 52 (1948), 162-178
  • Einführung in die mathematische Statistik, XXII+403 S., Springer-Verlag, Wien, 1956
  • Über nichtparametrische Methoden in der mathematischen Statistik, Jber. Deutsche Math. Verein. 61 (1959), 104-126
  • Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitstheorie, Kapitel 3a der Grundzüge der Mathematik, Göottingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1962, 96-132 (gem. m. R. Stender)
  • Einführung in die mathematische Statistik, II. Auflage, VIII+597, Springer-Verlag, Wien - New York, 1966
  • Über die Summe Markovscher Ketten auf Halbgruppen,Monatsh. f. Math. 71 (1976), 223-260
  • Introduction to Mathematical Statistics; Grundlehren der mathematischen Wissenschaften, Bd. 202, Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York, 1974, 502 S.
  • Problems of group theory related to probability theory, Advances in Applied Probability 6 (1974), 188-259
  • Einführung in die Mathematische Statistik (russisch), (ed. by Ju. V. Linnik) Izdat.~Nauka, Moskau, 1976, 520 pp.
  • E. Schrödinger, Gesammelte Abhandlungen, 4 Vol., Vorwort von L. Schmetterer, Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1984; 1: XII + 547 S.; 2: XIV + 699 S.; 3: XII + 761 S.; 4: XII + 649 S.
  • L. Schmetterer - P. Weingartner (Eds.), Gödel remembered, Symposium Salzburg, July 10-12, 1983, History of Logig IV, Bibliopolis, Napoli, 1987, 187 pp.
  • P. M. Gruber - E. Hlawka - W. Nöbauer - L. Schmetterer (Eds.), Johann Radon, Collected Works, Vol. I, II, Birkhäuser-Verlag, 1987, I: XIII + 377 pp., II: VII + 487 pp.
  • L. Schmetterer - K. Sigmund (Hrgb.), Hans Hahn, Gesammelte Abhandlungen, 3 Vol., Springer-Verlag, Wien, 1995, 1996, 1997; 1:XII + 511 S., 2: XIV + 545 S., 3: XIV + 581 S.
  • Menger Karl, Selecta Mathematica, Vol. I, II, Hrgb. B. Schweizer, A. Sklar, K. Sigmund, P. Gruber, E. Hlawka, L. Reich und L. Schmetterer, Springer-Verlag, Wien, 2002, 2003, I: X + 606 S., II: X + 674 S.

Quellen#

  • C. Binder, E. Hlawka, K. Sigmund, Nachruf auf Leopold Schmetterer, Monatsh. Math. 147, (2006), 1 - 10
  • W. Grossmann - W. Wertz, Festschrift zum 70. Geburtstag von Professor Dr.Leopold Schmetterer, Österreichische Zeitschrift für Statistik und Informatik, 19. Jahrgang, 1989, Heft 2. Mit Beiträgen von Adolf Adam, Heinz Bauer, Johann Cigler, Lothar Collatz, Herbert Heyer, Edmund Hlawka, Klaus Krickeberg, Johann Pfanzagl, Georg Ch. Pflug, Karl Prachar, Helmut Strasser, Wolfgang Wertz, Hermann Witting


Redaktion: Christa Binder