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Schroeder, Renée#

* 18. 5. 1953, Joao Monlevade, Brasilien


Biochemikerin
Professorin für RNA-Biochemie am Zentrum für Molekulare Biologie in Wien


Renée Schroeder
Renée Schroeder
© Michael Freund

Renée Schroeder wurde am am 18. Mai 1953 als Tochter von Luxemburger Eltern in Joao Monlevade in Brasilien geboren.

Sie kam im Alter von 14 Jahren nach Österreich und absolvierte von 1972 bis 1981 ein Studium der Biochemie an der Universität Wien, das sie 1981 mit dem Doktorat abschloss.

Nach der Promotion ging sie zuerst an die Universität München, danach ans Centre National de Recherche Scientifique in Gif-sur-Yvette (Frankreich), kehrte 1986 mit ihrem Partner und zwei Söhnen zurück nach Wien und wurde Assistentin am Institut für Mikrobiologie und Genetik.

Die international anerkannte Forscherin auf dem Gebiet der RNA ( Ribonukleinsäure / Ribonucleic acid ) habilitierte sich 1993 an der Universität Wien und wurde 1995 Assistenz-Professorin am Institut für Mikrobiologie und Genetik.

Von 2004 bis 2006 war sie Vizedekanin der Fakultät für Lebenswissenschaften und seit 2005 ist sie Leiterin des Departments für Biochemie.

Seit Dezember 2007 ist Renée Schroeder Professorin für RNA-Biochemie am Department für Biochemie, Zentrum für Molekulare Biologie, Max F. Perutz Laboratories, Universität Wien.


Darüber hinaus hatte und hat Renée Schroeder noch zahlreiche andere Funktionen inne, so u.a.

  • 1998-2004 Österreichische EMBO-Delegierte
  • 2001-05 Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission
  • 2001-03 Mentorin im Mentoring-Programm der Universität Wien
  • seit 2002 Mitglied des Kuratoriums des WWTF
  • seit 2005 Vizepräsidentin des FWF (Biologie und Medizin)

Ihre Forschungsschwerpunkte sind

  • RNA-Faltung, Proteine mit RNA Chaperonaktivität
  • Bakterielle, nicht-kodierende RNAs und deren RNA/Protein-Komplexe
  • RNA-2D- und 3D-Strukturen und deren Einfluss auf RNA-RNA-Wechselwirkungen
  • Genomische Selektion von humanen, RNA Polymerase bindenden RNAs

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Theodor-Körner-Stiftungspreis für Wissenschaft und Kunst, 1984
  • SANDOZ "Forschungspreis für Biologie", 1992
  • L’Oréal UNESCO Special Award for Women in Science, 2001
  • Wissenschaftlerin des Jahres (gewählt von den österreichischen Wissenschaftsjournalisten), 2002
  • Wittgenstein-Preis, 2003
  • wirkliches Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2003 (zurückgelegt 2012)
  • Preis der Stadt Wien für Natur- und Technische Wissenschaften, 2005
  • Eduard Buchner Preis (Auszeichnung d. Deutschen Gesellschaft f. Biochemie u. Molekularbiologie)
  • "Wissenschaftsbuch des Jahres 2010" für "Die Henne und das Ei. Auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens"




Text aus dem Buch "Geistesblitze"#

Designer-Moleküle zur Replikation von Viren

Die Mikrobiologin Renée Schroeder entdeckte, wie bestimmte Antibiotika das Splicing der katalytischen RNA hemmen. Genaueres erkundet sie nun in atomaren Strukturen.

1996 hätte sie fast den hoch dotierten Wittgenstein Preis des Forschungsförderungsfonds gewonnen. Und bei der Evaluierung der heimischen Biochemieforschung durch internationale Experten hatte sie als Einzelperson mit dem höchsten Impact Faktor abgeschnitten.

Doch die viel versprechende Karriere der Renée Schroeder wäre beinahe jäh gestoppt worden: Als sich die Dozentin am Institut für Mikrobiologie und Genetik der Universität Wien 1990 um die Verlängerung ihrer Assistentenstelle bemühte, lehnte die Personalkommission den Antrag zunächst ab. Der Grund: zwei negative Gutachten, die der Bewerberin zu wenig Engagement in der Verwaltung vorwarfen.

Schroeder ging auf die Barrikaden: Sie wollte objektiv nach ihren wissenschaftlichen Qualifikationen beurteilt werden und verlangte eine internationale Begutachtung. Das Ergebnis: lauter positive Gutachten, ein verlängerter Assistentenvertrag und – noch heute – ein Schild über der Tür: „Ich sitze hier gegen den Willen des Institutsvorstandes.“

Bis dahin hatte sich der jungen Frau wenig bis nichts in den Weg gestellt. In Brasilien geboren und aufgewachsen – der luxemburgische Vater war dort als Elektroingenieur engagiert –, kam Renée Schroeder erst mit 14 nach Österreich, nach Bruck an der Mur, wohin Felten & Guilleaume den Vater gelockt hatte. Nach ,,exzellentem Chemie-Unterricht“ studierte sie in Wien Chemie. „Wir waren eine Handvoll Mädchen an der Uni und 70 Burschen“, blickt sie zurück, „da habe ich bald gelernt, männliches Imponiergehabe zu durchschauen.“

Vater Schroeder machte ihr das Fortkommen leicht: „Da kannst“, sagte er, „so lange studieren, wie ich Arbeit hab“. So lange brauchte die Begabte allerdings nicht. Nach der Promotion 1981 ging sic hinaus in die Welt. An die Universität München zuerst, danach ans Centre National de Recherche Scientifique in Gif-sur-Yvette (Frankreich). 1986 kehrt sie mit Gefährten und zwei Söhnen zurück nach Wien und wird Assistentin am Institut für Mikrobiologie und Genetik.

Die Kombination Kinder und Forschung hält die Biochemikerin für eine Sache der „Energie und der Organisation“. Immerhin, als der Nachwuchs zwei und vier Jahre alt war, hatte sie plötzlich das Gefühl, „wenn ich jetzt nicht einen starken Schritt mache, läuft nichts mehr“. Also ging sie auf ein Postdoc nach Amerika. Es wurde ein entscheidender Schritt, denn „das Thema, das ich dort zu erforschen begann, markiert den Beginn meiner selbständigen Arbeit“.

Das spannende Thema waren die Introns, Sequenzen von so genannten Mosaikgenen, die anders als die Exons – keine Informationen für ein Protein tragen. Sie müssen auf RNA-Ebene entfernt werden, bevor sich das Gen exprimiert. Die Group Introns, mit denen sich Schroeder bevorzugt beschäftigt, tun dies dank ihrer katalytischen Eigenschaften selbst (,,self splicing").

Was die Forscherin schließlich bekannt machte, war ihre Entdeckung, dass bestimmte Antibiotika, etwa Neomycin B, das „Splicing“ der katalytischen RNA hemmen. Antibiotika könnten also rein theoretisch auch die Replikation von Aids-Viren inhibieren, wären sie nicht für Langzeittherapien viel zu toxisch.

Renée Schroeders großes Ziel ist es nun, gemeinsam mit ihrem Forscherteam an der Uni „ganz genau, bis zur atomaren Auflösung, herauszufinden, wie Antibiotika an RNA binden“. Denn obwohl die meisten Menschen bei einer schweren Infektion ganz selbstverständlich auf die Wirkung von Antibiotika vertrauen, wissen wir von vielen bis heute nur dass, aber nicht wie sie wirken.

Schroeders Team besteht zur Zeit aus acht Doktoranden und zwei Postdocs. Sie fischen aus einem RNA-Gemisch mit 10 hoch 13 verschiedenen Molekülen jene heraus, die Antibiotika-Bindungseigenschaften besitzen, und probieren an ihnen chemische Wechselwirkungen mit Antibiotika aus – immer in der Hoffnung, dem Wirkungsmechanismus ein Stückchen näher zu kommen. „Mein Lebensziel ist es“, macht sich Schroeder auf lange Forschungsjahre gefasst, „irgendwann einmal Moleküle designen zu können, die die Replikation von Viren wie dem Aids-Virus inhibieren“.

Und wie steht die Chance auf eine Professur? „Ach wissen Sie“, zögert die seit 1993 habilitierte Dozentin, „ich kann mich mit der Professorenkurie so schwer identifizieren. Nur damit ich einen Titel habe und mehr verdiene, möchte ich meine Forschung nur ungern aufgeben.“

Die Professorenkurie kennt Schroeder zur Genüge, auch aus der Personalkommission, die dem Wissenschaftsminister Vorschläge für Lehrstuhlbesetzungen vorlegt. Dort hat sie erlebt, wie sich „Männer ihresgleichen und Frauen gegenüber verhalten: Bei Männern braucht die Qualifikation offenbar gar nicht erst überprüft zu werden, sie betrachten sich als von Natur aus qualifiziert.“ Zwei Jahre lang hat sich Schroeder für qualifizierte Bewerberinnen, die still und heimlich übergangen werden sollten, in die Bresche geworfen.

Jetzt allerdings haben Forschung und Lehre Vorrang: „Die RNA“, wagt die Wissenschafterin einen Blick in die Zukunft, „wird für uns immer interessanter. Es sieht so aus, als könnte sie uns die Antwort auf die ewige Frage liefern, was zuerst war, die Henne oder das Ei, die DNA oder das Protein. Wahrscheinlich war es die RNA, die die Fähigkeit besitzt, sowohl genetische Informationen zu speichern als auch biologische Reaktionen zu katalysieren.“
Biografischer Text von Heide Korn aus dem Buch „Geistesblitze“ (1997) von Michael Freund; für Austria Forum freundlicherweise seitens Springer Verlag zur Verfügung gestellt. (www.springer.at)

Quellen#

  • M. Freund, Geistesblitze, 1997



Redaktion: J. Sallachner