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Seidlhofer, Waltraud#


* 26. 11. 1939, Linz (Oberösterreich)


Prosaschriftstellerin und Lyrikerin


Waltraud Seidlhofer wurde am 26. November 1939 in Linz geboren, wo sie auch aufwuchs. Nach der Matura war sie bis 1994 in Linz und Wels als Bibliothekarin tätig.

Seit 1961 veröffentlicht sie kontinuierlich in Literaturzeitschriften und Anthologien, aber auch im Rundfunk (ORF, Sender Freies Berlin u.a.). Waltraud Seidlhofer schreibt Lyrik und Prosa; sie verfasst „Grafische Texte“ und ist kulturjournalistisch tätig.

Ihre erste Buchpublikation war 1971 der vom Kulturamt der Stadt Linz herausgegebene Gedichtband "bestandsaufnahmen". Es folgten etliche weitere Buchpublikationen, zuletzt die Bände "stadtalphabet" (2010), "Singapur oder der Lauf der Dinge" (2012) und gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Gregor M. Lepka, "Danu/Donau, eine Reise" (2012).

Waltraud Seidlhofer unternahm viele Reisen, u.a. nach Südafrika, in die USA, nach Hawai, Samoa, Australien, auf die Fiji-Inseln und verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Neuseeland. Sie lebt heute in Thalheim bei Wels und ist Mitglied der Linzer Künstlervereinigung Maerz, des Literaturkreises PODIUM und des Österreichischen Schriftstellerverbands und Gründungsmitglied der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung.

Waltraud Seidlhofer setzt sich in experimentellen Texten mit dem Verhältnis der Sprache zu Raum- und Zeitstrukturen auseinander ("Geometrie einer Landschaft", 1986). Ihre Lyrik ist selten breitenwirksam, trotzdem ist diese Art der Lyrik für das Selbstverständnis und die Entwicklung einer Gesellschaft und ihres Verständigungsmittels, der Sprache, von großer Bedeutung. In Anerkennung ihres Werkes wurde sie mit dem Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2014 ausgezeichnet.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Förderungspreis der Stadt Wels für Literatur, 1973
  • Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1977
  • Silberne Kulturmedaille der Stadt Wels,1989
  • Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur, 1991
  • Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz, 2000
  • Heimrad-Bäcker-Preis, 2008
  • Georg-Trakl-Preis für Lyrik, 2014

Werke (Auswahl)#

Bücher
  • bestandsaufnahmen. Gedichte, 1971
  • fassadentexte. edition neue texte, 1976
  • geometrie einer landschaft. edition neue texte, 1986
  • bild/er/betrachtungen. eine serie. 1989
  • bruchstuecke, variationen, 1991
  • zeit. staedte. spiel. eine sammlung, 1994
  • anstelle von briefen. ausgewaehlte lyrik 1967 – 1992, 1994
  • la(e)ser gedichte, 1996
  • Lippenverreißung, (k)ein klang (mit P. Ganglbauer), 1998
  • text. ein erinnern, 1999
  • te Anau. Wilderness. Zeilen, 2001
  • Wellington oder der private Versuch, eine vorübergehende Gegenwart zu beschreiben, 2002
  • gehen. ein system, 2005
  • boote in den museen, 2008
  • Tage, Passagen. Prosa, 2009
  • stadtalphabet, 2010
  • Singapur oder der Lauf der Dinge, 2012
  • Danu/Donau, eine Reise (mit Gregor M. Lepka), 2012

Hörspiel

  • Protokoll einer Landschaft, ORF 1984


Leseprobe#

Waltraud Seidlhofer - "Singapur oder der Lauf der Dinge."

im rechten fenster des taxis taucht ploetzlich eine grosse wasserflaeche auf: nicht der fluss, wie man aufgrund der ankuendigungen der ueberkopfwegweiser vielleicht erwartet hat, sondern eine ruhige wasserflaeche, die so gross ist, dass man ihre rueckwaertige begrenzung in der dunkelheit nicht sehen kann. sie ist von der strasse, vom expressway, durch eine breite, hell beleuchtete promenade getrennt, die strassenlaternen sind mit farbigen ballons geschmueckt, von denen baendchen haengen.

menschen bewegen sich auf dieser promenade, auf diesem boulevard, angemessen und ruhig. man scheint in einen franzoesischen film geraten zu sein, in einen stummfilm moeglicherweise, oder in eine sequenz, in der lange zeit kein laut zu hoeren ist, kein gespraech gefuehrt wird.

erst jetzt faellt auf, dass das taxi schon waehrend der ganzen fahrt die geraeusche von aussen, das hupen, die geraeusche der raeder, nur sehr gedaempft herein gelassen hat, auch die klimaanlage des taxis scheint nahezu lautlos zu funktionieren. dass dieser geringe laermpegel erst jetzt zu bewusstsein kommt, mag daran liegen, dass er hier, in diesem gebiet, waehrend der fahrt entlang des im dunkeln gelegenen sees, fast voellig erlischt: die geraeuscharmut laesst die geraeusche bewusst werden, die bisher geherrscht haben. nur die strasse, den expressway entlang stehen die geschmueckten laternen, von dieser strasse weg fuehrt kein weg, keine allee, keine lichterreihe weiter nach rueckwaerts, auf das rueckwaertige ende des sees zu. im wasser spiegeln, verdoppeln sich die laternen, sie stehen auch kopfueber entlang der strasse, scheinen noch zusaetzlich, unter der oberflaeche des sees, licht auszustrahlen, die strasse, den see zu erleuchten, ehe sich das ganze filigrane gebilde sehr ploetzlich in einer fast totalen dunkelheit verliert.
(Text LXIII., S. 76)

© 2012 Klever Verlag, Wien. Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
LITERTURHAUS

Literatur#

  • Die Rampe, Porträt, 2000

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl