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Spitzy, Karl Hermann#

* 10. 11. 1915, Wien

† 26. 5. 2013, Baden bei Wien


Mediziner


Karl Hermann Spitzy. Foto, © z. Verf. gest. v. Prof. Dr. Karl H. Spitzy, privat, für AEIOU
Karl Hermann Spitzy. Foto
© z. Verf. gest. v. Prof. Dr. Karl H. Spitzy, privat, für AEIOU
Sohn von Hans Spitzy

Karl Spitzy wurde am 10. November 1915 als Sohn des Wiener Orthopäden Hans Spitzy geboren. 1933 begann er nach der Matura am Wiener Schottengymnasium ein Philosophiestudium, wechselte aber zur Medizin, wo er 1939 promovierte. Neben seinem Studium absolvierte er 1935 zusätzlich die Ausbildung zum Werkmeister für Maschinenbau und Elektrotechnik.

Im Zweiten Weltkrieg diente er von 1939 bis 1945 als Arzt an der Front in Russland (und war auch Mitglied der Waffen-SS). 1945 kam er als Chefarzt für Innere Medizin in das Krankenhaus Peine/Hannover und wechselte 1946 in die I. Medizinische Universitäts-Klinik nach Wien.

1951 hatten die Wissenschaftler Ernst Brandl, Hans Margreiter (mit Kollegen) in der Firma Biochemie GmbH in Kundl das erste "säurefeste" Penicillin gefunden - bis dahin hatte es nur das injizierbare Penicillin G (Benzylpenicillin) gegeben. Säurefestes Penicillin (Penicillin "V" genannt) war aber die Voraussetzung für die Gabe des Antibiotikums in Tablettenform (da sonst die Magensäure die Substanz zerstört), weil dies in der Praxis leichter therapeutisch einsetzbar ist.


Dr. Karl Spitzy wurde von den Tiroler Wissenschaftlern mit einer wirkungsvergleichenden klinischen Studie säurestabiler Penicilline betraut und publizierte 1955 die wohl berühmteste seiner mehr als 400 wissenschaftlichen Arbeiten: "Die perorale Penicillintherapie". Mit dem Präparat wurde auch der Grundstein für die rasante Entwicklung von halbsynthetischen und synthetischen Antibiotika gelegt.

Noch 1955 gründete er an der Wiener I. Medizinischen Universitäts-Klinik die Forschungsstelle für Antibiotika und entwickelte bis 1962 die Penicillin-Hochdosierungstherapie, was ihm den Spitznamen "Millionenspitzy" einbrachte. Er hielt zahllose Fortbildungsvorträge, sprach in Rundfunk und Fernsehen, verfasste an die 200 Fortbildungsfilme, organisierte Hunderte Kongresse zum Thema der Antibiotika-Therapie.


1962 wurde Karl Spitzy Dozent und 1970 außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Von der Einrichtung der Lehrkanzel für Chemotherapie 1973 bis zu seiner Emeritierung 1987 lehrte Spitzy als ordentlicher Professor an der Universität Wien. 1979 wurde die Lehrkanzel in die "Universitätsklinik für Chemotherapie" umgewandelt und Spitzy zu ihrem Vorstand berufen.

Von 1974 bis 1976 war er außerdem Präsident der Paul-Ehrlich-Gesellschaft und von 1982 bis 1991 Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien.


Unmittelbar nach seiner Emeritierung nahm Karl Spitzy sein Philosophiestudium wieder auf und promovierte 1994 (mit einer Dissertation zum Thema "Dämon und Hoffnung") mit 78 Jahren zum Dr. phil. an der Universität Wien.

Aus seiner reichen Erfahrung leitete Karl Spitzy seine Klinische Philosophie ab und entwickelte eine neue Medizin-Ethik basierend auf der Dialogphilosophie des österreichischen Religionsphilosophen Martin Buber.

Em. Univ.-Prof. DDr. Karl Spitzy, der Wegbereiter der Penicillintherapie in Tablettenform, starb am 26. Mai 2013 97-jährig in Baden bei Wien.

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Theodor-Körner-Preis, 1960
  • Billroth-Medaille, 1993
  • Wilhelm-Exner-Preis, 1992
  • Kulturpreis der Stadt Baden bei Wien, 1994
  • Goldene Medaille der Ärztekammer, 1995
  • Goldene Medaille der Stadt Wien, 1996
  • Ernennung zum Ehrenpräsidenten der Wiener Medizinischen Akademie, 1998
  • 1988 – 2002 wurde der Karl-Hermann-Spitzy-Preis alle 2 Jahre vergeben (für klinisch relevante Arbeiten auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und der antimikrobiellen Chemotherapie)

Werke (Auswahl)#

  • Die perorale Penicillintherapie (Entwicklung des ersten Oralpenicillins), 1955
  • Penicillin in hohen Dosen (Entwicklung der Hochdosierung), 1962
  • Repräsentativer Einzelfall und Doppeltblindversuch (Kritik der klinischen Statistik), 1970
  • Mitherausgeber der "Klinischen Pharmakologie und Pharmakotherapie", 1971 (1.-3. Aufl.,
    ab 4. Aufl. (1983) "Klinische Pharmakologie" (Kritik der Arzneimitteltherapie)
  • Einordnungsmöglichkeiten der homöopathischen Therapie und ihre Kontrolle, 1973
  • Van Swietens Erbe, Die Wiener Medizinische Schule in Selbstdarstellungen, 1982
  • Der Versuch am Menschen, 1984
  • Kann eine Metamedizin zwischen der Paramedizin und der sogenannten Schulmedizin eine Brücke schlagen? (Dialogik als Lösungsvorschlag), 1989
  • Ich und Du in der Medizin, 1991
  • Schmerz und Placebo, 1992
  • Ethik und Arzneimittelforschung, in „Klinische Pharmakologie“, Ecomed II-1.4.1, 1993
  • Dämon und Hoffnung. Dialogik in der Medizin, 1993
  • Ärztliche Ethik im Spannungsfeld ökonomischer Anforderungen, in Theurl H. (Hrsg.) "Tödliche Grenzen. Rationalisierung im Gesundheitswesen", 1994
  • Klinische Philosophie I. Ärztliche Dialogik, 1994
  • Klinische Philosophie II. Ärztliche Ethik, 1995
  • Klinisch-philosophische Betrachtungen über den Einfluss großer Seuchen auf das Kulturbewusstsein, in "Klinische Pharmakologie", Ecomed, 1995
  • Ethische Aspekte der Chemotherapie, 1997
  • Archäologie des ärztlichen Blicks, Spektrum der Augenheilkunde, 1997
  • Probleme der Antibiotik, 1997
  • Die Arzt-Patient-Beziehung und das Placebophänomen, 1997
  • Arzt, Patient und Versicherung, in "Versicherungsgeschichte Österreichs", 1997
  • Das verblichene Du, in Stefenelli (Hrg.) "Körper ohne Leben", 1998
  • Klinische Philosophie III. Ärztliche Wissenschaft, 1998
  • Von der Dialogik zum Konstruktivismus in der Medizin, Symposium der Gesellschaft für organismisch-systemische Forschung, 1998
  • Kritik der Chemotherapie im Rahmen einer konstruktiv-dialogischen Medizintheorie, 1999
  • Der Dialog als Friedensstifter, Wiener Blätter zur Friedensforschung, 1999
  • Versorgung mit innovativen Arzneimitteln, 2000
  • Klinische Philosophie IV. Ärztliche Hodegetik, 2000
  • From Individualism to Dualogue - A Task for the Vienna Medical School, 2000
  • Dialogisch-konstruktivistische Medizintheorie. Die philosophische Grundlage der Medizin, 2001
  • Verantwortung in der Medizin aus dialogischer Sicht“, 2002
  • Peter Kampits – 60 Jahre jung, Festschrift, 2002
  • Von der Macht des Gemüts. Festschrift zum 70. Geburtstag von Norbert Leser, 2003
  • Wenn Ärzte nach der Weisheit suchen, mit E.M. Schulak, 2004

Quellen#



Redaktion: I. Schinnerl