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Tielsch , Ilse#

* 20. 3. 1929, Auspitz/Hustopece (Tschechische Republik)


Schriftstellerin


Inge Tielsch
Inge Tielsch, Foto
© Wiener Zeitung

Ilse Tielsch wurde am 20. März 1929 als Ilse Felzmann in der südmährischen Kleinstadt Auspitz geboren.

Beeinflusst durch die Atmosphäre des Elternhauses, in dem Künstler und Literaten verkehrten, beschäftigte sie sich schon früh mit Dichtung und Theaterspiel, schon als Volksschülerin verfasste sie die ersten Gedichte.

Im April 1945 fand sie auf der Flucht vor der nahenden Front Aufnahme auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Schlierbach, wo sie Landarbeit verrichtete. Es gelang ihr jedoch, den unterbrochenen Schulbesuch im Herbst in Linz fortzusetzen und 1946 zu den inzwischen aus Mähren vertriebenen und über Niederösterreich nach Wien gelangten Eltern zurückzukehren.

Nach der Matura 1948 begann sie an der Universität Wien das Studium der Zeitungswissenschaft mit dem Nebenfach Germanistik, das sie 1953 mit der Promotion beendete (Dissertation "Die Wochenschrift 'Die Zeit' als Spiegel literarischen und kulturellen Lebens in Wien um die Jahrhundertwende").
1949 wurde ihr die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Durch ihren Studienkollegen Erich Neuberg fand die vom Theaterleben Wiens faszinierte Studentin Anschluss an den Kreis um das "Theater der Neunundvierzig" im Cafe Dobner, zu dem damals unter anderen der junge Helmut Qualtinger gehörte. Nach der 1950 erfolgten Heirat mit Rudolf Tielsch und der Geburt des ersten Kindes (von insgesamt vier) sah sie sich jedoch gezwungen, ihr Studium und ihren Lebensunterhalt durch Brotarbeit zu verdienen.

Erst 1964 konnte ihr erstes Lyrikbändchen in der von Rudolf Felmayer betreuten Reihe "Neue Dichtung aus Österreich" erscheinen. Dieser Publikation schickte sie in einer ersten öffentlichen Lesung folgendes Motto voraus, an das sie sich im Prinzip auch später stets gehalten hat:

Ich pfeife auf Rekorde/ wenn alle rennen/ will ich als Letzte/ irgendwo weit hinten/ wo es noch leise ist/ meine eigenen/ langsamen Wege gehen.

Drei in dieser Zeit entstandene Hörspiele wurden vom ORF gesendet, Jeannie Ebner druckte eine Erzählung in "Literatur und Kritik", 1974 erschien ein erster Prosaband. In der literarischen Form der satirischen Erzählung übte Tielsch Zeit-und Gesellschaftskritik. Die ersten Bücher veröffentlichte sie unter dem Doppelnamen Tielsch-Felzmann, änderte diesen Namen jedoch ab 1979 auf Rat Hans Weigels überwiegend in Ilse Tielsch.

Relativ spät fand die Autorin zur langen Prosa. In den 1980er Jahren entstand als Folge des früh erlebten traumatischen Eindrucks des Unglücks, das Hass und Intoleranz zwischen Völkern über die Menschen bringen, u.a. eine Romantrilogie ("Die Ahnenpyramide", "Heimatsuchen" und "Die Früchte der Tränen") über die Geschichte der Deutschen Mährens. Das Thema des in Fremdheit geworfenen Menschen taucht immer wieder in ihrer Prosa und in ihren Gedichten auf.

Ilse Tielsch war von 1990 bis 1999 Erste Vizepräsidentin des österreichischen P.E.N.-Clubs, sie ist Vorstandsmitglied des österreichischen Schriftstellerverbandes und lebt als freie Schriftstellerin in Wien.


Preise, Auszeichnungen (Auswahl):

  • 1965 Förderungspreis für Literatur des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst
  • 1971 Förderungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur
  • 1971 Boga-Tinti-Lyrikpreis des Presseclubs Concordia Wien
  • 1972 Ehrengabe des Andreas-Gryphius-Preises der Künstlergilde Esslingen
  • 1975 Erzählerpreis des Autorenkolloquiums Arnsberg-Neheim / Hüsten
  • 1979, 1982 und 1988 Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
  • 1980 Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur
  • 1981 Südmährischer Kulturpreis
  • 1983 Kulturpreis der Sudetendeutschen
  • 1987 Preis der Harzburger Literaturtage
  • 1989 Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen
  • 1989 Anton-Wildgans-Preis der österreichischen Industrie für Literatur
  • 1989 österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
  • 1995 Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis der Goethe-Stiftung Basel

Werke (Auswahl)#

Lyrik
  • 1964 In meinem Orangengarten
  • 1967 Herbst mein Segel
  • 1970 Anrufung des Mondes
  • 1975 Regenzeit
  • 1981 Nicht beweisbar
  • 1986 Zwischenbericht
  • 1998 Lob der Fremdheit
  • 2004 Ausgewählte Gedichte

Erzählende Prosa

  • 1969 Südmährische Sagen
  • 1974 Begegnungen in einer steirischen Jausenstation, Erzählungen
  • 1977 Ein Elefant in unserer Straße, Erzählungen
  • 1979 Erinnerung mit Bäumen, Erzählung
  • 1980 Die Ahnenpyramide (Romantrilogie I)
  • 1982 Heimatsuchen (Romantrilogie II)
  • 1984 Fremder Strand, Erzählung
  • 1987 Der Solitär, Erzählung
  • 1988 Die Früchte der Tränen (Romantrilogie III)
  • 1991 Die Zerstörung der Bilder
  • 1999 Eine Winterreise, Prosa
  • 2000 Der August gibt dem Bauern Lust, Geschichten
  • 2006 Das letzte Jahr, Roman

Essays und Aufsätze

  • 1991 Aus meinem ägyptischen Tagebuch
  • 1993 SchriftstellerIn? Um Gottes Willen! Vom Schreiben und vom Vorlesen

Hörspiele

  • 1970 Der Zug hält nicht in Bevignon
  • 1971 Ein Licht im Nebel
  • 1971 Begräbnis eines alten Mannes
  • 1996 Gespräch mit dem Lehrer Leopold H.


Leseprobe#

aus Ilse Tielsch - "Die Ahnenpyramide"

Wir sollten einmal nach Mährisch-Trübau fahren, sagte ich ...
Ich ging mit Bernhard durch die Gassen, die Anni damals, vor etwa vierzig Jahren, mit ihrem Fahrrad befahren hat, ich fand die Wiese wieder, auf der sie ihre Kinderspiele spielte, ... die Schule, in der sie so oft zu spät kam und in der sie ganze Vormittage verträumte. Das Haus, in dem sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, stand noch, die Fenster waren ohne Vorhänge, man hatte in den viel zu großen und zu hohen, daher schlecht beheizbaren Zimmern Büroräume oder Lagerräume untergebracht.
Einiges hatte sich geändert, neue Häuser waren gebaut worden, andere hatte man abgetragen, man hatte den Bach abgedeckt, die Alleebäume gefällt. Der Stadtplatz, der vorübergehend Adolf-Hitler-Platz geheißen hatte, von dem aus das abends heimlich Milch holende Kind die Sterne betrachtet hatte ..., hatte einen neuen Namen bekommen. Es waren Veränderungen, wie man sie überall vorfindet, wo man lange nicht mehr gewesen ist.

...

Wir fuhren dann noch ein Stück hinaus zu den Feldern und Weingärten, bestiegen einen der Hügel, sahen Dörfer in der Nachmittagssonne liegen, blickten zwischen den Zwetschgen- und Birnbäumen des Obstgartens in den Hof hinunter, der einmal Josef, dem Großvater, gehört hatte, Bernhard stellte Fragen, ich wies auf Veränderungen hin, das Gemüsegärtchen der Großmutter war verschwunden, die Stallgebäude und die alten, stets weiß gekalkten Laubengänge, welche die seitliche Begrenzung zum Nachbarhof gebildet hatten, waren abgerissen worden, aber sonst war vieles geblieben, wie es früher gewesen war, ich sah es und fühlte mich trotzdem fremd. Eigentlich, sagte ich, sollten wir nicht versuchen, dorthin zurückzukehren, wo wir Kinder gewesen sind.
Ich sagte das, um mich gegen ein Gefühl zu wehren, das ich nicht wollte, aber es half mir nicht.
Komm, sagte Bernhard, fahren wir nach Hause.
Er hätte auch sagen können: Es ist spät geworden, wir müssen fahren, wir sind schon lange genug hier umhergegangen, hier lebt doch niemand mehr, den du kennst.
Er sagte NACH HAUSE und meinte: Fahren wir dorthin zurück, wo wir wohnen und arbeiten, wo unser Haus steht, wo unsere Kinder auf uns warten, wo Menschen leben, zu denen wir gehören, die wir kennen, die unsere Freunde sind.
Ja, sagte ich. (S. 423ff.)

© 1998, Styria, Graz, Wien, Köln.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Literaturhaus


Leseprobe#

aus Regenzeit

Mahnung

Vieles zertreten
vieles vertan
Sparen
Lernst du nicht mehr

Der Wind wird kälter
Die Grenzen sind
abgesteckt
öffne dein Ohr
für die Botschaft

Höre das Licht
für den Rest
deines Weges

Ilse Tielsch aus Regenzeit. Styria, Graz, 1981




Suche nach der Heimat (Essay)#

von
David Axmann

Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung vom 21. März 2009

Ilse Tielsch hat in ihren Büchern die Erinnerung an ihre sudetendeutsche Heimat beschworen - am 20. März 2009 hat sie ihren 80. Geburtstag gefeiert.

In ihrem zuletzt erschienenen Roman, betitelt "Das letzte Jahr" (Edition Atelier, 2006), erzählt die österreichische Schriftstellerin Ilse Tielsch, wie das elfjährige, aus einer sudetendeutschen Familie stammende Mädchen Elfi Zimmermann in einem südährischen Dorf das Jahr 1938 erlebt. Am Ende dieses Jahres und am Ende dieses Romans stellt das aufgeweckte und empfindsame Kind, mehr betrübt als erstaunt, fest: "Auf der Straße müssen wir mit Heil Hitler grüßen, auch den Herrn Pfarrer. Einen Guten Tag gibt es nicht mehr, und keinen Guten Abend. Grüß Gott ist überhaupt abgeschafft ... Der Pavel ist auch nicht mehr da, weil sein Vater ins Tschechische versetzt worden ist. Seine Stelle hat ein Deutscher bekommen, weil man im Deutschen Reich keine tschechischen Beamten mehr braucht. Wir leben ja jetzt nicht mehr in Mähren, sondern in Niederdonau und Niederdonau gehört zur Ostmark und die Ostmark gehört zum Deutschen Reich. Der Herr Oberlehrer Wessely heißt jetzt Fröhlich und ärgert sich, wenn das jemand vergisst ... Und statt einem Bürgermeister haben wir jetzt einen Ortsgruppenleiter, der heißt Jedlitschka. Und die Jedlitschka geht herum wie die Kaiserin von Tripstrill. Im Deutschen Haus hat es eine große Feierlichkeit gegeben und alle haben hingehen müssen, weil das sonst negativ aufgefallen wäre. Der Jedlitschka hat dort eine Rede gehalten, um sich beim Hitler dafür zu bedanken, dass er uns heimgeholt hat."

Und die Josefka, das frühere tschechische Dienstmädel der Familie Zimmermann, hat die Elfi "nur traurig angeschaut, hat sich mit ihrer Schürze die Augen abgewischt und gesagt: Pipinko&" (was tschechisch ist und auf deutsch etwa kleines Henderl oder Hähnchen heiß;t), "Pipinko, jetzt ist alles anders . . . alles aus und vorbei."

Diese Elfi Zimmermann ist zwar eine Kunstfigur, ein Geschöpf ihrer Autorin; aber tief geprägt von der wachen Erinnerung an all das, was die junge Ilse Tielsch (welche damals natürlich noch ihren Mädchennamen Felzmann trug) im Jahre 1938 erlebt hat. Denn auch sie ist in Südmähren geboren und aufgewachsen.

Am 20. März 1929 kommt Ilse Tielsch-Felzmann in Auspitz/Hustopece auf die Welt. Beeinflusst durch die kunstsinnige Atmosphäre des Elternhauses, beschäftigt sie sich schon früh mit Literatur und Theaterspiel. Als Sechzehnjährige flüchtet sie im April 1945 nach Oberösterreich, und übersiedelt 1946 zu den inzwischen aus Mähren vertriebenen und in Wien ansässig gewordenen Eltern. Nach der Matura studiert sie an der Universität Wien Zeitungswissenschaft mit dem Nebenfach Germanistik und promoviert 1953.

Durch ihren Studienkollegen Erich Neuberg findet die vom Theaterleben in Wien faszinierte Studentin Anschluss an den Kreis um das "Theater der Neunundvierzig"; im Cafè Dobner, zu dem damals auch der junge Helmut Qualtinger gehört; nach ihrer Heirat (1950) und der Geburt ihres ersten Kindes ist sie gezwungen, den Lebensunterhalt durch Brotarbeit zu sichern. 1964 erscheint in der von Rudolf Felmayr betreuten Reihe "Neue Dichtung aus Österreich" ihr erstes Lyrikbändchen. Der ORF sendet drei Hörspiele von ihr, 1974 erscheint ihr erstes Prosawerk: der Erzählband "Begegnungen in einer steirischen Jausenstation". Auf satirische Art übt sie in ihrer literarischen Frühzeit Zeit- und Gesellschaftskritik. 1979 lässt sie, dem Rat Hans Weigels folgend, den zweiten Teil ihres Doppelnamens weg und publiziert seither als Ilse Tielsch.

1980 erscheint der Roman "Die Ahnenpyramide", von der Kritik gelobt, vom Publikum geschätzt - ihr literarischer Durchbruch. In diesem sich über vier Jahrhunderte erstreckenden Familienepos geht es um das Haupt- und Herzensthema der Autorin: um die Vergangenheit und um den Verlust ihrer Heimat. Um die Begründer dieser Heimat, im 16. Jahrhundert als Siedler ins Land Böhmen gerufen, und deren Nachfolger, die als Ahnen der Nachgeborenen das Land aufgebaut und die Verbundenheit zu ihm vertieft und gefestigt haben.

Heimat ist, sagt Ilse Tielsch, "wo du das Recht hast zu leben, zu sterben, begraben zu werden", "wo wir unsern unverwechselbaren Dialekt gelernt haben", "wo mein Bewusstsein geprägt worden ist", "wo man den Kindern sagen kann: Das ist eure Heimat!"

Diese Heimat gibt es für die Sudetendeutschen nach 1945 nicht mehr. Es gibt nur mehr das Heimweh danach. Die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, welche die Autorin mit emphatischer Gründlichkeit durchforscht. Den Rück-Schritt in die Wirklichkeit eines nur noch erinnerten Lebens. Die Rück-Blende auf verdichtete Schicksale, deren Auswirkungen in die Gegenwart reichen. "Ich spiele ein Zusammensetzspiel", erklärt die Erbauerin der "Ahnenpyramide": "Ich suche mir aus den Gesichtern derer, die vor mir gelebt haben, mein eigenes Gesicht zusammen, aus dem, was ich über sie erfahren habe, meinen Charakter, meine Talente, meine Aversionen, ich denke darüber nach, wo sie gescheitert sind, wo ich selbst gescheitert bin, finde Ähnlichkeiten, Überschneidungen, Parallelen, stelle fest, dass sich Katastrophen und Unglücksfälle wiederholt haben, erschrecke vor diesen Wiederholungen, merke, dass das Wort Kette plötzlich eine andere Bedeutung für mich gewinnt, erschrecke vor dieser Bedeutung." Dem Bewusstsein, nur ein Glied dieser Kette, dieser langen Ahnenreihe zu sein, erwächst die Einsicht zur Bescheidenheit: auf "dass wir nichts, was unsere eigene Existenz angeht, überschätzen, ... nicht unsern eignen Anfang, aber auch nicht unsern eignen Tod".

"Die Ahnenpyramide" bildet, ergänzt durch "Heimatsuchen" (1982) und "Die Früchte der Tränen" (1988), eine Romantrilogie, der Louis F. Helbig in seinem Standardwerk "Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit" zu Recht breiten Raum gewährt, erzählen doch diese drei Romane auf eindringliche, anschauliche Weise den Nachfahren von der Vielfalt und Buntheit sudetendeutscher Geschichte.

Übrigens stößt man (was freilich nicht überrascht) auch im lyrischen Werk der Ilse Tielsch (acht Gedichtbände, erschienen zwischen 1964 und 2004, liegen vor) auf Heimatspurensuche. Zum Beispiel im Gedicht "Circulus Brunnensis (Vor einer alten Karte von Mähren)":

"nachts
überschreite ich die Grenze
des Austriae pars
gehe die alten Straß;en entlang
kein Mond leuchtet mir Barmherzigkeit
kein Hundegebell tröstet mich
knietief im Schnee
finde ich dennoch den Weg
zu der Tür
die in rostigen Angeln hängt
zu den Kinderträumen
ich bin oft dort".

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl