Wagner, Otto Koloman - Austria-Forum : Biographien

Wagner, Otto Koloman#


* 13. 7. 1841, Wien-Penzing

† 11. 4. 1918, Wien


Architekt und Kunsttheoretiker


Otto Wagner
Otto Wagner. Postkarte Nr. 251 der Wiener Werkstätte.
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Otto Wagner wurde am 13. Juli 1841 als Sohn eines Notars in Wien-Penzing in eine großbürgerliche Familie geboren.

Nach dem Besuch von Gymnasium und Konvikt studierte er von 1857 und 1862 an der Königlichen Bauakademie in Berlin und in Wien zuerst am Polytechnischen Institut, dann an der Akademie der bildenden Künste und trat dann ins Atelier Heinrich von Försters ein und somit in den Kreis von Ludwig Christian Friedrich Förster und Theophil Hansen (für den er das Palais Epstein an der Wiener Ringstraße ausführte) ein.


Otto Wagner war bereits ab 1864 selbstständig tätig (Häuser in der Harmoniegasse, Wien 9.), stand aber seinen Frühwerken später teilweise kritisch gegenüber.


Wagner war die überragende Architektenpersönlichkeit Wiens im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und verkörperte die fruchtbare Verbindung von Historismus und Moderne. In fast allen Bereichen der Baukunst wirkte er durch wichtige Leistungen richtungsweisend. Bestimmend blieb stets eine am Gesamtkunstwerk orientierte Grundeinstellung. Ausgehend von teils spätromantischen, teils strengen Ansätzen (Villa Epstein in Baden, 1867; Synagoge in Budapest, 1873), entwickelte er monumentale Projekte bis hin zum Städtebau ("Artibus"). Bis in die 1890er Jahre bevorzugte er einen pathetischen bis üppig renaissancehaften Ringstraßen-Stil (Haus Schottenring 23, 1878; Mitarbeit am Makart-Festzug, 1879; Villa Hahn in Baden, 1885; "große" Villa Wagner in Wien-Hütteldorf, 1888) und beteiligte sich mehrfach an internationalen Wettbewerben.


Dann wandte er sich von historistischen Idealen ab und der Erneuerung der Kunst zu, wobei er nicht die Struktur änderte, sondern die formale Gestaltung.


Obwohl er den Übergang zur modernen Sachlichkeit und Funktionalität wesentlich förderte, blieb Wagner selbst der Überzeugung treu, der Architekt als Künstler müsse das Ingenieurschaffen zwar anerkennen und verwerten, aber unbedingt über die bloße Nutzgestaltung hinaus erheben.

Detail des Hauses Linke Wienzeile 38
Haus Linke Wienzeile 38, Detail
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Mit seinen Werken bestimmte Wagner entscheidend sowohl die Architektur der Secession als auch die Grundlagen der von jüngeren Architekten konsequent realisierten Moderne (Schützenhaus der Staustufe Kaiserbad am Donaukanal, Wien, 1904-06). Die Wohnbauten dieser Phase erlangten Weltruf (in Wien die so genannten Wienzeilen-Häuser, 1898, "kleine" Villa Wagner, 1913).


Während zahlreiche berühmte Entwürfe unausgeführt blieben (zum Beispiel Akademie, Stadtmuseum, Kriegsministerium), verwirklichte Wagner wenigstens 3 Hauptwerke: die Anlagen der Wiener Stadtbahn (1892-1901, besonders die Stationsgebäude, heute U4 und U6), die Kirche Am Steinhof (1902-07) und das Postsparkassenamt (1904-06).


1894 wurde Wagner zum Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste ernannt (als Nachfolger Hasenauers). Als Lehrer zog Wagner eine legendäre Schule (Joseph Maria Olbrich, Josef Hoffmann, Jože Plečnik) heran, die seine Ideen oft auf höchstem ästhetischen Niveau weiterentwickelte, aber aufgrund wirtschaftlicher Umstände wenig umsetzen konnte.


Er wurde auch zum kaiserlich-königlichen Hofrat und Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien ernannt und war Präsident bzw. Ehrenpräsident zahlreicher Vereinigungen im In- und Ausland.


Otto Wagner starb am 11. April 1918 in Wien; er ist auf dem Hietzinger Friedhof in einem Ehrengrab beigesetzt.


Werke (Auswahl):

Besonders Wagners Arbeiten seiner frühen Jahre sind unzureichend dokumentiert; viele berühmte Entwürfe und Wettbewerbsarbeiten blieben unausgeführt.

Kassensaal in der Postsparkassa
Kassensaal in der Postsparkassa
© Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Zu Wagners Hauptwerken kann man jedoch folgende drei Bauten zählen:

  • die Anlagen der Wiener Stadtbahn (1892-1901, besonders die Stationsgebäude, heute U4 und U6)
  • die Kirche Am Steinhof (1902-07)
  • das Postsparkassenamt (1904-06)

Ausgeführte Werke Wagners sind:

  • Haus Schottenring (Wien; 1878)
  • Mitarbeit am Makart-Festzug anlässlich der Silbernen Hochzeit des Österreichischen Kaiserpaars Franz Joseph I. und Elisabeth (Wien; 1879)
  • Wiener Stadtbahn (1892-1901, besonders die Stationsgebäude, heute U-Bahnen U4 und U6)
  • Villa Hahn in Baden (NÖ; 1885)
  • "große" Villa Wagner (Wien-Hütteldorf, 1888; in jüngerer Vergangenheit Ausgestaltung durch Maler E. Fuchs)
  • Villa Epstein (Baden, NÖ, 1867)
  • Synagoge (Budapest, Ungarn; 1873)
  • Kirche Am Steinhof (großes psychiatrisches Krankenhaus; heute "Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner Spital") (Wien; 1902-07)
Johannes_Nepomuk-Kapelle
Johannes_Nepomuk-Kapelle Währinger Gürtel
  • Schützenhaus der Staustufe Kaiserbad am Donaukanal (Wien, 1904-06)
  • Wienzeilen-Häuser (1898)
  • Wiener Postsparkasse (Postsparkassenamt; 1904-06)
  • "kleine" Villa Wagner (Wien; 1905 geplant, jedoch erst 1912-13 erbaut)
  • Nußdorfer Wehr (1894-98)
  • Häuser in der Harmoniegasse (Wien 9; ca. 1864)
  • Lupusheilstätte (heute: Pavillon 24 des Wilhelminenspitals, Wien; 1912/13)
  • letzter Wohnbau in der Neustiftgasse (Wien-Neubau) (1912/13)


nicht realisierte Projekte Wagners:

Leider wurden nicht alle Projekte Wagners realisiert: zu nennen wären sein Lieblingsprojekt (vollständige Umgestaltung der Wienzeile), das Stadtmuseum, der Kursalon im Wiener Stadtpark und das Kriegsministerium.




Kirche am Steinhof
Kirche am Steinhof

Engel an der Steinhofkirche vor der Restaurierung
Engel an der Steinhofkirche vor der Restaurierung

Engel an der Steinhofkirche nach der Restaurierung
Engel an der Steinhofkirche nach der Restaurierung


Publikationen:
Wagner verfasste viele theoretische Schriften und Anregungen zur Stadtplanung im Allgemeinen.

"Kleine" Wagner-Villa
"Kleine" Wagner-Villa

  • Die Groszstadt. Eine Studie über diese (1911), Schroll-Verlag, Wien, 32 S.
  • Die Qualität des Baukünstlers (aus der eigenen Werkstatt) (1912), (Vortragszyklus im Wiener Volksbildungsverein), Verlag Hugo Heller, Leipzig & Wien, 50 S.
  • Otto Wagner – unbegrenzte Großstadt. Beginn der modernen Architektur 1841-1918 (1983), mit H. Geretsegger, M. Peintner & W. Pichler, (Hrsg.) Museum Moderner Kunst Wien, Residenz-Verlag, Salzburg & Wien, 379 S.
  • Einige Skizzen, Projekte und ausgeführte Bauwerke. In 4 Bänden aus den Jahren 1889-1922 (1987) vollständiger Nachdruck der vier Originalbände, (Hrsg.) P. Haiko, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen, 428 S.
  • Die Baukunst unserer Zeit (2008), (Hrsg.) E. Winkler, (Neuauflage), Metroverlag, Wien, 187 S.





Wehr im Schützenhaus
Wehr am Schützenhaus
Reste der Krantechnik im Schützenhaus
Reste der Krantechnik im Schützenhaus
Zitate

„Bei einem Museum sind die Ausstellungsräume der Gegenstände halber da, und nicht umgekehrt" (Kommentar Wagners zum Streit um die Projekte Karlsplatz und Stadtmuseum, der 13 Jahre dauern sollte).

„Ein logisches Denken muss uns daher zur Überzeugung führen, dass der Satz ‚Jede Bauform ist aus der Konstruktion entstanden und sukzessive zur Kunstform geworden’ unerschütterlich ist. Dieser Grundsatz hält allen Analysen stand und erklärt uns jede Kunstform. Es kann daher mit Sicherheit gefolgert werden, dass neue Zwecke und neue Konstruktionen neue Formen gebären müssen“ (in der PSK-Biographie).

„Ohne Zweifel kann und muss es so weit kommen, dass nichts dem Auge sichtbares entsteht, ohne die künstlerische Weihe zu empfangen. Es darf nie vergessen werden, dass die Kunst eines Landes der Wertmesser nicht allein seines Wohlstandes, sondern vor allem auch seiner Intelligenz ist“ (in der PSK-Biographie).


--> Postsparkasse (Video-Album)
--> Jugendstil Theater am Steinhof (Bildlexikon)
--> U-Bahn-Station in Hietzing (Bildlexikon)
--> Steinhof-Kirche (Bildlexikon)
--> Kirche am Steinhof (Video-Album)
--> Sonderpostmarke 1991, Bildende Kunst (Briefmarken)


Literatur:

  • Otto Wagner zum siebzigsten Geburtstag (1912), H. Bahr; In: Essays, (Hrsg.) H. Bahr, Insel-Verlag, Leipzig.
  • Otto Wagner – eine Monographie (1914), J. A. Lux, Delphin-Verlag, München, 167 S.
  • Otto Wagner (1922), H. Tietze, Rikola-Verlag, Wien (u.a.), 16 S.
  • Otto Wagner 1882’ (1963), O. A. Graf, Dissertation, Univ. Wien, 47 S
  • Die vergessene Wagnerschule (1969), O. A. Graf; In: Schriften des Museums des 20. Jhdts. Wien, Band 3, Verlag Jugend und Volk, Wien (u.a.), 39 S.
  • Otto Wagner. Eine biographische Chronik (1974), O. A. Graf; In: Tausend Jahre Österreich – eine biographische Chronik, Band 3, (Hrsg.) W. Pollak, Verlag Jugend und Volk, Wien & München, S. 136-143.
  • Die Schule Otto Wagner 1894-1912 (1980), (Hrsg.) M. Pozzetto, Schroll-Verlag, Wien (u.a.), 255 S.
  • Architektur des Jugendstils – die Überwindung des Historismus in Europa und Nordamerika’ (1981), (Hrsg.) F. Russell, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 330 S.
  • Otto Wagner 1841-1918. Unbegrenzte Großstadt, Beginn der modernen Architektur (1983), H. Geretsegger & M. Peintner & W. Pichler, (Hrsg.) Museum der Modernen Kunst Wien, Residenz-Verlag, Salzburg & Wien, 379 S.
  • Die Kunst des Otto Wagner (zur Ausstellung an der Akademie der bildenden Künste Wien 1984) (1984), G. Peichl, In: Wiener Akademie-Reihe, Band 16, (Hrsg.) G. Peichl, Akademie der Bildenden Künste Wien, 202 S.
  • Otto Wagners Aufstieg zur Zukunft. Wien 1870-1930 (1984), O. A. Graf: In: Traum und Wirklichkeit, (Katalog) Historisches Museum der Stadt Wien, S.101-109.
  • Otto Wagner. Möbel und Innenräume (1984), P. Asenbaum et al., (Hrsg.) Museum Modernen Kunst Wien, Residenz-Verlag, Salzburg & Wien, 311 S.
  • Otto Wagner – Band 1: Das Werk des Architekten 1860-1902; Band 2: Das Werk des Architekten 1903-18 (1985), O. A. Graf, (Schriften des Instituts für Kunstgeschichte, Akademie der Bildenden Künste Wien), Böhlau-Verlag, Wien (u.a.), 422 S. & 435 S.
  • Otto Wagner in Wien. Die ungewöhnliche Gewohnheit der Geschichte (1985), O. A. Graf; In: Wien um 1900 – Kunst und Kultur, (Hrsg.) M. Auböck, Brandstätter, Wien, S. 307-315.
  • Otto Wagner und das Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum – das Scheitern der Moderne in Wien (1988), P. Haiko, Wasmuth Verlag, Tübingen, 151 S.
  • Otto Wagner (1989), G. Bernabei, Verlag Artemis, Zürich & München, 208 S.
  • Otto Wagner und die Wiener Stadtbahn (Teil 1: Text; Teil 2: Abbildungen) (1989), G. Kolb, (Beiträge zur Kunstwissenschaft Band 29), Scaneg Verlag, München, 468 S. & (ca.) 300 S.
  • Die Otto-Wagner-Synagoge in Budapest’ (1992), I. Müller, Löcker-Verlag, Wien, 105 S.
  • Otto Wagner. Reflections on the raiment of modernity (1993). International Symposium “Otto Wagner and the Genesis of European Modernism" at the Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica (California), 3.-5. November 1988, (Hrsg.) H. F. Mallgrave, University of Chicago Press, Chicago, 436 S.
  • Das Detail in der Architektur in der Moderne - zur Logik der Konstruktion bei Edwin Lutyens, Frank Lloyd Wright, Otto Wagner, Adolf Loos, Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Rudolf Schindler, Walter Gropius & Marcel Breuer (1994), E. R. Ford & E. Lutyens, Birkhäuser-Verlag, Basel (u.a.), 247 S.
  • Stilhülse und Kern. Otto Wagner, Adolf Loos und der evolutionäre Weg zur modernen Architektur (1994), W. Oechslin, gta Verlag, Zürich, 238 S.
  • Otto Wagner und Wien. Seine Bauten heute’ (1995), P. Mertz, Harenberg, Dortmund, 158 S.
  • Im Nachhinein war niemand klüger. Otto Wagner, Entwürfe für die Moderne Galerie (1996), O. A. Graf; In: Belvedere, Zeitschrift für Bildende Kunst, Heft 2/1996, S. 54-71.
  • Otto Wagner – Tradition und Moderne. Seine Bauwerke in neun Touren’(1997), M. P. A. Sheaffer, Compress-Verlag, Wien, 112 S.
  • Wiener Bauten der Jahrhundertwende – die Architektur der habsburgischen Metropole zwischen Historismus und Moderne (1997), F. Borsi & E. Godoli, (Sonderausgabe), Nikol-Verlag, Hamburg, 344 S.
  • Wien – Geist und Gesellschaft im Fin de siècle (1997), C. E. Schorske, Piper Verlag, München (u.a.), 365 S.
  • Otto Wagner, Buildings and Projects (1998), O. A. Graf & M. Sekiya, 4 Bände, Bunkensha, Tokyo.
  • Wiener Secession 1898–1998. Jahrhundert der künstlerischen Freiheit (1998), I. Boubnova et al., Prestel-Verlag, Wien, 192 S.
  • Das ungebaute Wien (1800 bis 2000; Projekte für die Metropole, Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien, 10. Dezember 1999 bis 20. Februar 2000 (1999), (Hrsg.) R. Kassal-Miikula & C. Benedik, (Band 255), Eigenverlag der Museen der Stadt Wien, 526 S.
  • Moderne entwerfen. Architektur und Kulturgeschichte (1999), W. Oechslin, DuMont-Verlag, Köln, 301 S.
  • Otto Wagner. Denkend zeichnen – zeichnend denken (1999), O. A. Graf, Schriften des Instituts für Kunstgeschichte der Akademie der bildenden Künste Wien, Wien,
  • Otto Wagner (2002), A. Cuito & C. Montes, teNeues Buchverlag, Düsseldorf, 80 S.
  • Architektur in Wien 1850-1930. Historismus, Jugendstil, Sachlichkeit (fünf Tourenvorschläge; die schönsten 100 Bauten Wiens) (2003), B. Blaschke & L. Lipschitz, Springer Verlag, Wien (u.a.), 247 S.
  • Otto Wagner. 1841–1918. Wegbereiter der modernen Architektur (2005), A. Sarnitz, Taschen-Verlag, Köln (u.a.), 96 S.


Text aus dem Buch "Große Österreicher":#

Otto Wagner (1841-1918)

Der Architekt Otto Wagner, von 1894 bis 1913 Professor an der Wiener Kunstakademie, stellte Wien zu Beginn des Jahrhunderts in die erste Reihe jener Weltstädte, die in der architektonischen Erneuerung ganz weit vorne standen - wobei es weit mehr seine Ideen, Entwürfe und Planungen waren, die Aufsehen erregten, als die realisierten Projekte.

Otto Wagners erste bekannte Arbeit war die Beteiligung am Wettbewerb für den Neubau des Kursalons; er gewann zwar den ersten Preis, aber ein anderes Projekt wurde verwirklicht - ein Schicksal, das ihm später noch sehr oft widerfahren sollte. Vielleicht ist es diese Enttäuschung gewesen, die sein späteres Wirken unter eine Devise gesetzt hat, welche zwar Semper erstmals formuliert, die aber Wagner erst zu realisieren imstande war: Artis sola domina necessitas. Einzige Beherrscherin der Kunst ist der Nutzen. Es war das Bekenntnis zum reinen »Nutzstil«: Schön ist, was praktisch ist. Und doch ist auch Otto Wagner in diesen Nutzstil erst hineingewachsen, seine architektonischen Anfänge sind noch stark dem Wiener Barock verwandt, und auch der Gegensatz Wagners, daß jedes Bauwerk so beschaffen sein müsse, daß es für einen bestimmten Blickwinkel wirke, von einer bestimmten Seite her gesehen werden müsse, wurzelt im Barock. Für die Silberhochzeit des Kaiserpaares hat er 1879 Festdekorationen geschaffen, die noch ganz diesem Prinzip anhafteten. Und in seinem Grundsatzprojekt »Artibus«, dem Entwurf eines Museumsbezirks für Wien, der 1880 auf dem Reißbrett entstand, hat Wagner Ideen mitklingen lassen, die an Fischer von Erlach gemahnen, wenngleich er sich da schon dem Neuklassizismus näherte, der dem Ringstraßenstil seiner Lehrer eigen war.

Wagner beteiligte sich immer wieder an Wettbewerben - und kam nie zum Zug. Er rang um Anerkennung, auch international, und konnte sich doch vorerst »nur« verwirklichen, indem er Villen und Miethäuser baute, letztere im übrigen auch als Bauherr, nicht nur als Architekt.

Hier freilich hat sich Wagners Stilwandel, die Wendung hin zur Moderne, bereits deutlich bemerkbar gemacht. Noch beim Haus Stadiongasse 6-8 meinen Experten barocke Spuren zu entdecken. Ganz anders hat Wagner bereits sein eigenes Wohnhaus am Rennweg konzipiert, wieder anders entwarf er die beiden Miethäuser in der Linken Wienzeile, die berühmten »Wagner-Häuser«, die ein Projekt vorwegnahmen, welches nie verwirklicht worden ist. Entlang des überwölbten Wienflusses sollte ein »Wien-Boulevard« entstehen, gleichsam das, was man im ausgehenden 19. Jahrhundert als »Westeinfahrt« zu verstehen glaubte. Die Dekoration der beiden Häuser, die Wagner für diesen projektierten Boulevard baute, entsprechen ganz dieser Idee - und noch einer zweiten. Auch in einer Häuserreihe sollte das Einzelbauwerk als künstlerische Individualität bestehen bleiben. Vollendet hat Wagner diese Idee in seinen Villenbauten entwickelt, vor allem in den beiden Häusern in der Hüttelbergstraße. Noch hat der dekorative Stil den Höhepunkt nicht überschritten, aber der Übergang zu Wagners Grundprinzip des Nutzens im Bau deutet sich bereits an.

Wie er dies in der Praxis verstand, hat Otto Wagner dann auf wunderbare Weise in seinen Stadtbahnbauten zu beweisen versucht. Mit ihnen ist ihm der Durchbruch in die erste Reihe der damaligen architektonischen Weltelite gelungen. Nur bei einem einzigen dieser rund dreißig Stationsgebäuden ist Wagner von seinem Prinzip des Funktionalismus abgegangen: als er, in rein imperialem Stil, den Schönbrunner Kaiserpavillon baute.

Es sind freilich mehr seine Mietshäuser und seine Bürobauten gewesen, die von seinen Zeitgenossen geschätzt wurden, als die Monumentalentwürfe. Obwohl Bürgermeister Lueger dem großen Architekten zugetan war, ist es selbst dem Stadtoberhaupt nicht gelungen, das Wagnersche Projekt eines Städtischen Museums am Karlsplatz durchzusetzen. Zu heikel war für die damaligen Expertengremien die Randverbauung der riesigen, durch die Überwölbung des Wienflusses entstandenen und von der barocken Karlskirche dominierten Fläche. Nur mit seinem Doppelbau der Stadtbahnpavillons hat sich Wagner hier verewigen können - wie er überhaupt nur ein einziges Mal, mit dem Postsparkassengebäude, in unmittelbarer Ringstraßennähe einen seiner geliebten Monumentalbauten aufrichten konnte.

Entwurf blieb sein preisgekrönter Generalregulierungsplan für Wien, Entwürfe blieben seine Projekte für das Technische Museum, den Neubau der Universitätsbibliothek und der Kunstakademie. Sein Hang zum imponierend monumentalen Sakralbau, den er durch das Projekt eines Neubaus der Kapuzinerkirche samt Kaisergruft manifestierte, konnte nur ein einziges Mal Früchte tragen. Er baute die grandiose Kuppelkirche der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof. Aber sein Drang, Ideen weiterzugeben und Zündfunken entstehen zu lassen, ist voll verwirklicht worden: Für eine Generation von Architekten ist Otto Wagner Lehrer, Mentor und geistiger Vater gewesen. Viele entstammten jenem Planungsbüro, das Wagner zusammenstellte, als er die Stadtbahnbauten errichtete. Viele kamen aus dem Dunstkreis der Secession, der auch Wagner angehörte. Etliche, wie etwa Josef Hoffmann, schufen selbst einen neuen Stil. Sie alle aber setzten jene Richtung fort, die Otto Wagner begonnen hatte: die Wendung hin zur Moderne, als »Nutzstil« beschrieben, als Auftakt des 20. Jahrhunderts empfunden.


Quellen:

  • Große Österreicher (1985), (Hrsg.) T. Chorherr, C. Ueberreuter Verlag, Wien, 256 S.
  • Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S.
  • Personenlexikon Österreich (2002), (Hrsg.) E. Bruckmüller, Wien, 575 S.
  • Wagner Otto (2007), In: 'Neutra/ Nüll/ Olbrich' Artikeln, Neue Deutsche Biographie
  • arch INFORM
  • WAGNER:WERK – MUSEUM POSTSPARKASSE
  • www.wagner-otto.de
  • Wien konkret
  • Planet Vienna


Redaktion: N. Miljković
Photos: Verlag Ch. Brandstätter, Peter Diem



« Diese Seite wurde am Samstag, 24. Oktober 2009, 14:16 von Unbekannt erstellt, zuletzt geändert am Donnerstag, 24. Jänner 2013, 12:39 von Pachl W (Version 78).
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