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Wilflinger, Gerhard#


* 22. 3. 1943, Wien

† 25. 7. 2013, Wien

katholischer Publizist

Gerhard Wilflinger
Gerhard Wilflinger

Gerhard Wilflinger wurde am 22. März 1943 in St. Pölten geboren. Als die Stadt gegen Kriegsende unter Dauerbombardement lag, übersiedelte die Familie auf ein Wohnschiff auf der Donau bei Engelhartszell. Noch nach dem formellen Kriegsende wurde das Schiff von amerikanischen Granatwerfern getroffen, die versprengten deutschen Soldaten galten. Es gab ein Todesopfer in der Familie.

Nach seiner Übersiedlung nach Wien besuchte Gerhard von 1949 bis 1953 die Volkschule in der D’Orsay-Gasse in Wien 9. Ab 1950 war er in der Servitenkirche Ministrant und blieb es bis zum 19. Lebensjahr. Im Wasa-Gymnasium, das er von 1954 bis 1961 besuchte, erwies sich Gerhard Wilflinger als begabter Schüler (er schrieb einen Akt eines Theaterstücks in Latein); Griechisch war seine besondere Liebe. Ab der 5. Gymnasialklasse wurden damals die Schüler von den Lehrern noch per "Sie" angesprochen.

Gerhard Wilflinger maturierte 1961. Danach unternahm er eine 2-monatige Griechenlandreise: Festland mit Olymp-Besteigung, Inseln, Patmos, Überfahrt in die Türkei – prägendes Erleben der Mittelmeerwelt.

1961/62 leistete er ein Jahr Militärdienst beim Österreichischen Bundesheer; von 1962 bis 1972 absolvierte er Studium der Staatswissenschaft, das er mit der Promotion abschloss (seine Dissertation war zum Thema "Parlamentarische Kontrollrechte").
Statt eine Assistentenstelle bei Staatsrechtler Prof. Winkler anzunehmen, begann Gerhard Wilflinger 1967 in der ÖVP-Bundesparteileitung zu arbeiten, der er jahrzehntelang verbunden bleiben sollte. Zunächst widmete er sich dem Aufbau eines Zeitungsarchivs. Danach wurde er Mitarbeiter der Politischen Abteilung und wirkte maßgeblich an der Abfassung des "Salzburger Programms" mit, das 1972 die ÖVP als "Partei der fortschrittlichen Mitte" positionierte und als erstes Parteiprogramm Österreichs eine "partnerschaftliche Gesellschaft" mit "partizipatorischer Demokratie" forderte, wobei sie ein klares Bekenntnis zu Freiheit, Gleichheit und Lebensqualität ablegte. Diese präzise christlich-demokratische Positionierung hat die ÖVP weder vorher noch nachher je erreicht. In einem Zeitungsartikel wurde Wilflinger zu den "jungen Löwen" in der Bundesparteileitung der ÖVP gezählt.

In den Jahren 1992 bis 2008 war er Chefredakteur der "Österreichischen Monatshefte", des theoretischen Organs der ÖVP – zu einer Zeit, als es in Österreich noch einen lebendigen politischen Diskurs auf akademischem Niveau gab.

1980 wechselte Wilflinger zum "Wiener Journal" - diese politisch-kulturelle Monatszeitschrift war als Frucht politischen Gestaltungswillens und aus der Stadtpolitik Erhard Buseks entstanden. Jörg Mauthe, Peter Bochskanl und David Axmann bildeten das Redaktionsteam. In diesem Umfeld konnte Wilflinger elf Jahre als Journalist arbeiten und die neue Print-Welt, die computergesteuerte Zeitungsgestaltung, lernen.

1991 wurde Erhard Busek Bundesparteiobmann der ÖVP. Er wollte Gerhard Wilfinger als Mitarbeiter haben. So kehrte Gerhard zurück in die Parteizentrale. Denn Politik argumentativ mitzugestalten - z.B. durch Redenschreiben - waren Aufgaben, die seinem Intellekt und seinem Naturell entsprachen. Besonders bei Erhard Busek gab es die Übereinstimmung im Urteil. Gerhard Wilflinger war kein Teamarbeiter, aber ein sehr wichtiger Mit-Arbeiter, der bevorzugt im Verborgenen wirkte.

Gerhard Wilflinger war wichtiges Mitglied im Pommersfeldener Kreis. Gräfin Schönborn hatte in der Nachkriegszeit Würzburger Studenten auf Schloss Pommersfelden eingeladen: Musik, Theologie, Geschichte, Literatur, modernes Theater, ja auch Tanz standen auf dem Programm dieser Sommerwochen. Seit 1960 nahm Gerhard an den jährlichen Tagungen des Kreises teil, und war Jahrzehnte lang im Vorstand des Vereins und Vortragender bei den Tagungen. Noch im Mai 2013 hielt er seinen Vortrag („Erinnern-Verdrängen-Vergessen. Geschichte und Vergangenheitspolitik).

Ende der 1970er Jahre hat Gerhard Wilflinger seine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Stiftung "Pro Oriente" begonnen: er betreute die Dokumentationsbände und war mit Alfred Stirnemann ihr Herausgeber. Sein Sachverstand, seine Kenntnisse in Griechisch und Latein, das Wissen um theologische Fragestellungen, aber auch politisches und historisches Interesse an der Geschichte der orthodoxen und altorientalischen Kirchen ermöglichten diese zeitintensive Kleinarbeit bei den Editionen. Nach eineinhalb Jahrzehnten im Vorstand von "Pro Oriente" wurde Gerhard Wilflinger 2006 mit den päpstlichen Silvester-Orden geehrt.

Zu seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten gehörte auch die Arbeit als Chorleiter in der Pfarre Glanzing in Wien 19. Der "Glanzinger Singkreis" brachte leichte Chorliteratur quer durch die Jahrhunderte zur Aufführung. Besonderes Augenmerk legte Gerhard Wilflinger auf den Beitrag seines Kirchenchores zur Liturgie, so wie sie heute in den Pfarren gefeiert wird. Dafür komponierte er vierstimmige Sätze für die Psalmen, Kehrverse, um das Proprium eines Sonntagsgottesdienstes feierlicher zu gestalten. Er betreute auch die drucktechnische Seite der Pfarrzeitung "Miteinander".

Gerhard Wilflinger war mit Clara, der Tochter des bekannten Journalisten Otto Schulmeister, verheiratet. Er fiel am 25. Juli 2013 einem zweimaligen Krebsleiden zum Opfer und hinterließ drei Kinder und zahlreiche Enkelkinder.

Werke (Auswahl)#

  • Demokratiekritik — Demokratiereform, Arbeitsgemeinschaft für staatsbürgerliche Erziehung und politische Bildung (m. E. Busek), 1969
  • Ortskirche und Weltkirche: Dritte Wiener Altorientalenkonsultation 1976. Dokumentation des Dialogs zwischen der syrisch-orthodoxen und der röm.-kath. Kirche. PRO ORIENTE-Regionalsymposion 1994 in Kaslik (m. A. Stirnemann), 1999
  • Pro Oriente. Der Wiener Altorientalendialog: Regional Symposion Kröffelbach. Band 10 (m. A. Stirnemann), 1999
  • Tausend Jahre christliche Rus'. Zwischen Perestrojka und Ende der Sowjetunion (m. A. Stirnemann), 1993
  • In Verbo Autem Tuo: Die Ökumene unter Kardinal Groer. Festschrift zum 75. Geburtstag von Kardinal Groer (m. A. Stirnemann), 1994
  • 30 Jahre Pro Oriente: Festgabe für den Stifter Franz Kardinal König zu seinem 90. Geburtstag (m. A. Stirnemann), 1995
  • Religion und Kirchen im alten Österreich: Internationales Symposium in Salzburg, 13.-15.11.1992 (m. A. Stirnemann), 1996
  • Vom Heiligen Geist (m. A. Stirnemann), 1999
  • Konzilien und Kircheneinheit (m. A. Stirnemann), 1998
  • Russland und Österreich: Erster Besuch eines Patriarchen von Moskau in Österreich 1997. Studientagung "100 Jahre St. Nikolaus-Kathedrale in Wien" 1999. Irenische Initiativen von PRO ORIENTE 1995-1998 (m. A. Stirnemann), 2000
  • Von Päpsten und Patriarchen (m. A. Stirnemann), 2000
  • Ökumenismus im Wandel - Alfred Stirnemann zum Gedenken: Elf ökumenische Symposien von PRO ORIENTE 1997-2000. Der Iran Besuch von Kardinal Schönborn (m. J. Marte), 2001
  • Die Assyrische Kirche: Die Protokolle der Ersten Konsultation von 1994 (m. P. Hofrichter)
  • 1000 Jahre Ostarrîchi - seine christliche Vorgeschichte: Mission und Glaube im Austausch zwischen Orient und Okzident

Mitarbeit

  • Gerhard Wilflinger, Zum Verhältnis von Politik und Religion, in: C. Bussmann, F.A. Uehlein (Hg.), Mythische Provokationen in Philosophie, Theologie, Kunst und Politik, Würzburg 1999.
  • (Edition Atelier) Aufbruch nach Mitteleuropa: Rekonstruktion eines versunkenen Kontinents


Nachruf Wilflinger
Nachruf aus den "Österreichischen Monatsheften 4/13

Quellen#

Redaktion: P. Diem