unbekannter Gast

Zweig, Stefan #

* 28. 11. 1881, Wien

† 23. 2. 1942, Petropolis bei Rio de Janeiro, Brasilien


Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Essayist, Übersetzer


Stefan Zweig
Stefan Zweig. Foto
© Bildarchiv der ÖNB, für AEIOU

Stefan Zweig wurde als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilunternehmers Moritz Zweig und seiner Frau Ida Brettauer geboren. Er wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Alfred in einem großbürgerlichen Umfeld auf, als Teil der wohlhabenden assimilierten jüdischen Bevölkerung.


Bildung galt für die bürgerliche Elite als oberstes Gut - schon als Gymnasiast streifte er mit seinen Freunden durch die Wiener Kaffeehäuser, um Neuigkeiten aus der Kunst- und Literaturszene zu erfahren. Seine Familie erwartete selbstverständlich, dass er nach der Matura ein Studium absolvierte, so studierte er in Wien und Berlin Philosophie, Germanistik und Romanistik.


Allerdings entfloh er dem strengen familiären Umfeld und nahm sich eigene Wohnungen. Eher halbherzig besuchte er die Vorlesungen, leidenschaftlich widmete er sich dem Reisen, besuchte Frankreich und Belgien.
Er macht seinen Abschluss an der Universität und versuchte gleichzeitig sich eine Existenz als Schriftsteller aufzubauen. Bereits seit seinem Jugendalter schrieb er Gedichte, mit 19 Jahren veröffentlichte er seine ersten Gedichte unter dem Titel "Silberne Saiten", 1904 erschien seine erste Novelle, eine Literaturgattung, in der er seinen größten Ruhm erlangen sollte.


Bald nach seinen ersten Veröffentlichungen – inzwischen verfasste er bevorzugt Novellen – galt Zweig als etablierter Schriftsteller. Er arbeitete außerdem als Journalist für das Feuilleton der Wiener Neuen Freien Presse, übersetzte Werke fremdsprachiger Schriftsteller und verbrachte seine Freizeit im Café Griensteidl, dem Zentrum der damaligen Literatenszene.


Stefan Zweig mit seiner Frau Friderike
Stefan Zweig mit seiner Frau Friderike. Photographie. 1926
© IMAGNO/Archiv Setzer-Tschiedel

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich der Schriftsteller freiwillig zum Militärdienst und wurde dem Wiener Kriegspressequartier zugeteilt. Seine anfängliche Begeisterung kehrte sich ins Gegenteil, er wurde zum Pazifisten und wollte für die Verständigung zwischen den europäischen Ländern und nachhaltigen Frieden eintreten.


Nach dem Krieg heiratete Zweig die geschiedene Friderike Maria von Winternitz, sie bezogen ein kleines Schlösschen am Kapuzinerberg am Stadtrand Salzburgs.


Es erschienen zahlreiche Novellen, die zum Teil auch verfilmt und im Kino gezeigt wurden. Er veröffentlichte Übertragungen aus dem Französischen sowie seine historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit", drei Essaybände erscheinen, seine Theaterstücke wurden aufgeführt, 1931 übernahm er die Nachfolge Hugo von Hofmannsthals als Librettist für Richard Strauss. Zweigs internationaler Ruhm machte ihn während der zwanziger Jahre zum meistübersetzten Schriftsteller seiner Zeit.


Stefan Zweig u. Joseph Roth
Stefan Zweig (li.) und Joseph Roth in Ostende Belgien. Photographie 1936
© IMAGNO/Austrian Archives

1933 wurde die Situation für ihn aufgrund der jüdischen Wurzeln seiner Familie schwierig: als jüdischer Schriftsteller blieb ihm ab 1933 der deutsche Literaturmarkt verschlossen, seine Bücher erschienen auf der 'schwarzen Liste' und wurden am 10. Mai öffentlich verbrannt.


Nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung beschloss Zweig, seine Heimat vorübergehend zu verlassen und nach London zu übersiedeln. Faktisch bedeutete dies die Trennung von seiner Frau, die sich weigerte, mit ihm das Land zu verlassen.


Obwohl er sich intensiv mit der Gefahr des Faschismus beschäftigte, vermied er es, sich öffentlich politisch zu äußern oder sich an entsprechenden Aktivitäten der exilierten Intellektuellen zu beteiligen. Stattdessen befasste er sich in seinen Werken mit den historischen Wurzeln des Nationalismus und den frühen Vorkämpfern für die geistige Freiheit.


Die Jahre bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges nutzte er erneut zu internationalen Vortragsreisen. Zahllose Menschen besuchten in Südamerika seine Lesungen, er wurde fast wie ein Staatsgast empfangen, was ihn stark beeindruckte.


Er ließ sich scheiden, sein Pass verlor 1938 beim 'Anschluss' Österreichs die Gültigkeit, womit die Rückkehr in seine Heimat für ihn unmöglich wurde. Zusammen mit seiner Freundin und Sekretärin (Lotte Altmann) beantragte er die britische Staatsbürgerschaft, kurz vor Beginn des Krieges heirateten sie, 1941 übersiedelten beide nach Brasilien und ließen sich in der Kleinstadt Petrópolis nieder. Hier entstand Zweigs erfolgreichstes und bis heute meistgelesenes Werk, die "Schachnovelle", die seinen immer stärker werdenden Pessimismus angesichts der Ereignisse in Europa zum Ausdruck brachte.


Mit dem Eintritt Japans in den Weltkrieg und der Niederlage Singapurs, den schlimmen Nachrichten aus Europa und der Hoffnungslosigkeit seiner Lage, wählten Stefan Zweig und seine Lebensgefährtin Lotte Altmann in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 in Petrópolis den Freitod (Überdosis Schlafmittel).


Dem Trauerzug des Staatsbegräbnisses am nächsten Tag folgen 4.000 Menschen.


Stefan Zweig war Kosmopolit und "Europäer", trotzdem aber blieb er zeitlebens ein Repräsentant alt-österreichischer Geistigkeit, sein Werk ist bestimmt von pazifistisch-humanistischem Gedankengut. Zunächst dem Wiener Impressionismus und der Neuromantik verpflichtet, errang er seine ersten Erfolge als Lyriker um sich später in novellistischer Erzählprosa den sexuellen Verwirrungen des zeitgenössischen Bürgertums zuzuwenden. Internationale Erfolge feierte Zweig mit Romanbiographien, zu einem der meistverkauften Bücher seiner Zeit überhaupt wurde der Essayband "Sternstunden der Menschheit".

Werke (Auswahl)#

Romane:
  • Ungeduld des Herzens, 1939
  • Rausch der Verwandlung, aus dem Nachlassherausgegeben von K. Beck, 1982
  • Clarissa. Ein Romanentwurf, aus dem Nachlass herausgegeben von K. Beck, 1992

Biographien und Essays:

  • E. Verhaeren, 1910
  • Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski, 1920
  • Romain Rolland, 1921
  • Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin. Kleist. Nietzsche, 1925
  • Drei Dichter ihres Lebens, 1928
  • Joseph Fouché, 1929
  • Die Heilung durch den Geist, 1931
  • Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, 1936
  • Amerigo, 1944
  • Balzac, 1946

Erzählungen:

  • Der Zwang, 1920
  • Die Augen des ewigen Bruders, 1922
  • Angst, 1925
  • Kleine Chronik, 1929
  • Schachnovelle, 1941

Dramen:

  • Tersites, 1907
  • Das Haus am Meer, 1912
  • Der verwandelte Komödiant, 1913
  • Jeremias, 1917
  • Legende eines Lebens, 1919
  • Quiproquo, 1928 (mit A. Lernet-Holenia)
  • Das Lamm des Armen, 1929
Autobiographisches:
  • Begegnungen mit Menschen, Büchern, Städten, 1937
  • Die Welt von Gestern, 1944

Ausgaben:

  • Gesammelte Werke in Einzelbänden,herausgegeben von K. Beck, 1981ff.
  • Tagebücher, herausgegeben von K. Beck, 1984
  • Briefwechsel mit Bahr, Freud, Rilke und Schnitzler, herausgegeben von J. B. Berlin und anderen, 1987
  • Briefe, herausgegeben von K. Beck, 4 Bände, 1995ff.
  • Die Monotonisierung der Welt. Aufsätze und Vorträge, herausgegeben von V. Michels, 1988

Literatur#

  • J. Strelka, S. Zweig. Freier Geist der Menschlichkeit, 1981
  • D. A. Prater, S. Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen, 1981
  • D. A. Prater und V. Michels (Hg.), S. Zweig. Leben und Werk im Bild, 1981
  • H. Müller, S. Zweig, 1988
  • T. Haenel, S. Zweig, Psychologe aus Leidenschaft, 1995
  • I. Schwamborn (Hg.), Die letzte Partie. S. Zweigs Leben und Werk in Brasilien, 1999
  • S. Schmid-Bortenschlager (Hg.), S. Zweig lebt, 1999
  • Neue Österreichische Biographie.


Artikel aus dem Buch "Große Österreicher"#

Stefan Zweig 1881-1942

Mir ist, ich könnte nicht sterben, ehe ich nicht die ganze Erde kenne«, hat Stefan Zweig einmal geschrieben. Es war im Jahre 1909. Mehr als drei Dezennien später wirft er einen anderen Satz aufs Papier, der, mit dem ersten zusammen gesehen, den Bogen markiert, der das Leben dieses großen österreichischen Schriftstellers umspannt. »Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts«, heißt es am Schluss der Zweigschen Selbstbiographie. »Und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wirklich gelebt.«


Hält man sich an diese Maxime, hat Stefan Zweig, der Dichter, der Schriftsteller, der Biograph, wirklich gelebt. Er hat auch das Programm erfüllt, das er sich 1909 gestellt hatte: Er hat zwar nicht die ganze Erde gesehen, aber er ist zeit seines Lebens ein Rastloser gewesen, ein Unruhiger, ein »allzu Ungeduldiger«, wie er sich selbst in seinem Abschiedsbrief nannte, eher er 1942 in Petropolis, seinem brasilianischen Exil, zusammen mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben schied. Ungeduldig? Stefan Zweig ist ein Verwöhnter gewesen, der mit dem Talent zu wuchern verstand, das ihm in die Wiege gelegt worden war. Aber Zweig hat eines nicht zustande gebracht, und insofern ist die Ungeduld, von der er schreibt, in der Tat so etwas wie eine Ungeduld des Herzens gewesen - sonderbar, dass gerade sein einziger Roman diesen Titel trägt. Er hat sich nur in Sicherheit wohl gefühlt - wenn ihn Unsicherheit umgab, neigte er zur Verzweiflung. Er hat das Helle geliebt, das Dunkle, das er erlebte, wies er von sich, solange er konnte - am Ende erlag er ihm. Er hat sich gerne von der Woge tragen lassen - im Wellental neigte er dazu, den nächsten Wogenkamm zu übersehen. Stefan Zweig hat Selbstmord begangen, als das Ende des nationalsozialistischen Regimes schon absehbar war. »Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich allzu Ungeduldiger gehe ihnen voraus«, schreibt er vorher. Er hat das Nomadenleben nicht ertragen, die Existenz aus dem Fluchtgepäck nicht verkraftet, die Tatsache nicht verwunden, dass er, in reichem Hause aufgewachsen, von Jugend an auf der Sonnenseite des Lebens wandelnd, in reifen Jahren zum Gehetzten geworden war. In der Tat ist Stefan Zweig so etwas wie ein Glückskind gewesen.

Moritz Zweig, der Vater, einer jüdischen Händlerfamilie aus Mähren entstammend, hatte dort ein kleines Textilunternehmen gegründet und es zu einem der größten Betriebe des Landes gemacht. Ida Brettauer, die Mutter, war Spross eines nicht minder reichen Kaufmannsgeschlechts aus Hohenems. In einer prachtvollen Wohnung am Schottenring wuchsen Stefan und sein Bruder Alfred auf -wirkliche Armut hat Stefan Zweig nie gekannt. Und er konnte es sich leisten, nur einen einzigen Berufswunsch zu haben und diesen dann auch erfolgreich durchzusetzen: die Schriftstellerei. Im Wien der Jahrhundertwende, dieser Brutstätte der Genialität, publizierte er erstmals - Hofmannsthal, Schnitzler, Bahr, Mahler, Schönberg, Wagner, Loos, Hoffmann waren seine Zeitgenossen. In der »Neuen Freien Presse« akzeptiert Feuilletonchef Theodor Herzl die Manuskripte des jungen Zweig, als flotter junger Literat lebt er in einer Studentenbude im achten Wiener Gemeindebezirk. Er schreibt, sein Talent wird erkannt, er kann im In- und Ausland publizieren - es war eine Zeit, in der man nach neuen Namen gierte, in der die Verlage, vor allem aber auch die Tageszeitungen sich auch als Mäzene, als Förderer der neuen Literatur verstanden; Zweig hat davon profitiert. Hinzu kam, dass ihn materielle Sorgen nicht plagten, dass er reisen konnte, lernen, studieren - Philosophie, Germanistik, Romanistik. Und das, obgleich er an die Schule selbst keine guten Erinnerungen hat: Als ihn das Wasagymnasium bittet, 1922 zur 50-Jahr-Feier eine Rede zu halten, lehnt er ab. Es ist der Zwang, heute würde man sagen: die Repression, die ihn gestört hat. Stefan Zweig ist Kosmopolit gewesen -und Pazifist. Er war einer der ganz wenigen Schriftsteller, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht mit Begeisterung begrüßten, die nicht der »Jeder-Schuß-ein-Russ'«-Demagogie der Literaten anhingen, der sich sogar ein Franz Werfel nicht ganz hat entziehen können. Zweig geht vielmehr in die Schweiz und arbeitet dort als Schriftsteller und Korrespondent in verhältnismäßiger Ruhe, während rundum Europa in Flammen steht. Zu dieser Zeit hat er schon Freunde in Ost und West, in Frankreich, in Belgien - die Werke des Dichters Verhaeren übersetzt er zur Gänze ins Deutsche-, auch in Russland. Nach Kriegsende kehrt Stefan Zweig nach Österreich zurück, aber Wien ist kein Boden mehr für ihn - gemeinsam mit seiner Frau Friederike richtet er sich in Haus in Salzburg ein, wo er seither auch wohnt - und zu einem der bekanntesten, berühmtesten und wohl auch populärsten deutschsprachigen Schriftsteller wird; seine Werke werden in Dutzende Sprachen übertragen.


Sie wirken dennoch begreiflicherweise am meisten in der deutschen. Stefan Zweig ist wie Karl Kraus einer von jenen gewesen, die ihr Handwerkszeug, eben die deutsche Sprache, sauberzuhalten bemüht waren. Er ist in jeder Form des geschriebenen Wortes ein Stilkünstler geblieben. Er hat feinsinnige Lyrik und psychologisch meisterhafte, von innerer Dynamik erfüllte Novellen und Essays geschaffen. Den Gipfel der Meisterschaft erreichte er freilich dort, wo er Menschliches-Allzumenschliches zu schildern hatte, in seinen biographischen Werken - ob sie nun in der kleinen Form des Essays oder der großen des biographischen Romans, besser: der biographischen Dokumentation, erschienen. Mit großem Einfühlungsvermögen zeichnete Stefan Zweig Persönlichkeiten, indem er gleichsam in ihre Herzen und hinter ihre Stirnen blickte.


In der Tat: seine Biographien sind unerreicht geblieben.


Und als Kleinod wird auch die Selbstbiographie »Die Welt von gestern« gehandelt. Er hat sie in der Emigration verfasst, ohne Bücher, die er hatte zurücklassen müssen, ohne Notizen, nur aus dem Gedächtnis. Aber: »Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergisst, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon vordem verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden.« Stefan Zweigs Erinnerungen sind solche an eine glückliche, an eine sichere Zeit. Kaum eine andere Selbstbiographie beschreibt die Epoche in Wien vor dem Ersten Weltkrieg so eindrucksvoll wie die »Welt von gestern«. Vielleicht hat die Erinnerung den Autor überwältigt. Kurze Zeit nach der Vollendung des Buches schied er aus dem Leben.


Hörproben #


Österreichische Mediathek Hörprobe


Hymnus an die Reise.
Autorenlesung 1933.

Vorlesen

Der Bildhauer.
Autorenlesung 1933.

Vorlesen

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl